Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung. 4
2 Die Sizilianische Mafia 10
2.1 Die Entstehung der sizilianischen Mafia. 12
2.1.1 Sizilien. 12
2.1.2 Die Entwicklung der Mafia. 16
2.1.3 Wie die Mafia zu ihrem Namen kam 22
2.1.4 Wie wird man ein Ehrenmann? 27
2.2 Der Markt 29
2.2.1 Der Mafiosi als „dritter Mann“ 29
2.2.2 Konkurrenz auf dem Markt. 35
2.2.3 Der regulierte Markt. 41
2.3 Die Struktur der Cosa Nostra 44
2.3.1 Die Identität der Mafiosi 45
2.3.2 Die interne Struktur. 48
2.4 Mafia als Unternehmen 59
2.4.1 Mafiose Macht. 60
2.4.2 Mafia und Staat 69
3 Die Mafia in den USA 78
3.1 Die Entstehung der Mafia in den USA am Beispiel von New York. 79
3.1.1 Auswanderung aus Sizilien 80
3.1.2 Integration in die „Neue Welt“ und Entstehung der Mafia. 83
3.1.3 Die Entwicklung und die Struktur der Cosa Nostra in New York. 86
3.2 Der Markt in den USA. 89
3.2.1 Betätigungsfelder der US-Mafia 90
3.2.2 Probleme auf dem Markt. 93
3.3 Das Unternehmen Mafia in den USA 95
3.3.1 Die Mafiose Macht in den USA. 96
3.3.2 Das Verhältnis zwischen Mafia und dem amerikanischen Staat 99
4 Vergleich der mafiosen Komponenten auf beiden Kontinenten. 104
4.1 Die Entstehungshistorie 104
4.2 Die Strukturen. 108
4.3 Die Märkte 112
4.4 Das politische Umfeld. 115
5 Zusammenfassung 119
6 Schlussfolgerungen. 124
7 Literaturverzeichnis. 127
8 Medienverzeichnis 133
9 Abbildungsverzeichnis. 134
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1 Einleitung
Der 16. Dezember 1985 war wieder einer dieser Tage, an dem die amerikanische Öffentlichkeit Zeuge davon wurde, mit welcher Aggressivität und Brutalität die Cosa Nostra ihren Vorhaben nachging: 1 Es war gegen 17.45 Uhr als Paul Castellano, der zeitweise mächtigste Gangster der Vereinigten Staaten, auf offener Straße zusammen mit seinem Fahrer, Leibwächter und Unterboss Thomas Bilotti erschossen wurde. Diese Hinrichtung ist exemplarisch dafür, wie die Mafia mit Nachfolgefragen und internen Problemen umgeht. Paul Castellano trat nach dem Tod von Carlo Gambino dessen Nachfolge an der Spitze der Gambino-„Familie“ an. Dadurch stand dieser neun Jahre lang an der Spitze der Mafia-Pyramide, das heißt er war der Boss aller Bosse der Mafia. Seine Regierungszeit war gekennzeichnet durch Wohlstand für die Verbrecher und relative Stabilität des mafiosen Systems. Doch nun war seine Zeit gekommen. „Big Paul“ war mittlerweile 70 Jahre alt und erfreute sich nicht mehr bester Gesundheit. Er war müde, krank und manche meinten, er verliere langsam den Bezug zur Realität. Als Mafia-Pate muss man gehasst werden, das wusste Castellano und es gehörte auch einfach dazu. Wurde man jedoch gehasst ohne gleichzeitig gefürchtet zu werden, wurde es gefährlich. Die Furcht vor ihm war nach wie vor vorhanden, doch hatte sie sich geändert. Man fürchtete sich nicht mehr nur vor seiner Stärke, sondern vor seinem möglichen Schwächerwerden. Gegen Castellano wurde Anklage erhoben wegen Führen eines Auto-Rings für gestohlene Autos sowie wegen Anstiftung zum Mord. Es war nicht das erste Mal, dass er vor Gericht stand, doch auch diese Anklagepunkte waren nur die Spitze des Eisberges der Taten, die man ihm hätte zur Last legen können. Die Gefahr, dass der „Boss der Bosse“ in seinem angeschlagenen Gesundheitszustand zukünftig noch öfter vor Gericht stehen sollte, machte andere führende Mafiosi nervös. Auch die Tatsache, dass ein 70-jähriger alter Mann es wohl sehr gern verhindern würde, seinen Lebensabend im Gefängnis zu verbringen, machte seinen Untertanen Angst. Diese Motive führten dazu, dass man befürchtete „Big Paul“ könnte eine Vereinbarung mit der Polizei eingehen, seine Verbindungen verraten und sich somit in Sicherheit bringen. Diese Vorstellungen bereiteten in den Köpfen anderer hochrangiger Mafiosi Kopfschmerzen und daher musste gehandelt werden.
1 Die folgenden Schilderungen des Attentats auf Paul Castellano, dem damaligen Boss aller Bosse, basieren auf Zeitungsberichten sowie auf den Schilderungen der beiden FBI Agenten Andris Kurins und Joseph F. O`Brien, die beide Teil der breit angelegten Oberservation Castellanos waren (vgl. DER SPIEGEL, 1985b; vgl. McFadden, 1985; vgl. Raab, 1986; vgl. WDR.de, 2005; vgl. O`Brien, 1992, S.7f.).
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Da es sich bei Paul Castellano nicht um einen kleinen, gewöhnlichen Straßenmafioso handelte, sondern um einen der mächtigsten kriminellen Männer der Vereinigten Staaten, sollte seine Beseitigung eine öffentliche Angelegenheit werden. Dieser Mordauftrag kam nicht von irgendwelchen Mafiosi oder von einer Randgruppe der eigenen Gambino- „Familie“, sondern war ein wohl überlegter Schachzug der fünf großen Cosa Nostra „Familien“ New Yorks. Die Ermordung Castellanos wurde, wie es in der Mafia bei so wichtigen Personen üblich ist, mit allen New Yorker Familien abgesprochen und unter deren Verantwortung durchgeführt. Der „Boss der Bosse“ wurde an diesem besagten Tag durch einen Kugelhagel halbautomatischer Waffen getötet, fünf Einschüsse zielten auf seinen Körper sowie ein Gnadenschuss in den Kopf. Zeugen dieser Ermordung hätte es viele geben müssen, doch selbst als sich einige fanden, konnten sie sich nur daran erinnern, dass die Mörder Trenchcoats trugen und in einer dunklen Limousine flüchteten.
Zurückhaltung und Diskretion hatten das Leben Paul Castellanos geprägt. Er war stets bestrebt, dass sein Name in keinen Zeitungen oder Boulevardblättern erschien. Er sah sich selbst gern als cleverer amerikanischer Geschäftsmann, nicht unbedingt als Mafioso, der seine Landsleute in das gelobte Land des legalen Unternehmertums führen wollte. Wenn jedoch an der weit verbreiteten Meinung etwas Wahres dran ist, dass die Art des Todes das letzte Wort über einen Menschen spricht, dann machte dieser Tod deutlich, dass Castellano trotz seines weltgewandten Auftretens und seiner berüchtigten Managerqualitäten eben doch nur ein ewiger einfacher Gewaltverbrecher geblieben war. Er starb seiner einstigen Macht beraubt, seines Mythos entzogen, als eine Unterweltleiche von vielen.
Macht oder Mythos
Die unfassbare Brutalität, mit der mafiose Kräfte vorgehen und scheinbar unbeeindruckt von Gesetzen und Staat taktieren können, schockiert die einfache Bevölkerung genauso wie sie diese Fülle an Macht fasziniert.
Wurde die Mafia, das organisierte Verbrechen allgemein, noch vor wenigen Jahrzehnten als Mythos, Hirngespinst oder aber als Aberglaube beschrieben, so zeigt uns doch die tägliche Realität auf den Straßen der Großstädte, dass der Mythos vom Realen nicht weit entfernt zu sein scheint. Die akribische Planung jeder mafiosen Handlung, Verbindungen bis in Regierungskreise hinein sowie die Struktur der verbrecherischen Organisationen im Allgemeinen, lassen den Schluss zu, dass diese
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Teil einer rationalen, grausamen Unternehmenspolitik sind, kein Mythos, und somit auch wissenschaftlich untersucht werden können.
Beim Versuch, das organisierte Verbrechen nüchtern und logisch zu betrachten, sieht man meist als erstes die grausame Brutalität in ihrem Vorgehen. Wenn wir aber herausfinden wollen, wie und warum Mafiosi handeln, was die Organisation Mafia überhaupt ist und warum man so wenig gegen diese organisierte Kriminalität unternimmt, reicht es nicht, Fakten über mafiose Handlungen zu betrachten. Wenn wir etwas Genaues über die Hintergründe der mafiosen Entstehung und deren Legitimation erfahren wollen, dann sind wir gezwungen, genau hinzusehen. Das heißt, wir dürfen uns nicht mit vorschnellen Auffassungen und Erklärungen zufrieden geben. Wir müssen hinterfragen, was sich hinter der Erscheinung der parasitären mafiosen Verbindung verbirgt, um die sozialen und allgemeinen Quellen für deren Entstehung zu realisieren. Ein wesentlicher Schlüssel für die Benennung von Gründen und Ursachen sowie Hintergründe der allgemeinen Akzeptanz des Phänomens Mafia liegt in der Nachzeichnung der politischen, ökonomischen sowie sozialen Verhältnisse und Gegebenheiten in den jeweiligen Entstehungsgebieten derer.
Die Einschränkung der Thematik
Die Thematik des organisierten Verbrechens, welches heutzutage allgemein als Mafia bezeichnet wird, ist jedoch zu umfassend, vielfältig sowie gesellschaftlich und kulturell zu spezifisch, als dass eine Arbeit allein alle Formen und Mutationen des Phänomens Mafia ausreichend erklären könnte. Daher lassen wir alles außer Acht was nur deshalb als Mafia bezeichnet wird, weil es sich um eine Art von organisiertem Verbrechen handelt. Wir beschränken unseren Fokus auf eine einzige Mafia: auf die so genannte Ur-Mafia, die sich selbst als „La Cosa Nostra“ bezeichnet. Die Rede ist von dem Phänomen der sizilianischen Mafia. In der Kriminalgeschichte nimmt diese eine Sonderstellung ein, da es gewiss schon viele verbrecherische Geheimgesellschaften gab - aber keine reicht an diese Vereinigung sizilianischer Familien heran. Dieses sizilianische Verbrechersyndikat beschränkt sich jedoch nicht nur auf deren ursprünglichen Entstehungsort Sizilien. „La Cosa Nostra“ ist auch, und das nicht erst seit heute, in den Vereinigten Staaten zu finden und dort extrem erfolgreich. Nun drängt sich die Frage auf, wie das Phänomen Mafia, das unter ganz bestimmten Umständen auf der Insel Sizilien entstehen konnte, diese kriminelle Organisation in die Vereinigten Staaten transferieren konnte? Hierbei ist zu berücksichtigen, dass ich nicht einfach hinterfragen möchte, wie die Kriminalität in den Vereinigten Staaten von
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Amerika entstanden ist, sondern ganz speziell, wie die sizilianische Mafia, welche ein Phänomen für sich ist, in den USA entstehen und ihr sizilianisches Erfolgskonzept exportieren konnte.
Die Umstände und Gegebenheiten, welche man in der Entstehungszeit des mafiosen Verhaltens auf der italienischen Insel vorfand, waren der optimale Nährboden für organisiertes Verbrechertum. Die USA hingegen, speziell das Beispiel New York, stellen auf den ersten Blick einen ganz anderen Ort mit anderen Umständen dar, keinesfalls zu vergleichen mit der abgeschiedenen Insel Sizilien. Es sollen daher die Besonderheiten der Entstehungselemente der sizilianischen Mafia dargelegt und analysiert werden, vergleichend an den Entstehungsorten Sizilien und den Vereinigten Staaten, speziell an der Stadt New York.
Hier stellt sich nun die Frage, ob es denn wirklich nur die äußeren Umstände waren, welche die Entstehung der Cosa Nostra begünstigten oder ob es sich hierbei um soziale Phänomene, bestimmte Handlungsmuster von Menschen, welche die Entstehung von einem derart organisierten Verbrechersyndikat positiv beeinflussen, tolerieren und vielleicht sogar fördern konnten, handelte? Um dies zuverlässig betrachten, analysieren und diskutieren zu können, müssen zuallererst die Handlungsmuster und Beweggründe der Bevölkerung an den beiden zu betrachtenden Entstehungsorten analysiert werden. Die Macht, über welche das sizilianische Verbrechersyndikat speziell in den Vereinigten Staaten verfügt, ist kein Mitbringsel aus der alten Heimat, auch wurde diese Fülle an Macht und Beziehungen nicht von Sizilien eins zu eins exportiert. Wie ist es jedoch dann zu erklären, dass der amerikanische Ableger der sizilianischen Mafia, sich so radikal ausbreiten, wachsen und expandieren konnte, sodass die Mutterstruktur und der Unternehmenserfolg der Cosa Nostra Siziliens indessen wahnsinnig klein wirken? Wenn es sich also bei dem Phänomen Mafia wirklich um eine verbrecherische, streng gegliederte Organisation handelt, die aufgrund besonderer sozialer und infrastruktureller Umstände entstanden ist und die in unserer heutigen Zeit eine der erfolgreichsten kriminellen Vereinigungen darstellt, dann müssen wir auch Antworten auf die folgenden Fragen erhalten:
1. Wie konnte die sizilianische Mafia auch in den USA, speziell in der Stadt New York, entstehen und sich ausbreiten, obwohl auf den ersten Blick ganz andere soziale und infrastrukturelle Umstände vorhanden waren als im Mafia-Ursprungsland Sizilien?
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2. Warum ist die Entstehung der Mafia auf soziale Phänomene sowie auf bestimmte Handlungsmuster der Menschen in den Entstehungsgebieten zurückzuführen?
3. Welche Umstände und Gegebenheiten führten dazu, dass sich der amerikanische Ableger der sizilianischen Mafia besser entwickeln und dadurch dominierender werden konnte als die Ursprungsorganisation im Heimatland der Mafia Sizilien?
Der Aufbau der Arbeit
Den Ausgangspunkt unserer Betrachtungen bildet im zweiten Kapitel die sizilianische Mafia an sich. Dazu wird im ersten Unterpunkt dieses Kapitels die Entstehung der Cosa Nostra auf der Insel Sizilien beleuchtet und analysiert. Zu berücksichtigen ist hierbei die spezielle Situation der Insel, die Gegebenheiten dieser Örtlichkeit und die jeweilige historische Machtkonstellation, welche Einfluss auf die sozialen und moralischen Situationen der Bevölkerung hatte. Des Weiteren werden wir die Entstehungsgeschichte der Mafia von ungefähr 1860 an verfolgen und Fakten herauskristallisieren, die für den Zuspruch und die Akzeptanz auf der Insel und den daraus resultierenden Machtzuwachs der Mafiosi verantwortlich sind. Wir werden erfahren wie die Mafia zu ihrem Namen kam, herausfinden welche Voraussetzungen vorhanden sein mussten, um ein Mitglied der Mafia, ein so genannter „Ehrenmann“, zu werden als auch wie die rituelle Zeremonie durchgeführt wird, die bis in unsere heutige Zeit ihre Anwendung findet. Im zweiten Unterpunkt dieses Kapitels widmen wir uns dem allgemeinen Markt auf dem die Mafia tätig ist. Hierzu analysieren wir die anfänglichen Tätigkeiten der Mafiosi, die Hintergründe, welche die Basis für die Ausübung ihrer Aktivität bildeten, sowie die Konkurrenzsituation und die des regulierten Marktes. Im dritten Unterpunkt gehen wir auf die genauen Identitäten der mafiosen Verbrecher ein, analysieren die internen Strukturen, die einen Mafiosi umgeben, bis hin zur pyramidenförmigen nationalen Struktur der Cosa Nostra, welche die Insel leitete und bis heute leitet. Der vierte und letzte Unterpunkt dieses Kapitels soll uns Erkenntnisse darüber gewähren, wie die Macht der Mafioso vom 19. Jahrhundert an bis in unsere heutige Zeit fast kontinuierlich wuchs und uns Aufschluss darüber geben, inwieweit die Politik mit der Mafia zusammenarbeitete und wenn, wie sie bekämpft wurde.
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Im dritten Kapitel dieser Arbeit befassen wir uns mit den Hintergründen der sizilianischen Mafia in den Vereinigten Staaten von Amerika, speziell am Beispiel der Stadt New York. Hierzu versuchen wir die Gegebenheiten, mit denen die sizilianischen Auswanderer Anfang des vergangenen Jahrhunderts zu kämpfen hatten, zu rekonstruieren, gehen auf die Integrationssituation der Sizilianer in die amerikanische Welt ein und analysieren die Entstehungshintergründe sowie die Struktur der sizilianischen Mafia in den USA. Der zweite Unterpunkt dieses Kapitels widmet sich dem Markt, auf dem die US-Mafia tätig ist. Hierbei soll der Ausgangspunkt der mafiosen Tätigkeiten in den Vereinigten Staaten sowie der derzeitige Markt, auf dem die Mafia operiert, skizziert und mit all seinen Problemen dargestellt werden. Der letzte Unterpunkt dieses Kapitels beschäftigt sich mit dem Unternehmen Mafia in den USA an sich. Hierzu soll die mafiose Macht, welche die Cosa Nostra in den Vereinigten Staaten besitzt, aufgezeigt sowie das Verhältnis zwischen Mafia und dem amerikanischen Staat visualisiert werden.
Dieses Wissen über die historische Entwicklung der Mafia sowie die Tatsachen zu den einzelnen Komponenten, welche die Entstehung und die Ausweitung der Mafia begünstigten, sind notwendig für die Bearbeitung des vierten Kapitels. In diesem Kapitel sollen die Entstehungsgeschichten, die Strukturen, die Märkte sowie das politische Umfeld der beiden Mafiaentstehungsorte verglichen werden. Diese damit gesammelten Erkenntnisse helfen uns, um in Kapitel fünf die gestellten Forschungsfragen zusammenfassend zu beantworten und schließlich im sechsten Kapitel einige Schlussfolgerungen zu ziehen. Die Fakten über die Entstehung, die Hintergründe und die Ursachen der Entwicklung und Ausbreitung der Cosa Nostra stammen größtenteils aus Quellen von Historikern, Soziologen, Vernehmungs- sowie Gerichtsprotokollen Aussagewilliger sowie aus Zeitungsberichten.
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2 Die Sizilianische Mafia
Der 23. Mai 1992, der Tag an dem die ganze Welt auf die sizilianische Mafia aufmerksam wurde 2 . Es ist gegen 18 Uhr, als Giovanni Brusca, ein „uomo d`onore“ 3 , die Schnellstraße vor dem Abzweig nach Capaci beobachtet. Kurz vorher wurde die Kanalisation der Straße von anderen Mafiosi mit etwa 400kg Sprengstoff präpariert. Als Brusca bemerkt, dass sich die Kolonne sehr langsam auf sie zu bewegt, zögert er noch, doch dann im richtigen Moment drückt er auf den Knopf. Die gewaltige Detonation zerreißt den Asphalt, der erste Wagen der Kolonne wird in die Luft gewirbelt und landet etwa 60 Meter entfernt in einem Olivenhain. Aus dem zweiten, kugelsicheren Wagen wird der Motor gerissen, danach stürzen die Reste des Wagens in den Explosionskrater. Das dritte Fahrzeug wird nur beschädigt, ist aber noch intakt.
Die Insassen der ersten beiden Fahrzeuge wurden getötet. Hierbei handelte es sich um den führenden Anti-Mafia-Ermittler und Untersuchungsrichter Giovanni Falcone und seine Frau (beide im kugelsicheren Wagen) sowie deren 3 Leibwächter in dem vorausfahrenden Fahrzeug. Durch diesen Anschlag entledigte sich zwar die sizilianische Mafia ihres größten Feindes, jedoch wurde durch dieses Attentat die ganze Welt auf die Arroganz und die überragende Macht der Mafia aufmerksam. Wie kam es dazu, dass ein Richter der größte Feind der Mafia werden konnte? Die Geschichte beginnt Anfang der achtziger Jahre des 20. Jahrhunderts. Damals wurden in ca. zwei Jahren etwa tausend Menschen ermordet. Diese waren „uomo d`onore“, deren Angehörige und Freunde sowie Polizisten und Unbeteiligte. Bei diesem blutigsten aller Mafiakonflikte handelte es sich jedoch nicht um einen Krieg, sondern um ein Bündnis von Verbrechern, die sich um die Führung der Mafia von Corleone sammelten. Diese Gruppe erzwang sich durch ihre Morde eine diktatorische Macht über die ganze Mafia Siziliens.
Unter den Opfern waren unter anderem auch die Söhne des Ehrenmannes Tommaso Buscetta, welcher aufgrund seiner kriminellen Verbindungen auf beiden Seiten des
2 Die folgenden Schilderungen des Attentats auf Giovanni Falcone und dessen Begleitern, basieren auf Zeitungsberichten, Dokumentationen sowie auf den Aufzeichnungen der Historiker Dickie und Hofmann (vgl. DER SPIEGEL, 1992a; vgl. Dickie, 2006, S.15ff.; vgl. Hofmann, 2003, S.76f; vgl. Delle Donne, 1993, S.9f.; vgl. Stille, 1999, S.42f.; vgl. Frankfurter Allgemeine Zeitung, 2000; vgl. „Verrat und Blutrache“, NDR, 23min.-46min.)
3 „Uomo d`onore“: Mann der Ehre; ist die mafiainterne Bezeichnung für einen Mann, der in eine Mafia„Familie“ formell aufgenommen wurde. Zu beachten ist hierbei, dass keineswegs alle mit den „Familien“ in Verbindung Stehenden Männern auch „uomini d`onore“ sind. Die meisten dieser in Verbindung stehenden gehören nur der sogenannten Mafia-Peripherie an (vgl. Raith, 1992, S.30).
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Atlantiks (Amerika und Sizilien) den Namen „Boss von zwei Welten“ trug. Nachdem Buscetta in Südamerika verhaftet und nach Italien ausgeliefert worden war, versuchte er mit Strychnin Selbstmord zu begehen. Er überlebte und entschied sich dafür auszupacken, da er damit rechnete von der Mafia sowieso umgebracht zu werden. Dem Einzigen, dem er sich jedoch anvertrauen wollte, war Giovanni Falcone. Durch die Aussagen Buscettas und den Bruch der „omerta“ 4 erhielt Falcone erstmals einen Einblick in das Innenleben der sizilianischen Mafia. Diese neuen Informationen, die noch nie von einem „Ehrenmann“ so detailgetreu dargestellt wurden, zeichneten ein völlig neues Bild von Befehlsstrukturen, Methoden und Geisteshaltungen der mafiosen Vereinigung. Heutzutage kann man sich nicht vorstellen, was man über die Institution Mafia alles nicht wüsste, wenn Buscetta sich Falcone nicht offenbart hätte. Nicht nur, dass der „Boss der zwei Welten“ Falcone über Riten, Namensgebung und die Kommandostruktur aufklärte, er nannte auch zahlreiche Namen, was später zu mehreren Verurteilungen führen sollte. Dem Beispiel Buscettas folgten andere Ehrenmänner, die ebenso um ihr Leben durch die Corleonesie fürchteten. Der Untersuchungsrichter Falcone hatte nach allen Aussagen 8607 Seiten Beweismaterial gesammelt. Sie waren die Grundlage für einen der größten Mafia-Prozesse aller Zeiten, die sogenannten „Maxi-Prozesse“ 5 , welche in einem eigens dafür errichteten, bombensicheren Gericht stattfanden. Nach 22 Verhandlungsmonaten sprach der Richter 342 Mafiaangehörige für schuldig und verurteilte sie zu insgesamt 2665 Jahren Haft. Fünf Jahre später, 1992, wurde das Urteil durch das Kassationsgericht 6 für rechtskräftig erklärt. Nur vier Monate nach diesem Urteil wurde Falcone ermordet (vgl. Fischer, 2000, S.15; vgl. Falcone, 1992, S.7f.).
Diese Ermordung hatte weitreichende Folgen, die bis heute zu spüren sind. Die Mafiabekämpfung, die Falcone vorantrieb hatte demnach soviel Erfolg, dass sich die Mafia in die Enge getrieben sah. Weiterhin kam dadurch ans Tageslicht, dass die Cosa Nostra nicht nur in der Theorie und in Sagen eine straff organisierte kriminelle Vereinigung ist, nein sie ist real.
4 „omerta“: bedeutet Verschwiegenheitspflicht. Das Wort wurde von „uomo“ in seiner Bedeutung als „Mann“ abgeleitet, um eine dem Mann innewohnende Eigenschaft zu bezeichnen. Die „omerta“ gilt als ein zentraler Punkt mafioser Ehrvorstellung, sie beschreibt die Schweigepflicht allen nicht der eigenen Gruppe Angehörenden gegenüber. Im weiteren Sinne wird diese Verschwiegenheitspflicht auch von allen anderen Menschen erwartet, insofern diese nichts über die Mafia allgemein verbreiten sollen, schon gar nicht irgendwelchen Behörden (vgl. Raith, 1992, S.30; vgl. Sifakis, 1987, S.250)
5 „Maxi-Prozesse“: Bezeichnung für die Großprozesse gegen eine Vielzahl von vermutlichen Mafiosi. Der erste fand 1986/87 gegen 475 Personen statt, der zweite 1987/88 gegen 79 und der dritte 1988 gegen 170 Beschuldigte. Der erste Prozeß, 1986/87, gegen 475 Verdächtige wird fälschlicherweise oft als der größte Prozess gegen die Mafia gesehen. Denn schon in den 30er Jahren des 20.Jahrhunderts stand eine Gruppe um Genco Russo mit 500 Mitgliedern vor Gericht (vgl. Raith, 1992, S.29).
6 oberste Gerichtshof Italiens
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Falcone pflegte zu sagen, dass wenn die Cosa Nostra wirklich existiert, sie dann auch eine Geschichte hat. Und wenn sie eine Geschichte hat, dann hat sie auch einen Ursprung, und sie wird ein Ende haben (vgl. Dickie, 2006, S.23). Um diesem besagten Ursprung der Cosa Nostra auf den Grund gehen zu können, werde ich in dem folgenden Kapitel versuchen die Entstehung, die Struktur sowie die Einflüsse und Voraussetzungen, die zu dieser Entwicklung der Mafia führten, näher zu beleuchten, darzustellen und zu erklären.
2.1 Die Entstehung der sizilianischen Mafia
Die politische Struktur Siziliens ist schon seit Jahrhunderten für die außerordentliche Schwäche des formellen Herrschaftsapparates, für Misstrauen und sogar für die Feindschaft der Bevölkerung gegenüber allen staatlichen Organen bekannt (vgl. Hess, 1988, S.16). In diesem tiefen Misstrauen der Gesellschaft Süditaliens und Siziliens steckt der Ursprung der Mafia (vgl. Gambetta, 1994, S.107). Um dem Phänomen der sizilianischen Mafia auf den Grund zu gehen, begeben wir uns in das 19. Jahrhundert zurück und werden versuchen im folgenden Kapitel alle wichtigen Fragen, Aspekte und Hintergründe, die zur Entstehung der Cosa Nostra beigetragen haben, zu beleuchten, zu hinterfragen und zu beantworten.
2.1.1 Sizilien
Wirtschaftlich gesehen ist Italien ein geteiltes Land. Im Norden des Landes, speziell im Städtedreieck Mailand, Turin und Genua, blüht die Wirtschaft enorm. Der Süden Italiens jedoch gilt im europäischen Vergleich als Entwicklungsgebiet. Die Menschen beider Regionen beurteilen dieses Phänomen unterschiedlich. Die Süditaliener sehen diesen Unterschied als Folge der Ausbeutung durch die Kolonialherren, Norditaliener sehen ihn jedoch als Folge des mediterranen Schlendrians (vgl. Müller, 1990, S.10). Um die Grundlagen in der ungleichen wirtschaftlichen Struktur herauszufinden, muss man zuallererst die historische Entwicklung betrachten. Sizilien ist gekennzeichnet durch Fremd- und Feindseligkeit der Bevölkerung gegenüber allen staatlichen Organisationen. Die einzigen Institutionen, auf die sich die Sizilianer verlassen, sind die Selbsthilfe und vor allem die Familie. Diese Unfähigkeit
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der Bevölkerung, Loyalität gegenüber formellen staatlichen Organisationen zu zeigen, ist ein Produkt der sizilianischen Geschichte. Betrachtet man die historische Entwicklung Siziliens, erkennt man, dass es schon seit mehr als 2000 Jahren von verschieden Kolonialmächten besiedelt und beherrscht wurde (vgl. Uesseler, 1987, S.79f.). Die Ferne der herrschenden Mächte sowie der ständige Wechsel machten es der Bevölkerung fast unmöglich, sich mit den verschiedenen Herrschaftsträgern zu identifizieren. Einige dieser Fremdherrschaften prägten durch ihre Mentalität, ihren Umgang mit den Menschen sowie durch die Art ihrer Ausbeutung den Volkscharakter der Sizilianer. In der Zeit der römischen Herrschaft über Sizilien wurde die Insel vor allem als Getreidelieferant benutzt. Die Arbeiter, welche für die Römer auf den Feldern tätig waren, waren Sklaven. Diese machten schätzungsweise die Hälfte der damaligen Bevölkerung im Altertum Siziliens aus, ca. 300.000 Menschen (vgl. Hess, 1988, S.16). Auch Griechen, Normannen, Karthager, Ostgoten und sogar Araber eroberten die Insel, sodass diese vom 9. bis Anfang des 13. Jahrhunderts ein Zentrum des Islams in Italien bildete. Die letzte Kolonialmacht, der die Sizilianer unterstanden, waren die spanischen Bourbonen, unter denen es zum Königreich Neapel zählte. Am 7. Juni 1860 wurde die Hauptstadt Siziliens, Palermo, erstmals zu einer italienischen Stadt. Der Grund dafür war eine Invasion durch Guiseppe Garibaldi mit ungefähr 1000 Freiwilligen, die sich zum Ziel gesetzt hatten, Sizilien mit dem neu gegründeten italienischen Nationalstaat zu vereinen. Unter der Führung Garibaldis schaffte es die hoch motivierte Streitmacht die spanischen Bourbonen von der Insel zu vertreiben (vgl. Dickie, 2006, S.47). Sizilien gehört seitdem politisch gesehen zu Italien. Wie alle anderen Inbesitznahmen wurde auch die Eingliederung in das italienische Königreich von den Sizilianern als das Eindringen einer fremden Macht gesehen. Die Bevölkerung stand der neuen Regierung mit Abneigung und Indifferenz gegenüber. In Gesetzeshütern sahen die Einheimischen ihre ärgsten Feinde. Maßnahmen der Regierung, die diesen Hass unbewusst förderten, waren zum Beispiel die Einführung der Wehrpflicht oder auch das für die ärmere Bevölkerung weitaus schlechtere neue Steuersystem. Hinzu kam die Enttäuschung der landlosen Bauern, deren Hoffnung auf ein eigenes Stück Ackerland nicht befriedigt werden konnte. Das enteignete Land ging schnell in den Besitz finanzkräftiger Großgrundbesitzer über. Der rückständige und fanatische Klerus, welcher auf der Insel großen Einfluss auf die äußerst gläubigen Bauern hatte, förderte den Hass auf die Regierung und gab diesem sogar den kirchlichen Segen (vgl. Hess, 1988, S.29f.).
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Diese Geschichte Siziliens prägte deren Einwohner insoweit, dass sie wenig Vertrauen gegenüber allen über sie herrschenden Mächten hatten. Gambetta zufolge hat die Mafia ihren Ursprung in diesem tief verwurzelten Misstrauen, welches Süditalien schon seit dem 19. Jahrhundert kennzeichnet. Dies erklärt auch, warum sich die Mafia nur in diesen Gebieten entwickeln konnte, an anderen Orten, zum Beispiel in Norditalien, jedoch nicht. Das „öffentliche Vertrauen“, die Grundlage gesellschaftlichen Zusammenlebens, wurde durch die harte spanische Politik des „divide et impera“ 7 zerstört. Um diesen gesellschaftlichen Vertrauensverlust zu entgehen, flüchteten sich die Sizilianer in die engsten Familien- und Freundschaftsbeziehungen, es überlebte nur das „private Vertrauen“ (vgl. Gambetta, 1994, S.107; vgl. Raith, 1992, S.225ff.). Dies bedeutete für die offiziellen Ordnungshüter der Insel, dass sie faktisch nicht wahrgenommen wurden. Probleme, welche die Bevölkerung miteinander hatten, wurden untereinander bereinigt. In den einzelnen Gebieten der Insel gab es zwar sogenannte und auch eingeteilte „Feldhüter“ 8 , diese jedoch kamen ihren Aufgaben nur wenig bis gar nicht nach. Berichte zu einer allgemeinen Bestandsaufnahme über die Sicherheitslage in den Provinzen, durch Beamte der „Publicia Sicurezza“ oder durch Bürgermeister geschrieben, stellen folgende Verhältnisse dar:
„Königliche Polizeistation von Monreal an den hochwohllöblichen Herrn Präsidenten der Provinz Palermo, 5. November 1893 … Ich beehre mich, Euer Hochwohlgeboren mitzuteilen, dass die Feldhüter dieser Gemeinde in keiner Weise der Regierungsautorität beim Schutze der öffentlichen Sicherheit behilflich sind. Wenn ein Verbrechen geschieht, erscheinen sie für einen Augenblick; aber dann entziehen sie sich mit großer Geschicklichkeit und Schläue der Aufgabe irgendeiner Untersuchung, und man kann von Ihnen die Fortführung irgendeiner Dienstleistung im Interesse der öffentlichen Sicherheit nicht erhoffen. Sie beschaffen keinerlei Indiz, nichts, was die Justiz aufklären könnte, wie man auch nicht von ihnen erwarten kann, dass sie irgendeine vorbeugende Maßnahme treffen oder die unter Polizeiaufsicht stehenden, die anderen vorbestraften Personen und die Gaststätten überwachen. Sie leisten keinerlei Patrouillendienste … Zur eigenen Verfügung ist diesem Amt nur ein einziger Feldhüter zugeteilt, der morgens um 9 Uhr erscheint,
7 „divide et impera“: bedeutet übersetzt: „teile und herrsche“
8 Die Feldhüter übten eine öffentliche Ordnungsfunktion aus, wurden von der jeweiligen Gemeinde bezahlt und unterstanden dem Bürgermeister; es bestand jedoch ein zweifelhafter Wert dieser Ordnungsorgane, da diese nicht einmal Uniform trugen
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mittags weggeht und abends um 6 erscheint, um nur die Post zu bringen. Und es war nicht möglich diesen Zustand zu verbessern. Mit vorzüglicher Hochachtung …“ (Hess, 1988, S.24)
„Gemeindeverwaltung von Bolognetta, 4. November 1893.
Diese Gemeinde hat acht Feldhüter, dazu den Führer; keiner von diesen, der Führer eingeschlossen, ist zu Pferde. Bis auf den Führer erhalten sie keinen Lohn, sondern private Vergütungen von den Eigentümern, im Verhältnis zum Land, das diese besitzen. Sie beziehen keine anderen Einkünfte“ (Hess, 1988, S.25)
In diesem letzten Zitat ist zu erkennen, wie die Verhältnisse im damaligen Sizilien vorzufinden waren. Die Feldhüter, Organe der öffentlichen Sicherheit, wurden von Privatpersonen bezahlt und standen somit auch unter deren Einfluss. Neben diesen Ordnungshütern gab es natürlich auch noch die „Carabinieri“ 9 und militärische Einheiten, welche zwar oft eine gute Ausbildung, Schlagkraft und Ausrüstung hatten, doch auch diesen Kräften gelang es nicht, der Öffentlichkeit die Sicherheit zu garantieren, die sie benötigte, um Vertrauen in das Sicherheits- und Rechtssystem zu erlangen.
Betrachtet man die Statistiken der Mord-, Raub- und Erpressungsraten für die Jahre 1890 - 1893 in Italien, so wird deutlich, dass diese in Sizilien deutlich über dem italienischen Durchschnitt lagen, nämlich fast dreimal so hoch. Diese Zahlen besagen jedoch nicht, dass in Sizilien Anarchie herrschte und jeder tun und lassen konnte was er wollte. Hess sieht die deutlich höheren Mord- und Erpressungsraten in Sizilien als Teil von Sanktionen (z. B. Rache) eines anderen, subkulturellen Normensystems (vgl. Hess, 1988 S.27).
Der Norditaliener Danilo Dolci versuchte mittels exemplarischer Befragung dieses andere Bewusstsein der Einwohner der Stadt Palermo zu erforschen. Diese Berichte der einfachen Leute zeichnen ein drastisches Bild von den Lebensverhältnissen und Wertorientierungen im Sizilien der 50er und 60er Jahre des 20. Jahrhunderts. Das zentrale Thema in diesen Studien ist die Gewalt in den sozialen Beziehungen der Menschen. Es werden Situationen geschildert, in denen es völlig normal sei zu töten, die Leute seien daran gewöhnt, einfach abgebrüht (vgl. Müller, 1990, S.14).
9 „Carabinieri“: polizeiliche Gendarmerie mit langer Tradition; heute sind die Carabinieri eine eigenständige Teilstreitkraft der italienischen Armee.
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Ein schwerwiegendes Indiz für diese hohen Verbrechensraten auf Sizilien sieht Gambetta in der spanischen Kolonialisierung, welche gefährliche Auswirkungen auf die Regionen hatte. Er belegt dies mit der Tatsache, dass heutzutage alle ehemaligen spanischen Kolonien die höchsten Mordraten der Welt aufzeigen. Hingegen sind das Festland Spaniens sowie Norditalien, welches nicht Spanien unterworfen war, wesentlich ruhiger (vgl. Gambetta, 1994, S.107). Sizilien sowie der Süden Italiens litten Ende des 19., Anfang des 20. Jahrhunderts unter der unfähigen Verwaltung sowie der Willkürjustiz der damaligen Regierung. Diese geschilderten Umstände, wie sich das Leben auf der Insel abspielte, hebelten das Vertrauen zwischen Untertanen und Staat aus.
Durch dieses „Nicht Vorhandensein“ von Vertrauen in den Staat, sowie von Schutzgebern für die Öffentlichkeit, entstand ein Machtvakuum, der Nährboden für die „Schutzindustrie“, die Mafia.
2.1.2 Die Entwicklung der Mafia
Die Mafia hat ihren Anfang auf den Großgrundbesitzen Westsiziliens, so jedenfalls ist die offizielle Lehrmeinung seit fast einem halben Jahrhundert (vgl. Gambetta, 1994, S.114).
Zur Zeit des Feudalismus hatten Landadlige sowie Feudalherren in Sizilien jegliche politische Macht und Entscheidungsbefugnisse bis in den privaten Bereich der ihnen Untergebenen hinein. Die offiziell freien Bauern waren ihrem „padrone“ 10 insofern ausgeliefert, da dieser allein über die Produktionsmittel, den Boden und die Geräte verfügte. Um sich vor Banditen zu schützen und die Kontrolle über die Bauern beizubehalten, stellten die Barone kleine Privatarmeen auf, die sogenannten „bravi“ 11 . Für einen Bauern war es eine Existenzentscheidung, ob ihnen der Befehlshaber einer solchen meist brutalen Privatarmee, wohlgesonnen war oder nicht. Da auf dem Land keine Gefängnisse oder Gerichte vorhanden waren, vollstreckten die Privatarmeen ihre Urteile selbstständig. Die Todesstrafe war selbst bei kleineren Delikten keine Seltenheit. Ab dem Jahr 1816 wurde die Abschaffung des Feudalismus nur schrittweise umgesetzt (1816-1841) und die Lehen wurden in Privateigentum umgewandelt. Für die Bauern
10 „padrone“: der jeweilige Feudalherr der Bauern
11 „bravi“: die Tapferen; die benötigte Qualifikation für die „Bravo“ waren die Fähigkeit zur Gewalttätigkeit und Geschicklichkeit im Umgang mit Waffen
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änderte sich jedoch wenig. Ihre Herren hießen jetzt nicht mehr Lehnsherrn sondern Großgrundbesitzer (vgl. Müller, 1990, S.36f.). Eine entscheidende Auswirkung der Abschaffung des Feudalismus war die Verwandlung von Grund und Boden in eine auf dem Markt frei handelbare Ware. Dies führte zur Herausbildung einer neuen mittelständischen Klasse, die sich Stück für Stück die ehemals adligen Ländereien sicherte. Diese Landpächter wurden „Gabellotto“ 12 genannt, der Prototyp des Mafiosi.
Durch die Vermarktung dieses Grundbesitzes wurde die bestehende Ordnung dramatisch erschüttert. Bauern und Hirten, die durch die Abschaffung der feudalen Rechte noch ärmer geworden waren, wurden zur Bedrohung für die Grundbesitzer, deren Position immer schwächer zu werden drohte. Die Mittelschicht Siziliens sah in der Option Grundbesitz zu erwerben eine Möglichkeit zum sozialen Aufstieg. Im Zuge dessen wurden einzelne Vertreter dieser Schicht zu Konkurrenten (vgl. Gambetta, 1994, S.115). Der Literatur zufolge, gelten diese neuen grundbesitzenden Mittelschichten als die ursprüngliche Mafia. Die Gabellotto waren:
„…schlicht und einfach von ihren persönlichen Interessen geleitet […]: Sie zogen Vorteile aus den Bewegungsspielräumen, die sich durch die Abwesenheit der Grundbesitzer ergaben, ließen kein Mittel zur weiteren Verbesserung ihrer Stellung aus, verurteilten die Bauern zu harter Arbeit und zwangen die Eigentümer zum Verkauf oder zur Verpachtung zu für diese höchst ungünstigen Bedingungen.“ (Gambetta, 1994, S.116)
Die Entstehung dieses neuen Standes ist nach Hess für das Verständnis des mafiosen Verhaltens von enormer Wichtigkeit. Denn dieser realisierte seinen Profit in der bedingungslosen Ausbeutung der Unterpächter und Tagelöhner auf der einen und der Verringerung seiner Verpflichtungen auf der anderen Seite (vgl. Hess, 1988, S.44). Je mehr die damaligen Halbpächter zu Großpächtern wurden, desto größer wurde ihre Macht, die eigentlich nur von den Baronen geliehen war. Das Gewaltmonopol, das Recht der Barone über Leben und Tod ihrer Untertanen zu entscheiden, wurde von deren Pächtern stellvertretend wahrgenommen. Es entstand demnach zwischen dem Gabellotto und dessen Untertanen eine Herrschaftsbeziehung, welche nach Coleman dadurch gekennzeichnet ist, dass der eine Akteur Kontrollrechte über die Handlung des
12 „Gabellotto“: Formal ist dies nur ein Pächter der Ländereien. In Wirklichkeit übernahm er alle Rechte des Feudalherren, in den Augen der Bauern trat er an die Stelle der Barone. Der Herkunft nach ist der Gabellotto nur ein kleiner Landbesitzer, Händler oder Viehmakler, der durch seine Erpressungen gewisse Mittel erlangt hat. Er ist demnach einer aus der Masse der Bauern, der es geschafft hat, sich emporzuarbeiten und an zu Geld zu gelangen (vgl. Hess, 1988, S.44).
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anderen besitzt (vgl. Coleman, 1991b, S.83). Somit konnten die Gabellotti bestimmen, wer, wie und auf welche Weise bestraft wird, bis hin zum Todesurteil. Dieses Phänomen, anstelle des Staates Strafen bis hin zum Tod zu erteilen, wurde später als das Charakteristikum der Mafia angesehen, obwohl es natürlich nur eines von vielen ist (vgl. Uesseler, 1987, S.84f.). Gambetta sieht in dem Gabellotto jedoch keinen Mafiosi. Er ist der Meinung, dass es viele theoretische und empirische Gründe dafür gibt, „dass die Identifizierung des Gabellotto mit dem Mafioso so irreführend ist wie jeder andere Versuch, die Mafia außerhalb ihres spezifischen Kontextes auszumachen - dies führt dazu, sie mit ihren Kunden zu verwechseln“ (Gambetta, 1994, S.116). Zwei so verschiedene Erscheinungen, Gabellotto und Mafioso, können nicht miteinander verschmelzen. Der Mafioso an sich muss an keinen bestimmten Beruf gebunden sein. Hierbei könnte es sich um jede Berufsgruppe der damaligen Zeit handeln. Das Einzige, was ein Mafiosi können muss, ist glaubwürdig Schutz zu verkaufen. Man darf demnach nicht die allgemeinen gewalttätigen Unternehmer, die es überall auf der Welt gibt, mit Mafiosi verwechseln, die viel seltener sind und sich von denen stark unterscheiden. In der Zeit, in der sich die Methoden der Mafia herausbildeten, expandierte der Zitrusfrüchteanbau in Sizilien. Von 1834-1850 steigerte sich der Zitrusfrüchteexport von 400.000 auf 750.000 Kisten pro Jahr. Mitte der achtziger Jahre des 19. Jahrhunderts stieg die Ausfuhr sogar auf 2,5 Millionen Kisten. Somit lieferte der Zitrusanbau im Jahr 1876 das Sechzigfache des durchschnittlichen Hektarertrages auf der übrigen Insel. Und genau dies ist das Umfeld in dem die Mafia groß werden konnte. Der Anbau von Zitrusfrüchten bestand aus einer Kombination von Gefährdung und hohen Profiten. Für den Anbau mussten enorme Anfangsinvestitionen getätigt werden. Weiterhin waren die Pflanzen sehr empfindlich. Vandalismus an Bäumen oder Früchten war eine ständige Gefahr. Dieses Umfeld, die Möglichkeit der Besitzer hohe Gewinne zu erwirtschaften aber auch die Gefahr durch Willkür Anderer alles zu verlieren, war ein hervorragendes Umfeld für die Schutzgelderpressung durch die Mafia (vgl. Dickie, 2006, S.53f.). Obwohl der gewinnträchtige Zitrusfrüchteanbau in vielen Küstenregionen Siziliens betrieben wurde, hält auch Dickie die Mafia für ein westsizilianisches Phänomen. Die Stadt Palermo war um 1860 die Drehscheibe für Groß- und Einzelhandel sowie der wichtigste Hafen der Insel. Mit fast 200.000 Einwohnern war sie das politische, wirtschaftliche und juristische Zentrum Siziliens. Bei den Grundeigentümern und Vermietern in dieser Region war mehr Geld im Umlauf als irgendwo sonst auf der Insel. Die Mafia wurde demnach nicht aus Armut oder Isolation, sondern aus Macht und
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Reichtum geboren. Die parlamentarische Untersuchungskommission sah das nicht anders:
„Wo die Gehälter geringer und das Leben des Taglöhners ärmer ist, in Patti, Castroreal, in Syrakus und Trapania, gibt es das Symptom der Mafia nicht, die öffentliche Sicherheit bietet dieselben Garantien und denselben Verlauf wie in anderen ruhigen Orten des Königreichs…Misilmeri und Partinico, Monreal und Bagheria, wo das Grundeigentum aufgeteilt ist, wo die Arbeitsplätze sicher sind, wo die Zitrusfrüchteplantagen Eignern und Landwirten Reichtum einbringen, dort sind gewöhnlich die Einflusszonen der Mafia. In Palermo, in seinen Vororten, seinen Gärten, sind die bekanntesten und machtbesessensten Mafiosi reiche Leute; sie leben von der Arbeit anderer.“ (Pezzino zitiert nach Gambetta, 1994 S.119)
Die Mafiosi bedienten sich demnach dort, wo das Geld in Sizilien zu finden war. Denn wo Reichtum vorhanden ist, gibt es auch eine Nachfrage nach Schutz. Wie kann aber ein Verkäufer Schutz verkaufen, der zum Beispiel nur einen einzigen Kunden hat? Gambetta zufolge waren diese Schutzgeber im einfachsten Fall schlichte Angestellte, wie zum Beispiel die Schläger der Barone oder die Landaufseher der Gabellotti (vgl. Gambetta, 1994, S.117). In diesem Fall sind die Schutzgeber unter der Kontrolle des Käufers, da er sie selbst angestellt hat und sie ihm dienen. Wie kam es nun dazu, dass sich Schutzanbieter selbstständig machen konnten? Hierzu benötigte der Anbieter mehrere Kunden, die seine Dienste in Anspruch nahmen. Dadurch war der Schutzgeber für den Abschluss laufender Geschäfte unverzichtbar geworden. Um nicht in Abhängigkeit eines bestimmten Käufertypus zu gelangen, war es für den jeweiligen Schutzanbieter von Vorteil, wenn seine Kunden aus mehreren Branchen stammten. Der angebotene Schutz, gefächert auf unterschiedliche Bereiche, wird dadurch zu einer „abstrakten Ware“ (Gambetta, 1994, S.118).
Wenn die Mafia demzufolge dort entsprang, wo Geld in Umlauf war, warum ist sie dann nicht überall dort zu finden gewesen, wo die Wirtschaft blühte? Denn die Mafia entstand auch nicht in allen Küstenstädten, in denen eine dynamische Wirtschaftskraft zu finden war. Und sie entstand auch nicht nur in reichen Gebieten allgemein, sondern auch in ärmeren Städten des westsizilianischen Hinterlandes. Gambetta vertritt hierbei die Auffassung, dass die Unterschiede zwischen Ost- und Westsizilien nicht in den städtischen Gebieten ihren Ursprung haben, sondern auf dem Land, in dem unterschiedlichen Verhalten des Landadels. Denn nur in den Märkten, die an die
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Anbaugebiete Westsiziliens grenzten, entwickelte sich Ende des 19. Jahrhunderts die Mafia. Demnach ist es anzunehmen, dass die Merkmale der Mafiosi durch die Bedingungen des Hinterlandes angeregt wurden, vor allem durch das Angebot von Schutzgewährung (vgl. Gambetta, 1994, S.123). Halten wir die Fakten fest:
· die ersten mafiosen Tätigkeiten wiesen also die Küstengebiete auf, · die Mafiosi waren bei weitem nicht so eng mit den Gabellotti verbunden wie früher noch angenommen
· und im Hinterland Siziliens, in dem der Grundbesitz zersplitterter war, gab es weniger Geschäftsabschlüsse.
Hieraus sollte man jedoch nicht folgern, dass es auf dem Land einen unterentwickelten Schutzmarkt gegeben hatte, im Gegenteil. Von 1812 - 1860 erhöhte sich die Zahl der Grundeigentümer von Zwei- auf etwa Zwanzigtausend. Der Privatgrund wuchs in den letzten 40 Jahren des 19. Jahrhunderts von 250.000 auf 650.000 Hektar. Diese Veränderungen in den Besitzverhältnissen hatten natürlich auch gesellschaftliche und wirtschaftliche Folgen für diese Region. Je mehr Grund und Boden den Privatleuten zur Verfügung stand, umso mehr stieg die Nachfrage nach Schutz für diese. Im Osten der Insel wurde diese Nachfrage nach Schutz durch die Eigentümer selbst befriedigt, es bestand ein größerer Zusammenhalt untereinander und die dortige Bevölkerung war der italienischen Regierung weniger feindlich gesonnen. Der Westen hingegen, wo die adligen, eigentlichen Besitzer der Ländereien fast nie anwesend waren, gab es mindestens zwei Bereiche, in denen Schutz vonnöten war: erstens die Kontrolle der Bauern und zweitens der Schutz der Eigentumsrechte (vgl. Gambetta, 1994, S. 123f.; vgl. Hess, 1988 S.43ff.; vgl. Uesseler, 1987, S.85ff.).
Es ist nicht genau festzustellen, ob die Kontrolle über die Bauern erste Belege für die Entstehung der Schutzindustrie waren. Festzuhalten bleibt jedoch, dass die Bauern nach der Abschaffung des Feudalismus ärmer geworden waren und es in vielen Orten nach dem Jahr 1860 zu Revolten gegenüber deren Grundbesitzern kam. Die Frage nach Schutz erhöhte sich insoweit, da sich die Bauern gegen Ende des 19. Jahrhunderts in Kollektivbewegungen zusammenschlossen und somit die Grundeigner um ihren Besitz, aber auch die Gabellotti um ihre Pachtrechte bangen ließen. Ein weiterer Anlass, der die Nachfrage nach Schutz und damit die Anwendung von Gewalt steigen ließ, waren die Beziehungen zwischen den Agrarprodukten aus dem sizilianischen Hinterland und den reichen städtischen Märkten. Es ging hierbei jedoch
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nicht nur um die Produkte, sondern auch um die Frage „wer z.B. Grundstücke pachten, bei Versteigerungen erwerben durfte, wer über die Wasserquellen verfügen, wer Weg und Weiderechte haben sollte, wer Kredit, wer die Dreschverträge bekam, wer die Produzenten auf den städtischen Märkten vertreten, wer die Transporte kontrollieren würde“ (Gambetta, 1994, S.130). Diese neuen Geschäftsfelder waren ein willkommenes Betätigungsfeld für den mafiosen Schutz. Bei den Anfängen dieses Schutzgeldgeschäftes der Mafia wurde der meist imaginäre Schutz nicht in Form von Geld sondern in Naturalien honoriert. Blok beschreibt diese damals üblichen Machenschaften und Methoden der frühen Mafia wie folgt:
„Die Territorien der verschiedenen Gemeinden in der Gegend wurden in Bezirke unterteilt, die jeweils aus mehreren, von einer bestimmten cosca 13 Großgütern bestand. Der campiere war der Hüter des Gutes und unter dem Deckmantel dieser Rolle erzwang er die Tributzahlungen und sammelte die Abgaben ein, die zur Hälfte ihm selbst gehörten, während die andere Hälfte an den capomafia des Bezirkes ging... Die campieri erzwangen nicht nur von den bäuerlichen Teilpächtern Abgaben, sondern drängten sich... auch dem Verwalter des Gutes auf..., versuchten... durch mehr oder weniger verhaltene Drohungen, den Eigentümer zur Beschäftigung eines der ihren zu bewegen. Obwohl sich diese „Männer des Vertrauens“, wie die campiere genannt wurden, „Respekt“ zu verschaffen wussten , indem sie Viehräuber und sonstige Gelichter vom Gut fernhielten, erwies sich ihre Gegenwart für den Verwalter oder Eigentümer als Belastung.“ (Blok zitiert nach Arlacchi 14 , 1989 S.46)
Fassen wir also zusammen:
· Von der Hauptstadt Palermo aus herrschte die Aristokratie des 19.
· In den Dörfern und der Umgebung der Hauptstadt musste sie sich jedoch mit einer Vielzahl von Gewalttätern auseinandersetzen (vgl. Lupo, 2005, S.61).
13 „cosca“: unterste und kleinste Einheit des Mafiasystems, die meist nur einige dutzend Leute umfasst und sich um einen Mafioso gruppiert, der ein kleines Dorf oder einen kleinen Stadtteil regiert. Der Begriff „Famiglia“ wird oft als Synonym zu „cosca“ oder „cosca“-Verbänden verwendet (vgl. Galluzzo, 1985, S.175).
14 Pino Arlacchi: Professor für Angewandte Soziologie, zuerst an der Universität Cosenza seither in Florenz; ist Italiens angesehenster und führender Mafia- und Drogenforscher. Von 1984-86 war er als Berater der parlamentarischen Antimafia-Kommission tätig; 1991 entwickelte er die danach realisierte Antimafia-Polizei für Italien.
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· Das Hinterland des westlichen Siziliens schaffte demnach die Eingangsbedingungen für die mafiosen Dienstleistungen, · die Stadt bot weitere vorteilhafte Anwendungsgebiete dieser Praktiken · und der Staat, welcher es durch seine Sicherheitsorgane nicht schaffte der
Gambetta sieht dies nicht anders, er ist der Auffassung, dass der enorme Machtzuwachs der Mafia ohne den Sonderaspekt der Spannungen auf dem Land nicht möglich gewesen wäre (vgl. Gambetta, 1994, S.131).
2.1.3 Wie die Mafia zu ihrem Namen kam
„Mafia“ ist seit Mitte des 19. Jahrhunderts bis in unsere heutige Zeit ein überaus oft gebrauchtes Wort. Hierbei handelt es sich um einen sehr vielschichtigen Begriff, der sich damals wie heute auf mehrere unterschiedliche Dinge, Gruppierungen oder Umstände beziehen lässt. Es ist daher äußerst schwierig ein Thema, eine Typologie oder eine Abfolge von „in sich homogenen Phänomenen“ unter dem Begriff „Mafia“ zu bringen (vgl. Lupo, 2005, S.7).
Das Wort „Mafia“ ist das erste Mal in einem Dokument, einem Verzeichnis über die Versöhnung eines Ketzers mit seinem Glauben aus dem Jahre 1658, in Palermo niedergeschrieben worden. Das Wort ist hier als Spitzname hinter dem Namen einer Hexe zu finden: „Catarina la Licatisa, nomata ancor Maffia“. Das soviel bedeutet wie Kühnheit, Herrschsucht und Anmaßung (vgl. Hess, 1988, S.1). Nach Dickie bedeutet das Adjektiv „mafiosi“ im palermitanischen Dialekt soviel wie „schön“, „kühn“ und „selbstbewusst“. Die Bezeichnung „Mafioso“ bedeutete demnach, dass man ein gewisses Etwas, eine Eigenschaft hatte, die man „mafia“ nannte. Wie kam es, dass das Wort „Mafia“, das zuvor positiv besetzt war, einen kriminellen Beigeschmack bekam? Dickie begründet dies mit dem sehr erfolgreichen, im sizilianischen Dialekt verfassten Theaterstück „I mafiusi di la Vicaria“ 15 , welches 1863 seine Uraufführung hatte. Die hier benannten Mafiosi stellten eine Gruppe von Häftlingen dar, welche Eigenschaften besaßen und Redewendungen benutzten, die wir heutzutage den Mafiaangehörigen zuordnen würden. Diese Häftlinge hatten einen Boss, ein Initiationsritual und wie die heutigen Mafiosi auch, nannten sie ihr Schutzgeld
15 „I mafiusi di la Vicaria“: bedeutet übersetzt: „Die Mafiosi des Gefängnisses von Vicaria“
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„pizzo“ 16 . Das, was man heutzutage über dieses Gefängnis erfährt, spiegelt alles wieder, was das Theaterstück in seinem Inhalt auch darstellte. Diese Haftanstalt Palermos entwickelte sich sehr schnell zur Denkfabrik, zum Sprachlabor und
Kommunikationszentrum des organisierten Verbrechens auf Sizilien. Ein Beobachter der damaligen Zeit sah sie als eine „Art Regierung“ für die damaligen kriminellen Banden an. Das Wort „Mafioso“ kommt in dem genannten Theaterstück nur ein einziges Mal vor, und zwar im Titel. Den Begriff „Mafia“ sucht man in diesem Stück vergebens. Doch trotzdem wurden die Bezeichnungen „Mafia“ und „Mafioso“ nach dem sensationellen Erfolg des Stückes auf Verbrecher angewandt, die ähnlich wie die Akteure auf der Bühne handelten. Die neue Bedeutung dieser Wörter fand ab diesem Zeitpunkt den Weg von der Theaterbühne auf die Straße (vgl. Dickie, 2006, S.86f.; vgl. Gambetta, 1994, S.190f.; vgl. Borovicka, 1985, S.5f.). Die Theateraufführung und deren Folgen allein reichen jedoch nicht aus, um die Namensgebung „Mafia“ zu begründen. Mitte der 70er Jahre des 19. Jahrhunderts wurde aber selbst bei offiziellen Berichten über die Sicherheitslage der Insel kein Wort über die „Mafia“ verloren. Weder die Verbrecher noch deren Sympathisanten bezeichneten sich selbst oder ihre Organisation als „Mafia“. Erst als sich die italienische Regierung mit den kriminellen Gruppierungen auf der Insel beschäftigte, setzte sich der Name „Mafia“ allgemein durch und wurde somit zu einem wesentlichen Bestandteil der Geschichte dieser kriminellen Organisation.
Wie jedoch schon erwähnt, ist die Herkunft des Wortes „Mafia“ nicht zu hundert Prozent geklärt. Viele Autoren leiten es auch aus dem Arabischen, von dem Wort „mahias“ ab, was soviel bedeutet wie „Prahlhans“ oder „dreister Kerl“. Eine weitere diskutierte Möglichkeit verbirgt sich hinter der Ableitung von „Ma afir“, dem Namen des sarazenischen Stammes, der Palermo eine Zeit lang beherrschte. Die dritte Theorie, dass „Mafia“ aus dem Arabischen stammt bezieht sich auf das Wort „maha“, was soviel bedeutet wie Steinbruch oder Steinhöhle. Die so genannten „mafie“, die Steinhöhlen in der Nähe von Marsala, boten den verfolgten Sarazenen und später anderen Flüchtlingen Schutz (vgl. Hess, 1988, S.2). Diese Theorien der Abstammung des Wortes „Mafia“ halte ich jedoch für streitbar, da sie nicht eindeutig belegbar sind. Auch Hess beschreibt, dass noch im Jahr 1838, als der General von Trapania in einem Bericht an das
16 „pizzo“: Schutzgeld an die Mafia; stammt aus dem Sizilianischen, die frühere Bedeutung war „Schnabel“. Durch Gewährung des „pizzo“ erlaubte man jemanden, sich den „Schnabel nass zu machen“; die Änderung der Bedeutung des Wortes für die Bevölkerung geschah durch das Schauspiel „I mafiusi di la Vicaria“ um das Jahr 1863; im Jahr 1857 wurde „pizzo“ in einem sizilianischen Wörterbuch noch mit „Schnabel“ übersetzt, ab dem Jahr 1868 fand man die Übersetzung „erpresstes Geld“ (vgl. Dickie, 2006, S.86)
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Justizministerium über mafiose Verhaltensweisen von Betrügern berichtete, das Wort „Mafia“ darin nicht zu finden sei. Dreißig Jahre später jedoch ist der Gebrauch dieses Wortes für die typischen sizilianischen Verbrecherbanden allgemein üblich. Auch Hess führt dieses Phänomen auf das schon genannte Theaterstück von Rizotto und Mesca „I mafiusi della Vicaria“ zurück.
Nach und nach verband man in der damaligen Zeit das Wort „Mafia“ mehr mit den Delikten eines Hehlers und Planers als mit den Delikten üblicher Banditen und „ausführender“ Verbrecher. Fortan stand das Wort „Mafia“ für das organisierte Verbrechen in Sizilien allgemein, bis „sensationshungrige Journalisten, verwirrte norditalienische Juristen und ausländische Autoren“ (Hess, 1988, S.3) den Namen „Mafia“ als eine direkte Organisation festschrieben. Der Verschwörungstheoretiker und neu ernannte Präfekt von Palermo, Marquis Filippo Antonio Gualtiero, schickte am 25. April 1865 einen beunruhigenden Geheimbericht an seinen Vorgesetzten, den Innenminister. In diesem Bericht sprach er von einem gestörten Verhältnis zwischen der Bevölkerung und dem Staat. Dieses habe zu einer Situation geführt, in der „die sogenannte Maffia oder Verbrechergesellschaft immer frecher werden kann“ (Alatri zitiert nach Dickie, 2006, S.91). Gualtiero berichtete, dass es sich die Mafia in den Zeiten der Aufstände in Palermo zur Gewohnheit gemacht hatte, verschiedenen politischen Gruppierungen ihre Kräfte zur Verfügung zu stellen. Dadurch konnte sie ihren Einfluss mehren und durch die gewonnene Stärke immer auf der Oppositionsseite der Regierung stehen. Durch diesen Bericht kamen die Gerüchte über die Mafia aus der Inselhauptstadt Palermo erstmals den Machthabern in Italien zu Ohren. Die Analyse des Präfekten war in der Hinsicht richtig, dass das organisierte Verbrechen ein integraler Bestandteil der Inselpolitik sei. Er bemerkte jedoch nicht, dass die Mafia nicht nur in der Opposition sondern bereits in der bestehenden Ordnung vertreten war (vgl. Dickie, 2006, S.86ff.; vgl. Frankfurter Allgemeine Zeitung, 1993b).
Seit diesem Bericht Gualtieros und der namentlichen Festlegung der kriminellen Organisation der Insel, setzte sich das Wort „Mafia“ schnell in der Allgemeinheit durch, parallel dazu wurde es zum Gegenstand hitziger Auseinandersetzungen. Der Mafia wurde demnach ohne ihr Zutun, nur durch diesen Bericht, ein Name gegeben, was entscheidend für ihr zukünftiges Ansehen beitrug. Wichtig ist, hierbei ist zu erkennen, dass der von außen zugewiesene Name ein regelrechtes Markenzeichen geschaffen hat und es somit ermöglicht wurde, dass sich die Menschen einer Organisation anschließen konnten, die über eine Reputation verfügte (vgl. Gambetta, 1994, S.192). Seitdem führte
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jede fehlgeschlagene Aktion des Staates gegen die Mafia zu einem Glaubwürdigkeitsverlust der Regierung. Dadurch kam die Mafia nach und nach in den Ruf, klug, immun gegen Verfolgung, leistungsfähiger und gerechter als der Staat zu sein. Der Historiker Franchetti bestätigte diesen Imagegewinn der Mafia durch deren Namensgebung schon im 19. Jahrhundert mit den Worten:
„Das Substantiv Mafia kam einer Klasse von Gewalttätern gerade recht, die nur auf ein Substantiv gewartet hat, das sie selbst bezeichnet, und die aufgrund ihres Charakters und ihrer besonderen Bedeutung in der sizilianischen Gesellschaft zu Recht einen anderen Namen trägt als die gewöhnlichen Verbrecher anderer Länder.“
(Bericht des Hauptkommandos der Finanzpolizei zitiert nach Lupo, 2005, S.71)
Damals wurde der Name „Mafia“ wirklich nur für die verbrecherische Organisation auf Sizilien verwendet. Mit der Zeit entwickelte sich die Bedeutung des Wortes „Mafia“ weiter und wurde so Synonym für Verbrechergruppen aller Art. Damit verlor man jedoch auch die reale Angst vor der eigentlichen Organisation. Der Ermittlungsrichter und ehemals größte Feind der sizilianischen Mafia, Giovanni Falcone, sagte vor wenigen Jahren:
„Während man früher davor zurückschreckte, das Wort „Mafia“ auszusprechen, benutzt man es heute sogar zu viel. Es gefällt mir nicht, dass man fortwährend von „Mafia“ spricht, um etwas sehr Allgemeines zu beschreiben, denn dabei vermischt man nur Phänomene, die zwar in der Tat zum organisierten Verbrechen gehören, mit der eigentlichen Mafia aber wenig oder gar nichts zu tun haben.“ (Segno zitiert nach Lupo, 2005, S.7)
Diese Polemik Falcones richtete sich gegen die beschriebene Verharmlosung der aus Westsizilien stammenden kriminellen Elite. Er nannte in dieser Aussage die sizilianische Mafia die „eigentliche Mafia“ und kritisierte demnach, dass es eine Inflation des Namens „Mafia“ gegeben hatte, was dazu führte, dass man die wahre, die Ur-Mafia zu fürchten vergaß. Heutzutage sagen wir zu jeder kriminellen und halbwegs organisierten Vereinigung „Mafia“. Sei es die russische, die chinesische, die Fleisch-oder Zigarettenmafia, dafür könnte man Hunderte Beispiele finden (vgl. Arlacchi, 1993, S.16).
Der eigentlich reale, in der Öffentlichkeit aber wenig bekannte Name der sizilianischen Mafia ist jedoch „La Cosa Nostra“, was soviel bedeutet wie „Unsere
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Sache“, wie sie sich selber nennt. Dickies Auffassung zufolge bezeichnete sich die sogenannte Ur-Mafia in den Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg das erste Mal selbst als „Cosa Nostra“. Einer Theorie nach hat dieser „junge“ Name seinen Ursprung bei den sizilianischen Einwandererfamilien in den Vereinigten Staaten. Dort sprach man von „unserer Sache“, weil die Organisation angeblich Verbrechern aus anderen ethnischen Gruppen nicht offen stand. Da die Mafia jedoch keine schriftliche Aufzeichnungen oder Protokolle von Gesprächen oder Vereinbarungen jeglicher Art führt, kann man die Herkunft von „Cosa Nostra“ nicht beweisen. Die erste Erwähnung findet der Name bei der Vernehmung des Kronzeugen Joe Valachi, der diesen in seinem Verhör erwähnte und von nun an willkürlich als Eigenname gesehen wurde. Der Kronzeuge im Maxiprozess, Tommaso Buscetta, bestätigte den Namen „Cosa Nostra“ ebenfalls. Er selbst geht davon aus, dass dieser eine längere Geschichte hat als die letzten 60 Jahre des 20. Jahrhunderts. Jedoch gibt es auch dafür keinen Beleg (vgl. Dickie, 2006, S.331). Der Autobiographie Don Antonio Calderones` 17 zufolge, welche Pino Arlacchi aus der Ich-Perspektive wiedergibt, ist jedoch der Name „Cosa Nostra“ schon ewig der Bestandteil der sizilianischen Mafia. Dies wurde Calderone bei seiner eigenen Aufnahme in die Mafia so überliefert:
„Der Repräsentant hielt inne. Es ging ihm anscheinend zu schnell voran. `Also die echte Mafia ist nicht das, wovon alle reden. Die echte Mafia ist die Cosa Nostra´. […] Ich war überrascht. Es war das erste Mal, dass ich diesen Namen hörte. Zwar hatte ich schon einmal davon gehört, zur Zeit Valachis, des amerikanischen Kronzeugen. Ich hatte davon in den Zeitungen gelesen, aber geglaubt, die Cosa Nostra sei die amerikanische Mafia. `Die unsere heißt wirklich Mafia´, hatte ich mir damals gesagt.
Der Repräsentant wiederholte die Worte im Stakkato immer wieder, um sie in unsere Köpfe einzuhämmern: `Dies ist die Cosa Nostra - Co -sa No -stra! Versteht ihr? Cosa Nostra, nicht Mafia. Mafia nennen sie die Häscher, die Zeitungen´.“ (Arlacchi, 1993, S.68)
Ob die legendäre sizilianische Schutzindustrie nun Cosa Nostra oder Mafia genannt wird ist ziemlich nebensächlich, dem größten Teil der Mafiosi wäre es wahrscheinlich am liebsten, wenn „ihre Sache“ überhaupt nicht namentlich bekannt wäre und wenn
17 Antonio Calderone: geboren 1936 in Catania (Sizilien), war bis zu seiner Flucht aus Sizilien im Jahre 1983 stellvertretender Chef der „Familie“ von Catania. Sein Bruder, Giuseppe „Pippo“ Calderone war Chef der „Familie“ von Catania und Mitte der siebziger Jahre Chef der sogenannten
„Regionalkommission“, dem obersten Koordinierungs- und Schlichtungsorgan der Mafia.
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man sich über ihre Existenz nur mit gewissen Bewegungen von Körperteilen verständigen könnte. Damit möchte ich sagen: ob wir die sizilianische Mafia nun Bruderschaft, ehrenwerte Gesellschaft, Mafia oder aber Cosa Nostra nennen, in der Organisation wird sich deshalb weder in der Struktur noch in deren Methoden etwas ändern.
2.1.4 Wie wird man ein Ehrenmann?
Um ein „uomo d`onore“ werden zu können, musste der typische Sizilianer über gewisse Eigenschaften verfügen. Mut sowie Erbarmungslosigkeit, um Aufträge ohne Gewissensbisse ausführen zu können, waren Grundvoraussetzungen für den zukünftigen Mafioso. Um diese Eigenschaften zu testen wurde nicht selten ein sogenanntes „Eintrittsbillett“ verlangt. Dieses bestand aus dem Nachweis eines bereits durchgeführten Mordes. Eine zweite Voraussetzung für den Ehrenmann war eine durchsichtige und geordnete Familiensituation. Dies wurde unter anderem aus dem sizilianischen Ehrenbegriff heraus geboren und teilweise auch aus der Weitsicht, sich nicht emotional erpressbar machen zu lassen, zum Beispiel durch die Trennung von einer bisherigen Ehefrau. Eine dritte Voraussetzung war die Abwesenheit jeglicher Art von Verwandtschaftsbeziehungen zu Polizisten: dies diente der Vermeidung von Loyalitätskonflikten zwischen Blutsverwandtschaft und „Familienverwandtschaft“. Bei diesen elementaren Punkten für die Aufnahme in die Cosa Nostra müssen wir jedoch auch unterscheiden zwischen „sauberen Gesichtern“ 18 und den einfachen „soldati“. Diese auch sogenannten „stillen Mitglieder“ wurden nur sehr selten mit kriminellen Aufträgen versehen. Ihre Aufgabe war es, die Deckung für legale Geschäfte darzustellen oder aber den Flankenschutz für politische und ökonomische Operationen zu gewähren 19 .
Erfüllt eine Person diese eben genannten drei Voraussetzungen, wird sie von der Cosa Nostra beobachtet sowie vorsichtig auf die Bereitschaft geprüft, Mitglied dieses Netzwerkes zu werden. Ist die Bereitschaft der betreffenden Person vorhanden, wird sie an einen abgelegenen Ort geführt und es wird mit ihr im Beisein von mindestens drei Mitgliedern der „zukünftigen Familie“ die Zeremonie des Treueeides der Cosa Nostra vollzogen (vgl. Uesseler, 1987, S.106f.; vgl. Calvi, 1993, S.11f.; vgl. Stille, 1999,
18 „saubere Gesichter“: darunter wurden unter anderem Freiberufliche, Personen der öffentlichen Verwaltung, Politiker und Unternehmer gesehen
19 auf das Verhältnis zwischen Staat/Politik und Mafia werde ich in einem späteren Kapitel eingehen
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Arbeit zitieren:
Jan Hoffmann, 2006, Die Entstehung der Mafia, München, GRIN Verlag GmbH
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