Wie erlernt der Mensch die Rollenübernahme?
1. Einleitung
Der Mensch ist ein sich anpassendes Lebewesen. Er, der „Homo Sociologicus“ (Ralf Dahrendorf 1986), trägt viele Rollen. In der Theorie von Mead ist die Rollenübernahme ein wichtiger Punkt, denn dadurch, dass sich das Individuum in die Lage des anderen hineinversetzt, lernt es, die Perspektive von anderen zu verstehen und zu definieren. Nach Meads Theorie dient die Sozialisation dazu, dem Menschen zu vermitteln, den Erwartungen von anderen gerecht zu werden. Genannter „anderer“ wird im Laufe der Entwicklung des Kindes zum Erwachsenen zunehmend allgemeiner - zur gesamten Gesellschaft. Je nach Umfeld, nach Situation verhält der Mensch sich unterschiedlich. Es ist nachvollziehbar und logisch, dass er sich im Gespräch mit seinen Vorgesetzten anders gibt als in einer Unterhaltung mit seinem Freund. Allerdings ist selbst die Verhaltensweise gegenüber verschiedenen Personen des Freundeskreises häufig ebenfalls differenziert, was sich beispielsweise auf die persönliche Nähe zu dem einen, der eher flüchtigen Bekanntschaft zu einem anderen zurückführen lässt. Für den erwachsenen Menschen scheinen diese „Rollenspiele“ Alltag zu sein, ein Verhalten, das er weder vermeiden noch darauf verzichten kann. Es scheint ein Automatismus vorzuliegen. Diese Fähigkeit ist jedoch nicht angeboren, der Mensch muss sich die Rollenübernahme aneignen. Aber wie erlernt der „neue Mensch“, das Kind, wo sein Platz ist und wie er sich in bestimmten Situationen und Lebenslagen verhalten, welche Rolle es einnehmen soll? In meiner Hausarbeit werde ich versuchen, den Vorgang der Sozialisation des Kindes darzustellen und die Stationen der Entwicklung des Kindes zum „Homo Sociologicus“ aufzuzeigen und zu beschreiben. Darüber hinaus
2. Die soziale Situation des Säuglings und des Kleinkindes
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Fängt das Kind an, aktiv am Familienalltag teilzunehmen, z.B. während der Mahlzeiten mit am Tisch zu sitzen, wird sein Sozialverhalten ausgeprägter. Von älteren Geschwistern und den Eltern werden Verhaltensweisen abgeschaut und übernommen, was einen wichtigen Aspekt der Identitätsfindung darstellt, denn seine eigene Identität zu finden funktioniert nur mit Hilfe anderer Personen. Das Bewusstsein des Selbst entsteht durch ständige Kommunikation mit anderen Menschen. Durch das Hineinversetzen in die Rolle des Gegenüber kann man sich vorzustellen, wie dieser auf einen selbst reagiert. Wenn man sich diesen Vorgang bewusst macht, betrachtet man auch seine eigene Reaktion, indem man auf sich selbst aufmerksam wird. Salopp gesagt sieht man sich „mit den Augen des Gegenübers“ beim Bewusstwerdens seines Selbst.
3. Play und Game
Bei der Entwicklung der Identität des Kindes lassen sich zwei soziale Phasen unterscheiden„play“ und „game“.
3.1. Play
Die erste der zwei Phasen ist das „play“, wobei das Kind lernt, sich am Verhalten anderer zu orientieren. Das Kind formt durch die Nachahmung von nahe stehenden Personen (den signifikanten anderen wie z.B. Vater, Mutter, ältere Geschwister) seine Identität. Die Identität des Kindes ist eine Spiegelung dessen, was die Bezugspersonen ihm vorleben. Es kann sich nach der Beobachtung in eine andere Rolle hineinversetzen und wechselt von nun an zwischen der Rolle des anderen und der eigenen. Dazu muss gesagt werden, dass das Kind die Rolle des anderen nicht bewusst spielt, sondern die Rollenübernahme in der bestimmten Situation angebracht ist. Ein Bespiel dafür ist das Aufpassen auf jüngere Geschwister. Die Mutter hat etwas zu erledigen und beauftragt das ältere Kind, für eine Weile auf das jüngere Acht zu geben. Das ältere Kind übernimmt somit die Rolle der Mutter. Auf dieser ersten Ebene der kindlichen Entwicklung ist noch keine Verallgemeinerung der Rollenerwartung vorhanden. Das Kind kennt die Mutter, den Vater, aber nicht eine Mutter und einen Vater (eines anderen Kindes).
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3.2. Game
In der zweiten Phase, dem „game“ wird sich das Kind seiner Identität immer bewusster. Dabei behilflich sind Spiele, bei denen es aktiv in die Rolle anderer eingreift. Es verfügt nun über Rollen.
Im „game“ findet nun nicht mehr die Auseinandersetzung mit dem signifikanten anderen sondern dem verallgemeinerten anderen statt. Der verallgemeinerte andere ist die Vorstellung, die man innerhalb der Gesellschaft von einer bestimmten Rolle oder einem bestimmten sozialen Ereignis hat. Man spricht dabei auch von Werten und Normen. Das Kind lernt "die organisierte Gemeinschaft oder gesellschaftliche Gruppe" (Fischer 2006, S. 48) kennen. Es kennt nun z.B. nicht nur die Mutter und den Vater, sondern auch eine Mutter und einen Vater. Das Bewusstsein über die Existenz vieler Elternpaare ist geweckt. Damit die Rollenübernahme stattfinden kann, muss das Kind bzw. der Jugendliche „die vielen Haltungen der Anderen und seine Haltung ihnen gegenüber zu einem Ganzen organisieren“ (Fischer 2006, S. 48). Im sozialen Umfeld wurden viele verschiedene Personen kennen gelernt, die Zahl der Bezugspersonen ist angestiegen und umfasst nicht mehr ausschließlich die Eltern. Es hat gleichaltrige Freunde, Bekanntschaft mit Eltern von Schulkameraden gemacht, wurde von verschiedenen Lehrern unterrichtet etc. Durch die hohe Anzahl an Bezugspersonen lernt das Kind in der Entwicklung, die Vorstellung von anderen zu verallgemeinern. Beispielsweise macht es bei vielen Erwachsenen die Beobachtung, dass sie morgens zur Arbeit gehen. Daraus folgt der verallgemeinerte Schluss, dass der Erwachsene im Allgemeinen eben arbeiten geht.
Der Jugendliche schaut sich sein Handeln nicht mehr beim Vorbild „Mutter“ ab, da er seine eigene Identität und Persönlichkeit entwickelt. Er kennt häufig die Erwartungen der Erwachsenen und weiß, dass z.B. die Mutter eines Freundes völlig anders mit der Erziehung etc. umgeht als seine eigene. Die Erwartungen der Gesellschaft an ihn sind ihm ebenfalls bekannt und er fügt sich durch sein eigen bestimmtes Verhalten in sie ein. Aus der Erwartung entsteht die Formung der Identität durch die Rollenübernahme („Ich bin Teil der Gesellschaft.“).
Die Rollenübernahme des generalisierten anderen ist gleichzeitig die Übernahme der Werte und Normen der Gesellschaft und die Kenntnis von Gesetzen, gegen die nicht verstoßen
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Arbeit zitieren:
Annika Berressem, 2008, Wie erlernt der Mensch die Rollenübernahme?, München, GRIN Verlag GmbH
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