Inhaltsverzeichnis
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I. Einleitung: Entwicklung der Klaviermusik im 19. Jahrhundert
II. Hauptteil
2.1. Entstehungsgeschichte des Werkes
2.2. Analyse des ersten Satzes im Klavierkonzert
2.3. Vergleich des ersten und dritten Satzes
2.3.1. Formaler Aufbau
2.3.2. Zusammenspiel von Orchester und Soloinstrument
2.3.3. Faktur des Klaviersatzes
2.3.4. Allgemeiner Charakter der Sätze
III. Fazit und persönliche Stellungnahme
IV. Literaturverzeichnis
2
I. Einleitung: Entwicklung der Klaviermusik im 19. Jahrhundert
Der Dualismus zieht sich als Kerngedanke in musikalischen Werken über Jahrhunderte durch die Musikgeschichte. Vor allem seit die Sonatenform ab der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts als Standartform für das Konzert galt, 1 wurde der „Wettstreit“ (ital. „Concerto“) zwischen Solo und Orchesterpart sowie zwischen den auftretenden Themen die Antriebskraft der meisten Kompositionen bis ins frühe 19. Jahrhundert. In dieser Zeit beginnt sich speziell in der Klaviermusik etwas Grundsätzliches an dieser Dominanz des Themendualismus zu verändern. August Gerstmeier weist in diesem Zusammenhang zu Beginn seiner Monographie über Schumanns Klavierkonzert op. 54 auf eine verwunderliche Statistik hin: die vier Komponisten Schumann, Chopin, Liszt und Schubert, die alle die „Führungsrolle der Klaviermusik“ zu Beginn des 19. Jahrhunderts mitbegründeten, 2 schrieben äußerst wenige sinfonische Werke für ,ihr‘ Instrument. Schumann vollendete außer dem Klavierkonzert op. 54 noch zwei weitere Klavierwerke mit Orchester, 3 Chopin und Liszt schufen jeweils zwei Klavierkonzerte, Schubert kein einziges. Dass diese Komponisten in viel geringerem Maße Klavierkonzerte komponierten als ihre Vorgänger, die Vertreter der Wiener Klassik, es getan hatten, lässt darauf schließen, dass sie die konventionelle Form des Konzertes als nicht mehr angemessen für ihre musikalische Intension ansahen. Gerstmeier nennt als Gründe für diese Tendenz zum einen die Entwicklung des Klaviers, und zum anderen das romantische Ideal in der Musik, welche beide eine neue Auseinandersetzung mit dem klassischen Sonatensatz forderten.
Die fortschreitende Mechanik des Klavieres führte zu Beginn des 19. Jahrhunderts in einer solchen Weise zu einer Vervollkommnung und zu einem Bedeutungszuwachs des Instruments, dass Schumann darüber schrieb:
„Sicherlich müßte man es einen Verlust heißen, käme das Klavierkonzert mit Orchester ganz außer Brauch; andererseits können wir den Klavierspielern kaum wiedersprechen, wenn sie sagen: ‚Wir haben anderer Beihilfe nicht nötig, unser Instrument wirkt allein am vollständigsten.‘ Und so müssen wir getrost den Genius abwarten, der uns […] zeigt, wie das Orchester mit dem Klavier zu verbinden sei, dass der am Klavier Herrschende den Reichtum seines Instruments […] entfalten könne, während das
1 Schülerduden Musik. Ein Lexikon für Musikunterricht und -praxis. Hg. von der Redaktion Schule und Lernen.
3. Auflage. Mannheim 2000.
2 Gerstmeier, August: Robert Schumann. Klavierkonzert a-moll, op.54. In: Meisterwerke der Musik. Heft 42.
Hg. v. Stefan Kunze. München 1986.
3 op.92 und op.134
3
Orchester dabei mehr als das bloße Zusehen habe und mit seinen mannigfaltigen Charakteren die Szene
kunstvoller durchwebe.“ 4
Diese Problematik vereint sich mit dem romantischen Kunstanspruch: nicht mehr der Gegensatz soll die Maxime sein, sondern die Verbindung und das Allumfassende. Die Form der geschlossenen Liedperiodik, in der Schuberts und Schumanns Themen in den meisten Fällen auftreten, eignen sich nicht zur motivischen Aufspaltung, sondern schweifen geschlossen umher und verwandeln sich unmerklich. Durch geringe substantielle Änderungen gelingt es beiden Komponisten, Themen in neuer Gestalt auftreten zu lassen. Als Antwort auf diese beiden Anforderungen entsteht eine neue Art des Konzertes (ein „Antikonzert“, geht man von der ursprünglichen Bedeutung des Begriffs ,Konzert‘ als ,Wettstreit‘ aus). Bei dieser wird das Orchester stärker am musikalischen Prozess beteiligt und es ergibt sich aus „Verschlingung von Solist und Orchester ein sehr einheitlicher musikalischer Satz.“ 5 Der erste Satz von Schumanns Klavierkonzert op. 54, hervorgegangen aus einer „Clavierfantasie mit Orchester“, repräsentiert beispielhaft diesen neuen Typus des romantischen Klavierkonzerts.
II. Hauptteil
2.1. Entstehungsgeschichte des Werkes
Schumanns frühe Schaffenszeit (bis 1839) ist fast ausschließlich auf das Komponieren von Klaviermusik ausgerichtet. Während das Jahr 1840 als Liederjahr bezeichnet wird, entstanden im Jahr 1841 die ersten bedeutenden Orchesterwerke aus Schumanns Feder: die 1. Sinfonie in B- Dur, die erste Fassung der 4. Sinfonie d- moll, Ouvertüre, Scherzo und Allegro op. 52 sowie die Fantasie für Klavier und Orchester in a-moll. 6 Es ist auffällig, dass Schumanns Beschäftigung mit der Kleinform des Liedes unmittelbar seiner Arbeit an den Großformen Sinfonie und Konzert vorangeht. Dabei stellt sich die Frage, ob diese enge zeitliche Verknüpfung dazu führt, dass liedhafte Elemente auch die Großformen wie das Konzert beeinflussen. Dieser Frage soll im analytischen Teil nachgegangen werden. Über den Ablauf der Entstehung der Fantasie gibt, wie so häufig bei Schumanns Leben und Werk, sein „Haushaltsbuch“ Aufschluss: „13. Mai 1841 An der Fantasie gearbeitet
4 Schumann, Robert: Gesammelte Schriften über Musik und Musiker. Hg. von Martin Kreisig. Leipzig 1914
5 Gerstmeier: Robert Schumann, S. 7.
6 Ebd., S. 13f.
4
14. Mai 1841 Die Fantasie fertig gebracht.
15. Mai 1841 Die Fantasie angefangen zu instrumentieren.
19. Mai 1841 An der Fantasie instrumentiert.
7 20. Mai 1841 Meine Fantasie fertig instrumentiert.
An diesem Eintrag wird die eruptive Kompositionsweise des Komponisten deutlich: die Idee als ganze ist bereits nach einem Tag umrissen, was in sieben Tagen folgt ist Ausarbeitung. Dieser Umstand wirkt sich deutlich auf das Wesen des Werks aus, es entsteht eine Komposition aus einem Guss, die statt motivischer Aufspaltung zu geschlossener Liedperiodik neigt. Der Fantasie gab Schumann noch zahlreiche andere Namen: Clavierfantasie mit Orchester, Concertstück mit Orchester, bis hin zum offiziellen Titel für die geplante Drucklegung Allegro affettuoso für das Pianoforte mit Begleitung des Orchesters. 8 Zum Druck kommt es jedoch nicht, da Schumann keinen Verleger für das Werk findet. Im Sommer 1845 ergänzt Schumann das ursprünglich autonome Stück durch zwei weitere Sätze zu einem Klavierkonzert im klassischen Sinne. Für diese Entscheidung spielten sicherlich auch merkantile Überlegungen eine Rolle. Für die Drucklegung der Komposition gab es seit inzwischen über vier Jahren keine Interessenten und Schumann mag „in ihrer Komplettierung zum traditionellen Klavierkonzert die letzte Möglichkeit gesehen haben, der Komposition doch noch den Weg in die Öffentlichkeit zu bahnen.“ 9 Auch Clara Schumann, die sich zur Fantasie begeistert äußerte, nachdem sie sie im August 1841 bei einer Probe zur
1. Sinfonie gespielt hatte, trat nie öffentlich mit dem Werk auf. 10 An ihrem Tagebucheintrag vom Juni 1845 wird deutlich, was sie in der Fantasie nicht erfüllt fand: „Robert hat zu seiner Phantasie […] einen letzten schönen Satz gemacht, so daß es nun ein Konzert geworden ist […] Ich freue mich sehr darüber, denn es fehlte mir immer an einem größern Bravourstück von ihm.“ 11 Die Uraufführung des Klavierkonzerts fand unter der Leitung von Ferdinand Hiller in Dresden am vierten Dezember 1845 statt. Der Erstdruck der Stimmen erschien im Juli 1846 bei Breitkopf & Härtel. Der Erstdruck der Partitur erschien 1862 im gleichen Verlag. 12
7 Boetticher, Wolfgang (Hg.): Robert Schumann in seinen Briefen und Schriften. Eingeleitet und mit
biographischen und und kritischen Erläuterungen versehen von Wolfgang Boetticher. Berlin 1942.
8 Waldura, Markus: Satzstruktur und Möglichkeiten des Konzertierens. Der erste und dritte Satz des
Klavierkonzerts von Robert Schumann im Vergleich. (unveröff.)
9 Ebd., S. 3
10 Gerstmeier: Robert Schumann, S.14
11 Robert Schumann. Konzert für Klavier und Orchester a-moll op.54. Taschenpartitur. Einführung und Analyse
von Egon Voss. S.165f
12 Vgl. Gerstmeier: Robert Schumann, S.15.
5
Arbeit zitieren:
Britta Baier, 2010, Die „Fantasie für Klavier und Orchester“ von R. Schumann (später 1. Satz des Klavierkonzerts a- moll) - ein „Antikonzert“?, München, GRIN Verlag GmbH
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