Zusammenfassung
In der vorliegenden Arbeit wird das derzeitige Koexistenzmodell von Sachkundeprüfung und Berufsausbildungen hinsichtlich Handlungs- und Einsatzkompetenz der Sicherheitsmitarbeiter eingeschätzt und ein mögliches Alternativmodell entworfen. Dazu dient im ersten Teil eine deskriptive Darstellung der derzeitigen Branchenlage, deren Entwicklung hin zu den jeweiligen Qualifikationen und den jeweiligen Ausbildungsinhalten, Prüfungsgewichtungen sowie Einsatzfeldern. Im zweiten Teil dient eine fragebogengestützte Unternehmensbefragung der Charakterisierung des derzeitigen Qualifizierungsmodells, hinterfragt Hintergründe einer möglichen Trendentwicklung und beleuchtet die Handlungskompetenz der jeweiligen Qualifizierungen und die Marktsituation hinsichtlich der Mitarbeiterqualifikation, welche dem Kunden „verkauft“ wird. Diese hier gewonnenen Erkenntnisse sollen einen kurzen allgemeinen Branchenüberblick liefern und zur Diskussion anregen, da die Mitarbeiterqualifikation hinsichtlich stetig wachsender Kriminalitätspotentiale, expandierender globaler Sicherheitsmärkte und stetig wachsender Ansprüche an und der Privatisierung von Sicherheitsdienstleistungen immer mehr an Bedeutung gewinnt und auch das Branchenimage von ihr maßgeblich abhängt.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung. 4
2 Gegenwärtige Situation und Perspektiven der Sicherheitsbranche. 6
2.1 Die Branche in Zahlen 6
2.2 Perspektiven des Sicherheitsgewerbes. 8
3 Entwicklung der Qualifizierungsmodelle des Sicherheitsgewerbes seit 1994. 10
3.1 Von den Umwälzungen der rechtlichen Rahmenbedingungen bis hin zur
Berufsausbildung 10
3.2 Prüfungs- und Ausbildungszahlen 13
4 Tätigkeitsfelder im Sicherheitsgewerbe 15
5 Profil und Profilvergleich der Sachkunde und der Berufsausbildungen. 19
5.1 Profil der Sachkundeprüfung 19
5.1.1 Inhalte der Sachkunde. 19
5.1.2 Prüfungsmodalien- und Schwerpunkte 20
5.1.3 Hintergrund der Sachkundeprüfung. 21
5.2 Profil der „Servicekraft für Schutz und Sicherheit“ 21
5.2.1 Inhalte der Berufsausbildung 21
5.2.2 Prüfungsmodalien- und Schwerpunkte 23
5.2.3 Berufsbild der „Servicekraft“ 24
5.3 Profil der „Fachkraft für Schutz und Sicherheit“ 26
5.3.1 Inhalte der Berufsausbildung 26
5.3.2 Prüfungsmodalien- und Schwerpunkte 27
5.3.3 Berufsbild der Fachkraft 28
6 Vergleich zwischen Sachkunde, Servicekraft und Fachkraft 29
7 Anforderungen an Sicherheitsmitarbeiter. 32
7.1 Formale Anforderungen an Sicherheitsmitarbeiter. 32
7.2 Persönliche Anforderungen an Sicherheitsmitarbeiter in Bezug auf Einsatzkompetenz34
8 Die Unternehmensbefragung 37
8.1 Entwicklung des Fragebogens 38
8.2 Durchführung der Online-Befragung. 39
8.3 Ergebnisse der Online-Befragung. 40
8.4 A: Angaben zum Unternehmen 41
8.4.1 A1: Einsatzbereiche 41
8.4.2 A2: Zeitliche Existenz am Markt. 41
8.4.3 A3: Gesamtbeschäftigtenzahl 42
8.4.4 A4: Anzahl der Sachkundigen nach § 34a Abs.1 GewO 42
8.4.5 A5: Anzahl der Fach-/Servicekräfte für Schutz und Sicherheit. 42
8.4.6 A6: Anzahl Auszubildender zur Fach-/Servicekraft für Schutz und Sicherheit 43
8.5 B: Einschätzung der Qualifizierungsinhalte 43
8.6 C: Qualitätsunterschiede zwischen Sachkundekraft, Fach- und Servicekraft. 44
8.6.1 C1: Vorhandensein von Qualitätsunterschieden in der Arbeitsweise von
Sachkundekraft , Fach- und Servicekraft 44
8.6.2 C2: Gründe für die Qualitätsunterschiede in der Arbeitsweise von Sachkundekraft,
Fach - und Servicekraft 44
8.7 :D Einschätzung über das Vorhandensein der besten operativen Handlungskompetenz45
8.7.1 D1:Bestimmung des höchsten Ausmaßes der operativen Handlungskompetenz 45
8.7.2 D2: Begründung der Bestimmung des höchsten Ausmaßes der operativen
Handlungskompetenz. 45
8.8 E: Einschätzung des derzeitigen Qualifizierungsmodells 46
8.8.1 E1: Ausmaß der Zufriedenheit mit dem derzeitigen Qualifizierungsmodell 46
8.8.2 E2: Begründung für das Ausmaß der Zufriedenheit 46
8.8.3 E3: Auswahl von Aussagen zu möglichen Modellalternativen 47
8.8.4 E4: Eigene Alternativen zum derzeitigen Qualifizierungssystem 48
8.9 F: Einschätzung des Entwicklungstrends im Qualitätsbereich der
Sicherheitsmitarbeiterqualifikation 49
8.9.1 F1: Vorhandensein eines Trends hin zu wachsenden Qualifizierungsanforderungen 49
8.9.2 F2: Gründe für einen Trend hin zu wachsenden Qualifizierungsanforderungen 50
8.10 G: Empfehlung einer Mitarbeiterqualifizierung an den Kunden 51
8.10.1 G1: Entscheidung für den Einsatz einer bestimmten Mitarbeiterqualifizierung
(Sachkundiger, Fach-/Servicekraft) beim Kunden. 51
8.10.2 G2: Begründung für den Einsatz einer bestimmten Mitarbeiterqualifizierung. 51
8.11 Zusammenfassung der Ergebnisse der Online-Befragung. 52
9 Abkürzungsverzeichnis 57
10 Quellenverzeichnis 58
11 Verzeichnis der Abbildungen. 62
12 Verzeichnis der Schaubilder 62
13 Verzeichnis der Tabellen. 62
14 Anhang 63
4
1 Einleitung
In einer globalen Gesellschaft, in der Kriminalität, neue Verbrechensformen und schwindende Hemmschwellen, Gewalt gegen Menschen auszuüben, zunehmen und immer mehr öffentliche Sicherheitssaufgaben an Private abgegeben werden, erhöht sich nicht nur das Sicherheitsbedürfnis der Bevölkerung, sondern auch der Anspruch an die verschiedensten Sicherheitsdienstleistungen und dessen Personal. Spätestens seit den terroristischen Anschlägen auf die Twin-Towers 2001 befindet sich die Sicherheitsbranche auch in Deutschland in einem stetigen Wachstum und entwickelt sich durch zunehmende Privatisierung von Sicherheitsaufgaben zu einer unerlässlichen Größe der inneren Sicherheit.
Diese Entwicklung hatte bereits weit reichende Auswirkungen auf die Aus- und Weiterbildungsmodelle im Sicherheitsgewerbe. Neben einigen anderen sollen die Einführung einer Sach-kundeprüfung, Installation der Berufsausbildungen Fachkraft für Schutz und Sicherheit und die noch sehr junge Servicekraft für Schutz und Sicherheit die neuen Qualitätsanforderungen, angelehnt an der DIN Norm 77200 „Anforderungen an Sicherheitsdienstleistungen“, sicherstellen und mit dem europäischen Sicherheitsmarkt konkurrieren können. Ebenfalls zu dieser Qualitätsentwicklung gehören die Qualifikation des Meisters für Schutz und Sicherheit sowie die akademischen Ausbildungen, denn nur durch stetige Qualifikation kann auch eine hohe Qualität an Sicherheit gewährleistet werden. Peilert und Stober (2008, VII) formulierten diesbezüglich für Sicherheitsunternehmen und Verantwortliche der Unternehmenssicherheit das Ziel folgendermaßen:
„Sie müssen stets besser qualifiziert sein als diejenigen, welche die Sicherheit bedrohen und verletzen. Wegen dieses notwendigen Wissensvorsprungs der Sicherheitsbranche besitzt das Stichwort Sicherheitsqualifikationen stets eine dynamische Komponente, die sich in der Sicherheitsbildung niederschlagen muss.“
Diese Entwicklung und eigene mehrjährige Branchenerfahrung in operativen Sicherheitsdienstleistungen und Ausbildungen des Autors zum Anlass nehmend, sind die derzeitigen Qualifikationsmodelle Sachkunde und die Berufsausbildungen Service-/und Fachkraft Untersuchungsge-genstand dieser Arbeit, um, losgelöst von politischen und juristischen Diskussionen, die Koexistenz beider Zugänge zum Sicherheitsgewerbe zu beleuchten und unter Aspekten der Handlungs-und Einsatzkompetenz auf die derzeitigen Anforderungen an Sicherheitsmitarbeitern zu überprüfen. Hieraus soll geschlussfolgert werden, ob die Koexistenz noch zeitgemäß und zweckmäßig ist. Hierzu teilt sich die Arbeit in zwei Bereiche, wobei der erste Teil kurz die derzeitige Branchenlage und die gesetzlichen Änderungen hin zur Sachkundeprüfung und den Berufsausbildungen sowie die jeweiligen Qualifikationen hinsichtlich Ausbildungs- und Prüfungsinhalten sowie Einsatzfeldern deskriptiv skizziert. Außerdem werden formale Anforderungen an Sicher- heitsmitarbeiter mit polizeiwissenschaftlichen Erkenntnissen hinsichtlich Handlungs- und
5
Einsatzkompetenz verbunden, um aufzuzeigen, welche Ausbildungsform eine intensivere Vorbereitung auf das Tätigkeitsfeld Sicherheit bietet.
Im zweiten Teil schließt sich die Online-Unternehmensbefragung mittels Fragebogen „Qualifizierungsmodelle im Sicherheitsgewerbe“ an, welche aufgrund ihrer zeitsparenden und bequemen Versendung und Bearbeitung per Mail der modernen elektronischen Kommunikation und Arbeitsmethode gerecht wird, so dass auf diese Weise ein größerer Pool an Befragungsteilnehmern erreicht werden kann. Dies erhöht wiederum die Antwortresonanz. Die Umfrage soll unter anderem Aufschluss darüber geben, welche Tätigkeitsbereiche der Befragten bedient werden, welche Qualifikation momentan den Markt hinsichtlich der Beschäftigtenzahlen beherrscht und wie intensiv die Ausbildung der beiden Berufe betrieben wird, um dies mit den Branchenzahlen zu vergleichen und mögliche Rückschlüsse auf die Untersuchung abzuleiten. Weitere Inhalte sind Einschätzungen zu den jeweiligen Handlungskompetenzen und Unterschiede in den Arbeitsausführungen und deren Begründungen. Ferner ist es für die Einschätzung der Qualifikationsmodelle wichtig, zu erfahren, inwieweit das derzeitige Modell akzeptiert wird, es einen wachsenden Trend hin zu höheren Qualifizierungsanforderungen gibt und woraus dieser resultiert, um anhand der individuellen Empfehlungspraxis von Mitarbeiterqualifikationen an den Kunden und deren Gründe Rückschlüsse auf das Koexistenzmodell und die Marktgegebenheiten zu ziehen.
Aus dem sich aus Sekundärliteratur und Umfrage ergebenen Bild zum derzeitigen Qualifikationsmodell entwickelt der Autor im Laufe der gesamten Arbeit eine Antwort auf die Ausgangsfrage und leitet in der Zusammenfassung ein mögliches Alternativmodell ab. Es sei darauf hinzuweisen, dass diese Arbeit keinen Anspruch auf Vollständigkeit erhebt und auch die Umfrageergebnisse nicht repräsentativ sind, sondern rein informellen und qualitativen Charakter aufweisen und einen sehr kleinen Branchenausschnitt liefern. Sie soll im Hinblick auf den ersten Teil als zusammenfassende Branchenübersicht und in Verbindung mit dem zweiten Teil als Diskussionsgrundlage dienen.
Es werden die im Folgenden häufig verwendeten Begriffe wie „Sachkundige“, „Servicekraft“ und „Fachkraft“ immer im Kontext der Qualifizierungen gesehen und sie beziehen ohne nähere Spezifizierung immer Frauen und Männer ein.
In der Berufsbildungsforschung wird unterschieden zwischen dem Begriff der "Qualifikation" als personenbezogenes Merkmal und den "Qualifikationsanforderungen" als tätigkeitsbezogenes Merkmal (Schleucher/Maskow 1983). Dabei beinhaltet die Qualifikation das personenbezogene Arbeitsvermögen, das sich aus Fach- und Sozialkompetenzen zusammensetzt. Unter Qualifika-tionsanforderung ist in dieser Arbeit die Gesamtheit der auf eine bestimmte Tätigkeit bezogenen psycho-physischen, intellektuellen und sozialen Kenntnisse, Fertigkeiten und Fähigkeiten, die zur Bewältigung der in der Tätigkeit anfallenden Arbeitsaufgaben erforderlich sind, zu verste-
6
hen. Der Begriff Qualifikationsanforderungen beruht demnach auf einem signifikanten Verständnis von Anforderungen, die sich funktional aus der Arbeitstätigkeit ableiten lassen.
2 Gegenwärtige Situation und Perspektiven der Sicherheitsbranche
2.1 Die Branche in Zahlen
Wie aus der Abbildung 1 zu erkennen ist, befindet sich die Sicherheitsbranche seit 1996 im stetigen Wachstum. Neueste Erhebungen des BDWS gehen davon aus, dass in 3.500 Sicherheitsunternehmen 169.000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter beschäftigt sind. Die Einsatzgebiete der Beschäftigten zeigt die Abbildung 2, welche die Haupteinsatzfelder „Objektschutz“ und „Empfangsdienst“ erkennen lässt. Dies spiegelt sich trotz andauernder Wirtschaftskrise auch in dem im Jahr 2009 erwirtschafteten Gesamtumsatz von ca. 4,5 Mrd. Euro wider. Dieser wird, wie Abbildung 3 aufzeigt, hauptsächlich durch Objektschutztätigkeiten (65 %) erbracht. 1 Der Bundesverband Deutscher Wach- und Sicherheitsunternehmen (BDWS) und die Vereinte Dienstleistungsgewerkschaft (ver.di) haben am 19.04.2010 in Hannover einen Mindestlohn-Tarifvertrag unterschrieben, welcher von der Bundesregierung noch für allgemeinverbindlich erklärt werden muss. 2 Hierzu sieht die Tarifabsprache die in Tabelle 1 dargestellte Mindestlohnentwicklung ab 01.01.2011 vor.
Abbildung 1: Beschäftigtenentwicklung im Wach- und Sicherheitsgewerbe
Quelle: BDWS - Stand 01.04.2009
1 Vgl. Olschok, H. (2010a): Jahrbuch Unternehmenssicherheit, S. 3.
2 BDWS (2010): Mindestlohn-Tarifvertrag unterzeichnet, in: Rundschreiben BDWS 27 / 2010.
7
Abbildung 2: Einsatzgebiete des Sicherheitspersonals
Abbildung 3: prozentuale Gesamtumsatzverteilung des Branchenumsatzes 2009
Quelle: Eigene Darstellung nach BDWS: Stand 10.05.2010
Quelle: BDWS: Presseinformation 10/2010
2.2 Perspektiven des Sicherheitsgewerbes
Die unter anderem weltweit zunehmende Terrorgefahr, Milliardenschäden durch Werksspionage oder Diebstahl bescheinigen dem Sicherheitsbedarf von Unternehmen und öffentlichen Einrichtungen eine steigende Tendenz. Da die Verbraucher von Sicherheitsdienstleistungen sowohl im öffentlichen Sektor als auch in öffentlichen Einrichtungen und Betrieben und im privatwirtschaftlichen Bereich, hier unter anderem Handel, Logistik, Gebäudeschutz, Industrie, Banken, kritische Infrastruktur, zu finden sind, sieht sich das Sicherheitsgewerbe verstärkt unterschiedlichen Bedürfnissen und Kundenwünschen sowie der Vermischung von Safty- und Securityaufgaben ausgesetzt. Des Weiteren erfolgt eine zunehmende Fremdvergabe beziehungsweise ein Outsourcing von Sicherheitsleistungen im Bereich der Unternehmenssicherheit, da hier ein hoher wirtschaftlicher Kostendruck herrscht. Hier stehen sich oft bei Auftragsvergabe Qualität und Preis gegenüber. Dabei ist bei einem reinen Preiswettbewerb letztendlich mit Qualitätsverlust zu rechnen. Die bereits begonnene Qualitätsoffensive im Sicherheitsgewerbe, sich stützend auf die DIN 77200, die Professionalisierung von Unternehmen bis hin zu den Mitarbeiterqualifikationen und auch die Akademisierung tragen dazu bei, langfristig Image- und Wahrnehmungsprobleme der Branche zu überwinden und den Ruf eines „Dienstleisters für dirty job`s“ oder „schwarze Sheriffs“ abzulegen 3 .
Auch im Hinblick auf die wachsende Kooperation mit behördlichen Partnern erwächst das Sicherheitsgewerbe weiter zur unverzichtbaren dritten Säule der Sicherheitsstruktur 4 . Polizeien alleine können kräftemäßig die Aufgabenerfüllung nicht mehr bewältigen, was zur Folge hat, dass das Sicherheitsgewerbe verstärkt auch im öffentlichen Raum wahrgenommen wird. Daher ist es gerade unter Betrachtung dieser wachsenden Ansprüche zwingend notwendig, dass Si- 3 Olschok,H. (2010b): Die Perspektiven des Sicherheitsgewerbes, Redebeitrag zum 11. Sicherheitsgewerberechtstag des FORSI.
4 Ebenda.
9
cherheitsmitarbeiter „… sich weiter qualifizieren, zertifizieren und angemessene Löhne erhalten“ 5 . Ferner sind gesetzliche Regelungen nötig, um den Megatrend Selbstständigkeit ausreichender zu reglementieren, da viele Unternehmen nur sehr kurzfristig am Markt existieren. 6 Hierzu veranstaltet beispielsweise das Forschungsinstitut für Compliance, Sicherheitswirtschaft und Unternehmenssicherheit (FORSI) am 01.10.2010 einen Workshop unter dem Thema „Re-formierung der Gewerbezulassung für Sicherheitsdienste - Zur Novellierungs- und Qualifizierungsdiskussion“ 7 .
Daneben stehen ganzheitliche Entwicklungsprozesse, wie vernetzte Sicherheit, die Orientierung anhand der Wertschöpfungskette, Supply Chain Security Management gemäß der ISO 28000 und Business Continuity Management. 8 Im Zeichen der weiterwährenden europäischen Branchenentwicklung wird sich das Gewerbe neuen Anforderungen wie zum Beispiel der ab 2011 erwarteten Arbeitnehmerfreizügigkeit stellen müssen. 9
Abschließend ist anzuführen, dass das Sicherheitsgewerbe unter einem wachsenden Konkurrenzdruck steht und daher auf geringfügig Beschäftigte und ein breites Angebotsportfolio angewiesen sein wird 10 , was zur Folge hat, dass sich eine Spaltung des Marktes zwischen Billiglohnsegment und Bereichen, in denen eine höhere Bereitschaft Kosten für die Dienstleistungsqualität und des Personals zu tragen, abzeichnet.
5 Hohnen, J. (2010): Herausforderungen und Chancen des Sicherheitsgewerbes unter Berücksichtigung aktueller internationaler Bedrohungslagen. Festvortrag zum 11. Sicherheitsgewerberechtstag des FORSI.
6 Manner, W. (2010): ): Grußwort zum 11. Sicherheitsgewerberechtstag des FORSI.
7 FORSI (2010): Veranstaltungsplan, zu erreichen unter unter http://forsi.duw-berlin.de/veranstaltungen.html, Stand 25.05.2010.
8 Gundel, S. (2010): Die Perspektiven der Sicherheitsberatung, Redebeitrag zum 11. Sicherheitsgewerberechtstag des FORSI.
9 Hohnen, J. (2010): Herausforderungen und Chancen des Sicherheitsgewerbes unter Berücksichtigung aktueller internationaler Bedrohungslagen. Festvortrag zum 11. Sicherheitsgewerberechtstag des FORSI.
10 Vgl. Gerber, Claus (2010), Neue Ausbildungsberufe, Studiengänge und Weiterbildungsangebote, in: Olschok, Harald (Hrsg.): Jahrbuch Unternehmenssicherheit 2010, S. 206.
10
3 Entwicklung der Qualifizierungsmodelle des Sicherheitsgewerbes seit 1994
3.1 Von den Umwälzungen der rechtlichen Rahmenbedingungen bis hin zur Berufsausbildung
Im Vergleich zu anderen europäischen Nationen existieren in Deutschland keine Spezialgesetze für private Sicherheitsdienste. Deren Tätigkeiten erfolgen lediglich auf der Grundlage des Grundrechts der allgemeinen Berufswahl und Berufsausübung nach Art. 12 Abs. 1 GG. Die gewerberechtlichen Grundlagen des Bewachungsgewerbes liegen im § 34a der Gewerbeord-
Schaubild 2 einen Einblick in die Vorgaben des Zwecks und die Betroffenen des Unterrichtungsverfahrens.
Am 15.01.2003 trat das „Gesetz zur Änderung des Bewachungsgewerberechts“ in Kraft, welches die Voraussetzungen der Tätigkeitszulassung im Wach- und Sicherheitsgewerbe verschärfte. Im selben Zuge wurde die Bewachungsverordnung den gewerblichen Voraussetzungen angepasst. Hierzu wurde im § 34a Abs. 1 Satz 5 GewO festgelegt, dass vor Aufnahme der in Schaubild 3 aufgelisteten Tätigkeiten die erfolgreiche Ablegung einer Sachkundeprüfung vor
11 Vgl. Freiberg, K. (2000): Zur Situation und Zukunft des privaten Sicherheitsgewerbes, in: DSD, Heft 2, S. 12.
11
Ferner befreit die bestandene Sachkundeprü-
fung das Bewachungspersonal und auch Gewerbetreibende von der Unterrichtung.
Im Zuge der gesetzlichen Änderungen wurde
außerdem unter anderem die Dauer der Unterrichtung für das Bewachungsgewerbe von 24 auf 40 Stunden und für Gewerbetreibende von 40 auf 80 Stunden erhöht. 13
Seit dem 1. August 2002 existiert für die private Sicherheit der duale drei Jahre dauernde Ausbildungsberuf der „Fachkraft für Schutz und Sicherheit“, welcher erstmals eine fundierte theoretische und praktische Ausbildung im Bereich Sicherheit liefern soll und somit das Ergebnis „immer vielfältigerer und differenzierterer Aufgabenprofile in einem ungewöhnlichen Spektrum von Tätigkeitsfeldern und damit auch von Qualifikations- und Professionalisierungserfordernissen“ 14 darstellt und dessen Profil im Verlauf dieser Arbeit noch vertiefter betrachtet wird.
Parallel zu den gesetzlich vorge-
schriebenen existierte seit 1982 bis zum 31.12.2005 die Fortbildungsmöglichkeit zur Werkschutzfachkraft, welche lediglich im Zuge der betrieblichen Sicherheit ihr Tätigkeitsfeld fand und durch die IHK geprüfte Schutz- und Sicherheitskraft abgelöst wurde. Diese bietet nun eine weitere Qualifikationsmöglichkeit für Seiteneinsteiger in den Bereich der privaten
12 Vgl. Faulstich-Goebel, A. (2002): Gesetz zur Änderung des Bewachungsgewerberechts vom 23. Juli 2002, in: DSD, Heft 3, S. 18.
13 Vgl. § 3 Abs. 1 BewachV.
14 Vgl. Stüllenberg, K. (2003): Berufe und Berufszugänge in der Sicherheitsbranche, in: DSD, Heft 2, S. 23.
12
Sicherheit. Die Abbildung 4 zeigt das Qualifizierungssystem 2005 für die damalige Sicherheitsbranche.
Da im Zuge der Zeit festgestellt wurde, dass Absolventen der Fachkraftausbildung „eigentlich Wachleiter in kleineren Kundenobjekten, Schichtleiter, Akquisiteure im unteren Management in den Sicherheitsunternehmen und weniger beim Kunden angesiedelt sind“ 15 , kam es am 01.08.2008 zum Inkrafttreten der Ausbildungsordnung der „Servicekraft für Schutz und Sicherheit“. Diese zweijährige Berufsausbildung, welche „praxisgeprägter, von nicht notwendigen Elementen“ 16 bereinigt ist, soll eine „normale“ Ausbildung eines Sicherheitsmitarbeiters, „der
die Tätigkeiten Ansprüche des Gewerbes beherrscht“
17
, Auch vicekraftausbildung wird im Verlauf dieser Arbeit ausgiebiger Parallel zur Einführung der Servicekraft fand eine Novellierung Prüfungsmodalien Ausbildungsberuf „Fachkraft für Schutz und Sicherheit“ statt
18
, auf welche hier nicht weiter eingegangen wird.
Neuerungen der Sachkundeprüfung traten am 01.06.2008 in Kraft. Inhalt der Änderungen waren ein neuer bundeseinheitlicher Rahmenstofflehrplan und veränderte Prüfungsinhalte in den Bereichen Straf- und Datenschutzrecht, aufgrund Gesetzesnovellierungen, sowie Umgang mit Menschen.
Zum näheren Verständnis liefert die Abbildung 5 eine Gesamtübersicht über die derzeitige Qualifizierungsstruktur in der Sicherheitswirtschaft. Mitberücksichtigt sind hier neben den bereits erwähnten Qualifikationsmöglichkeiten auch die Meister- sowie akademische Ausbildungen.
Unberücksichtigt bleiben hier spezielle Zertifikatsqualifizierungen wie beispielsweise Personenschutzfachkräfte IHK, Luftsicherheitsassistenten, Port Facility Security Officer (PFSO), Dienst-hundeführer oder VdS-zertifizierte Interventionskräfte und Notruf- und Service-Leitstellen-Fachkräfte.
15 Vgl. Feuerstein, F. (2008): Umwälzung im Ausbildungsberuf, in: WIK, Heft 3, S. 108.
16 Ebenda.
17 Ebenda.
18 Ebenda.
13
3.2 Prüfungs- und Ausbildungszahlen
Im folgenden Abschnitt werden die einzig veröffentlichten Prüfungszahlen der Sachkundeprüfung für den Zeitraum 2003 bis 2005 und die Ausbildungszahlen der Fach- und Servicekraft für Schutz und Sicherheit seit deren Bestehen mit Hilfe der Schaubilder 5 bis 7 gegenübergestellt. Dies soll die Koexistenz und deren einhergehende Konkurrenz zu verdeutlichen helfen. Außerdem werden mögliche Entwicklungsgründe- und tendenzen beleuchtet.
Anhand der Prüfungsteilnehmerzahlen der Sachkundeprüfung (Schaubild 5) wird ein sprunghafter Anstieg der Frequentierung der Sachkundeprüfung nach deren Einführung im Jahre 2003 ersichtlich. Dabei hat sich die Anzahl der Teilnehmer bis 2005 fast verdreifacht, was aus den vorangegangenen Änderungen im Sicherheitsgewerberecht herrührt, aber auch in den wachsenden Qualitätsansprüchen der Auftraggeber begründet sein kann. Weiterhin liegen die Bestehensquoten der beiden Prüfungsteile im Jahre 2003 relativ hoch, fallen jedoch im Vergleich dazu 2005 leicht ab, was auf eine verbesserte Qualität der Prüfungsfragen oder eine schlechtere Prüfungsvorbereitung schließen lassen kann. 19 Ebenfalls ausschlaggebend ist die Teilnahme von weniger geeigneten Personenkreisen. Nicht zu vernachlässigen ist der prozentuale Anteil der weiblichen Prüfungsteilnehmer, welcher nahelegt, dass das Sicherheitsgewerbe langfristig betrachtet keine reine Männerdomäne mehr darstellt. Festzustellen ist, dass die Tendenz hin zur Sachkundeprüfung weiterhin ungebrochen ist, da zum Beispiel Großveranstaltungen wie die Fußball-Weltmeisterschaft 2008, Papstbesuch und Stadtfeste ohne privates Sicherheitspersonal nicht hätten realisiert werden können. 20 Hinzu kommt die anhaltende Förderung der Sachkundeprüfung im Rahmen der Umschulungs- bzw. Weiterbildungsmaßnahmen und der Gründungszuschüsse durch die Arbeitsagenturen. 21
Betrachten wir nun weiter die in den Schaubildern 6 und 7 abgebildeten Zahlen zur Berufsausbildung der „Fachkraft für Schutz und Sicherheit“ und der „Servicekraft für Schutz und Sicherheit“. Hier fand die Fachkraftausbildung im Laufe von sieben Jahren durch die Anzahl der Ausbildungsverträge 2008 mit 2339 Auszubildenden ihren Höhepunkt und verzeichnet 2009 einen
19 Vgl. Hildebrandt, M. (2007): DIHK-Bericht zur Unterrichtung und Sachkundeprüfung im Bewachungsgewerbe, in: DSD Heft 1-2, S. 29 - 30.
20 Ebenda.
21 Bundesagentur für Arbeit (2010): Gründungszuschuss, verfügbar unter http://www.arbeitsagentur.de, Stand: 25.05.2010
Arbeit zitieren:
Marcus Schermann, 2010, Qualifikationsmodelle im Sicherheitsgewerbe, München, GRIN Verlag GmbH
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