Friedrich-Schiller-Universität Jena Wintersemester 2009/10 Verfasser: Philipp Millius
Der Solidaritätsbegriff bei Emile Durkheim
Emile Durkheim erkennt in der Solidarität einen sozialen Tatbestand. Die Solidarität tritt dort auf, wo ein Gemeinschaftsgefühl entsteht. Einem Gefühl mit einem hohen Maß an Energie, wenn Menschen zueinander in Beziehung stehen. 3 Es beruht im Wesentlichen auf Sympathie, aus Quellen der Ähnlichkeit, oder der Erkenntnis von gegenseitiger Abhängigkeit. So teilen die Menschen in einem Dorf einen gemeinsamen Bewusstseinszustand, welcher auf ihr dörflich gemeinschaftliches Leben gründet, während der Bäcker Brot für seine Bewohner liefert und der Jäger den Sonntagsbraten. Ein umgrenztes System mit Eigenleben, welches die gesamte Gesellschaft umfasst. Die Gemeinschaft bildet ein Kollektivbewusstsein. Durkheim definiert dieses Kollektivbewusstsein als, „die Gesamtheit der gemeinsamen religiösen Überzeugungen und Gefühle im Durchschnitt der Mitglieder einer bestimmten Gesellschaft.“ 4 Handlungen, die dieses Kollektivbewusstsein verletzen bzw. das funktionierende System gefährden, werden als kriminell angesehen und dementsprechend von der Gesellschaft geahndet.
Um diesen sozialen Tatbestand und dessen Entwicklung nach seiner Maxime ‚Soziales kann nur durch Soziales erklärt werden‘, zu erläutern, betrachtet Durkheim zunächst die verschiedenen Rechtstypen, denn das jeweilige Recht kristallisiert sich, wie zuvor bereits angedeutet, aus der Solidarität der Gesellschaft. Er unterscheidet hierbei zwei unterschiedliche Rechtstypen. Zum einen das repressive bzw. Straf-Recht, welches auf die Schädigung des Verbrechers zielt und zum anderen, das restitutive bzw. Vertrags-Recht, dessen Sanktionen auf die Wiederherstellung des Zustandes vor der Rechtsverletzung zielen. Im oben genannten Fall eines Angriffs auf das Kollektivbewusstsein und dessen Vergeltung herrscht das repressive Recht vor. Eine kriminelle Handlung verletzt das Gemeinschaftsgefühl und um ihr Kollektivbewusstsein zu schützen und zu stabilisieren werden Handlungen, die diesem nicht entsprechen bzw. aus der Norm fallen, bestraft. 5 Diese Bestrafung wurzelt in dem kollektiven Bedürfnis nach Vergeltung und manifestiert sich überwiegend in Form von körperlichen Sanktionen an dem Verbrecher. 6 Die Solidarität, die in diesem Falle vorherrscht, in der das Kollektivbewusstsein dominant ist, nennt Durkheim die mechanische Solidarität, denn dessen Teile oder Segmente sind im wesentlichem unbeweglich und austauschbar. In
3 Vgl. Durkheim, Emile: Über soziale Arbeitsteilung. Studie über die Organisation höherer Gesellschaften. Frankfurt/Main 1988, S. 149.
4 Ebd., S. 128.
5 Vgl. Ebd., S. 160.
6 Daher schreibt Durkheim auch, dass das Strafrecht in seinem Ursprung wesentlich religiös ist.
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dem Falle, in dem das Kollektivbewusstsein schwächer gegenüber dem Individualbewusstsein ist, nennt Durkheim die Solidarität eine organische.
Diese Form der Solidarität, in der das restitutive Recht vorherrscht, setzt voraus, dass die Individuen der Gesellschaft unterschiedlich sind. Organisch benannt wird diese Solidarität daher, da jedes Individuum in seinen Beziehungen eine relative Position im gesellschaftlichen Körper einnimmt. Das heißt, die Positionen gleichen dem Verhältnis der Organe in einem komplexen Organismus. Somit ist die Gesellschaft fähiger sich als Ganzes zu bewegen, während seine Teile ebenfalls eine Eigenbewegung entwickeln können. 7 Die mechanische Solidarität bindet das Individuum direkt an die Gesellschaft und benötigt hierfür keinen Vermittler, wohingegen das Individuum in der organischen Solidarität von den Teilen abhängt, die die Gesellschaft bildet. Durkheim bezeichnet diese als „die zwei Gesichter ein und derselben Wirklichkeit, die aber gleichwohl verlangen, unterschieden zu werden.“ 8 Ihr Maximum erreicht die mechanische Solidarität, wenn das Kollektivbewusstsein das Bewusstsein des Individuums voll einnimmt und dessen Individualität gleich Null ist. In diesem Fall nimmt die Solidarität pathologische Züge an, und kann in ihren Folgen nur negativ wirken. Denn, frei nach Nietzsche, ist ‚Wahnsinn bei Individuen selten, aber in Gruppen, Nationen und Epochen die Regel‘. Es reicht ein Blick auf den Holocaust des 20.Jh. oder den des Mittelalters, um diese verblendete und krankhafte Form, die Solidarität in ihren Folgen annehmen kann, zu belegen. 9
Die respektive Bedeutung bzw. die Tragweite der jeweiligen Arten von Solidarität lassen sich, im Vergleich, aus dem Umfang der Rechtsarten heraus ermessen. Ein Volk, mit einem festen und unbeweglichen Kollektivbewusstsein benötigt ein strenges und reformfreies Strafrecht, um die Interessen des Individuums zu unterdrücken oder zumindest stets hinter die des Kollektivs zu stellen, damit das Kollektivbewusstsein aufrecht erhalten werden kann. Demnach sind repressives Recht und mechanische Solidarität Charakteristika der traditionalen Gesellschaft.
7 Vgl. Durkheim, Emile: Über soziale Arbeitsteilung. Studie über die Organisation höherer Gesellschaften. Frankfurt/Main 1988, S. 182.
8 Ebd., S. 181.
9 Durkheim bezeichnet diese zwei Arten als positive Solidarität und unterscheidet eine weitere negative Solidarität. Diese negative allerdings, erzeugt selbst keinerlei Integration. Daher geht Durkheim nicht weiter auf sie ein. Persönlich halte ich diese Unterscheidung von positiver und negativer Solidarität für missglückt, denn wie erwähnt können selbst positive Arten von Solidarität, sehr negative Auswirkungen haben. Insofern möchte ich diese Unterscheidung hier nur erwähnen, und wie Durkheim, nicht weiter auf sie eingehen.
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Durkheim kommt zu dem Schluss, dass die mechanische Solidarität in der Geschichte nach und nach an Boden verliert. 10 Das Milieu des Individuums wird heute nicht mehr notwendigerweise durch die Blutsverwandtschaft bestimmt, sondern durch die Funktion, die das Individuum in der Gesellschaft einnimmt. Die Solidarität in der modernen Gesellschaft wird wesentlich durch die Arbeitsteilung geprägt, indem sie aus jedem Individuum einen Austauschpartner macht und ein System von Rechten und Pflichten erzeugt, dass das Individuum dauerhaft bindet. Die geteilten Funktionen benötigen Regeln, die den friedlichen und regelmäßigen Zusammenschluss sichern. 11 Möglicherweise verliert hier die Solidarität ihre moralische Komponente, indem die sozialen Ähnlichkeiten, die ein Recht und eine Moral erzeugen, zurückgehen. So entwickelt die moderne organische Solidarität eine Tendenz zu rein wirtschaftlichen Vereinigungen, da die Arbeitsteilung nicht die Individuen einander gegenüberstellt, sondern deren soziale Funktionen. Die Moral macht eine schwere Krise durch. 12 Die Gesellschaften haben sich mit einem hohen Maß an Geschwindigkeit vom mechanischen Typus der Solidarität befreit und die Moral, die diesem Sozialtypus anhaftete verkümmert. Um diesen Zusammenhang von Moral und Solidarität besser verstehen zu können, unternehmen wir einen Exkurs zur Moral. Warum handeln wir ‚solidarisch‘? Die Moral. Warum handeln wir ‚solidarisch‘?
Mitte des 18.Jh behauptete der Philosoph Rousseau, dass der ‚Mensch von Natur aus gut sei‘ und dass erst die Gesellschaft den Menschen böse mache. Heute wissen wir von Rousseaus Irrtum, dass sich nicht allein der Gesellschaft die Schuld dafür zuschieben lässt, aber dennoch impliziert seine Aussage, der Mensch sei von Natur aus gut, die Idee einer Moral apriori, die jedem Menschen vor jeder Erfahrung anhaftet. So suchte auch Immanuel Kant nach einem Prinzip des Gut-seins von Natur aus, nach einem Prinzip, das Moral möglich macht. Ausgehend von seinem kategorischen Imperativ 13 suchte Kant, nicht ein moralisches Gesetz aufzustellen, sondern nach einer logischen Art und Weise wie die Vernunft grundsätzlich funktioniert. Weder Begabung, der Charakter oder günstige Lebensunterschiede sichern, laut Kant, das Gute des Menschen, sondern allein ein ‚guter Wille‘. Der Mensch ist ein Teil der Gesellschaft, weil er sich selbst als vernünftiges Wesen wahrnimmt. Aufgrund seiner
10 Vgl. Durkheim, Emile: Über soziale Arbeitsteilung. Studie über die Organisation höherer Gesellschaften. Frankfurt/Main 1988, S. 229.
11 Vgl. Ebd., S.477.
12 Vgl. Ebd., S.479.
13 Die bekannteste Formulierung seines kategorischen Imperativs lautet: „Handle stets so, dass die Maxime deines Willens jederzeit zugleich als Prinzip einer allgemeinen Gesetzgebung gelten könne.“ Kant, Immanuel: Grundlegung zur Metaphysik der Sitten. Frankfurt/Main 2007.
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Arbeit zitieren:
Philipp Millius, 2009, Solidarität, ein Fremdwort?, München, GRIN Verlag GmbH
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