Inhaltsverzeichnis
0. Einleitung 1
1. Das Phänomen der Abtönung 2
2. Abtönung im Deutschen. 4
2.1 Modalwörter 4
2.2 Modalverben 4
2.3 Modifizierende Verben 5
2.4 Tempusformen mit Modalfaktor 5
2.5 Präpositionalgruppen 5
2.6 Ethischer Dativ 6
2.7 Explizit-performative Formulierungen 6
2.8 Abtönungspartikeln 6
2.8.1 Heterosemie 8
2.8.2 Nichtbetonbarkeit 8
2.8.3 Nichtsatzgliedfähigkeit 9
2.8.4 Positionierbarkeit 9
2.8.5 Kombinierbarkeit 10
2.8.6 Distribution 12
2.8.7 Nichtvorhandensein referentieller Semantik 12
2.8.8 Skopus 13
2.8.9 Funktion 14
3. Abtönung im Französischen 17
3.1 Performative Verben 17
3.2 Modalverben 18
3.3 Kognitionsverben 18
3.4 Adverbien 18
3.5 Idiomatisierte Wendungen 19
3.6 Vergewisserungsfragen 19
3.7 Rhetorische Fragen 20
3.8 Gliederungssignale 20
3.9 Interjektionen 21
3.10 Abtönungspartikeln 22
4. Übersetzbarkeit von Abtönungsformen 25
5. Übersetzungsvergleich des Romans Herr Lehmann von Sven Regener 27
5.1 Die Abtönungspartikel ja 29
5.1.1 Ja in Deklarativsätzen 29
5.1.1.1 Ja als bekanntheitssignalisierendes Element 30
5.1.1.2 Ja als kommentarsignalisierendes Element 34
5.1.1.3 Ja als erwiderungssignalisierendes Element 41
5.1.1.4 Ja als erklärungs- und rechtfertigungssignalisierendes Element 42
5.1.1.5 Ja als einräumungssignalisierendes Element 46
5.1.2 Ja in Nebensätzen 48
5.1.3 Ja in Exklamativsätzen 49
5.1.4 Fazit 50
5.2 Die Abtönungsartikel eigentlich 51
5.2.1 Eigentlich in Deklarativsätzen 51
5.2.1.1 Eigentlich als oppositionssignalisierendes Element 51
5.2.1.2 Eigentlich als verstärkendes Element der persönlichen Meinung 54
5.2.2 Eigentlich in Verbindung mit Satzäquivalenten. 55
5.2.3 Eigentlich in Verbindung mit der Negationspartikel nicht 57
5.2.4 Eigentlich in Interrogativsätzen 57
5.2.5 Fazit 59
5.3 Veränderte Wirkung bei Nullübersetzungen 59
6. Schlussbemerkung 60
7. Bibliographie. 62
8. Anhang 66
0. Einleitung
"Herr Lehmann erklärte es ihr noch einmal, dann bat er sie, sich die wichtigsten
Eckpunkte doch einfach mal eben 1 zu notieren, und dann wurde sie pampig und sagte, daß er ganz schön frech sei […]." (Regener 10 2003: 256). Dieser amüsante Auszug aus dem Roman Herr Lehmann (Regener 10 2003) von Sven Regener zeugt von einer sprachlichen Besonderheit des Deutschen und vermittelt eine erste Vorstellung eventueller Probleme, die bei der Übersetzung dieses Werkes auftreten können. Mit welcher Intention macht
Sven Regener in dieser Textstelle − bewusst oder auch nicht − Gebrauch der Wörter doch, einfach, mal und eben? Zeugt die Verwendung dieser sogenannten Abtönungspartikeln schlichtweg von umgangssprachlichem oder gar schlechtem Stil? Oder verleihen sie der Aussage vielmehr eine bestimmte Nuance, die bei der Auslassung dieser Partikeln verloren ginge?
Die Zielsetzung der vorliegenden Arbeit liegt in der Klärung dieser und weiterer Fragestellungen, die in die Kategorie des sprachlichen Phänomens der Abtönung fallen. Das primäre Bestreben liegt darin, zu analysieren, ob und inwieweit der von Sven Regener im Ausgangstext zum Ausdruck gebrachte Stil, der von den gehäuft auftretenden Abtönungspartikeln geradezu lebt, auch auf den Leser der französischen Übersetzung eine entsprechende Wirkung entfaltet. Um dies herauszufinden, werden in einem theoretischen Teil zunächst die Möglichkeiten der Abtönung im Deutschen und im Französischen aufgezeigt und anschließend die Frage ihrer Übersetzbarkeit beleuchtet. Das Hauptaugenmerk soll hierbei auf die Abtönungspartikeln, die im Deutschen die relevanteste Subkategorie der Abtönungsformen darstellen, gerichtet werden. Diese theoretischen Überlegungen dienen als Grundlage für den anschließenden
Übersetzungsvergleich des Romans Herr Lehmann (Regener 10 2003) hinsichtlich der Abtönung; so soll anhand konkreter Beispiele zu den Partikeln ja und eigentlich aufgezeigt werden, welche Methoden die Übersetzerin Colette Kowalski zur Lösung der spezifischen Übersetzungsprobleme, die sich durch die Komplexität des Phänomens der Abtönung ergeben, angewandt hat. Es soll herausgearbeitet werden, ob die französische Übersetzung von Kowalski hinsichtlich der Abtönung als äquivalent zum deutschen Original des
Romans Herr Lehmann (Regener 10 2003) bezeichnet werden kann.
1 Sämtliche Hervorhebungen in allen folgenden Beispielen wurden von der Verfasserin vorgenommen und sind nicht als Hinweis auf die Intonation zu verstehen.
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1. Das Phänomen der Abtönung
Abtönung ist ein sprachliches und kulturell determiniertes Universal, das heute als "semantische Größe" (Feyrer 1998: 17) betrachtet wird und den "Bezug des Sprechers zum Gesagten" (Weydt 1969: 63) ausdrückt, so dass dessen Aussagen mit einer bestimmten Subjektivität behaftet werden. Beim Sprechen und Schreiben werden demzufolge nicht nur Sachverhalte dargestellt, sondern auch "bestimmte sprachliche 'Handlungen'" (Koch/Oesterreicher 1990: 67) vollzogen. Waltereit (2006: 25) konstatiert unter Bezugnahme auf Austin und Searle, dass "jedes Sprechen […] ein 'Tun' […] und nicht nur eine Beschreibung von Sachverhalten der Welt" ist. Zu diesen sprachlichen Handlungen zählen die illokutionären Akte wie "Informieren, Befehlen, Warnen, Sichverpflichten [sic] und so weiter, d.h. wir tun Äußerungen, die eine bestimmte (konventionale) Rolle spielen"
(Austin 2 2002: 126). Searle unterscheidet in seinem Werk Sprechakte (Searle 1967) zwischen fünf Kategorien, den Repräsentiva (z.B. behaupten, informieren, mitteilen), den Direktiva (z.B. bitten, befehlen, verbieten, erlauben), den Kommissiva (z.B. versprechen, vereinbaren, drohen), den Expressiva (z.B. danken, klagen, jemandem etwas wünschen)
und den Deklarationen (z.B. ernennen, taufen, verhaften) (vgl. Hindelang 5 2010: 44). Der Sprecher verfolgt mit seiner Äußerung demnach stets einen bestimmten illokutionären
Zweck, d.h. kommunikative und praktische Absichten (vgl. Hindelang 5 2010: 44). Somit kann Sprache auch als "Instrument des Handelns" (Waltereit 2006: 26) betrachtet werden. Auch die Abtönung kann als "illokutionäre Operation" (Waltereit 2006: 37) betrachtet werden. So ist sie im Gespräch an illokutionäre Akte gebunden, durch Abtönungen werden Erwartungen oder Bedingungen angedeutet (vgl. Koch/Oesterreicher: 68). Zu diesen gehören z.B. indirekte Befehle oder Aufforderungen, die Verbindlichkeiten oder Ansprüche implizieren, ohne dabei etwas zur eigentlichen Aussage beizutragen. Sie drücken Einstellungen, Haltungen, Annahmen, (Vor-)Urteile und Gefühle des Sprechers aus, ohne sie zu verbalisieren. Es handelt sich hierbei um "konversationelle Implikaturen" (Waltereit 2006: 29), die "nicht explizit versprachlicht werden, von denen der Sprecher jedoch möchte, dass sie als Mitteilungsabsicht verstanden werden" (ibd.: 29). Das Phänomen der Abtönung lässt sich sowohl auf der Ausdrucks- als auch auf der Appellebene definieren. Eine Illokution (z.B. Aufforderung) wird seitens des Sprechers auf der Ausdrucksebene auf höfliche Weise abgetönt, gleichzeitig wird indirekt-suggestiv auf der Appellebene an die Haltung oder das Handeln des Gegenübers appelliert (vgl. hierzu auch: Bühler 1978: 24 ff.). Koch/Oesterreicher (1990: 67 f.) definieren den Begriff der Abtönung folgendermaßen:
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"Ein besonders interessantes, im weitesten Sinne dialogisches Verfahren nähesprachlicher Kommunikation besteht […] darin, bestimmte interaktionell relevante Kontextbedingungen illokutionärer Akte lediglich durch äußerst sparsame sprachliche Elemente anzudeuten." (Koch/Oesterreicher 1990: 67 f.)
Eben diese von Koch/Oesterreicher (1990: 68) sogenannten "äußerst sparsame[n] sprachliche[n] Elemente" der "nähesprachliche[n] Kommunikation" (ibd.: 67) gehören den vielfältigen Mitteln der Abtönung an. Anhand dieser Mittel kann das "Gemeinte" implizit durch das Setzen von Signalen vermittelt werden: Mit Hilfe dieser Signale, die sprachlicher als auch außersprachlicher Natur sein können, kann dem Gesprächspartner das Gemeinte vermittelt werden, ohne direkt zu werden, ohne bereits Bekanntes zu wiederholen und ohne Emotionen wie Ärger, Erstaunen, Ablehnung, Unsicherheit, Traurigkeit oder Ermunterung zu explizieren (Feyrer 1998: 11). Durch das Mittel der Abtönung können Aussagen abgeschwächt oder emphatisiert werden, es wird jedoch vom Sprecher stets versucht, seine emotionalen Haltungen deutlich zu machen, um sich selbst als Individuum einzubringen. Feyrer (1998: 11), die den Terminus der Modalität verwendet, definiert diesen m. E. sehr treffend: "Modalität in unsere Aussagen einzubringen heißt, uns selbst als Sprecherpersönlichkeiten einzubringen und aus einer rein informativen, objektiven Aussage eine subjektive, von der eigenen individuell-persönlichen Weltsicht geprägte zu machen. Ohne Modalität wäre unsere Sprache trocken, nüchtern und um vieles ärmer, es würde ihr an Individualität und Expressivität mangeln." (Feyrer 1998: 11)
Im Folgenden sollen die Möglichkeiten der Abtönung im Deutschen vorgestellt werden. Dabei soll das Hauptaugenmerk auf die Abtönungspartikeln gerichtet werden, da diese ein besonderes Charakteristikum der deutschen Sprache darstellen.
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2. Abtönung im Deutschen
Im Deutschen gibt es vielfältige Möglichkeiten zur Abtönung, zu denen in der direkten gesprochenen Sprache auch nonverbale Mittel wie Mimik und Gestik und intonatorische Mittel gehören. Da diese Mittel in der geschriebenen Sprache nicht vermittelt werden können, kann die abtönende Wirkung in diesem Fall anhand von Modalwörtern, Modalverben, modifizierenden Verben, Tempusformen mit Modalfaktor, explizit-performativen Formulierungen (vgl. Waltzing 1986: 15), Präpositionalgruppen
(vgl. Helbig/Buscha 14 1991: 512) und dem ethischen Dativ (vgl. Waltereit 2006: 12ff.) erzielt werden. Die größte Subkategorie der Abtönung stellen im Deutschen die Abtönungspartikeln dar, die vor allem in der direkten gesprochenen Sprache, aber auch in verschriftlichter gesprochener Sprache wie z.B. in Theaterstücken oder anderer dialoghaltiger Literatur vorkommen.
2.1 Modalwörter
Durch die Verwendung von Modalwörtern kann einer Aussage eine subjektive Note verliehen werden. Zu dieser Gruppe zählen Wörter wie glücklicherweise, klugerweise, offenkundig oder scheinbar: (1) Bayern München hat am letzten Spieltag verloren. (2) Bayern München hat am letzten Spieltag glücklicherweise verloren. Bei Beispiel (1) handelt es sich um eine neutrale Feststellung, Beispiel (2) dagegen erhält durch das Modalwort glücklicherweise eine abtönende Wirkung. Der Empfänger kann hieraus schließen, dass der Sprecher kein Fan des FC Bayern München ist und den Misserfolg des Vereins gutheißt.
2.2 Modalverben
Die Gruppe der Modalverben setzt sich aus den Verben können, sollen, wollen, müssen, mögen und dürfen zusammen. Folgendes Beispiel zeigt, dass eine Aussage durch die Verwendung dieser Verben modifiziert werden kann: (3) Ich fahre nächste Woche nach Bremen. (4) Ich will nächste Woche nach Bremen fahren. (5) Ich muss nächste Woche nach Bremen fahren.
In Beispiel (3) ist kein Modalverb vorhanden, wodurch die Aussage neutral bleibt. Es handelt sich um eine simple Tatsache, nächste Woche nach Bremen zu fahren. In Beispiel (4) wird durch das Modalverb wollen der Wunsch des Sprechers, nach Bremen fahren zu wollen, ausgedrückt; ebenso wird in Beispiel (5) durch das Modalverb müssen die
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Verpflichtung zu dieser Fahrt manifestiert. Ein abtönender Effekt könnte hier ebenso mit den Modalverben können, sollen und dürfen erzielt werden.
2.3 Modifizierende Verben
Bei den modifizierenden Verben (vgl. Hentschel/Weydt 1990: 106), die auch als
"Modalverben mit subjektiver Modalität" (Helbig/Buscha 14 1991: 136) bezeichnet werden, handelt es sich um Modalverben, die eine Vermutung oder eine fremde Behauptung ausdrücken. Dazu gehören Modalverben wie müssen, mögen oder wollen: (6) Davon hat Michael nichts gewusst. (7) Michael will davon nichts gewusst haben. (8) Michael behauptet, dass er davon nichts gewusst habe.
Bei den Beispielen (6) und (8) handelt es sich um neutrale Aussagen: In Beispiel (6) stellt der Sprecher fest, dass Michael davon nicht gewusst hat, in Beispiel (8) gibt er Michaels Behauptung wieder. In Beispiel (7) hingegen wird die Aussage durch die Verwendung des modifizierenden Verbs wollen abgetönt. Der Sprecher verdeutlicht hiermit, der Überzeugung zu sein, dass Michael lediglich vorgibt, nichts davon gewusst zu haben, er zweifelt dies somit an. Dieser Zweifel wird jedoch nicht explizit, sondern implizit durch das modifizierende Verb ausgedrückt. Daher lässt sich sagen, dass es sich um eine Form der Abtönung handelt.
2.4 Tempusformen mit Modalfaktor
Auch Tempusformen, die einen Modalfaktor enthalten, können eine abtönende Wirkung erzielen:
(9) Viola hat die Straßenbahn wahrscheinlich verpasst. (10) Viola wird die Straßenbahn verpasst haben.
In Beispiel (9) sagt der Sprecher explizit aus, dass Viola die Straßenbahn mit großer Wahrscheinlichkeit verpasst hat. In Beispiel (10) hingegen wird diese Vermutung durch den Gebrauch des Futur II lediglich impliziert. Die Aussage wird durch den Gebrauch dieser Tempusform somit abgetönt.
2.5 Präpositionalgruppen
Ein abtönender Effekt kann ebenso durch Präpositionalgruppen wie dem Anschein nach, ohne Zweifel, meinem Erachten nach erzeugt werden: (11) Sie war anscheinend nicht zu Hause. (12) Sie war dem Anschein nach nicht zu Hause.
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Die Präpositionalgruppe dem Anschein nach erfüllt in Beispiel (12) denselben Zweck wie das Modalwort anscheinend in Beispiel (11). In beiden Fällen drückt der Sprecher indirekt seine Vermutung aus, die Aussagen sind demzufolge abgetönt.
2.6 Ethischer Dativ
Ferner kann der Dativus ethicus im Deutschen eine abtönende Wirkung erzielen: (13) Komm nicht wieder so spät nach Hause! (14) Du kommst mir nicht wieder so spät nach Hause!
In Beispiel (14) wird durch den Einsatz des Personalpronomens mir das Missfallen des Sprechers bezüglich des offenbar häufiger vorkommenden späten Nachhausekommens des Empfängers zum Ausdruck gebracht. Der ethische Dativ kann somit zu den Abtönungsformen gezählt werden (vgl. Waltereit 2006: 12 ff.).
2.7 Explizit-performative Formulierungen
Der abtönende Effekt, der durch Partikeln sowie die oben genannten Mittel erzielt werden kann, kann ebenso durch explizit-performative Formulierungen bewirkt werden (vgl. Waltzing 1986: 15): (15) Er wird wohl gleich kommen. (16) Ich nehme an, dass er gleich kommen wird.
Die explizite Ausformulierung des kommunikativen Inhalts der Partikel wohl bewirkt in Beispiel (16) einen ähnlich abtönenden Effekt wie in Beispiel (15), es wird in beiden Fällen eine Vermutung des Sprechers ausgedrückt.
2.8 Abtönungspartikeln
Die Abtönungspartikeln, die von Feyrer (1998: 28) als "mittelbare[n] Träger von Modalität" bezeichnet werden, stellen im Deutschen die am häufigsten auftretende Subkategorie der Abtönung dar. Der Begriff "Abtönungspartikel" geht auf Weydt (1969) zurück; weitere Bezeichnungen, die in der Fachliteratur synonym dazu verwendet werden sind u.a. "modale Partikeln", "Modalpartikeln", "Satzpartikeln", "Einstellungspartikeln" und "Existimatoren" (vgl. Diewald 2007: 117). Unter diese Kategorie fallen Partikeln wie ja, doch oder denn in Sätzen wie Wie heißt du denn? Oder Ich komme ja schon!, die dem Satz, der ohne Abtönungspartikel objektiv wäre, eine subjektive Note verleihen. Lange Zeit wurden Abtönungspartikeln von der Sprachwissenschaft vernachlässigt. Ihre Verwendung wurde zudem als schlechter Stil bezeichnet, so bezeichnete Reiners (1944: 282 f.) sie in der Deutschen Stilkunst als "Flickwörter", die wie "Läuse im Pelz
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unserer Sprache" wimmeln. Dies ist darauf zurückzuführen, dass Abtönungspartikeln vor allem in der gesprochenen Sprache vorkommen, der lange Zeit weitaus geringere Wertschätzung als der geschriebenen Sprache entgegengebracht wurde (vgl. Beerbom 1992: 1). Erst im Zuge der pragmatischen Wende um 1970 wurde der Abtönung und somit auch den Abtönungspartikeln Aufmerksamkeit geschenkt, da die Untersuchung der gesprochenen Sprache sowie die Einbeziehung "pragmatischer außersprachlicher Faktoren des Kommunikationsgeschehens" (Feyrer 1998: 17) immer mehr an Bedeutung gewannen. Das richtungsweisende Werk Abtönungspartikel. Die deutschen Modalwörter und ihre französischen Entsprechungen (Weydt 1969) ist als Meilenstein der modernen Partikelforschung zu betrachten.
Die Abtönungspartikeln des Deutschen bilden eine Subklasse der Partikeln, die im Handbuch der deutschen Wortarten (Diewald 2007: 118) in eine Kerngruppe und eine Gruppe der peripheren Mitglieder eingeteilt wird. Zu den Kernmitgliedern gehören die Partikeln aber, auch, bloß, denn, doch, eben, eigentlich, etwa, halt, ja, mal, nur, schon,
vielleicht und wohl (vgl. Gelhaus 6 1998: 379), zu den peripheren Mitgliedern der Abtönungspartikeln gehören fein, ganz, gerade, gleich, einfach, erst und ruhig (vgl. Diewald 2007: 118). In Weydt (1969: 69) werden sie hingegen in die Gruppe der Abtönungspartikeln und die der "abtönungsfähigen Partikeln" unterteilt, wobei die zweite Gruppe alle Partikeln umfassen soll, die zwar als Abtönungspartikeln fungieren können, jedoch nicht zwangsläufig ihrer Definition genügen müssen. Weydt (1969: 68) lieferte in der Anfangsphase der Partikelforschung eine der ersten Definitionen der Abtönungspartikeln, die diese nicht als unnütze Flickwörter sieht, die von schlechtem Stil zeugen, sondern ihre Funktion erkennt und anerkennt:
„Abtönungspartikel [sic] sind unflektierbare Wörtchen, die dazu dienen, die Stellung des Sprechers zum Gesagten zu kennzeichnen. Diese Wörtchen können in gleicher Bedeutung nicht die Antwort auf eine Frage bilden und nicht die erste Stelle im Satz einnehmen. Sie beziehen sich auf den ganzen Satz; sie sind im Satz integriert. In anderer syntaktischer Stellung oder anders akzentuiert haben sie alle eine oder mehrere andere Bedeutungen. In dieser anderen Verwendung gehören sie dann anderen Funktionsklassen an.“ (Weydt 1969: 68)
Diese Definition nennt zwar wichtige Kriterien zur Abgrenzung der Wortart Abtönungspartikeln, sie wurde jedoch im Laufe der Jahre um viele weitere Charakteristika ergänzt. So wird im Handbuch der deutschen Wortarten (Diewald 2007: 128) eine aktualisierte Definition der Abtönungspartikeln angegeben, die sich auf dem neuesten Stand der Forschung befindet:
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"Die Abtönungspartikeln sind nicht-flektierende Elemente, die nicht satzgliedfähig, nicht erfragbar und nicht erststellenfähig sind, sondern im Mittelfeld auftreten, den ganzen Satz 'modifizieren' bzw. Äußerungssskopus haben, eine nicht-referentielle, relationale und sprecherbezogene Bedeutung aufweisen und affin zu bestimmten Satzarten/Satzmodi sind." (Diewald 2007: 128)
Zur Veranschaulichung dieser Definition sollen im Folgenden verschiedene Einzelaspekte der Abtönungspartikeln erläutert werden.
2.8.1 Heterosemie
Abtönungspartikeln haben sogenannte Dubletten in anderen Wortarten, so kann die Abtönungspartikel schon zum Beispiel auch als Temporaladverb und die Partikel aber auch als adversative Konjunktion fungieren (vgl. Diewald 2007: 125). Bei diesen Dubletten wurde in der Partikelforschung lange Zeit von Homonymen oder Polysemen gesprochen. Im Handbuch der deutschen Wortarten (Diewald 2007: 125) werden diese Bezeichnungen allerdings kritisiert, da u.a. "gleichzeitig ein Wortklassen- und Funktionsunterschied vorliegt". Es wird der Begriff Heterosemie vorgeschlagen, der sich inzwischen in der Partikelforschung durchgesetzt hat und die "abweichende, unterschiedliche Bedeutung des gleichen Wortes in verschiedenen Sprachsystemen" (Internetquelle 1 - Duden - Deutsches Universalwörterbuch) bezeichnet.
2.8.2 Nichtbetonbarkeit
Bezüglich der Frage der Betonbarkeit von Abtönungspartikeln besteht in der Partikelforschung bisher kein Konsens: Die Mehrzahl der Autoren geht davon aus, dass Abtönungspartikeln unbetonbar sind und dass "betonte Elemente in der Position von Abtönungspartikeln als heteroseme Adverbien eingestuft werden müssen" (Diewald 2007: 125), andere Autoren halten dagegen, dass auch betonte Vorkommen dieser Partikeln zu den Abtönungspartikeln zu zählen sind, allerdings im Unterschied zu den unbetonten Vorkommen "Kontrastbedeutung" (Diewald 2007: 125) zeigen. Weydt (1969: 47) konstatiert, dass es für die Bedeutung in den meisten Fällen "allein ausschlaggebend [ist], ob die Partikel betont ist oder nicht". In folgendem Beispiel ändert sich die Bedeutung von denn mit dessen Betonbarkeit bzw. Nichtbetonbarkeit: (17) Wie héißt du denn? (Weydt 1969: 45) (18) Wie heißt du dénn? (ibd.)
In Beispiel (17) lässt der Sprecher die Frage anhand der Abtönungspartikel denn höflicher klingen, wohingegen sich das betonte denn in Beispiel (18) wie ein gewöhnliches Adverb verhält und ein Nachsatz wie …, wenn du nicht Maria heißt denkbar wäre. Die
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Klärung der Frage, ob betonte Partikeln zu den heterosemen Adverbien oder zu den Abtönungspartikeln zählen, steht in der Partikelforschung folglich noch aus.
2.8.3 Nichtsatzgliedfähigkeit
Allen Abtönungspartikeln ist das Merkmal der Nichtsatzgliedfähigkeit zu eigen, d.h. dass sie nicht die erste Stelle im Satz einnehmen und kein Satzglied bilden können (vgl. Weydt 1969: 68), weiterhin sind sie weder "koordinierbar noch erfragbar" (Diewald 2007: 125). Das Charakteristikum der Nichtsatzgliedfähigkeit unterscheidet die Abtönungspartikeln von Adjektiven, Adverbien und Modalwörtern: (19) Er ist schon nett. (20) Schon sind wir da!
In Beispiel (19) kann die Abtönungspartikel schon nicht die erste Stelle im Satz einnehmen, in Beispiel (20) hingegen ist schon Temporaladverb und somit erststellenfähig.
2.8.4 Positionierbarkeit
Zur Positionierbarkeit von Abtönungspartikeln im Satz existieren diverse Publikationen (vgl. Hentschel 1983), im Folgenden sollen jedoch nur die wichtigsten Merkmale dieses Aspekts zusammengefasst werden. Generell lässt sich festhalten, dass Abtönungspartikeln eine satzintegrierte Mittelfeldposition einnehmen. Dies bedeutet, dass sie "an das Stellungsfeld nach dem finiten Verb und vor den infiniten verbalen Elementen" (Diewald 2007: 126) gebunden sind und dort verschiedene Positionen einnehmen können. In der Partikelforschung besteht mittlerweile Konsens darüber, dass die Abtönungspartikeln immer vor dem Rhema des Satzes stehen (vgl. Hentschel/Weydt 1989: 14). Ausnahmen von dieser Regel gibt es nur, wenn die Stellung vor dem Rhema nicht möglich ist,
"da das Rhema entweder das Vorfeld besetzt oder vom finiten Verb gebildet wird und die Regel, daß die Abtönungspartikel nicht die erste Stelle einnehmen kann, sich als vorrangig erweist. In diesen Fällen steht die Partikel gewöhnlich am Ende des Satzes." (Hentschel/Weydt 1989: 14)
Diese Ausnahme wird in der Exklamation Das siehst du doch! deutlich, in der das Rhema vom finiten Verb siehst gebildet wird. Deshalb kann die Partikel doch hier am Satzende stehen, die Nichterststellenfähigkeit hat Priorität. Zur Illustration der Positionierbarkeit von Abtönungspartikeln im Satz soll folgendes Beispiel dienen:
(21) Ich habe (ja) gestern (ja) in Prof. Müllers Vorlesung (ja) einen lauten Lachanfall bekommen.
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Hier kann die Abtönungspartikel ja nicht vor dem finiten Verb habe stehen, kann nach dem finiten Verb jedoch verschiedene Positionen einnehmen. An diesem Beispiel ist deutlich zu erkennen, dass ja in diesem Fall vor dem Rhema des Satzes stehen muss; es ist in Beispiel (21) nicht möglich, ja wie in Beispiel (22) nach dem Rhema des Satzes zu positionieren:
(22) Ich habe gestern in Prof. Müllers Vorlesung einen lauten Lachanfall (*ja) bekommen.
2.8.5 Kombinierbarkeit
Auch zur Kombinierbarkeit von Abtönungspartikeln und zu deren "komplexe[n] Kombinations- und Positionsregeln" (Diewald 2007: 126) existieren verschiedene Aufsätze (vgl. Rudolph 1983), an dieser Stelle soll jedoch lediglich eine Zusammenfassung gegeben werden. Generell lässt sich festhalten, dass die deutschen Abtönungspartikeln ausgesprochen kombinations- und kumulationsfähig sind. Diese Anhäufungsfähigkeit wird im Deutschen besonders in der Umgangssprache sehr häufig genutzt: (23) Und willst du dann einfach mal eben nach Spanien fliegen?
Es bestehen zwar Regeln bezüglich der Kombinationsfähigkeit von Abtönungspartikeln, jedoch hängt diese auch sehr stark vom subjektiven Empfinden des Sprechers sowie von der Intonation ab. Durch die Kombination mehrerer Abtönungspartikeln kommt es zu einer leichten Bedeutungsverschiebung, die sich meist nur durch Nuancen bemerkbar macht. Auch die Beziehung der Partikeln untereinander ändert sich in Abhängigkeit von der jeweiligen Kombination. Hierbei entsteht eine Bedeutungsänderung dadurch, "daß zu einer Partikel eine zweite hinzutritt und dadurch deren Sinn ändert."(vgl. Weydt 1969: 74-80). Weydt (1969: 80) spricht zudem von verschiedenen "Variationen der Kombination" und teilt diese in zwei Fälle ein: Einerseits gibt es Fälle, in denen beide kombinierten Partikeln jeweils auch allein stehen können, andererseits gibt es jedoch auch Fälle, in denen nicht alle kombinierten Partikeln allein stehen können.
Wenn beide kombinierten Partikel jeweils auch allein stehen können, gibt es zwei Möglichkeiten der Kombination. Es können entweder beide Partikeln ihre Bedeutung zugunsten einer neuen Bedeutung ändern oder aber es ändert nur eine Partikel ihre Bedeutung. In Beispiel (25) ändern nun und einmal ihre Bedeutung zugunsten der neuen Gesamtbedeutung von nun einmal:
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(24) Er geht nun weg. - Er geht einmal weg. (Weydt 1969: 80)
(25) Er geht nun einmal weg. (ibd.: 80)
In Beispiel (27) ändert lediglich immer durch das Hinzutreten einer weiteren Partikel die Bedeutung, nur bleibt erhalten:
(26) Lass es dir nur schmecken. - Lass es dir immer schmecken! (Weydt 1969: 80) (27) Lass es dir nur immer schmecken! (ibd.: 80)
In Fällen, in denen nicht alle kombinierten Partikeln allein stehen können, gibt es wiederum zwei Möglichkeiten der Kombination. Es ändert entweder die Partikel, die allein stehen kann, ihre Bedeutung, oder aber es ändert sich diejenige der unselbständigen Partikel, die nicht allein stehen kann. Sehr kann wie in Beispiel (29) nicht allein stehen, bei der Kombination mit wohl wie in Beispiel (30) verändert sich lediglich die Bedeutung der Partikel wohl, sehr behält die Bedeutung bei: (28) Man kann wohl sagen, dass schönes Wetter ist. (Weydt 1969: 80) (29) *Man kann sehr sagen, dass schönes Wetter ist. (ibd.: 80) (30) Man kann sehr wohl sagen, dass schönes Wetter ist. (ibd.: 80) (31) Man kann wóhl sagen, dass schlechtes Wetter ist. (ibd.: 80)
Durch das Hinzutreten von sehr zu wohl kommt es in Beispiel (30) zu einem Wechsel des Satzakzents vom Verb sagen auf die Partikel, durch den eine Bedeutungsveränderung entsteht. Die Partikel wohl hätte diese durch den Wechsel des Satzakzents entstandene Bedeutungsveränderung auch annehmen können, wenn man den ersten Satz wie in Beispiel (31) betonen würde.
In den folgenden Beispielen ist denn als Partikel unselbständig und ändert in der Kombination mit doch die Bedeutung (vgl. Weydt 1969: 80 f.): (32) Das ist doch die Höhe. (Weydt 1969: 80) (33) *Das ist denn die Höhe. (ibd.) (34) Das ist denn doch die Höhe. (ibd.)
Nach der Betrachtung dieser Beispiele lässt sich konstatieren, dass Abtönungspartikeln zwar kombinierbar sind, sich ihre Gesamtbedeutung bei der Kombination jedoch ändert und die Kombinationsmöglichkeit keineswegs der Willkür unterliegt.
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Arbeit zitieren:
Annika Thoden, 2010, Abtönung im Deutschen und im Französischen , München, GRIN Verlag GmbH
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