1. Einleitung
11. März 2009. In der kleinen Gemeinde Winnenden betritt ein 17-jähriger Junge das Schulgebäude. Er ist mit Pistolen seines Vaters bewaffnet. Hier beginnt sein Amoklauf, bei dem er insgesamt 15 Menschen scheinbar wahllos tötet. Am Ende nimmt er selbst sich das Leben. Glücklicherweise überlebten auch viele diesen Tag, obwohl sie ganz in der Nähe waren, alles hören oder sogar vielleicht sehen mussten. Sie alle mussten viel Leid, Schmerz und Tod miterleben. Sie mussten große Ängste durchstehen, Angst um das eigene Leben, Angst um das Leben der Freunde und Mitschüler. Doch auf eine solche emotionale Belastung ist unsere Psyche nicht vorbereitet. Sie versucht sich zu schützen. Sie versucht, dem ganzen zu entfliehen. Sie entwickelt eine posttraumatische Belastungsstörung. Egal ob Unfälle, Naturkatastrophen, Kriege, Terrorismus oder Gewaltverbrechen. Es gibt unzählige traumatisierende Situationen und Umstände, in die jeder Mensch geraten kann, und deren psychische Belastung leicht die persönliche, natürliche Resilienz überschreiten kann. Manche trifft es nur leicht, andere wiederum werden von solchen Schicksalsschlägen schwer getroffen. Und ebenjene schweben in Gefahr, eine posttraumatische Belastungsstörung zu entwickeln. Ihnen ist diese Arbeit gewidmet. Die heutige Psychologie weiß, dass Kinder und Jugendliche mit einer posttraumatischen Belastungsstörung sehr ähnliche Symptome zeigen. Daher gelten viele der folgend beschriebenen Informationen meistens für beide Altersgruppen, allerdings soll sich die Arbeit eher mit Kindern und Jugendlichen beschäftigen, die an einer solchen Störung leiden.
Zuerst soll auf die allgemeine Frage eingegangen werden, was genau eine posttraumatische Belastungsstörung, folgend nur PTBS genannt, überhaupt ist. Dabei sollen auch die einzelnen Begriffe, die sich im Namen dieser Störung wiederfinden, erläutert werden. Anschließend wird ein kurzer Blick auf die Geschichte dieser Störung geworfen, auf die Begriffsentwicklung und geistige Vorväter. Anschließend soll die Arbeit verschiedene Ursachen und Entstehungsmodelle vorstellen, wobei auch Risikofaktoren gezeigt werden, die den Verlauf einer PTBS beeinflussen können. Danach werden die Symptome beschrieben, die bei einer PTBS auftreten können, außerdem werden komorbide Störungen vorgestellt. Dann folgt ein kurzer Abschnitt zur Epidemiologie dieser Störung, und anschließend werden psycho- und pharmako-therapeutische Ansätze vorgestellt. Abschließend folgt ein kurzes Schlusswort.
2. Was ist eine posttraumatische Belastungsstörung?
Vor einer detailierten Beschreibung der Störung möchte ich zuerst auf den genauen Wortsinn einer posttraumatischen Belastungsstörung eingehen. Das lateinische Wort post bedeutet nichts anderes als nach, die Störung ist also ein Zustand nach einem Traum. Doch was genau ist ein Trauma? Wörtlich bedeutete es einfach Verletzung. Auch ein Schlag auf den Kopf, ein Schnitt mit dem Küchenmesser oder eine Schramme im Sportunterricht sind nichts anderes als Traumata. Es sind Verletzungen. Spricht man in der Psychologie von einem Trauma, ist es nicht anders. Es ist eine Verletzung der Psyche, ein Zustand, der genau wie eine offene Wunde, medizinischer/therapeutischer Behandlung bedarf. Somit kann man nun genauer sagen, dass eine PTBS einen Zustand nach einer Verletzung der menschlichen Psyche darstellt. Eine Störung ist es allerdings erst, wenn die traumatische Belastung so stark war, dass die Psyche damit nicht umgehen kann. So wie man kleine Schürfwunden nicht sofort im Krankenhaus behandeln muss, so können auch manche leichten posttraumatischen Belastungen ohne
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schwerwiegende Folgen verklingen. Dann spricht man auch von einer akuten Belastungsreaktion. Somit sagt uns der Name selbst schon sehr viel über das Störungsbild: es handelt sich um einen Zustand nach einer schweren Verletzung der Psyche, die so stark ist, dass sie nicht von selbst wieder verfliegt.
Auch das internationale Klassifikationssystem ICD-10 beschreibt die PTBS im Kapitel F43 bei den
dabei nur die Unterpunkte akute Belastungsreaktion (F43.0) und posttraumatische Belastungsstörung (F43.1). Die akute Belastungsreaktion, im ICD-10 auch als psychischer Schock beschrieben, manifestiert sich schon wenige Minuten nach dem traumatisierenden Erlebnis, klingt aber nach wenigen Tagen, manchmal schon nach Stunden wieder ab. Die PTBS hingegen kann auch verzögert auftreten, im ICD-10 spricht man von einer Latenzzeit, die zwischen wenigen Wochen und Monaten schwankt. Allerdings ist eine PTBS resistenter,
(ICD-10-GM). Ob sich nun eine akute Belastungsreaktion oder eine PTBS entwickelt hängt von dem Schweregrad der traumatischen Reaktion, der Resilienz der traumatisierten Person und ganz besonders auch mit eventuell vorhandenen psychischen Störungen bei der traumatisierten Person ab. Das amerikanische Klassifikationssystem DSM-IV beschreibt die PTBS ähnlich, hier spricht man aber konkret von einer Dauer von einem Monat, nach welcher diese Diagnose erst sicher gestellt werden kann. Außerdem heißt es hier, dass die Symptome sich kurz nach dem Erlebnis, aber auch noch Jahre später manifestieren können. Auch hier ist die posttraumatische Belastungsstörung (309.81) ähnlich wie im ICD-10 von der akuten Belastungsstörung (308.3) abgegrenzt. Letztere wird aber im Gegensatz zur akuten Belastungsreaktion im ICDposttraumatisc
Die genaueren Symptom-Beschreibungen der beiden Klassifikationssysteme sind sich dann relativ ähnlich, hierauf soll aber in einem späteren Kapitel genauer eingegangen werden. Zuvor soll in einem kurzen Abschnitt etwas über die PTBS im Verlauf der Geschichte gesagt werden.
3. Geschichtliche Hintergründe
Auch wenn durch zunehmende Kriegshandlungen, immer gefährlichere Waffen und die konsequente Zerstörung der Natur die Zahl potentieller traumatisierender Erlebnisse ins unermessliche steigt, so gibt es solche Ereignisse dennoch beinahe so lange, wie es Menschen gibt. Was sich aber geändert hat sind Beschreibungen und Namen dieses Erscheinungsbildes. r Übersetzung des Begriffs
deutsche Psychiater Emil Kraeplin den er von Unfällen,
großen Bränden oder Eisenbahnunglücken bemerkte (Sträuli-Eisenbeiss). Zu ähnlicher Zeit schrieben schen
Für Insassen von Konzentrationslagern, die den
Krieg aber überlebt hatten, schuf der Psychologe William G. Niederland den Begriff des Überlebenden- s Überlebendendem Vietnam-Krieg beschäftigte sich die Wissenschaft mit den psychischen Nachwirkungen bei den -Vietnam- Belastungsstörunggehört allerdings entgegen dem häufigen Irrglauben -Kriegs-
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welchem sich andere Symptome manifestieren und man daher eher von organischen Ursachen (Uranmunition, chemische Waffen) ausgeht.
Im Volksmund existierten viele andere Begriffe für die Folgen eines traumatisierenden Erlebnisses. Und je stärker ein Volk traumatisiert war, desto eher suchte es nach einem Begriff dafür. So entstanden die meisten umgangssprachlichen Ausdrücke während Kriegszeiten. Im amerikanischen
s).
Von einer posttraumatischen Belastungsstörung spricht man erst seit 1980, als die Psychologin Judith Lewis Herman den Begriff in Verbindung ihrer Arbeit mit Vietnamkriegsveteranen und von häuslicher Gewalt betroffener Frauen verwendete. Zu dieser Zeit gelang die Störung auch unter diesem Begriff in die damalige dritte Auflage des amerikanischen Diagnose-Manuals DSM-III.
4. Ursachen und Entstehung
4.1 Ursachen einer PTBS
Wichtigste Voraussetzung zur Entwicklung einer PTBS ist natürlich ein traumatisches, belastendes Ereignis. Diese Ereignisse werden nach Rosner (2008) in verschiedene Kategorien eingeteilt. Zum einen unterscheidet man die Störungen nach der Dauer der Ereignisse. Ein kurzzeitiges, traumatisches Erlebnis bezeichnet man als Typ-1-Traumata. Langanhaltende, sich wiederhohlende Ereignisse bezeichnet man hingegen als Typ-2-Traumata. Zudem wird auch noch unterschieden, worin der Ursprung des belastenden Ereignisses liegt. Zum einen spricht man hier von direkt durch Menschen verursachte Traumata, wozu man Überfälle, Vergewaltigungen, die eingangs erwähnten Amokläufe (jeweils Typ 1), Kriegserlebnisse, Folter oder körperliche Gewalt in der Kindheit (Typ 2) zählen kann. Die zweite Gruppe sind Erlebnisse, die als Natur- oder technische Katastrophe bezeichnet werden können, wie zum Beispiel Unfälle, Brände (beides Typ 1), Hungersnot oder sich wiederhohlende Naturkatastrophen (Typ 2). (Siehe Abbildung 1)
Arbeit zitieren:
Tobias Heimpel, 2009, Posttraumatische Belastungsstörung, München, GRIN Verlag GmbH
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