1. Vorbemerkung
Mit Hinblick auf den kommerziellen Erfolg sowie die allgemeine Resonanz der Medien 1 gehört der Film Le fabuleux destin d´Amélie Poulain des Pariser Regisseurs Jean-Pierre Jeunet zu den erfolgreichsten Filmen des Jahres 2002. Neben zahlreicher, positiver Kritiken, die die Geschichte der Paris Kellnerin Amélie Poulain hervorrief, gab es jedoch auch negative Stimmen, die sich ins Spektrum der Rezeptionen mischten. Einer der Hauptvorwürfe, die sich gegen den Regisseur Jeunet richteten, war im Film ein Bild eines Paris
touristique et stéréotype de carte postale, trés éloigné de la réalité sociale et culturelle de la capitale française (Gural-Migdal 2007: 131)
entworfen zu haben. Insbesondere ethnische Minderheiten und Homosexuelle seien von Jeunet völlig aus dem Szenenbild verbannt worden, obwohl gerade diese Bevölkerungsgruppen das Stadtbild des 18. Arrondissement, in dem die Geschichte Amélies angesiedelt ist, prägten (Vgl. hierzu Bonnaud 2002). Zudem wurde Jeunets Film mit der Begründung, unrepräsentabel für das französische Kino zu sein nicht in den offiziellen Wettbewerb der Internationalen Festspiele von Cannes des Jahres 2001 aufgenommen (Vgl. hierzu Bounnaud 2002).
In einer Interpretation aus dem Jahre 2005 konstatiert Guido Rings, dass Jeunets Film als modernes Märchen 2 betrachtet werden muss, in dem der Pariser Hintergrund „mitunter extrem verfremdet oder marginalisiert wird“ (Rings 2005: 197), betont aber im Verlauf seiner Analyse gleichzeitig eine dem Film inhärente sozial-kritische Aussagekraft, die sich hinter der phantastischen Inszenierung der Stadt verberge und ein durchaus realistische Gesellschaftsdokumentation des modernen Paris liefere.
Ausgehend von der Frage, inwieweit Le fabuleux destin d´Amélie Poulain sozial-kritisches Potential aufweist und als Film bezeichnet werden kann, dem authentische Bezüge zum
1 Einspielquoten von 33 Millionen US Dollar in den USA und 140 Millionen US-Dollar weltweit sowie zahlreiche Filmpreise, darunter ein César für die Kategorien „Bester Film“, „Beste Regie“, „Beste Filmmusik“ „Bestes Szenenbild“ und eine Nominierung für Audrey Toutou als beste Hauptdarstellerin.
2 Die Assoziation zum Märchencharakter werde im französischen Originaltitel durch die Nennung des fabelhaften Schicksal (Le fabuleux destin) Amélies evoziert, diese Assoziation erhalte sich auch im deutschen Titel (Die fabelhafte Welt der Amélie). Weiterhin weist Rings nach, dass der Film traditionelle Strukturen des Märchens aufzeigt, die sich manifestieren in : 1. Dem auktorialen Erzähler, 2. Der „Belohnung des Guten“ (Amélie) bzw „Bestrafung des Bösen“ (Collignon), wobei die Grenzen zwischen Gut und Böse durchaus fließend verlaufen, 3. Der Vermischung phantastisch-wunderbarer Begebenheiten und einem realen Hintergrund, 4. Dem Schicksalscharakter, der sich darin zeigt, dass die Handlung des Films in sehr starkem Maße von metaphysischen Wirkungselementen wie Zufall und Schicksal gelenkt wird (Hierzu gehören u.a. der Tod von Amélies Mutter, Amélies Fund einer vergessenen kleinen Kinderschatztruhe und ihre erste Begegnung mit dem offensichtlich für sie bestimmten Nino), 4. Dem klassischen Happy-End (Vgl. Rings 2005:198f.).
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Pariser Gesellschaftsbild innewohnen, und welche Bedeutung der Darstellungsweise der Stadt Paris im Film zukommt, eröffnet sich die Notwendigkeit den Fokus der Überlegungen auf die zentrale Figur des Film selbst zu lenken: Amélie Poulain. Zu Beginn des Films wird fast die gesamte Kindheit Amélies mitsamt den charakterlichen Eigenheiten ihrer Eltern ausführlich durch den auktorialen Erzähler des Films vorgestellt. Bei der Entwicklung von Amélies Lebensgeschichte bleibt diese narrative Struktur erhalten, wodurch der Erzähler zur Wegbegleiter-Figur wird, der nicht nur die Handlung, sondern in ausführlicher Art und Weise das Innenleben Amélies und ihre emotionale Verfassung kommentiert. Die innerpsychische Dimension der Protagonistin bildet damit das Gravitationszentrum der Filmhandlung, in dem realistische Momente und subjektive Welteindrücke ineinander zerfließen. Die erlebte Außenwelt wird zum Referenzfeld innerlicher Befindlichkeit und formt sich entsprechend nach emotionalen Strukturen, wodurch das Szenenbild des zeitgenössischen Paris in hohem Maße verdichtet und verfremdet wird, dass es schwer als authentische Gesellschaftsabbildung wahrgenommen werden kann (Vgl. auch Rings 2005: 199).
In diesem Zusammenhang soll in vorliegender Arbeit im ersten Schritt eine Untersuchung der psychischen Konstitution von Amélies Charakter unternommen werden, um anschließend eine Analyse des im Film herrschenden ästhetischen Prinzips vornehmen zu können. Hierbei soll aufgezeigt werden, wie psychisch-emotionale Elemente die objektive Außenwelt überblenden, wodurch eine Mischung aus Realismus und Phantastischem produziert wird, innerhalb derer die erlebte Wirklichkeit zur Spiegelfläche eines Seelenportraits wird. Im letzten Schritt soll aufgezeigt werden, welche sozial-kritisches Aussagepotential innerhalb dieses Konzepts positioniert ist.
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2. „Die fabelhafte Welt der Amélie“
2.1 Amélies Kindheit
Amélie Poulain wird als Tochter des Millitärartzes Raphaël Poulain und der Lehrerin Amandine Poulain geboren. Als kleines Mädchen erlebt Amélie in ihrer Familie nur wenige Momente der Zuneigung. Der einzige körperliche Kontakt zu ihrem Vater besteht während der 6-monatigen Routineuntersuchung. Hierbei enthüllt der auktoriale Erzähler, dass Amélies Herz bei jeder dieser Untersuchungen aus Sehnsucht nach der väterlichen Liebe und nach Körperkontakt schnell zu klopfen beginnt. Doch ist Amélies Vater nicht in der Lage dies als Grund für die rapiden Herzbewegungen zu erkennen und diagnostiziert fälschlicherweise einen Herzfehler, worauf er seine Tochter aus der Schule nehmen lässt und Privatunterricht bei der Mutter anordnet. Ab diesem Zeitpunkt verzichtet die Familie auf jegliche Ausflüge oder gemeinsamen Urlaub und beschränkt sich völlig auf den privaten häuslichen Bereich. Damit wird Amélie jegliche Gelegenheit genommen in Kontakt mit Gleichaltrigen zu treten und Freundschaften zu schließen. Amandine Poulain erscheint kaum als zärtlich-fürsorgliche Mutter, sondern als hysterische Hauslehrerin, die eine Obsession zum Boden-Wienern sowie zum Reinigen der Handtasche aufzeigt und in Notre-Dame regelmäßig um männlichen Kindersegen betet. Beide Elternteile Amélies sind gezeichnet durch Zurückgezogenheit in eigene Bereiche, dem Unvermögen Emotionen auszudrücken und Unkommunikativität. All diese Elemente überträgt das Ehepaar auf seine Tochter, die dadurch immer weiter in die soziale und emotionale Isolation gedrängt wird. Verstärkt wird der immer intensivere
Rückzug in die Innerlichkeit durch zwei einschneidende Ereignisse: Amélies Goldfisch, derdie Atmosphäre im Elternhaus denunzierend 3 - an Depressionen leidet unternimmt mehrmalige Selbstmordversuche durch Sprünge aus seinem Goldfischglas. Als Amélies Mutter den suizidalen Charakter des Hausfisches nicht mehr erträgt, wird die einzige reale Freundfigur des kleinen Mädchens in einem sich in der Nähe des Hauses befindlichem Gewässer ausgesetzt. Einige Zeit später stirbt Amandine Poulain vor den Augen ihrer Tochter nach dem Heraustreten aus der Kirche, wo erneut um männliche Nachkommenschaft gebeten worden ist, durch eine Selbstmörderin, die sich vom Dom stürzt. Amélies Vater, der den Unfalltod seiner Frau nicht verarbeiten kann, zieht sich völlig zurück in emotionale Abgeschottetheit 4 und verwendet seine gesamte Zeit auf den Bau und die Pflege eines
3 Vgl auch die Ausführungen des auktorialen Erzählers: „Amélies einziger Freund heißt Pottwal. Bedauerlicherweise ist der Goldfisch aufgrund des familiären Umfelds depressiv und selbstmordgefährdet.“
4 Auch ein Gespräch zwischen Amélie und ihrem Vater während einem der allwöchentlichen Besuche demonstriert die vollkommene Abgeschottetheit von Raphaël Poulain. Vlg. dazu Amélies Bemerkung, um den Aufmerksamkeitsgrads ihre Vaters zu testen: „J´ai eu deux crises cardiaques, j´ai dû me faire avorter car j´avais
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Arbeit zitieren:
Theodora Billich, 2010, Ein Stadtbild als Seelenspiegel, München, GRIN Verlag GmbH
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