Universit ät Duisburg-Essen Katholische Theologie Judith Heuser
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung 4
2. Wichtige Lebensstationen des Frankenherrschers 5
3. Die Herrschaftsidee Karls des Großen 6
4 Karls Berater 7
4.1. Alkuin von York 8
4.2. Einhard 10
4.3.Theodulf von Orléans 11
5. Karl der Große und die Kirchenreform 12
5.1. Die Herrschaftsstrukturen innerhalb der christlichen Kirche vor Karl 13
5.2. Karls Umstrukturierung der kirchlichen Ordnung 16
5.2.1. Die Aufgaben der Kleriker 17
5.2.2. Die Zuständigkeit innerhalb der Diözesen 19
5.2.3. Die Kompetenzen in den Pfarrkirchen 20
5.2.4. Die neue Rolle der Erzbischöfe 22
5.2.5. Die neue klösterliche Ordnung 23
5.2.6. Der Kirchenzehnt als verpflichtende Abgabe 24
5.2.7. Inkonsequenzen bei der Durchführung der kirchlichen Reformen 25
6. Karls Reformen innerhalb der Bildung 26
6.1. Die Vorgeschichte zu Karls Bildungsreform 27
6.2. Die Hofkapelle 28
6.3. Die Hofschule 29
6.4. Die karolingische Renaissance 31
6.5. Die neue Schriftlichkeit unter Karl dem Großen 32
6.6. Die Bibelreform unter Karl dem Großen 33
6.7. Die Reinigung der gesprochenen Sprache 35
6.8. Die Hofbibliothek 36
6.9. Die karolingische Minuskel 36
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6.10. Die karolingische Kunst 37
6.11. Die karolingische Architektur 39
6.11.1. Die Bedeutung der Königspfalzen zur Zeit Karls des Großen 40
6.11.2. Die Architektur der Aachener Pfalzkapelle 42
7. Die Reformen in der Liturgie unter Karl dem Großen 43
7.1. Die Grundlagen für Karls Liturgiereform 44
7.2. Die Romanisierung der karolingischen Liturgie 46
7.3. Die Taufe 47
7.4. Die Eucharistie 49
7.5. Die Firmung 51
7.6. Die Buße 51
7.7. Die Sterbe- und Totenliturgie 54
7.8. Der Kirchenbau 56
7.9. Die bewusste Christlichkeit des Volkes 57
7.10. Der Verlauf der Liturgiegeschichte nach Karl dem Großen 59
8. Konsolidierung des Reiches durch die Verknüpfung von Kirche und Staat 60
9. Rezeption des Herrscherbildes Karls des Großen 61
10. Nachhaltigkeit und Wirkung von Karls Reformen 62
11. Literaturverzeichnis 65
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1. Einleitung
Aus heutiger Betrachtung sind das Leben und Wirken des Frankenherrschers Karls des Großen noch immer von besonderem historischen Interesse, weil eben dieser noch immer von zeitgenössischen Wissenschaften verschiedener Fachrichtungen kontrovers diskutiert wird. 1 Einerseits wird Karl von aktuellen Theologen, wie beispielsweise dem italienischen Kirchenhistoriker Alessandro Barbero, in dessen neuestem Werk als der „Vater Europas“ 2 gekürt, andererseits werden ihm und seinen Zeitgenossen seitens des Chronologie-Kritikers Heribert Illig die Existenz abgesprochen. In dessen Werk „Hat Karl der Große je gelebt? Bauten, Funde und Schriften im Widerstreit“ aus dem Jahre 1994 geht es nicht allein um den Frankenherrscher Karl den Großen, der nach Meinung des Kritikers nie gelebt habe und daher nur eine Fiktion darstelle, vielmehr formuliert Illig in seinem Werk die Absicht, nachzuweisen, dass das siebte, achte und neunte Jahrhundert nur einen künstlichen Zeitraum bildeten, der keinerlei reale Geschichte enthalte und aus diesem Grunde aus der heutigen Zeitrechnung gestrichen werden müsse. 3 In Bezug auf Europa und weiterhin Bezug nehmend auf unsere Zeitrechnung geht Illig davon aus, dass die Jahre zwischen 614 - 911 nach Christus und die Zeiträume davor und danach mehr oder minder direkt aufeinander folgen. Das Zeitalter der Karolinger habe es dabei nie gegeben und alle Zeugnisse aus der Epoche seien erst in den folgenden Jahrhunderten gefälscht worden. 4 Karl der Große wiederum, der die bis zum heutigen Tage wohl prominenteste Persönlichkeit dieser Epoche darstellt, wird seitens des Kritikers als „Unperson“ 5 und als „kaiserlicher Homunculus“ 6 verunglimpft.
Zwar sind die Schlussfolgerungen Illigs auf der einen Seite eher fachlich nicht ernst zu nehmen, da er lediglich von einer theoretischen Annahme ausgeht, die er durch verschiedene, passend auf einander abgestimmte Zitate aus der Sekundärliteratur zu begründen versucht, statt sich selbstständig auf wissenschaftlicher Ebene mit mittelalterlichen Fakten zu befassen. Jedoch zeugen Illigs Aussagen und die daraus resultierenden Diskussionen auf der anderen Seite von einem mannigfaltig
1 Vgl. K. Hauk, S. 207
2 A. Barbero, S. 1
3 Vgl. H. Illig, S. 11-20
4 Vgl. ebenda S. 18 f.
5 ebd. S. 36
6 ebd. S. 342
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bestehenden, kontroversen Interesse, mit dem die Epoche und vor allem auch das Leben des fränkischen Herrschers auch heute noch zur Kenntnis genommen werden. Die vorliegende Arbeit vermittelt einen Überblick über Karls Reformen in Kirche, Bildung und Liturgie. Zunächst jedoch beginnt sie mit einer kurzen Biographie des Frankenherrschers, um dessen Wirken im weiteren Verlauf der Arbeit hinlänglich erläutern zu können. Anschließend wird die Herrschaftsidee Karls veranschaulicht und in diesem Kontext herausgefiltert, in welchem Zusammenhang diese mit dem Christentum steht. Das dann folgende Kapitel gibt Aufschluss über die Berater Karls des Großen, welche als geistige Stützen seiner Reformen fungieren und deren Leben und Leistungen personenbezogen dargestellt werden.
In den drei darauf folgenden Kapiteln werden die Reformen des Frankenherrschers chronologisch und voneinander separiert aufgezeigt. Dazu wird zunächst auf die kirchlichen Reformen eingegangen, da diese alle anderen Reformen logisch bedingen. Anschließend gibt die Arbeit Aufschluss über Karls Reformbemühungen im Bildungswesen, bevor sie sich im dann folgenden Kapitel mit den liturgischen Reformen auseinandersetzt.
Zuletzt schließen sich zwei weitere Kapitel an, in denen Karls Nachwirken in Kultur und Wissenschaft erörtert und schließlich ein Resumée gezogen wird.
2. Wichtige Lebensstationen des Frankenherrschers
Karl wird am 2. April des Jahres 747 n. Chr. als Sohn des Franken-Königs Pippin geboren. Über seinen Geburtsort ist bis heute nichts Detailliertes bekannt. Der Großvater Karls ist der fränkische Hausmeier Karl Martell. 7
Karl selbst regiert das damals bestehende Reich zunächst gemeinsam mit seinem Bruder Karlmann. Nach dessen Tode wird er der alleinige Herrscher des Reiches. Dabei ist er als absoluter Monarch in seinem Handeln in keiner Weise eingeschränkt. 8 Ab dem Jahre 772 n. Chr. beginnt Karl seine Kriegszüge im Osten gegen die Sachsen
7 Vgl. M. Becher, Karl der Grosse, S. 32
8 Vgl. F. L. Ganshof, S. 96
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zu führen. Er zerstört dabei zu Beginn der kriegerischen Auseinandersetzungen eines ihrer zentralen Heiligtümer, das Irminsul. Auch im Süden führt Karl zu dieser früheren Zeit seiner Regentschaft Krieg. Hier kämpft er gegen die Langobarden. Er schafft es, deren König zur Abdankung zu zwingen, und nennt sich von nun an „König der Langobarden und der Franken.“ 9
Im Jahr 788 setzt Karl Tassilo von Bayern ab und beseitigt so das letzte Stammesherzogtum. Die Feldzüge gegen die Sachsen und deren Herrscher Widukind hingegen reichen bis in das Jahr 804 Immer wieder werden Aufstände blutig niedergeschlagen. Erst als die Sachsen christianisiert werden, herrscht Frieden zwischen den Parteien.
Nach den ersten zehn Jahren, die Karl vor allem damit verbringt, Kriege zu führen, widmet er sich in der Folgezeit verschiedenen Reformen in seinem Reich. Diese Reformen umfassen die Kirche, die Bildung und die Liturgie. 10
Am 25. Dezember des Jahres 800 lässt Karl der Große sich durch Papst Leo in Rom zum Kaiser krönen. Er wird jedoch erst ab dem Jahre 812 als Schutzherr Roms auch von den Rivalen in Byzanz als Westkaiser anerkannt.
Im Jahre 813 ernennt Karl, unter erheblichem Einfluss seines Gelehrten-Zirkels stehend, seinen Sohn Ludwig den Frommen zum Mitregenten. Am 28. Januar 814 verstirbt Karl in Aachen. Er wird dort in der Pfalzkapelle beigesetzt. 11
3. Die Herrschaftsidee Karls des Großen
Um die Reformen des Frankenherrschers beleuchten und inhaltlich verstehen zu können, muss zunächst einmal dessen Herrschaftsidee aufgeschlüsselt werden. Grundsätzlich nämlich basieren alle Reformen unter Karl dem Großen auf dessen Verständnis von rechter und gerechter Herrschaft. Vereinfacht umrissen liegt es im Interesse des Herrschers, Schlechtes zu korrigieren und Gutes zu bestärken. Karl selbst
9 S. Fischer-Fabian, S.118
10 Vgl. S. Fischer-Fabian, S.146 ff. und R. Wahl, S. 128 f.
11 Vgl. M. Becher, Karl der Große, S. 117 f.
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als Herrscher sieht sich in der Pflicht, tugendhaft und in allen Lebensbereichen mit gutem Beispiel voranzugehen. Nur auf diese Weise kann er auch sein Volk zur Tugendhaftigkeit erziehen. 12 Karl verfolgt die Idee, dass der rechte, vor allem aber gottgefällige Lebenswandel von Volk und Herrscher auf der einen und Natursegen und Wohlergehen auf der anderen Seite einander bedingen. So geht er weiterhin davon aus, dass, wenn er den Menschen zu mehr Gerechtigkeit verhelfen, die Kirche reformieren und die Bildung vorantreiben könne, er vom Himmel gesegnet würde. Dieser Segen, so glaubt er, würde sich im Wohlergehen des Reiches und des Volkes, in der ansteigenden Anzahl der Söhne und ferner durch den Überfluss an Erntefrüchten äußern. 13 Das gottgefällige Leben schließt Kriege jedoch nicht aus. Sie werden vielmehr als notwendige Maßnahmen aufgefasst, um das Böse zu bezwingen.
Die Reformidee Karls wird in einigen Teilen sehr konkret umgesetzt. Karl selbst legt besonderen Wert darauf, dabei auf die urchristlichen Quellen zurückzugreifen. Auf diese Weise wird ein Fundament geschaffen, welches letztlich auf alle Bereiche der späteren abendländischen Geschichte Einfluss nimmt. 14
4. Karls Berater
Durch Karl den Großen und mit ihm erhält das karolingische Großreich zum Ende des 8. Jahrhunderts eine sowohl innen- als auch außenpolitisch stark ausgeprägte Einheit. Diese ermöglicht dem Herrscher eine Machtausdehnung, die ihn und sein Reich mit den beiden anderen Weltmächten, dem östlichen Kaiserreich in Byzanz und der abassidischen Kalifenherrschaft auf Augenhöhe bringt. 15 Allerdings bedarf es bei einer derart forcierten Machtausdehnung nicht nur eines vernunftbegabten Herrschers, sondern auch eines entsprechend prädestinierten Gelehrtenstabes, welcher den Herrscher in dessen Bestreben unterstützen kann.
Karl der Große schart an seinem Hof einen großen und breit gefächerten Gelehrtenkreis um sich, der ihn sowohl in innen- als auch außenpolitischen Belangen berät und
12 Vgl. A. Angenendt, Das Frühmittelalter, S. 304 f.
13 Vgl. ebenda
14 Vgl. ebenda
15 Vgl. M. Kerner, S. 38
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unterstützt. Ohne die Gelehrten sind die Reformen, die Karl anstrebt und im Laufe seiner Regentschaft umsetzt, nicht zu realisieren. Diese Gelehrten stammen zunächst nicht aus dem zuvor bereits bestehenden Frankenreich, da dort die Voraussetzungen, eine höhere Bildung zu erlangen, vielfach nicht gegeben sind und man sich auch kaum um den Erwerb geistiger Bildung bemüht. 16 Vielmehr begegnet er ihnen auf seinen zahlreichen Reisen und versucht dabei, sie von seinen Anliegen zu überzeugen und sie an seinen Hof zu berufen. 17
4.1. Alkuin von York
Der Angelsachse Alkuin gilt als der Wichtigste unter den Gelehrten, die Karl in seinem Gelehrtenkreis um sich versammelt. Neben dem Langobarden Paulus Diaconus (†799) 18 ist Alkuin der Einzige, der bereits als namhafter Mann an den Hof kommt. 19 Er gilt bereits vor seiner Berufung an den Hof des Herrschers als der größte Gelehrte seiner Zeit. Am Hofe selbst wird Alkuin Leiter der Hofschule. Sein Wirken jedoch beschränkt sich nicht alleine nur auf diese Tätigkeit. Auch in kirchlichen Fragen steht Alkuin Karl beratend zur Verfügung. 20 Dennoch ist das eigentliche Kerngebiet seiner Arbeit der Aufbau der Hofschule. Diese wird unter seiner Leitung das geistige Zentrum des Reiches. Hier trifft Alkuin mit anderen führenden Gelehrten seiner Zeit zusammen, die wie er an den Hof berufen werden. Alkuin jedoch fungiert auch hier als führender Lehrer. 21 Der spätere Leiter der Hofschule, Einhard, ist neben der Familie Karls auch einer von Alkuins Schülern. 22 Neben seinen Fähigkeiten als Gelehrter in vielen wissenschaftlichen Dimensionen besitzt Alkuin auch auf didaktischer Ebene ein hohes Maß an Wissen und Können. 23
Das Wissen des Gelehrten beschränkt sich nicht nur auf eine wissenschaftliche Disziplin, sondern ist sehr breit gefächert. Aus seinen Werken geht hervor, dass sein Wissen beispielsweise von der Grammatik über die Rhetorik bis hin zur Dialektik
16 Vgl. A. Schuchert und H. Schütte, S. 173
17 Vgl. M. R. Kaiser, S. 98
18 Vgl. S. Gasparri, Art. „P. Diaconus“ in LexMA, S. 1
19 Vgl. W. von den Steinen, S. 12 sowie G. Faber, S. 202
20 Vgl. A. Angenendt, Das Frühmittelalter, S. 306 f.
21 Vgl. W. Heil, Art. „Alkuin“ in TRE, S. 266 ff.
22 Vgl. ebenda
23 Vgl. A. Angenendt, Das Frühmittelalter, S. 306 f.
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reicht. Ebenfalls in der Mathematik ist Alkuin sehr bewandert, 24 ebenso in der Astronomie, einem besonderen Interessensgebiet des Herrschers. Ein weiteres Bestreben Alkuins ist jenes um ein reines Latein, wie es zu früherer Zeit gesprochen wurde. Die Literatur, die Alkuin verfasst, stammt vornehmlich aus seiner Wirkungszeit an der Hofschule. Eine seiner Schriften, die „De orthographia“, befasst sich mit dem Glauben, dass die Schrift und das Schreiben als solches die Grundlage der geistigen Arbeit bilden. 25 Nicht zuletzt aus diesem Grunde kommt es zur Ausbildung der karolingischen Minuskel, einer Schriftart, die im Rahmen der karolingischen Bildungsreform entwickelt wird. Die Entwicklung dieser Schriftart ist nach heutigem Wissensstand nicht Alkuins alleinige Leistung. Allerdings geht man davon aus, dass er von der Hofschule von Tours aus daran mitarbeitet und sich maßgeblich an der Entwicklung beteiligt. 26
Wie auch im Falle des Herrschers selbst basiert das Handeln Alkuins auf seinen persönlichen Anliegen: Sein Wirken wird immer von der Mitsorge um den Nächsten bestimmt. Dies äußert sich vor allem in den bis heute gut erhaltenen Briefen des Gelehrten. Unter diesen Schreiben findet sich kaum eines, in welchem der Adressat nicht zu besserem, christlichem Leben ermahnt wird. 27
Weiterhin überliefert ist auch eine weit reichende liturgische Tätigkeit Alkuins. In einer seiner Schriften setzt er sich umfassend mit der Trinität auseinander. Ferner ist er sehr um die geistige Ausbildung und um Disziplin innerhalb des Klosterwesens bemüht. 28
Ein weiterer Verdienst Alkuins ist es, nach den Sachsenkriegen die Zwangstaufen aufzugeben und eine umfassende Katechese zu veranlassen. Er setzt darauf, die Heiden durch diese Katechese für den christlichen Glauben zu gewinnen. 29 Der Gelehrte stirbt im Mai des Jahres 804 in Tours.
24 Vgl. M. Folkerts, „Art. Alkuin“ in LexMA, S. 1
25 Vgl. W. Heil, Art. „Alkuin, I. Leben und Wirken“, in LexMA, S. 1 f.
26 Vgl. ebenda
27 Vgl. ebenda
28 Vgl. W. Heil, Art. „Alkuin“ in TRE, S. 266 ff.
29 Vgl. ebenda
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4.2. Einhard
Auch Einhard ist eines der wichtigsten Mitglieder im Kreise der Vertrauten am Hofe des Frankenherrschers. Insbesondere am Ende der Regierungszeit Karls übernimmt er eine tragende Rolle. Der Franke gehört zur jüngeren Generation Gelehrter am Hofe. Er wächst zunächst im Maingau als Spross einer adeligen Familie auf, 30 wird jedoch schon früh von seinen Eltern in das Kloster in Fulda geschickt, wo er nicht nur in den Kulturtechniken unterrichtet wird, sondern man ihn auch in der Grammatik und in der Exegese schult. Während dieser frühen Schaffensjahre gehört das Schreiben von Urkunden zu seinen Haupttätigkeiten. 31 Um das Jahr 794 wird Einhard von seinem Abt mit an den Hof Karls des Großen genommen, wo er sich unter der Leitung von Alkuin weiterbildet. Bereits nach wenigen Jahren wird Einhard zu einem wichtigen Berater des Frankenherrschers und ist an dessen Hof sowohl als Geschichtsschreiber als auch als Baumeister tätig. Aufgrund seiner Fähigkeiten, die sowohl den musischen als auch den wissenschaftlichen Bereich umfassen, wird Einhard zum Aufseher von den Bauten und Werkstätten des Herrschers. 32 Insbesondere ist sein Wirken auch im Zusammenhang mit der Aachener Pfalz zu nennen, welche von Odo von Metz erbaut wird. 33
Einhard verfasst in seiner Zeit am Hofe auch die Vita Karoli Magni, eine Beschreibung des Lebens Karls des Großen. Er verfasst sie nach dem Vorbild des antiken römischen Schriftstellers Sueton und schreibt in klassischem Latein. 34
Nach Alkuins Rückkehr in seine Heimat fungiert Einhard dann auch als Führungspersönlichkeit innerhalb der Hofschule. 35 Nach dem Tod Karls des Großen im Jahre 814 zählt Einhard unter Ludwig dem Frommen noch immer zu den einflussreichsten Persönlichkeiten. 36 Im Laufe seiner Tätigkeit am Hofe erhält Einhard diverse Ländereien und Klöster. Erst nach 830 zieht er sich vom Hofe zurück 37 und übernimmt bis zu seinem Tode die Leitung der Abtei zu Seligenstadt. 38
30 Vgl. E. W. Wies, S. 213
31 Vgl. M. R. Kaiser, S. 42
32 Vgl. G. Faber, S. 216 - 218
33 Vgl. E. W. Wies, S. 213
34 Vgl. M. R. Kaiser, S. 43
35 Vgl. G. Faber, S. 216 - 218
36 Vgl. ebenda
37 Vgl. A. Angenendt, Das Frühmittelalter, S. 310
38 Vgl. M. R. Kaiser, S. 43
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4.3. Theodulf von Orléans
Theodulf gehört neben den zuvor erwähnten Vertrauten auch zu den führenden Gelehrten im fränkischen Reich um Karl den Großen. Er wird um das Jahr 760 im ehemals westgotischen Spanien geboren und verstirbt im Jahr 821 in der Gegend um Le Mans. 39 Der Gelehrte kommt um 785 an den Hof Karls, da er seine Heimat verlassen muss. 40 Am Hof beginnt er bald, im Gefüge der Vertrauten, eine wichtige Rolle zu spielen. Neben Alkuin avanciert Theodulf zum wichtigsten theologischen Berater des Herrschers und wirkt maßgeblich bei der Abfassung der Libri Carolini mit, welche sich gegen die bilderfreundliche Entscheidung des II. Konzils von Nicaea stellt. 41 Zudem ist er neben Alkuin auch maßgeblich an der Bibelreform beteiligt. Neben seiner schriftstellerischen Tätigkeit an der Bibel ist Theodulf am Hofe auch als Dichter tätig. Seine formvollendeten, metrisch reinen Gedichte stellen einen Höhepunkt der in Latein abgefassten Literatur des frühen Mittelalters dar. 42 Neben den in Latein abgefassten Versen komponiert Theodulf auch Hymnen, Zeitkritisches oder aber Unterhaltendes mit einem deutlich erkennbaren historischen Wert. Der Palmsonntagsgesang „Gloria, laus et honor“ kann bis in die Gegenwart erhalten werden und kommt noch heute in jedem Jahr während der Palmsonntagsprozession zum Einsatz. 43 Daneben verfasst Theodulf während seiner Tätigkeit am Hofe zwei Bischofskapitularien, von denen insbesondere das erste, das noch vor dem Jahr 800 abgefasst ist, maßgeblich für das Genre wird und sich sehr weit verbreitet. 44
Durch den Herrscher werden Theodulf bereits vor dem Jahr 798 mehrere Klöster, unter anderem jenes in Fleury, sowie das Bistum Orléans zugesprochen. Zudem reist Theodulf im Jahre 800 mit Karl nach Rom, wo ihm seitens des Papstes das Pallium als Zeichen der Teilhabe an der Hirtengewalt des Papstes überreicht wird. 45 Auch während der letzten Amtsjahre Karls zählt Theodulf zu den führenden Theologen im Reich. Nachdem Karl verstorben ist und sein Sohn Ludwig der Fromme die Führung des Reiches übernommen hat, fällt Theodulf jedoch bei diesem in Ungnade, wird seiner
39 Vgl. R. Schieffer, Art. „Theodulf von Orléans“ in LThK, Sp. 1426
40 Vgl. W. Hartmann, Art. „Theodulf von Orléans“ in RGG, Sp. 248
41 Vgl. ebenda
42 Vgl. R. Schieffer, Art. „Theodulf von Orléans“ in LThK, Sp. 1426
43 Vgl. ebenda
44 Vgl. W. Hartmann, Art. „Theodulf von Orléans“ in RGG, Sp. 248
45 Vgl. W. Hartmann, Art. „Theodulf von Orléans“ in RGG, Sp. 248
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Würden enthoben und in Haft genommen 46 , in der er jedoch bis zu seinem Tode literarisch tätig ist.
5. Karl der Große und die Kirchenreform
In Bezug auf sein innenpolitisches Wirken stellt Karl der Große schnell fest, dass die Kirche enormes Potential im sozialen, geistigen und religiösen Bereich innehat. 47 Sie ist zur Zeit Karls die einzige Institution in seinem Reich, die über das Leistungsvermögen verfügt, selbiges nicht nur in kirchlicher, sondern auch in weltlicher Hinsicht zu strukturieren. Die Kirche gedeiht damit zu der Instanz, aus der der Herrscher die Mittel für die Umstrukturierung seines Großreiches schöpft. Dazu organisiert der Regent im Laufe seiner Herrschaft die ihm unterstehenden Gebiete seines Reiches kirchlich. In den vormals sächsischen Gebieten werden beispielsweise Klöster gegründet, welche einerseits der Missionierungsarbeit dienen und zum anderen den weltlichen Frieden im aufstrebenden Reich sichern sollen. Karl bindet auf diese Weise die Kirche in Prozesse ein, die dazu dienen, sein Reich zu ordnen. Im Anschluss an Bonifatius (†754) setzt er die Reform der Kirche fort und greift überdies in die dogmatischen Streitigkeiten seiner Zeit ein, indem er beispielsweise die Bilderverehrung stark verurteilt. 48 Karl selbst fasst sich grundsätzlich nicht nur als Herrscher seines Reiches, sondern eben auch als Herrscher über die Reichskirche auf 49 und sieht sich daher in der Pflicht, eben diese zu reformieren.
46 Vgl. Vgl. R. Schieffer, Art. „Theodulf von Orléans“ in LThK, Sp. 1426
47 Vgl. J. Lortz, S. 132
48 Vgl. J. Fleckenstein, Art. „Karl der Große, VI. Kirchenpolitik“, in LexMA S. 1
49 Vgl. A. Schuchert und H. Schütte, S. 175
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5.1. Die Herrschaftsstrukturen innerhalb der christlichen Kirche
vor Karl
Um die Dimensionen der Innovationen innerhalb der Liturgie und der Kirche unter Karl dem Großen schlüssig erörtern und beurteilen zu können, ist es unerlässlich, zunächst auf die Vorgeschichte zu den Reformen im kirchlichen und im liturgischen Bereich einzugehen.
Verschafft man sich zunächst einmal einen Überblick über die kirchenpolitische Situation in den Jahrhunderten vor der Regierungszeit Karls des Großen, so sollte der Rückblick dem Übergangszeitraum von der Antike zum Mittelalter gelten, um einen hinreichenden Einblick in die liturgie- und kirchengeschichtlich recht verworrene Situation zu erhalten.
Bereits in der breiten, durch die Zeit der Völkerwanderungen gekennzeichneten Übergangszeit von der Antike zum Mittelalter im späten 4. und dem 5. Jahrhundert 50 herrschen im späteren fränkischen Herrschaftsgebiet sehr instabile politische Verhältnisse, welche es aus heutiger Sicht schwierig machen, diese Zeit in ihrer Gesamtheit zu überschauen. Grundsätzlich lässt sich diese instabile Übergangszeit in verschiedene, voneinander abzugrenzende Zeitabschnitte einteilen, 51 die im Folgenden kurz dargestellt und erörtert werden.
313 - 406: In diesem noch recht frühen Zeitraum in der Christengeschichte wird die
römische Liturgie sehr stark von der in Mailand praktizierten beeinflusst. Jene nimmt zu dieser Zeit auch Einfluss auf die liturgische Praxis im gesamten gallischen Gebiet. Die Kirche beginnt nun damit, sich bischöflich zu organisieren. 52
406 - 486: Immer wieder überfallen Alemannen, Vandalen, Westgoten und Burgunder die gallischen Gebiete und gefährden auf diese Weise die gallo - römische Herrschaft. 53
50 Vgl. G. Evans S. 6
51 Vgl. V. Leppin, S. 37 - 39
52 Vgl. A. Join-Lambert, S. 170 ff.
53 Vgl. A. Angenendt, Das Frühmittelalter, S. 89 - 97
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486 - 511: Die Franken besetzen einen Großteil der gallischen Gebiete. Nachdem sich
der Merowinger Chlodwig hat bekehren und taufen lassen, unterwirft er alle fränkischen Teilkönigreiche und weitere germanische Stämme gewaltsam. Er organisiert sein Königreich während seiner Regentschaft, die sich auf den Zeitraum zwischen 482 - 511 n. Chr. datieren lässt, unter kirchlichem Einfluss und stellt in einer Zeit des Umbruchs schon früh die Weichen für die Entwicklung späterer mittelalterlicher Verhältnisse. 54
511 - 561: Nach Chlodwigs Tod regieren seine Söhne das Frankenreich, zu dessen
Hauptstadt bereits zur Lebenszeit Chlodwigs I. Paris avanciert. Im Reich gelingt es nun den Söhnen Chlodwigs, durch eine einheitliche Gesetzgebung für eine innenpolitische Stabilität zu sorgen. In dieser Zeit bildet sich auch eine erste fränkische Kirche. 55
561 - 612: Diese Zeit ist von Bürgerkriegen geprägt, welche wiederum für sehr
chaotische Verhältnisse im fränkischen Reich sorgen. Dies erschwert es der fränkischen Kirche, die gerade gewonnenen Privilegien beizubehalten. 56 In den zahlreichen Konzilien aus dieser Zeit befasst sich die Kirche in der Hauptsache mit den Rechten und Pflichten der Bischöfe und mit Disziplinarfragen bezüglich der kirchlichen Herrschaftsstrukturen. 57
612 - 647: In diesem Zeitraum wird es ruhiger und friedlicher im fränkischen Reich.
Daher gelingt es der Kirche, ihren Einfluss auszubauen, sich darüber hinweg neu zu ordnen und nun auch in missionierten Gebieten ihren Einfluss zu steigern.
647 - 751: Die Merowingerzeit geht in diesem Zeitabschnitt zu Ende. Das Herrschergeschlecht der Merowinger wird nun durch die Karolinger verdrängt. 58 Bis zum Regierungsbeginn von Pippin I. im Jahre 751. 59 gibt es vielfach kirchliche Dispute. In dieser Zeit besteht lediglich ein sehr sporadischer Kontakt zwischen dem fränkischen Reich und Rom. Erst später verkleinern sich die einzelnen kirchlichen Hoheitsgebiete
54 Vgl. A. Join - Lambert, S. 173 - 180
55 Vgl. ebenda
56 Vgl. ebenda
57 Vgl. ebenda
58 Vgl. M. Kerner, S. 249
59 Vgl. A. Angenendt, Das Frühmittelalter, S. 253
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Judith Heuser, 2010, Karl der Große im Kontext der kirchlichen Reformen des 8. und 9. Jahrhunderts, München, GRIN Verlag GmbH
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