Dank
Mein aufrichtiger Dank gilt Herrn PD Dr. Dr. Jacob E. Mabe, der
durch seine Zustimmung, Anregung und Kritik zur Verdeutlichung
des Gedankengangs der vorliegenden Arbeit wesentlich
beigetragen hat. Mein Dank gilt auch den betreuten Kindern und
ihren Familien, die mir erlaubt haben sie in ihrem Leben zu
begleiten und über sie zu berichten. Besten Dank an Herrn Dr.
med. Dieter Schmidt für seinen Rat aus medizinischer und
psychoanalytischer Sicht. Danken möchte ich schließlich noch
meiner Frau, Dipl.-Psych. Katerina Attalla, für ihre fachlichen
Anregungen und ihre Unterstützung.
4
Ph änomenologie der Wahrnehmung
eine philosophische Analyse des Autismus
Inhaltsverzeichnis Seiten
1 Einführung 6
2 Zum Autismus 8
2.1 Grundlagen des Autismus 8
2.1.1 Historischer Überblick 8
2.2 Der Autismus als Gegenstand der Psychologie 12
2.3 Persönliche Erfahrungen 17
3 Phänomenologie der Wahrnehmung 25
3.1 Zur Phänomenologie der Wahrnehmung 25
3.1.1 Phänomenologie der Wahrnehmung und Autismus 38
3.1.2 Formen von Wahrnehmungen 41
3.2 Emotionalität und Bewusstsein 43
3.3 Intentionale Aspekte 51
4 Ethische Grundhaltung in der Betreuungsarbeit 54
5 Zusammenfassung und Ausblick 59
6 Literaturverzeichnis 61
5
1 Einführung
Wer nach der Bedeutung des Autismus fragt, sieht sich fast nur mit medizinischbiologischen sowie psychologischen Erklärungsmustern konfrontiert. 1 Dabei wird der Autismus als eine schwere Entwicklungsstörung in der Sprache und sozialen Kommunikation aufgefasst, die unter die Kategorie der angeborenen sowie unheilbaren Krankheiten subsumiert wird. Autisten gelten sodann als Menschen mit Wahrnehmungs- und Kommunikationsproblemen. Abgekapselt vom sozialen Umfeld versinken sie in ihr Innenleben. 2 Nach medizinisch-psychiatrischen Kriterien ist der Autismus bereits im dritten Lebensjahr diagnostizierbar. Sind neuropsychologische Befunde
symptomatisch für ein psychisches Leiden, reichen sie allerdings nicht aus, um die tatsächlichen Handicaps der Wahrnehmung bei Kindern und Jugendlichen mit autistischen Verhaltensweisen adäquat zu untersuchen. Denn die Wahrnehmung ist kein passives Moment der Sinne, sondern ein aktiver Prozess der Informationsaufnahme, der von einem Komplexreiz über die Sinnesorgane im zentralen Nervensystem koordiniert und verarbeitet wird. Die Wahrnehmung versetzt sodann den Menschen in die Lage, sich der Sinnesorgane zu bedienen, um mit seiner Umwelt und Mitmenschen zu kommunizieren oder in Kontakt zu treten.
Die Dinge der Welt sehen, hören (Fernsinne), fühlen, riechen, (Nahsinne) schmecken, sie einverleiben und auf sie wirken, gehören ebenso zu den Mechanismen der Wahrnehmung wie das Sammeln von Eindrücken und Erfahrungen. Die Wahrnehmung ermöglicht daher den Zugang zur Innen- und Außenwelt und verhilft nicht zuletzt zum Erkennen von sehr komplexen Zusammenhängen. Ob dieser komplexe Prozess beim frühkindlichen Autismus tatsächlich nicht möglich ist und woran dies liegt, soll in den nächsten Kapiteln aus der Perspektive der Philosophie näher beleuchtet werden.
1 Sven Bölde (Hrsg): Autismus, Bern 2009, Christopher Gillberg, Mary Coleman: The Biology of
the Autistic Syndrom, Clinics Developmental Medicine 2000, Nr. 135, 4
2 Christian Klicpera, Paul Innerhofer: Die Welt des frühkindlichen Autismus, München, Basel
2002, Frances Tustin: Autistische Zustände bei Kindern, Stuttgart, 1989
6
In der Philosophie wird die Wahrnehmung einerseits als eine Manifestation eines objektiven Vorgangs (Perzeption), d.h. das Abbild der objektiven Realität im Bewusstsein beschrieben. Dabei handelt es sich um die Aufnahme sowie die Verarbeitung der aufgenommenen sensorischen Reize (Umwelt- und Körperreize) bis zu ihrem Antreffen im Gehirn. Mit der Objektivität ist nichts anderes als die adäquate Widerspieglung der Gegebenheiten der Wirklichkeit der Welt im menschlichen Geist gemeint. Andererseits ist der Vorgang der Wahrnehmung subjektiv (Apperzeption) insofern, als die Verarbeitung der Sinneseindrücke zu subjektiven Empfindungen und damit zur individuellen Ausgestaltung des Wahrgenommenen führt. Mit anderen Worten, das subjektive Erleben erfolgt durch Verankerung des Leibes in der Sinnenwelt. Die Subjektivität stellt daher die Grundlage und die Voraussetzung für das Lernen, das Sprechen und die geistige Entwicklung dar.
Die vorliegende Arbeit geht folgenden Fragen nach: Ist die neuropsychologische Diagnostizierbarkeit des infantilen Autismus als Wahrnehmungsstörung philosophisch begründbar? Kann eine Sozialisation unter normalen und humanen Bedingungen eine positive Veränderung der geistigen Entwicklung der Kinder hin zu einer autonomen (selbst bestimmten) Lebensführung bewirken? Welche Rolle kann dabei eine philosophisch-praktische Betreuung spielen? Zur Untersuchung dieser Fragen werden phänomenologische Reflexionsmethoden sowie persönliche Erfahrungen in der praktischen Arbeit mit betroffenen Kindern herangezogen. Diese Abhandlung verfolgt das Ziel, ein neues Verständnis des Autismus über alle Stereotype und Vorurteile hinweg zu erreichen.
7
2 Zum Autismus
2.1 Grundlagen des Autismus
2.1.1 Historischer Überblick
Mit den Untersuchungen von Jean Itard (1774-1838) über einen vermeintlich wilden im Wald gefundenen Jungen im Jahr 1799 begann die wissenschaftliche Erforschung an Menschen ohne soziale Kontakte. Jean Itard selbst war von Beruf Arzt und Taubstummenlehrer. Aus seinen Berichten über das Verhalten der „wilden“ Kinder zogen die späteren Psychiater und Psychologen parallele Symptome mit autistischen Verhaltensweisen: Unverständliche Sprechlaute, Selbstbezogenheit, Aggressionen.
Doch erst Eugen Bleuler (1857-1939) schuf den Begriff des Autismus, den er der Schizophrenie zuordnete. 3 Dabei setzte er sich ebenso mit der Psychoanalyse von Sigmund Freud wie mit Fragen der geistigen Gesundheit und Krankheit intensiv auseinander. 4 Den Autismus bezeichnete Bleuler als einseitige und eingeengte Selbstbezogenheit sowohl im Denken, als auch in zwischenmenschlichen Beziehungen. Bleuler stellte immer wieder fest, dass seine schizophrenen Patienten den Kontakt mit der sozialen Umwelt stets abbrachen, sich aus ihrer Lebenswelt zurückzogen und sich von der Realität abwandten. Danach sprachen sie noch kaum (Mutismus) und bewegten sich nicht mehr (Stupor).
Obschon Bleuler psychische Erkrankungen diagnostizierte, konnte er sie aus Mangel an medikamentösen Mitteln, die damals nicht vorhanden waren, nicht klinisch therapieren. So griff er ausschließlich auf persönlichen Kontakt mit seinen Patienten, auf seine Zuneigung zu ihnen zurück und erreichte damit eine Verbesserung der Krankheitssymptome. Nach dem Ausklingen eines schizophrenen Schubes erlangten die Patienten wieder ihre Sprache und
3 Eugen Bleuler: Lehrbuch der Psychiatrie, Berlin, Heidelberg, 1972, 12. Aufl., S. 400
4 Christian Scharfetter: Eugen Bleuler (1857-1939) Polyphrenie und Schizophrenie, Zürich 2006
8
Mobilität. Dadurch lag nahe, dass auch der Autismus ein Grundsymptom der Zurückgezogenheit und Distanzierung war, das behebbar ist. Denn nach dem Ausklingen des schizophrenen Schubes erlangten die Patienten ihre Sprache und Mobilität wieder. Diese positive Erfahrung trug u. a. nicht zuletzt zur Abschaffung von klassischen Irrenanstalten, in denen die mentale Situation der Betroffenen nur schlechter wurde bei.
Nach Bleuler war Leo Kanner (1896-1981) der erste Kinderpsychiater, der den frühkindlichen Autismus unabhängig von der Schizophrenie beschrieb. Bei seiner Untersuchung wies er ein eigenständiges Krankheitsbild bei Kindern auf, das er in einem 1943 veröffentlichten Artikel als „frühkindlichen Autismus“ (early childhood autism) bezeichnete. 5 Als charakteristisch für diese Kindererkrankung nannte Kanner die Kontaktstörungen, die Selbstbezogenheit und die fehlende interpersonale Kommunikation. In der gleichen Zeit wies 1944 der Kinderpsychiater Hans Asperger (1906-1980) in einem Aufsatz auf ähnliche, mit Bleuler vergleichbare, Verhaltensweisen bei Kindern mit vermeintlich geistigen Behinderungen hin. Er bezeichnete dieses Erscheinungsbild als „autistische Psychopathie“. 6
Asperger bescheinigte diesen Kindern Intelligenz, merkte aber zugleich an, dass sie große Schwierigkeiten hatten, sich an die soziale Umgebung anzupassen oder den Kontakt mit anderen Menschen aufzunehmen. Ihnen sei zudem die pedantische Sprache gemeinsam, auch wenn sie besondere Interessen und Fähigkeiten auf einzelne Gebiete hätten. Trotz einiger Meinungsverschiedenheiten sind sich die Experten darüber einig, dass Kanner (in den USA) und Asperger (in Österreich) ihre Erkenntnisse unabhängig von einander gewonnen haben, da sie weder voneinander wussten noch wegen des Weltkrieges keinerlei Kontaktmöglichkeit gehabt hatten.
5 Leo Kanner: „Autistic disturbances of affectiv contact“, Nerv Child (1943), S. 217 -250
Vgl. Eugen Bleuler: Lehrbuch der Psychiatrie, Berlin, Heidelberg, 1972, 12. Aufl. S. 560-62
Wegen seiner eugenischen und rassistischen Ansichten blieb Bleuler jedoch sehr umstritten.
6 Hans Asperger: “Die autistischen Psychopathen” im Kindesalter, Archiv für Psychiatrie und
Nervenkrankheiten, 117, S. 76-136
9
Da sich die beiden Positionen widersprachen, wurden sie in der Wissenschaft stets voneinander abgegrenzt. Erst seit den Arbeiten von Lorna Wing 7 wird die autistische Psychopathie (das sog. Asperger Syndrom) und der frühkindliche Autismus Kanners als Kontinuum betrachtet.
In neuerer Zeit hat sich der Autismusbegriff erheblich ausgeweitet. So wird der frühkindliche Autismus heute als eine Form einer Autismus - Spektrum -Störung (ASS) aufgefasst. Es wird ein Kontinuum gedacht, das je nach Intensität der Ausprägung vom frühkindlichen Autismus bis zu dem Asperger-Syndrom reicht.
Allgemein werden drei Typen von Autismusspektren (frühkindlicher Autismus, atypischer Autismus, Asperger-Syndrom) unterschieden, die ineinander übergehen, wobei die Übergänge innerhalb des Autismusspektrums als auch zur „Normalität“ fließend sind.
Zusammengefasst sind die auf Kanner und Asperger zurückgehenden und für die Wissenschaft relevanten Hauptmerkmale des Autismus
- die Unfähigkeit, Beziehungen aufzubauen
- die Verzögerung in der Erntwicklung von Sprache
- der nicht kommunikative Gebrauch der gesprochenen Sprache
- das Beharren auf Unveränderlichkeit
- die Unbeherrschbarkeit und die damit verbundene Neigung zu Wutanfällen
- die Unfähigkeit zu pluraler Wahrnehmung.
7 Lorna Wing: The handicaps of autistic children - a comparative study. Journal of Child
Psychology and Psychiatry, 1969, 10, S.1-40. The syndrome of early childhood autism. British
Journal of Hospital Medicine, 1970, 4, S. 381-392
10
Doch diese dem Autismus heute zugeschriebenen Merkmale stützen sich nicht auf organ-medizinische Befunde, sondern werden aus reinen Beobachtungen abgeleitet. Ist der frühkindliche Autismus eine tiefer greifende Entwicklungsstörung, so hängt sie auch mit den Schwächen in der sozialen Interaktion und Kommunikation sowie stark ritualisierten Verhaltensweisen zusammen. Die Zurückgezogenheit ist nichts anderes als das Ergebnis einer unerträglichen Form der sozialen Isolation.
Zurückgezogenheit, in sich gekehrtes, eingeschränktes und auf sich selbst bezogenes Verhalten lässt die betroffene Kinder in einer unerträglichen Form der Isolation leben. So schreibt am 21.09.1992 Birger Sellin in seinem Buch „ich will kein in mich mehr sein“:
„reden tut gut / tierisch ist das gebrüll / wieso kann ich es nicht lassen / einfach alles in einfachen worten alles sagen / ich dichte erst jetzt ein lied über die freude am sprechen / ein lied für stumme autisten zu singen in anstalten und / irrenhäusern / nägel in astgabeln sind die instrumente / ich singe das lied aus der tiefe der der hölle / und rufe erklärt den gesang zu eurem lied und rufe / alle stummen dieser welt / erklärt den gesang zu eurem lied / taut die eisigen mauern auf / und wehrt euch ausgestoßen zu werden / wir wollen eine neue generation der stummen sein / eine scharr mit gesängen und neuen liedern / wie es die redenden noch nicht vernommen haben / unter allen dichtern fand ich keinen stummen / so wollen wir die ersten sein / und unüberhörbar ist unser gesang / ich dichte für meine stummen schwestern / für meine stummen brüder / und soll man hören und einen platz geben wo wir unter / euch alle wohnen dürfen / in einem leben dieser gesellschaft.“ 8
Dieses meist von ihrer Umwelt nicht Verstandene und schwer zu Ertragende lässt betroffene Eltern und Geschwister aus Scham in einer anderen Form der Isolation leben. In Betroffenen - Selbsthilfegruppen versuchen sie einen Raum zu finden, ihrer Sprachlosigkeit eine Form zu geben.
8 Birger Sellin: ich will kein in mich mehr sein. Köln, 1993, S. 178
11
2.2 Der Autismus als Gegenstand der Psychologie
In der Psychologie wird die Autismus- Spektrum- Störung als eine
Verhaltensstörung oder eine Dysfunktion bei der Weiterleitung der Informationsüberträger (Signale im Gehirn) aufgefasst. Es wird heute davon ausgegangen, dass dem Autismus eine genetisch bedingte Störung zu Grunde liegt. In intensiven neurologischen Forschungen konnte aber bis heute keine strukturelle oder funktionale Störung des zentralen Nervensystems festgestellt werden, die autismusspezifisch wäre. 9 Die Störung wird über das Verhalten definiert. Dabei bezieht man sich auf Kinder, die nicht fähig sind, ihre Gefühle sprachlich auszudrücken oder auf andere Menschen bewusst zuzugehen. Abgesperrt gegen das soziale Milieu, versinken sie in ihrer eigenen Gedankenwelt. In der gegenwärtigen Autismusforschung geht man von einer Trias der Hauptstörungsbereichen: Soziale Interaktion, verbale und nonverbale Kommunikation und Imagination aus. 10
In seinem Vortrag in der internationalen Konferenz für Bindung und frühe Störungen der Entwicklung vom 24. und 25. Oktober 2009, die an der Ludwig-Maximilians-Universität in München stattfand, berichtete David Oppenheim 11 über Ergebnisse seiner Forschungsarbeiten, wonach er und sein Team in Haifa (Israel) herausfanden, dass autistische Kinder entgegen früherer Ansichten sehr wohl Bindungen zu ihren Bezugspersonen entwickeln. Eine bedeutende Anzahl, beinahe die Hälfte, entwickeln sogar eine sichere Bindung. Damit sieht er Beobachtungsstudien aus den 1980ern bestätigt.
9 Vgl. Sven Bölte (Hrsg.): Autismus, Bern, 2009
10 Vgl. Christoph Müller, Susanne Nussbeck: Informationsverarbeitung bei Kindern mit Autismus,
Hamburg, 2006. Christoph Müller: Autismus und Wahrnehmung, Marburg 2007
11 David Oppenheim hat einen Lehrstuhl für Psychologie an der Universität Haifa in Israel inne
und führt seine wissenschaftliche Arbeit am Forschungszentrum für die Kindesentwicklung
durch. Er ist Mitherausgeber der Fachzeitschrift Infant Mental Health Journal.
12
In Verbindung mit der Wahrnehmung wird autistischen Kindern eine schwache zentrale Kohärenz unterstellt. Unter schwacher Kohärenz versteht man einen Wahrnehmungsstil, der detail bezogen ist. Es wird die komplexe Information nicht kontextuell als Ganzes im Gesamtzusammenhang wahrgenommen. 12 Die bevorzugte Aufnahme und Verarbeitung von Einzelheiten führt zu Schwierigkeiten beim Erfassen, Einordnen und Verstehen von
Zusammenhängen, was eine Schwäche im kontextuellen und begrifflichen Denken impliziert. Aus der Erfahrung lässt sich sagen, dass gerade Kinder mit autistischen Problemen mehr detail - orientiert sind, als dass sie holistisch wahrnehmen. Sie fühlen, riechen, hören, sehen sehr intensiv, ohne ihren Empfindungen eine Bedeutung oder Ausrichtung geben zu können. Diese Seinsweise beeinträchtigt ihre sozialen Interaktionen.
Eine andere Form von Wahrnehmungsbesonderheit bei autistischen Kindern ist, nicht mit den fünf Sinnesorganen gleichzeitig operieren zu können. Einzelne Reize aus den verschiedenen Wahrnehmungskanälen werden nicht
miteinander kombiniert, sodass nur ein Wahrnehmungsmodus benutzt wird. 13 Die Synästhesie ist eine Wahrnehmungsbesonderheit, die bei Künstlern wie auch bei hochbegabten Autisten und Savants (frz.: Wissende) vorkommt: Vermischung von Informationen aus verschiedenen Sinneskanälen. Daniel Tammet, der zu den Savants zählt, schreibt dazu:
„Zahlen sind meine Freunde und sie sind ständig um mich. Jede ist einzigartig und hat ihre ganz eigene “Persönlichkeit“. Elf ist freundlich und fünf ist laut, während vier still und schüchtern ist“. 14 Interessant ist, dass Daniel Tammet zu seiner mathematischen Begabung mit Hilfe der Synästhesien innerhalb kürzester Zeit Fremdsprachen erlernen konnte. So lernte er isländisch in einer Woche.
12 Vgl. Christoph Müller, Susanne Nussbeck: Informationsverarbeitung bei Kindern mit Autismus,
Hamburg 2006, Christoph Müller: Autismus und Wahrnehmung, Marburg 2007
13 Vgl. Nicole Schuster: Ein guter Tag ist ein Tag mit Wirsing, Berlin 2007
14 Vgl. Daniel Tammet: Elf ist freundlich und fünf ist laut, Düsseldorf 2007, S. 16
13
Wie bereits angedeutet, hat sich das medizinische Bild des Autismus seit Leo Kanner erheblich verbessert. Kanners Erkenntnisse brachten nicht nur grundlegende Reformen der diagnostischen Verfahren sowie der therapeutischen Maßnahmen, sondern führten auch zu einer Abkehr von pauschalen oder vagen Fallbeschreibungen. Seitdem wird der Autismus in der medizinischen Psychiatrie und Psychologie als eine schwere und chronisch verlaufende, tiefgreifende Entwicklungsstörung aufgefasst, die bei Kindern spätestens bis zur Vollendung des dritten Lebensjahres auftritt. Dabei handelt es sich um „eine tiefgreifende Beziehungs- und Kommunikationsstörung, welche die Kinder unfähig macht, zu anderen Personen, selbst zu den eigenen Eltern, ein normales emotionales Verhältnis herzustellen.“ 15
Zusammengefasst wird den autistischen Kindern folgende Eigenschaften zugeschrieben:
- soziale Zurückgezogenheit
- abnorme Beziehung zu Gegenständen, zu Menschen und zu sich selbst
- in der sozialen Interaktion mangelndes Interesse an und abweisendes Verhalten zu Erwachsenen und Kindern
- keine Freundschaften und kein affektives Eingehen auf andere
- im Spielverhalten kein Blickkontakt, Anlächeln oder Nachahmung kein imaginatives Spiel
- repetitives und stereotypes Verhalten und Bewegungen
- in der Kommunikation keine Zeigegeste, Nicken oder Kopfschütteln
- echolalische bzw. keine funktionale Sprache, sprachliche Rituale oder Ausbleiben von Sprache. 16
15 Vgl. autismus Deutschland e.V.: Diagnose? - Autismus! - Was tun?
16 Vgl. Helmut Remschmidt: Autismus, München 2000
14
Psychologisch gesehen beeinträchtigt der Autismus die geistige Entwicklung 17 eines Kindes und wirkt sich sehr negativ auf die soziale Interaktion sowie auf seine Beziehungs- und Kommunikationsgestaltung aus. Hinzu kommen qualitative Einschränkungen der zwischenmenschlichen Beziehungen und sonstigen Aktivitäten sowie zahlreiche Verhaltensauffälligkeiten, die besonders für das Umfeld im alltäglichen Umgang mit dem Kind sehr belastend sind. Nicht zuletzt zu erwähnen sind Symptome wie Essstörungen, Schlaf- und Reinlichkeitsprobleme, Aggressivität, Selbstverletzungen etc., die den Familien und sozialen Betreuern oft schwer zu bewältigende Schwierigkeiten bereiten. So muss sich das gesamte Umfeld von Kindern mit Autismus darauf gefasst machen, für einen in seiner Selbständigkeit sehr eingeschränkten Menschen die volle Verantwortung während seines ganzen Lebens zu tragen.
Zur Operationalisierung von psychischen Störungen und Krankheiten orientieren sich Wissenschaft, Forschung und Praxis an der 10. Ausgabe der International Classifikation of Desease (ICD-10) der
Weltgesundheitsorganisation. 18 Der frühkindliche Autismus wird nach dem psychiatrischen Klassifikationssystem ICD-10 den gravierenden Entwicklungsstörungen und nicht mehr, wie früher, den Psychosen zugerechnet. Es ist eine essentielle Entwicklungsstörung in den Bereichen der motorischen,
sprachlichen, kognitiven und sozialen Funktionen.
Internationalen Studien zufolge befinden sich von 10.000 untersuchten Kindern zwischen vier und achtzehn im Autismusspektrum, wobei Jungen drei- bis viermal häufiger betroffen sind als die Mädchen. 19 Dabei wird zudem deutlich,
17 Vgl. Sven Bölte (Hrsg.): Autismus. Bern, 2009. In den letzten Jahrzehnten wurde in der
Forschung der Zusammenhang zwischen Autismus und Intelligenzminderung gut dokumentiert.
Ging man früher bei 80% der betroffenen Kinder von einer Intelligenzminderung aus, neuesten
Untersuchungen zufolge sind 30% überdurchschnittlich bis durchschnittlich intelligent, 30%
haben leichte bis mittelgradige und 40% schwere bis schwerste Intelligenzminderung.
18 H. Dilling et al (Hg.): ICD-10 Kapitel V(F), Bern 2005.
19 Maureen Aarons, Tessa Gittens: Das Handbuch des Autismus, Weinheim und Basel 2007
Helmut Remschmidt: Autismus, München 2000. Toni Attwood: Das Asperger - Syndrom,
Stuttgart 2000. Hans E. Kehrer: Autismus, Heidelberg 1995. Michele Noterdaeme: Komorbidität
und Differenzialdiagnose, in: Sven Bölte (Hrsg.): Autismus, Bern, 2009
15
Arbeit zitieren:
Dimitrios Kalaitzidis, 2010, Phänomenologie der Wahrnehmung - Eine Philosophische Analyse des Autismus, München, GRIN Verlag GmbH
Dieser Text kann über folgende URL aufgerufen und zitiert werden:
Einbetten
DOI
Formatvorlage (Microsoft Word) für eine Diplomarbeit, Masterarbeit, Ha...
Für MS Word 2003 - Update 2010
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 25 Seiten
Formatvorlage (OpenOffice) für eine Diplomarbeit, Masterarbeit, Hausar...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 35 Seiten
Formatvorlage / Vorlage zur Erstellung einer Diplomarbeit, Bachelorarb...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 15 Seiten
Formatvorlage / Vorlage für eine Diplomarbeit / Hausarbeit
Für MS Word 2007 - dotx
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 25 Seiten
Anleitung zum Erstellen schriftlicher Arbeiten: Der Aufbau einer wisse...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 20 Seiten
Erstellen einer schriftlichen Hausarbeit
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Hausarbeit, 14 Seiten
Grundtechniken wissenschaftlichen Arbeitens
Bibliografieren - Reden - Schr...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Skript, 46 Seiten
Ratgeber zur Erstellung wissenschaftlicher Arbeiten. Diplomarbeiten - ...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 39 Seiten
Philosophie - Praktische (Ethik, Ästhetik, Kultur, Natur, Recht, ...): Phänomenologie der Wahrnehmung - Eine Philosophische Analyse des Autismus ist nun auf dem Buchmarkt erhältlich
Philosophie - Praktische (Ethik, Ästhetik, Kultur, Natur, Recht, ...): neuer Titel erschienen: Phänomenologie der Wahrnehmung - Eine Philosophische Analyse des Autismus
Dimitrios Kalaitzidis hat einen neuen Text hochgeladen
Eine Untersuchung im Ausgang v...
David Espinet, Günter Figal, Jürgen Wendel
Analyses Concerning Passive and Active Synthesis
Lectures on Transcendental Log...
Edmund Husserl, A. J. Steinbock
Analyses Concerning Passive and Active Synthesis
Lectures on Transcendental Log...
Edmund Husserl, A. J. Steinbock
Visuelle Wahrnehmung im zweidimensionalen Bereich
Elementare Phänomene der zweid...
Moritz Zwimpfer, Schule für Gestaltung Basel
German Dictionary of Philosophical Terms Worterbuch Philosophischer Fa...
Routledge, Philip Herdina, Elmar Waibl
0 Kommentare