Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung. 5
2. Zum Stand der Forschung. 9
3. Die Quellenlage
3.1. Literarische Quellen. 16
3.1.1. Zeitgenössische Autoren
3.1.1.1. Frontin. 18
3.1.1.2. Martial. 19
3.1.1.3. Silius Italicus. 21
3.1.1.4. Tacitus. 21
3.1.1.5. Plinius der Jüngere. 23
3.1.1.6. Sueton. 24
3.1.2. Spätere antike Autoren
3.1.2.1. Cassius Dio. 26
3.1.2.2. Aurelius Victor. 27
3.1.2.3. Epitomator de Caesaribus. 29
3.1.2.4. Paulus Orosius. 29
3.2. Nichtliterarische Quellen
3.2.1. Archäologische Funde. 31
3.2.2. Numismatische Funde. 32
3.2.3. Epigraphische Funde. 34
4. Die Germanienpolitik der Flavier bis Domitian. 36
5. Domitians erster Chattenkrieg
5.1. Die Chronologie des Feldzuges. 43
5.2. Der Verlauf des Feldzuges. 48
5.3. Die Lokalisierung des Feldzuges. 53
5.4. Die Motive Domitians. 54
5.5. Siegespropaganda und Ehrungen für Domitian. 58
5.6. Die Gründungen der beiden germanischen Provinzen. 62
6. Die Bewertung des Chattenkrieges
6.1. Die Bewertung in der antiken Literatur
6.1.1. Zeitgenössische antike Autoren. 67
6.1.2. Spätere antike Autoren. 76
6.1.3. Resümee 79
6.2. Die Bewertung in der modernen Forschung. 80
6.2.1. Resümee. 83
7. Exkurs: Saturninusaufstand und zweiter Chattenkrieg. 85
8. Die Einordnung der domitianischen Germanienpolitik. 91
9. Schlussbetrachtung. 95
Quellen - und Literaturverzeichnis
1. Einleitung
Als am 13. September 81 nach Christus der römische Kaiser Titus recht unerwartet starb, folgte ihm sein jüngerer Bruder Domitian auf den Thron. 1 Bei diesem jüngsten Spross aus dem Hause der Flavier handelt es sich, im Gegensatz zu seinen Vorgängern Vespasian und Titus, um eine außerordentlich umstrittene Herrscherpersönlichkeit. Die sparsame und äußerst tendenziöse Quellenlage macht es schwierig, sich der historischen Realität seiner Regierung zu nähern: Während seiner Herrschaft waren von den mehr oder weniger hofnahen Dichtern ausschließlich panegyrische Töne zu vernehmen, nach Domitians Ableben jedoch setzte eine massive literarische Abrechnung mit seiner Regierungszeit ein, für die aufgrund ihrer bis ins letzte Jahrhundert anhaltenden Nachwirkung der Begriff „Rufmordkampagne“ mehr als treffend scheint. Eine auch nur einigermaßen „objektive Berichterstattung zeichnete jedenfalls keine der beiden Seiten aus.“ 2 Domitians fünfzehn Jahre dauernder und mit seinem gewaltsamen Tod endender Herrschaft ist in der modernen Geschichtsschreibung oft das Etikett „Autokratie“ angehängt worden. 3 In der Tat war er weniger als viele seiner Vorgänger gewillt, die vom ersten Princeps Augustus propagierte Fiktion der Wiedererrichtung und des Weiterbestehens der republikanischen Verfassung (res publica restituta) aufrechtzuerhalten und er scheute sich nicht davor, seine umfassende Macht offensichtlich zu machen. 4 Dementsprechend konnte das Bild Domitians in der senatorisch dominierten zeitgenössischen Geschichtsschreibung weder ausgewogen noch an historischen Fakten orientiert sein, sondern musste düster ausfallen. Insgesamt präsentiert dieses Geschichtsbild der Nachwelt Domitian als den in schrankenloser Willkür herrschenden „Typus des Tyrannen und Wüterichs“, 5 ja geradezu als die in dunkelsten Farben gezeichnete „Perversion eines Princeps.“ 6 Es mangelt von dieser Seite nicht an schillernden Anekdoten, in denen nichts unversucht gelassen wird, Domitian als hochmütigen und willkürlich gewalttätigen Herrscher darzustellen. 7 So habe er nicht nur dem Ableben seines Bruders
2 Daumer (2005), S. 10.
3 Heuß (1998), S. 342; Garzetti (1974), S. 263; Bengtson (1979), S. 9; S. 251; Christ (1983a), S. 10; Grant (1987), S. 304; S. 305; Eck (1997), Sp. 747; Leberl (2004), S. 13.
4 Grant (1987), S. 304, Christ (1983a), S. 9ff. Prägnant zur Rolle der Beziehungen zwischen Senatsaristokratie und Princeps vgl. Bringmann (2006), S. 68f.
5 Bengtson (1979), S. 179.
6 Eck (1997), Sp. 748.
7 Zu angeblichem Hochmut und Willkür vgl. Suet. Dom. 1,2; 10,1; 12,3.
Domitians erster Chattenkrieg 5
nachgeholfen, 8 sondern seine Grausamkeit veranlasse ihn dazu, sich die kaiserliche Freizeit damit zu vertreiben, im Palast Fliegen mit einem spitzen Griffel aufzuspießen. 9 Diese Grausamkeit sei nicht nur groß, sondern auch heimtückisch gewesen. 10 Ferner sei er faul, furchtsam und ängstlich, 11 aber zugleich über die Maßen lüstern gewesen: Tacitus weiß von Domitian zu berichten, dass ihm vor Regierungsantritt der nötige Ernst für die Regierungsaufgaben völlig abgegangen sei und er es vorgezogen habe, auf dem Gebiet der Unzucht und des Ehebruchs die Rolle des Fürstensohnes zu spielen. 12 Der mehr an der persönlichen Seite der Principes interessierte Sueton lästert, dass Domitian seinen fortgesetzten Geschlechtsverkehr als eine Art gymnastische Übung betrachtet habe, die er mit griechischem Wort als „Bettgymnastik“ bezeichnet habe; seine Mätressen enthaare er eigenhändig und bade mit den gemeinsten Dirnen zusammen. 13 Plinius d. J. beschreibt ihn als furchtbares Untier (immanissima belua) 14 und als Schurken, der alle Guten beraubte und peinigte. 15 Die senatorische Geschichtsschreibung hat auch die christliche Sichtweise erheblich beeinflusst. In der Annahme, es handele es sich um einen Christenverfolger, erscheint Domitian in der christlichen Geschichtsschreibung eines Laktanz, Eusebius oder Orosius als zweiter Nero und möglicherweise ist er es, den die Offenbarung des Johannes mit dem Antichristen identifizieren will. 16 Dieses Negativbild hat sich im Wesentlichen bis in die Neuzeit erhalten, für Montesquieu war der Flavier ein Monster, das grausamer gewesen sei als alle seine Vorgänger, für den Dichter Schiller ein Tyrann. 17
Auch die moderne althistorische Forschung hat sich mit dem Principat des letzten Flaviers nicht leicht getan und das nicht nur, weil die Überlieferung der Quellen „ausgesprochen ungünstig“ ist. 18 Die moderne Domitianforschung stand lange Zeit
8 Aur. Vict. Caes. 11,1; vgl. auch Cass. Dio Hist. Rom. 66, 26, 2f.
9 Suet. Dom. 3,1; Epit. de Caes., 11,6.
10 Suet. Dom. 11,1; Epit. de Caes. 11,6.
11 Suet. Dom. 19,1; 14, 2; Epit. de Caes. 11,6.
12 Tac. Hist. 4,2,1.
13 Suet. Dom. 22,1; 1,2; vgl. auch Epit. de Caes. 11,7.
14 Plin. Paneg. 48,3.
15 Plin. Paneg. 90,5.
16 Laktanz, De mortibus persecutorum 3; Eusebius, Historia Ecclesiastica 3,17; 1. Clemensbrief 7,1; Oros. Hist. Adv.
17 Christ (1983a), S. 1f.
18 Groß (1959), Sp. 91. Oft hat man Domitian auch vor dem Hintergrund einer möglichen Charakterstörung (vgl. Cass.
im Zeichen der senatorisch dominierten antiken Überlieferung. 19 So sah der Heidelberger Historiker Alfred von Domaszewski im jüngsten Flavier einen „Emporkömmling, der sich in das schlecht sitzende Gewand der erborgten Majestät ungeschickt hüllte, in steter Angst, man könnte den Bettlermantel entdecken, den es verbarg.“ 20 Dennoch muss im gleichen Atemzug betont werden, dass bereits seit Theodor Mommsen immer wieder Ansätze zu einer ausgewogeneren Beurteilung Domitians entwickelt worden sind. Spätestens seit den 1960er Jahren ist man darum bemüht, den oft geschmähten letzten Kaiser des flavischen Hauses „von dem Malus des unberechenbaren und blutrünstigen Tyrannen zu befreien.“ 21
Alles oben Gesagte gilt auch für den unter Domitian gegen den germanischen Stamm der Chatten geführten Krieg, 22 der in der offiziellen Selbstdarstellung des Princeps breiten Raum eingenommen hatte und im Nachhinein von den antiken Schriftstellern überaus verzerrt worden war. Wo immer die antike Historiographie konnte, hat sie die militärischen Unternehmungen des Flaviers verlacht und die, zugegebenermaßen von kaiserlicher Seite recht überschwänglich zelebrierten, Erfolge als plumpe Farce entlarven wollen: 23 „Rash and unnecessary campaigns, exaggerated or false victories, treaties concluded on shameful terms - such are the principal themes.“ 24
Der neueren althistorischen Forschung ist es hingegen gelungen, die notwendigen Korrekturen an der Bewertung der außenpolitisch-militärischen Unternehmungen Domitians in Germanien vorzunehmen. 25 Dabei mag man die Quellenlage zum Chattenkrieg mit dem Euphemismus „Herausforderung“ beschreiben; von diesem Krieg ist vergleichsweise wenig geblieben, was die Forschung nutzbringend verwenden könnte: „The Chattan War of the early 80s has generated a vast amount of printed words, the quantity of which is in inverse proportion to attested facts.“ 26
19 Vgl. hierzu auch Kapitel 2 und 6.2.
20 Domaszewski (1922), S. 159.
21 Leberl (2004), S. 14. Exemplarisch sei hier lediglich die, der älteren Forschungslinie diametral entgegenstehende,
22 Zu den Chatten vgl. grundlegend Petrikovits (1981); Mildenberger (1981); zum Siedlungsgebiet der Chatten liefert
23 Vgl. exemplarisch Tac. Agr. 39,1; 41,2; Germ. 37,1; Plin. Paneg. 16,3; Cass. Dio. Hist. Rom. 67, 3,5; 67,4,1; Oros. Hist. adv. Pag. 10,3.
24 Garzetti (1974), S. 286.
25 Eck (1997), Sp. 748.
26 Southern (1997), S. 79. Zur Quellenlage vgl. Kapitel 3.
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Angesichts dieser Quellenproblematik und vieler immer noch kontrovers diskutierter Einzelheiten bezüglich Chronologie und Verlauf des Feldzuges mag es nicht verwundern, dass man sich „bei der Durchsicht der allgemeinen modernen Literatur sogleich in einem Gestrüpp der unterschiedlichsten Meinungen“ wiederfindet. 27
Mit diesem, in der modernen Forschungsliteratur üblicherweise als erster Chattenkrieg Domitians bezeichneten, Feldzug möchte sich diese Arbeit befassen. 28 Dabei sollen die Fragen nach Chronologie und Datierung, nach Verlauf und geographischer Verortung dieser Kampagne ebenso Behandlung erfahren wie die hinter dem militärischen Engagement stehenden Motive des Princeps. Zudem soll der Versuch unternommen werden, die domitianischen Aktivitäten in Germanien in die römische Germanienpolitik der Kaiserzeit insgesamt einzuordnen. Diese militärischpolitische Komponente an sich ist bereits ein interessantes Thema, noch interessanter ist jedoch, was die kaiserliche Propaganda, die antike Historiographie und später die moderne Geschichtswissenschaft daraus gemacht haben. Daher soll auch in umfassender Weise auf die Bewertung der historischen Ereignisse in der antiken Geschichtsschreibung und der modernen Literatur eingegangen werden. Insgesamt soll dabei versucht werden, die literarischen Quellen kritisch vor ihrem Entstehungshintergrund und stets mit Berücksichtigung der Intention der Autoren hin zu befragen und diese mit den aktuellen Erkenntnissen der Archäologie, Numismatik und Epigraphik in Einklang zu bringen.
Die besondere Relevanz des gewählten Themas ergibt sich daraus, dass Domitians Feldzug gegen die Chatten nicht nur für die Beziehungen der Römer und dieses Stammes zueinander, sondern auch für die römische Germanienpolitik im Allgemeinen „von zentraler Bedeutung“ ist: Sind hier doch Lösungen für seit langem offene Fragen gefunden und eine richtungsweisende Strategie für die weitere Entwicklung in der Rheinregion begründet worden. 29
28 Ebenso wenig wie man von einer speziellen römischen Chattenpolitik ausgehen kann, verengt auch die antike
29 Becker (1992), S. 265.
Domitians erster Chattenkrieg 8
2. Zum Stand der Forschung
Beachtung finden sollen bei der folgenden Skizzierung der Forschungslage Werke, die einem modernen Verständnis von kritischer Geschichtsdarstellung entsprechen; zudem soll sich im Wesentlichen auf Publikationen konzentriert werden, die sich explizit mit Domitian und dem Chattenkrieg befassen. 30 Das gewählte Thema verbindet mit der Kaiserthematik und der Kriegsthematik zwei Themenkomplexe, die von der (alt)historischen Forschung in den letzten rund 150 Jahren nicht nur durchaus unterschiedlich bewertet wurden, sondern auch im Laufe der Zeit ein unterschiedlich starkes Interesse erfuhren. Inwiefern die generellen Strömungen der Zeit des jeweiligen Historikers sowie sein politischer und weltanschaulicher Standpunkt, sozusagen als externe Rahmenbedingungen, auf die Bewertung des Chattenkrieges eingewirkt haben, ist an anderer Stelle hinlänglich thematisiert worden. 31
Ein erster vereinzelter Versuch einer modernen historischen Methoden gerecht werdenden Domitianbiographie von Albert Imhof stammt aus dem Jahre 1857. 32 Imhof wollte dabei dem Mangel der vorgehenden Werke abhelfen, „die sichere und bedenkliche Quellen mit derselben Unkritik“ verwandt hätten. 33 Wenn man ihm auch seriöse Quellenarbeit attestieren kann, ist das Werk von heutigem Standpunkt aus mit dem Mangel behaftet, dass der Autor nur in geringem Umfang auf epigraphische und numismatische Erkenntnisse zurückgreifen konnte. Die Reichsgründung von 1871 scheint das Interesse an den großen Herrscherpersönlichkeiten geweckt zu haben, so erfuhr die römische Kaiserzeit in der Forschung nun mehr Aufmerksamkeit als zuvor: „Der gesamte Zeitraum zwischen Reichsgründung und erstem Weltkrieg war dem Themenkreis Herrscher, Kriege, Expansion sehr förderlich.“ 34 Jedenfalls folgten in den 1870ern gleich zwei Werke über die flavische Kaiserzeit und Domitian. Dabei ist den Werken von Charles Beulé 35 und Johann Kraus 36 gemein, dass sie stark emotional gefärbt und voller
30 Die Berücksichtigung der erdrückenden Fülle an Gesamtdarstellungen der Römischen Geschichte und Kaisergeschichten, in denen das gewählte Thema unter anderem mitbehandelt wird, würde hingegen den Rahmen dieser Arbeit sprengen. Diese Werke sollen daher nur im Ausnahmefall explizit angeführt werden.
31 Urner (1994), S. 1ff.
32 Imhof (1857).
33 Ebd., Vorwort.
34 Urner (1994), S. 4. Christ (2006), S. 15, hat diese Epoche als, der Entwicklung des Faches Alte Geschichte in Deutschland überaus förderliche, „Gründerzeit“ bezeichnet.
35 Beulé (1875).
36 Kraus (1876). Vgl. Urner (1994), S. 14: „Der [...] folgende Artikel von J.E. Kraus, einem schlimmen Machwerk
Vorurteile gegen Domitian sind. Was die Kriegsthematik angeht, liegen aus dieser Zeit Monographien über den Chattenkrieg von Karl Zwanziger 37 und Hans Vieze 38 vor, zumindest Letztere ist um eine ausgewogene Bewertung des militärischen Erfolges bemüht.
Dankenswerterweise sind die wenigsten Werke dieser Zeit vom (Un)geist der wilhelminischen Epoche so durchdrungen wie der zweite Band der Kaisergeschichte Alfred von Domaszewskis, 39 ein Werk, das nicht nur wegen seines „pathetischen Stils als typisches Produkt wilhelminischen Geistes sehr abstößt“. 40 Die meisten Werke dieser Jahre sind sachlicher, in der Betrachtung der Quellen kritischer und wenigstens darum bemüht, ausgewogen in der Beurteilung zu sein: Die Gesamtdarstellung von Franz Pichlmayr 41 ist seriös gearbeitet, neben einer ausgewogenen Interpretation des Quellenmaterials findet sich in begrenztem Ausmaß die Integration epigraphischen Materials und zum ersten Mal ist das Motiv angedeutet, dem von antiker Historiographie geschmähten Kaiser Gerechtigkeit erfahren zu lassen. 42 Stéphane Gsell legte 1894 in französischer Sprache eine umfangreiche Monographie über Domitian vor, die heute zwar in Spezialfragen als überholt angesehen werden muss, aber lange Zeit als grundlegend gegolten hat. 43 Der 1885 erschienene fünfte Band der Römischen Geschichte von Theodor Mommsen, der aufgrund der Integration epigraphischer Studien zu einem für seine Zeit ungewöhnlich positiven Urteil über die Verwaltungsarbeit in der Zeit Domitians gekommen war, hat in der Folgezeit immer wieder andere Autoren zur Entwicklung von Ansätzen eines positiveren Domitianbildes beeinflusst. 44 Dies gilt insbesondere für den 1909 erschienenen, materialreichen Lexikon-Artikel von Rudolph Weynand, 45 der um Objektivität und „eine gemäßigte Darstellung der Persönlichkeit und Regierung Domitians“ bemüht ist. 46
Nach dem ersten Weltkrieg rückte das Interesse an großen Kaiserpersönlichkeiten zugunsten von verfassungs- und staatsrechtlichen Fragestellungen der römischen
38 Vieze (1902).
39 Das Werk von Domaszewskis erschien in erster Auflage im Jahre 1909; für diese Arbeit wurde die dritte Auflage von 1922 verwendet, die im Folgenden als Domaszewski (1922) bezeichnet werden soll.
40 Urner (1994), S. 6.
41 Pichlmayr (1889).
42 Ebd., S. 1.
43 Gsell (1894); vgl. hierzu auch Goetz (R. 1978), S. 8f.
44 Mommsen (1885); vgl. auch Leberl (2004), S. 14.
45 Weynand (1909).
46 Christ (1983a), S. 2.
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Geschichte wieder in den Hintergrund. 47 Eine sich explizit mit Domitian befassende Monographie oder gar eine Biographie fehlt für diese Zeit, lediglich der Abschnitt von Ronald Syme über die Kriege und Grenzen der Flavier im elften Band der Cambridge Ancient History scheint für das gewählte Thema von Interesse. 48 In nationalsozialistischer Zeit stehen im Bereich der Alten Geschichte, neben einer rassistisch und antisemitisch verwertbaren Germanenideologie, aus gegebenem Anlass individuelle Herrscherpersönlichkeiten wieder zunehmend im Zentrum des Interesses, ebenso die naheliegende Kriegsthematik. 49 Domitian wurde in dieser Epoche jedoch wenig Interesse entgegengebracht, wohl weil man ihn als einen schwachen Herrscher bewertete, der durch seine mögliche Charakterstörung zudem als „psychisch entartet“ gegolten haben wird. 50 Zum Chattenkrieg erschien in diesen Jahren der Aufsatz von Ulrich Kahrstedt, der sich allerdings nicht mit Einzelheiten des Krieges, sondern mit dem mutmaßlichen Verlauf des Limes in domitianischer Zeit befasst. 51
In den späten 1940ern und 1950ern ist das Interesse an Domitian insgesamt ebenso gering wie in der Zeit des Nationalsozialismus; diese Epoche ist insgesamt gekennzeichnet durch „Spezialisierung, Sachbezogenheit und Zurückhaltung im Weltanschaulichen.“ 52 Neben dem Lexikonartikel von Karl Gross, 53 der allerdings ohne außenpolitische Aspekte auskommt, ist für diese Zeit der 1952 erschienene Aufsatz von Herbert Nesselhauf 54 bedeutsam, der sich eigentlich mit dem Verhältnis Domitians und Tacitus' beschäftigt, aber davon ausgehend grundlegende Einsichten zum Chattenkrieg lieferte. Ein Jahr später erschien der Aufsatz von Horst Braunert, 55 der wichtige Überlegungen bezüglich der Chronologie des Chattenkrieges angestellt hat. Die 1960 erstmals veröffentlichte Römische Geschichte von Alfred Heuß gelangt zu einer insgesamt recht positiven Bewertung der Herrschaft Domitians, kommt bei deren Darstellung aber gänzlich ohne militärische Aspekte aus. 56
48 Syme (1936). Syme war wenige Jahre zuvor für die Wirtschaftspolitik Domitians zu einem sehr günstigen Ergebnis für Domitian gekommen, vgl. Syme (1930).
49 Vgl. auch Becker (1992), S.1 mit Anm. 1. Zur Alten Geschichte in der nationalsozialistischen Zeit vgl. Christ (2006), S. 58ff.
50 Urner (1994), S. 8.
51 Kahrstedt (1940).
52 Urner (1994), S. 9.
53 Gross (1959).
54 Nesselhauf (1952).
55 Braunert (1953).
56 Für diese Arbeit wurde unter dem Kürzel Heuß (1998) die 6. Auflage von 1998 verwendet, die einen, im Text
Seit Mitte der 1960er ist eine gewisse Neuorientierung der Geschichtswissenschaft festzustellen, traditionelle Inhalte und Methoden wurden hinterfragt. Neben das Motiv der Forschung, endlich eine befriedigende Domitian-Darstellung vorlegen zu können, trat zunehmend das Motiv der Rehabilitation des Geschmähten:
„Das Motiv, Handlungen und Beweggründe geschichtlicher Personen besser verstehen zu wollen, führt dann öfter auch zu einer Rehabilitierung zuvor eher ungünstig beurteilter Personen, so auch Domitians, der um die Mitte der sechziger Jahre plötzlich stark in den Blickpunkt des Interesses rückte.“ 57
In der Folge setzte eine ganze Reihe von Aufsätzen und Dissertationen zu verschiedensten Spezialfragen der domitianischen Herrschaft ein. 58 Vorrangig mit der Chronologie des Chattenkrieges befassen sich der Aufsatz von Brian Jones 59 und die dadurch provozierte Antwort von John Evans. 60 In seiner prosopographischen Dissertation aus dem Jahre 1978 fasst Rainald Goetz expressis verbis den Trend der Zeit zusammen, indem er „Gerechtigkeit für Domitian“ fordert, d.h. die Aufarbeitung eines aus der Zeit der Jahrhundertwende geprägten, inzwischen aber eindeutig widerlegten Geschichtsbildes. 61 Eine zeitgemäße Domitian-Biographie musste jedoch auch in diesen Jahren ein Desiderat bleiben. Auch der bestimmt wohlgemeinte Versuch Hermann Bengtsons, eine Gesamtdarstellung über die Zeit der flavischen Dynastie vorzulegen, ist zu Recht nicht unumstritten, sind doch die verschiedentlich bemängelte, recht unkritische Behandlung des Quellenmaterials und die vielen inhaltlichen Unzulänglichkeiten nicht ganz von der Hand zu weisen. 62 In einer 1981 veröffentlichen Rezension des Werkes muss Werner Eck konstatieren, dass „die vollständige Lektüre des Buches [...] für den Rezensenten keine Freude“ gewesen sei. 63 Insgesamt sei „hier nicht wissenschaftlicher Fortschritt, vielmehr erheblicher Rückschritt erzielt worden.“ 64 Der Versuch, dem Mangel einer Monographie über die Flavier abzuhelfen, sei „schon an den elementaren Voraussetzungen historischen
58 Vgl. ebd., S. 11; 16f.
59 Jones (1973).
60 Evans (1975).
61 Goetz (R. 1978), S. 7ff., S. 144.
62 Bengston (1979).
63 Eck (1981), S. 343.
64 Ebd.; allein die anderthalbseitige Liste elementarster Fehler und schlichter Falschinformationen, die Eck lediglich
Arbeitens gescheitert.“ 65 Bengtsons Werk sollte also nur unter der Hinzunahme der Eckschen Rezension verwendet werden.
In den 1980ern begann die althistorische Forschung, tradierte Forschungsmeinungen auf dem Gebiet der römisch-germanischen Auseinandersetzungen erneut zu überdenken und in Frage zu stellen. 66 Auch für den Chattenkrieg erscheinen in diesen Jahren wichtige und umfassende Arbeiten, die sich dezidiert von der älteren Forschungstradition abzusetzen suchten. Ausgehend von den bei Frontin genannten limites 67 liefert Gerhard Perl eine Zusammenfassung des Chattenkrieges; 68 ihm kommt unzweifelhaft das Verdienst zu, die Problemgeschichte dieser Passage in umfassender Weise vorgelegt zu haben, dabei auf Missverständnisse der älteren Forschung hingewiesen und die angemessene Interpretation eingeschärft zu haben. Die umfassendste und ausführlichste Beschäftigung mit dem domitianischen Chattenkrieg in Aufsatzform aus neuerer Zeit stammt von Karl Strobel, 69 der sich jedoch phasenweise darin gefällt, ein „im völlig unangemessenen Euphemismus allzu pathetisch gestaltetes Bild eines weiträumigen Krieges“ zu zeichnen. 70 In Armin Beckers Dissertation über die römisch-chattischen Beziehungen 71 bildet der Chattenkrieg Domitians neben der augusteischen Germanienpolitik einen von zwei Schwerpunkten. Becker liefert wichtige Verbesserungsvorschläge zu den teilweise recht eigenwilligen Interpretationen Strobels und ist dabei stets bestrebt, die literarischen Quellen mit epigraphischen, numismatischen und archäologischen Funden in Einklang zu bringen. Für die Behandlung des Themas ist Beckers Dissertation daher ein weiterhin unverzichtbarer und zu „begrüßender Versuch fachübergreifender Stoffbehandlung.“ 72
Zwar steht Domitian als Herrscher im Zentrum von Christiana Urners Dissertation, 73 jedoch handelt es sich hier um keine Biographie im eigentlichen Sinne. Vielmehr hat sie in - auch für die vorliegende Arbeit - grundlegender Weise zu verschiedensten Aspekten der domitianischen Herrschaft die relevanten antiken Quellenzitate
66 Exemplarisch: Timpe (1982); Welwei (1986); Lehmann (1989).
67 Front. Strat. 1,3,10. Vgl. hierzu detailliert Kapitel 5.2.
68 Perl (1981).
69 Strobel (1987a).
70 Kehne (1997), S. 280.
71 Becker (1992); vgl. auch die Rezensionen von Peschel (1996) und Kehne (1997), S. 278-281.
72 Peschel (1996), S. 620; vgl. auch die Einschätzung bei Kehne (1997), S. 280: „[...] bietet Becker dann mit seiner
73 Urner (1994).
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zusammengetragen und die Ergebnisse der modernen Forschung zusammengefasst. Zudem will ihre Arbeit durch die Untersuchung, wie antike Bewertungen sich auf das Bild der modernen Forschung ausgewirkt haben, „aufzeigen, wie geschichtliche Urteile über Domitian zustande kommen“. 74
Der oft geäußerten Klage, dass eine zeitgemäße, umfassende, im Umgang mit den Quellen seriöse und in der Bewertung ausgewogene Monographie über Domitian fehle, ist in den vergangenen 20 Jahren abgeholfen wurden, was als Indiz dafür gesehen werden mag, dass das Interesse an der Person und Herrschaft Domitians ungebrochen ist. So erschienen aus dem anglophonen Raum in den 1990ern zwei Domitianbiographien. Die eine stammt von Brian Jones, 75 der bereits vorher mit verschiedenen Beiträgen zu Spezialthemen der domitianischen Herrschaft nicht immer eine glückliche Figur gemacht hatte, 76 die andere mit dem populären Titel „Tragic Tyrant“ stammt von Patricia Southern. 77 Spätestens seit dem letzten Werk kann meines Erachtens die Forderung nach einer umfassenden und zeitgemäßen Monographie über Domitian im Wesentlichen als erfüllt gelten. Aus jüngster Zeit seien zudem die Kapitel im elften Band der, in zweiter Edition erschienenen, Cambridge Ancient History genannt; über „The Flavians“ aus der Feder von Miriam Griffith 78 und über das flavische „Roman Germany“ von C. Rüger. 79 Mit dem Studienbuch von Stefan Pfeiffer 80 ist kürzlich eine aktuelle, gut gearbeitete Gesamtdarstellung über die einzelnen Principes der flavischen Dynastie und verschiedene thematische Aspekte ihrer Herrschaft erschienen. Dieses Werk wendet sich jedoch eher an Studienanfänger als an fortgeschrittene Spezialisten, mag aber durchaus gleichermaßen „als Arbeitsgrundlage für Lehrende und Studierende ebenso wie als anregende Lektüre für historisch Interessierte“ dienen. 81 Insgesamt lässt sich konstatieren, dass die neuere althistorische Forschung darum bemüht war, der Rehabilitierung des jüngsten flavischen Herrschers Genüge zu tun, ohne aber dabei zu einem wirklich konsistenten Bild zu kommen. 82 Umfassende Korrekturen sind aber insbesondere bei der Bewertung seiner außenpolitischen
75 Jones (1992).
76 Vgl. Jones (1973; 1982; 1979).
77 Southern (1997).
78 Griffith (2000).
79 Rüger (2000).
80 Pfeiffer (2009).
81 Ebd. (2009), S. 7.
82 Vessey (1983), S. 212: „[Domitian] remains largely an enigma.“
Domitians erster Chattenkrieg 14
Unternehmungen möglich gewesen. 83 Verglichen mit anderen Aspekten domitianischer Herrschaftszeit sind die Arbeiten zur Kriegsthematik, hier insbesondere zum Chattenkrieg, relativ zahlreich, wobei die Zahl der Aufsätze in Zeitschriften und Sammelbänden erwartungsgemäß die der Monographien übersteigt. Während die „klassischen“ Themen Krieg und Außenpolitik als solche in letzter Zeit zugunsten anderer Perspektiven, wie z.B. der Alltags-, Sozial- und Geschlechtergeschichte, etwas in den Hintergrund getreten sein mögen, 84 scheint das Interesse an der Behandlung der Herrschaft Domitians insgesamt keineswegs erloschen zu sein.
84 Vgl. hierzu allgemeiner Maurer (2003).
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3. Die Quellenlage
3.1. Literarische Quellen
Die wichtigste Grundlage der Erforschung des domitianischen Chattenkrieges bilden bis heute die literarischen Überreste der Antike; von der modernen Forschung haben hier traditionell die Historiographen mehr Aufmerksamkeit erhalten als die Dichter. 85 In Bezug auf die Perspektive ist zudem die totale Einseitigkeit der Quellen festzustellen, die römisch-germanischen Auseinandersetzungen werden
ausschließlich in römischen Texten beschrieben: „Es fehlen jegliche literarische Zeugnisse von germanischer Seite, wir haben also keine Möglichkeit, die Konflikte aus Sicht der Germanen zu beschreiben.“ 86
Etwas dramatisch fasste von Domaszewski kurz nach der Wende zum 20. Jahrhundert die Überlieferungssituation der flavischen Epoche zusammen:
„Mit der Geschichte der flavischen Kaiser beginnt jener lästige Nebel, der unseren Blicken die Zeit kaum mehr erkennen lässt. Denn die zusammenhängende Überlieferung versagt gänzlich, und der Versuch, die Trümmer zu einem Ganzen zusammenzufügen, kann nur in unbefriedigender Weise gelingen.“ 87
Dass dieser Nebel durch die intensiven Bemühungen der Forschung inzwischen etwas gelichtet werden konnte, darauf konnte bereits Rainald Goetz 1978 hinweisen. 88 Dennoch muss die Quellenlage für die Zeit der Herrschaft Domitians insgesamt als relativ unbefriedigend und problematisch bezeichnet werden. 89 Ein umfangreiches und geschlossenes historiographisches Werk über seine Herrschaftszeit liegt, wie für die gesamte flavische Epoche, nicht vor. Eine solche „Darstellung, wie sie insbesondere einmal in den Historien des Tacitus zu finden gewesen sein muss“, hätte unser Wissen über die Zeit „trotz der dort mit Sicherheit zu erwartenden Einseitigkeiten und Verzerrungen auf eine ganz andere Basis
85 Grundlegende Überlegungen zu antiken literarischen Werken als historischen Quellen finden sich bei Schneider (C. 2002).
86 Schneider (H. 2008), S. 12. Vgl. auch Wolters (2008), S. 78: „Eine eigene germanische oder gar chattische Überlieferung ist nicht auf uns gekommen.“
87 Domaszewski (1922), S. 145.
88 Goetz (R. 1978), S. 7.
89 Urner (1994), S. 1.
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gestellt.“ 90 Die erhaltenen literarischen Fragmente sind zudem nicht nur sehr sparsam, was direkte Informationen über den Verlauf des Feldzuges angeht, sondern auch äußerst tendenziös in ihrer Bewertung der Ereignisse. 91 Insgesamt gilt also es zu konstatieren, dass sich die Einzelheiten des domitianischen Feldzuges gegen die Chatten trotz intensiver Bemühungen der Forschung weiterhin in „einer lückenhaften und tendenziösen literarischen Überlieferung“ verlieren. 92
Um später eine möglichst adäquate kritische Interpretation der schriftlichen Quellen vor den Besonderheiten ihres Entstehungshintergrundes zu ermöglichen, scheint es einführend sinnvoll, in der gebotenen Kürze jene antiken Autoren einzuführen, die uns in ihren Werken Information über das gewählte Thema liefern. 93 Urner, die sich in ihrer Dissertation eingehend mit der Bewertung Domitians durch die antike Geschichtsschreibung und Dichtung beschäftigt hat, verweist darauf, dass es bei der Einschätzung des Quellenwertes eine wichtige Rolle spiele, „in welchem Verhältnis sie [die antiken Autoren] zum Kaiser standen und in welchem Maße Animosität und Opportunismus ihre Aussagen beeinflussten.“ 94 Das Hauptaugenmerk soll daher auf dem Standpunkt der Autoren, d.h. ihrer durchaus stark differierenden, persönlichen Einstellung gegenüber Domitian gelegt werden. Bei den späteren Autoren, welche die Herrschaft des letzten Flaviers nicht selbst miterlebt hatten und in mehr oder weniger größerer zeitlicher Distanz zu dieser schrieben, sollen auch die jeweils verarbeiteten Quellen thematisiert werden, um Abhängigkeiten und Beeinflussungen bei der Formung und Tradierung des antiken Domitianbildes in den Blick zu bekommen. 95
91 Vgl. ausführlicher Kapitel 6.1.
92 Wolters (200), S. 67. Im gleichen Atemzug darf aber nicht unerwähnt bleiben, dass der Chattenkrieg im Vergleich mit anderen Aspekten der domitianischen Regierungszeit relativ gut überliefert ist, vgl. Urner (1994), S. 314.
93 Die Auswahl der Autoren wurde hier bewusst in Anlehnung an Urner (1994), S. 26-64; 65-79, vorgenommen, die
94 Urner (1994), S. 24. Vgl. auch Günther (2001), S. 60-71.
95 Grundlegende Überlegungen zum antiken Verständnis von Quellenbenutzung in der Historiographie liefert Mehl
3.1.1. Zeitgenössische Autoren
3.1.1.1. Frontin
S. Iulius Frontinus (um 35-40 bis 103/04) gehörte dem Senatorenstand an und konnte schon bei der Thronbesteigung Domitians auf eine beachtliche politische Karriere als „tüchtiger Offizier, Techniker und Verwaltungsbeamter“ zurückblicken. 96 In seinem militärischen Fachbuch Strategemata schildert er, in streng thematischer Gliederung, die Kriegsleistungen herausragender Feldherren der griechischen und römischen Geschichte. 97 Die mehrmalige Erwähnung des Chattenfeldzuges in den Strategemata wird in der Forschung allgemein dahingehend interpretiert, dass Frontin persönlich an diesem teilnahm, möglicherweise als Kommandeur des niedergermanischen Heeres. 98
Frontin verfasste sein Werk wohl recht kurz nach Abschluss des Chattenkrieges. Die von ihm für Domitian mit einer Ausnahme 99 durchgehend verwendete Titulatur „Imperator Caesar Domitianus Augustus Germanicus“ legt nahe, dass die Strategemata noch zu Lebzeiten Domitians veröffentlicht wurden. Diese Titulatur legt als terminus post quem den Zeitpunkt der Annahme des Siegerbeinamens Germanicus fest. 100 Allgemein wird davon ausgegangen dass das Werk zwischen 84 und 88 erschienen ist. 101
Frontins Berichte sind im Wesentlichen nüchtern und ohne persönliches Werturteil formuliert, seine Angaben zum Chattenkrieg „dürfen mit einiger Sicherheit als Augenzeugenberichte gelten“, was ihn für diesen zu einer Primärquelle von besonderem Wert macht. 102 Ereignisse des Chattenkrieges finden in den Strategemata an insgesamt vier Stellen Erwähnung, der Stamm der Chatten selbst jedoch nur in
96 Fuhrmann (1999), S. 343. Vgl. Front. Strat. 4,3,14; Tac. Hist., 17,2; 4,39; Tac. Agr. 17,3; Plin. Epist. 4,8,3,
97 Nickel (1999), S. 812.
98 Syme (1962), S. 214, nimmt an, dass Frontin im kaiserlichen consilium am Feldzug teilgenommen habe; Eck
99 Frontin Strat. 1,3,10. 100Vgl. hierzu Kapitel 5.1.
101Urner (1994), S. 28. Vgl. aber auch Bendz (1963), S. 4. Pichlmayr (1889), S. 23 mit Anm. 1 und Vieze (1902), S.
102Becker (1992), S. 27.
Domitians erster Chattenkrieg 18
Strat. 1,3,23. 103
3.1.1.2. Martial
Ein Zeitgenosse Frontins war der aus dem nordspanischen municipium Bilbilis stammende Dichter M. Valerius Martialis (um 40 bis 102-104), der wohl um das Jahr 64 nach Rom gekommen ist und von Titus in den Ritterstand erhoben worden war. 104 Die Bewertung Martials und seines Verhältnisses zu Domitian differieren stark: 105 Insgesamt stellt die Frage, inwieweit der Dichter in seinem Werk verdeckte Kritik am letzten Flavier geübt habe, „sicher das komplexeste und umstrittenste Problem der Martial-Philologie“ dar. 106 Ob man in ihm einen rückgratlosen und servilen Opportunisten oder doch einen moralisch engagierten Kritiker voll raffiniertsatirischem Esprit zu sehen hat, wurde und wird in der Forschung durchaus konträr diskutiert: Während die ältere Forschungstradition ihn durchweg als „geradezu widerwärtigen Adulator“ beschreibt, 107 haben sich seit den 1980ern Teile der Forschung um eine gewisse Relativierung und Rehabilitierung Martials bemüht. Das Spektrum reicht hier von einem Werben für Verständnis seiner, durch finanzielle Abhängigkeit nicht einfachen, Lebenssituation 108 bis hin zu der Feststellung, er habe in seinen auf den ersten Blick ausschließlich schmeichelnden Versen durch Doppeldeutigkeiten unterschwellig Kritik am Princeps geübt. 109 Diese „Verbindung von kritischer Absicht und heiterem Ton oder witziger Form [...]“ sei für Letzteren
103Front. Strat. 1,1,8; 1,3,10; 2, 3,23; 2,11,7.
104Neben den in seinem Werk enthaltenen autobiographischen Aussagen kann sich die Forschung lediglich auf einen
105Explizit zum Verhältnis Domitian - Martial äußern sich u.a.: Sauter (1934); Schilp (1948); Szelest (1974);
106Grewing (1998), Vorwort S. 10. Einführend wird diese „hidden criticism-Kontroverse“ an folgenden Stellen skizziert: Leberl (2004), S. 15-18; Lorenz (2002), S. 45ff.
107Bengtson (1979), S. 146, befindet sich hier eindeutig in der älteren Tradition. Seels einflussreicher Aufsatz (1961)
108So bereits recht früh Friedlaender (1916), S. 14; Weinreich (1928), S. 160; vgl. auch Leberl (2004), S. 342. 109Erstmals Szelest (1974), S. 105-114. Wegbereitend waren jedoch erst die seit 1978 erscheinenden Arbeiten von
wiederum akzeptabler gewesen als offene Anfeindungen. 110 Hofmann hat in seiner chronologischen Zusammenstellung der martialschen Epigramme zudem herausgearbeitet, dass der panegyrische Gehalt seiner Werke durchaus Schwankungen unterliege: Während Martial vor dem Jahr 93 „in seinen Büchern mit einem kritischen Wort nicht zurückhält, wenn auch selten und dann stets mit vorsichtigem Ausdruck und hintergründig“ 111 und somit „im Verhältnis zum Kaiser ein gewisses Maß an Ehrlichkeit und Anstand zu bewahren“ bestrebt war, 112 so tritt in den folgenden Jahren eine offene und aufdringliche Heuchelei qualitativ und quantitativ immer mehr in den Vordergrund. 113
Heute kann die Kontroverse um die Kaiserkritik in den Epigrammen Martials jedoch keineswegs als abgeschlossen gelten, vielmehr ist man von verschiedener Seite und mit unterschiedlichster Begründung darum bemüht, die Erkenntnisse der um eine Rehabilitation des Dichters bemühten „double speak“ - Schule zu revidieren. 114
An verschiedenen Stellen in seinen Epigrammaton libri XII lobt Martial die militärische Sieghaftigkeit des letzten Flaviers. Verglichen mit der offiziellen domitianischen Selbstdarstellung stellt sich jedoch hier rein quantitativ ein „grundlegend anderes Bild“ dar: 115 Die militärischen Unternehmungen Domitians in Pannonien werden in mehr als einem Dutzend Epigramme thematisiert, der in der kaiserlichen Propaganda so hochstilisierte Chattenkrieg findet hingegen lediglich eine, recht isoliert dastehende, lobende Erwähnung in einem Epigramm, das wohl im Jahre 86 oder 87 veröffentlicht wurde. 116
110Classen (1985), S. 341, hebt zudem das psychologisch geschickte Handeln Martials hervor: Indirekte Kritik sei
111Hofmann (1983), S. 244.
112Ebd., S. 245.
113Zur Chronologie der Epigramme Martials vgl. Friedlaender (1886), S. 50-67; Sullivan (1991), S. 15-44; 313-321;
114Voran Römer (1994), besonders S. 100-113; Nauta (2002), S. 412-440. Lorenz (2002), betont in seinem
115Angesichts dieses Befundes meldet Leberl (2004), S. 245, meines Erachtens nicht unbegründete, Zweifel an einer
116Mart. Epigr. 2, 2. Damit wäre das Epigramm „verspätet“, da rund drei Jahre nach dem Sieg über die Chatten
3.1.1.3. Silius Italicus
Ti. Catius Asconius Silius Italicus (zwischen 23 und 35- um 100) 117 war ein aus vornehmer Familie stammender, begüterter Senator und Anhänger der stoischen Philosophie.
Sein episches Alterswerk Punica 118 wurde wohl weitgehend in der Regierungszeit Domitians verfasst. 119 Dieses, mit seinen 17 Büchern und mehr als 12.000 Versen übrigens längste Epos der lateinischen Literatur, berichtet über den Zweiten Punischen Krieg (218-201 vor Christus) und ist dabei ganz auf die Vergangenheit fixiert, die „in romantischer Verklärung als Roms beste Zeit beschrieben wird, [...], in der die Römer dank ihrer moralischen Überlegenheit, ihrer Tapferkeit, Frömmigkeit [...] schließlich doch mit allen Schwierigkeiten fertig wurden.“ 120 Theoretisch republikanischem Denken verpflichtet, faktisch jedoch die Alleinherrschaft des Principats anerkennend, sind die Punica von „der politischen Wandlung zwischen Nero und Trajan“ insgesamt kaum berührt. 121 Bei den Kollegen der dichtenden Zunft hat das Werk des Silicus Italicus durchaus unterschiedliche Bewertung erfahren: Martial ist voll des Lobes, Juvenal hingegen lehnt das Werk des Kampaniers stark ab. 122 Die Punica enthalten auch einen Hinweis auf Domitians Triumphzug. 123
3.1.1.4. Tacitus
P. (?) Cornelius Tacitus (um 55 bis nach 116) 124 erlebte nicht nur die gesamte
117Der volle Name ist inschriftlich gesichert; vgl. Calder (1935), S. 216f. Zum Leben und Tod des Silius Italicus vgl. den um 100 veröffentlichen Nachruf des jüngeren Plinius, Ep. 3,7. 118Umfassend hierzu: Ahl (1986), vgl. auch Klotz (1927).
119Den Punica fehlt ein panegyrisches Proömium, anhand der Huldigung an das flavische Königshaus in 3, 594-629
120Fuhrmann (1999), S. 307.
121Urner (1994), S. 32. 122Vessey (1974), S. 109-116. 123Sil. Ital. Punica 3, 614.
124Die Namensform Publius ist nicht ganz gesichert, in Betracht wird auch Gaius gezogen, vgl. Schmal (2005), S. 14-
Herrschaftszeit des flavischen Hauses, sondern überlebte die Dynastie um rund zwanzig Jahre. Er war Mitglied des ordo senatorius und bekleidete auch unter Domitian, den er in seinen Werken posthum stark ablehnt und von dem er ein einheitlich negatives Bild vermittelt, hohe Ämter in der kaiserlichen Verwaltung. 125 Durch seine Werke ist Tacitus „ein Stern allererster Ordnung am Himmel der römischen Historiker“; in Bezug auf die Chatten muss er als der bedeutendste der auf uns gekommenen antiken Schriftsteller gesehen werden. 126
Weit auseinander gehen Tacitus' Bewertungen der drei flavischen Kaiser, „Kriterium der Beurteilung ist dabei das jeweilige Geschick der Herrscher im Umgang mit dem eigenen Stand des Autors, dem Stand der Senatoren.“ 127 An Vespasian bemängelt er nur die avaritia, 128 die Regierung des Titus wird ausschließlich positiv bewertet. 129 Was den jüngsten Flavier auf dem Thron angeht, bleibt sein Werk „besessen von den echten und eingebildeten Domitianen der Vergangenheit“: 130 Tacitus macht ihn persönlich verantwortlich für die Probleme des zeitgenössischen politischen Lebens, „Heuchelei, Verstellung, Falschheit, die Grundübel oder Erbsünden des Systems“. 131
Seine Werke, die so voll sind von ätzendem Spott gegen Domitian, hat Tacitus gewiss erst nach der Ermordung des letzten flavischen Kaisers veröffentlicht. Vorher verzichtet Tacitus „auf lautstarke Opposition“ und bewegt sich somit „auf dem Grat zwischen schweigend protestierender virtus und leicht republikanisch verbrämten Opportunismus.“ 132
Hinweise auf den Chattenkrieg finden sich in verschiedenen seiner Werke: Sein wohl 98 erschienenes 133 Erstlingswerk De Vita et Moribus Iulii Agricolae - ein im Kern
125Vgl. Tac. Hist. 1,1,3: Dass seine Karriere von Domitian gefördert wurde, bestreitet Tacitus in seiner Selbstaussage nicht.
126Bengtson (1979), S. 276. Erwähnt werden die Chatten an folgenden Stellen: Tac. Germ. 29-32; 35; 36; 38; Hist. 4, 12; 4,37; Ann. 1, 55;1,56; 2,7;2,25;2,41; 11,16; 12,27; 12,28; 13,56;13,57. 127Sonnabend (2002), S. 137. 128Tac. Hist. 2, 5,1; 129Tac. Hist. 2,1,2; 5,1,1.
130Grant (1973), S. 239. Zum Verhältnis Tacitus und Domitian und dem Problem des Principats vgl. Nesselhauf (1952);
131Christ (1983b), S. 454. Zur statischen Charakterauffassung der Antike vgl. Grant (1973), S. 237, S. 241f.; Döpp (1985), S. 166. Zu Standpunkt und Einordnung des Tacitus prägnant Pfeiffer (2009), S. 1. 132Albrecht (1994), S. 871.
133Zur Datierung der taciteischen Werke insgesamt vgl. die prägnante Zusammenfassung bei Schmal (2005), S. 18-21;
biographisches Werk über seinen im Jahre 93 verstorbenen Schwiegervater, zugleich aber sowohl Nachruf und laudatio funebris auf denselben als auch streckenweise ethnographische Studie - ist gefärbt von einem subjektiv stark empfundenen Unrecht über die angebliche Zurücksetzung Agricolas durch Domitian. 134
Die Historiae behandeln in chronologischer Reihenfolge die Jahre 69 bis 96, also den Zeitraum vom sogenannten Vierkaiserjahr bis zum Ende der flavischen Dynastie. Leider sind jene Teile der Historiae, in denen die Herrschaft der Flavier behandelt wird, nicht mehr erhalten. Sie brechen inmitten der Beschreibung des Bataveraufstandes im Jahre 70 ab, in den erhalten gebliebenen viereinhalb Büchern finden sich lediglich einige knappe Bemerkungen, die der Herrschaft des Domitians vorgreifen. 135 Für die Betrachtung des gewählten Themas ist weiterhin die ethnographisch-geographische Studie De Origine et Situ Germanorum, bekannter als Germania, von Bedeutung. 136 Recht bissige Anmerkungen zum Feldzug und Domitians Triumph finden sich in Tac. Agr. 39,1 und Germ. 37,6; in Agr. 41,2f. äußert sich der Historiograph in ebenfalls sehr herablassender Manier zu Domitians Kriegführung im Allgemeinen.
3.1.1.5. Plinius der Jüngere
C. Plinius Caecilius Secundus (61/62 bis 113/115) 137 war ein Neffe des Älteren Plinius. Der Beginn der domitianischen Herrschaft fiel ungefähr mit dem Beginn seiner Ämterlaufbahn zusammen. Insgesamt profitierte der jüngere Plinius von der Protektion durch den Princeps, 138 was er aber in den erst nach dessen Tode veröffentlichten Werken stillschweigend übergeht. Seine eigene Rolle während der
134Im Proömium des
Agricola
habe man mit Fuhrmann (1999), S. 324, „ein für die Antriebe der taciteischen
135Vgl. etwa Tac. Hist. 3,86,3; 4,86,2 und ausführlicher hierzu Schäfer (1977), S. 465ff.
136Tac. Germ. 30-31 enthält eine recht ausführliche Beschreibung der Kampfkraft der Chatten; zur Frage der Aktualität
137Grundlegend Mommsen (1869); Strobel (1983), S. 37ff.
138Vgl. CIL V 5262f; CIL XI 5272; Strobel (2003), S. 308.
Domitians erster Chattenkrieg 23
domitianischen Regierung stilisiert er in der Retrospektive gern als Opfer und Anwalt der Opposition; so behauptet er selbst, er habe seine Ablehnung durch Karriereverzicht ausgedrückt. 139 Dies ist in der Forschung durchaus unterschiedlich bewertet worden, einig ist man sich jedoch darin, dass er nie aktiv und unter Einsatz seines Lebens Widerstand geleistet haben wird. 140
In Plinius' Darstellung erscheint uns Domitian als der Tyrann schlechthin, positive Aspekte an dessen Herrschaft pflegt der Autor geflissentlich zu unterschlagen. Sein Panegyricus auf Trajan aus dem Jahre 100 ist darum bemüht, ein möglichst negatives Bild des letzten Flaviers zu zeichnen, um auf dieser Negativfolie dem neuen Kaiser Trajan als optimus princeps zu huldigen; 141 diese Lobrede enthält auch Aussagen über mit dem Chattenkrieg verbundene Ereignisse. 142
3.1.1.6. Sueton
Der vermutlich aus Nordafrika stammende C. Suetonius Tranquillus (um 70 bis 130-140) war ebenfalls ein Zeitgenosse der Flavier, dürfte aber wohl nur die Herrschaft Domitians bewusst erlebt haben. 143 In zeitlicher Distanz zu dieser verfasste er sein fast vollständig erhaltenes Werk De vita Caesarum, einen Sammelband von Biographien der zwölf römischen Alleinherrscher von Caesar bis Domitian in acht Büchern. Die einzelnen Kaiserviten folgen alle einem ähnlichen Schema: Der Beschreibung des Lebenslaufes von der Geburt bis zur Thronbesteigung folgt eine rubrizierende Darstellung der Charakterzüge, Lebensführung und politischen Leistungen, hierauf die Darstellung des nahenden Todes und des Ablebens der einzelnen Herrscher. 144
139Plin. Paneg. 95,3. Zum Verhältnis Plinius - Domitian: Oertel (1939); Orentzel (1980); Giovannini (1986); Strobel (2003).
140Eine Skizze der Diskussion, ob man in Plinius ein Opfer oder einen Opportunisten zu sehen hat, findet sich bei
141Albrecht (1994), S. 914. Ausführlich zum Panegyricus vgl. Schillinger-Häfele (1958); Seelentag (2004), S. 214-297. 142Plin. Paneg. 16,3.
143Grundlegend Baldwin (1983), Wallace-Hadrill (1995); vgl. auch Sonnabend (2002), S. 168-182. Zu Leben und
144Für den heutigen Historiker relevante Kritikpunkte an der nach Rubriken geordneten Darstellungsweise liefert Mehl
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Florian Unzicker, 2010, „Quae datur ex Chattis laurea“ - Domitians erster Chattenkrieg, München, GRIN Verlag GmbH
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