Direktiva sind Sprechakte, die vor allem im Hinblick auf die Höflichkeitsforschung immer wieder Gegenstand von Untersuchungen waren. Das liegt natürlich nicht zuletzt daran, dass gerade diese Kategorie ein fruchtbares Feld dafür bietet. Das verwundert nicht, wenn man sich vor Augen hält, dass sie einen auffordernden Charakter haben und den Zweck verfolgen, den Adressaten dazu zu bringen, eine Handlung zu tun oder zu unterlassen. Auf diese Weise drückt ein Sprecher den Wunsch aus, dass eine zukünftige Handlung verrichtet wird und versucht, den Hörer sprachlich zu verpflichten, diese Handlung zu erfüllen. Searle zählt dazu vor allem Sprechhandlungen des Bittens, des Anweisens, des Befehlens, des Einladens, des Erlaubens, des Vorschlagens, usw. Die Durchführung einer impositiven Sprechhandlung ist immer mit einem Eindringen in die persönliche Sphäre des Anderen verbunden, was Brown & Levinson als Bedrohung des "negative face" des Gegenüber darstellen. Die Sprecher setzen also zahlreiche sprachliche Mechanismen ein, die den Eingriff in die persönliche Sphäre des Anderen abschwächen sollen. Der Counterpart zu dem Konzept des "negative face" ist das "positive face", denn der Mensch als "ens soziale" hat nicht nur individuelle und auf sich selbst bezogene Bedürfnisse, sondern definiert sich immer auch in Bezug auf die Gemeinschaft, in der er lebt. Auch dieses Recht auf Anerkennung wird in sprachlicher Hinsicht häufig bedacht, dem Gegenüber wird Wertschätzung signalisiert, um auf diese Weise das Gewicht des "face threatening acts" zu mindern. Mit Hilfe einer empirischen Untersuchung, die anhand einer schriftlichen Umfrage durchgeführt wurde, sollten nun auf der einen Seite die potentiellen linguistischen Realisierungsweisen von Höflichkeit im Deutschen und im Spanischen Sprachraum erfasst und dann mit Hilfe von ausgesuchten Grammatiken und Aufsätzen aufgelistet und klassifiziert werden. Auf der anderen Seite wollten wir die pragmatische, das heißt die tatsächliche Verwendung des linguistischen Inventars quantitativ analysieren und vergleichen, um sprachspezifische Tendenzen aufzuspüren. Dazu wurden die Antworten der Testpersonen eingehend analysiert.
Inhaltsverzeichnis
Einleitung
Hauptteil
Zielsetzung und Themen
Die Arbeit untersucht soziokulturelle Unterschiede im sprachlichen Ausdruck von Höflichkeit, insbesondere bei direktiven Sprechakten wie Bitten, im Deutschen und Spanischen. Das primäre Ziel ist es, sprachliche Realisierungsweisen zu identifizieren, linguistische Inventare zu vergleichen und pragmatische Tendenzen der Verwendung anhand einer empirischen Untersuchung aufzuspüren.
- Syntaktische Realisierungsformen von Bitten (Imperativ, Interrogativ, Deklarativ).
- Einsatz lexikalischer Abschwächungsmittel und Höflichkeitsmarker.
- Rolle von Konzepten wie "negative face" und "positive face" nach Brown & Levinson.
- Vergleich der pragmatischen Bereitschaft zur direkten vs. indirekten Formulierung.
- Einfluss von sozialen Faktoren wie Distanz und Autorität auf die Sprechhandlung.
Auszug aus dem Buch
Die Durchführung einer impositiven Sprechhandlung
Die Durchführung einer impositiven Sprechhandlung ist immer mit einem Eindringen in die persönliche Sphäre des Anderen verbunden. Zu der persönlichen Sphäre des Anderen gehören eine ganze Reihe von menschlichen Grundbedürfnissen: freie Verfügung über seine Zeit, ein Mindestmaß an persönlichem Raum und Handlungsbereich, ein gewisses Maß an Intimsphäre, ein Informationsreservat, die Bestimmung über den eigenen Körper, ein Minimum an privatem Eigentum etc. Auf Goffman aufbauend haben Brown & Levinson diese Grundbedürfnisse unter dem etwas abstrakten Begriff des negative face zusammengefasst. Das negative face einer Person ist dann in Gefahr, wenn die Person sich in ihrem Handlungsspielraum eingeengt oder ihr ‚Territorium’ eingeschränkt sieht.
Aufgrund dessen, dass direktive Sprechhandlungen immer eine mehr oder weniger starke Bedrohung des negative face des Gegenüber darstellen, ist eine Untersuchung wie die Unsere sehr gut geeignet, um die unterschiedlichen Mechanismen zu sammeln, die der Reparatur des negative face und vor allem der Abschwächung des impositiven Charakters der Äußerung dienen. Daher wird Höflichkeit auch oft mit Indirektheit in Verbindung gebracht, denn je direkter eine Bitte oder Aufforderung formuliert wird, umso größer erscheint zumindest in meinem Kulturkreis die Imposition von Seiten des Sprechers gegenüber dem Adressaten: Der Hörer fühlt sich stärker verpflichtet dem Wunsch des Sprechers nachzukommen. Etwas möglichst indirekt formulieren, das Unangenehme abschwächen und auf Umwegen zum Ziel gelangen sind daher gängige Strategien im Hinblick auf höfliches Verhalten.
Zusammenfassung der Kapitel
Einleitung: Dieses Kapitel führt in das Thema der direktiven Sprechakte ein, definiert den Begriff und setzt ihn in den Kontext der Höflichkeitsforschung unter Berücksichtigung der Konzepte von "positive face" und "negative face".
Hauptteil: Hier werden die Ergebnisse der empirischen Untersuchung präsentiert, wobei die verschiedenen syntaktischen, lexikalischen und morphologischen Realisierungsformen von Bitten im Deutschen und Spanischen detailliert analysiert und quantitativ verglichen werden.
Schlüsselwörter
Höflichkeit, Direktiva, Sprechakt, Bitte, Sprachvergleich, Deutsch, Spanisch, Pragmatik, face-threatening act, negative face, positive face, Indirektheit, Imposition, Soziolinguistik, Empirische Untersuchung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht die soziokulturellen Unterschiede im sprachlichen Ausdruck von Höflichkeit, fokussiert auf direktive Sprechakte (insbesondere Bitten) im deutsch-spanischen Sprachvergleich.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentrale Felder sind die syntaktische Struktur von Aufforderungen, der Einsatz von lexikalischen und morphologischen Abschwächungsmitteln sowie die theoretische Fundierung durch Höflichkeitskonzepte nach Brown & Levinson.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Ziel ist es, die sprachlichen Realisierungsweisen von Bitten zu erfassen, deren pragmatische Verwendung quantitativ zu analysieren und sprachspezifische Tendenzen hinsichtlich des Grads der Direktheit und Höflichkeit aufzuspüren.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit basiert auf einer empirischen Untersuchung mittels schriftlicher Fragebögen, die an deutsche und spanische Muttersprachler ausgegeben wurden, ergänzt durch eine qualitative Analyse der gewonnenen Sprachdaten.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert die syntaktischen Einheiten (Head Acts), den Einsatz von Modalverben, Abtönungspartikeln, Appealer, Cajolern und Anredeformen sowie die Bedeutung von Supportive Moves zur Abschwächung der Sprechhandlung.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird maßgeblich durch Begriffe wie Höflichkeit, Sprachvergleich, Sprechakt, Pragmatik und das face-Konzept charakterisiert.
Welche Rolle spielt der Imperativ im Vergleich der Sprachen?
Der Imperativ genießt im Spanischen generell ein höheres Ansehen und wird häufiger genutzt als im Deutschen, wo eine stärkere Tendenz zur Abschwächung und Indirektheit besteht.
Wie unterscheidet sich die Nutzung von lexikalischen Mitteln?
Das Deutsche nutzt ein breiteres Inventar an lexikalischen Mitteln (wie Partikeln und Modalitätsadverbien) zur Abschwächung, während das Spanische stärker auf morphologische Mittel wie Diminutive sowie auf Appealer und Cajoler setzt.
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- Sarai Jung (Author), 2003, Höflichkeit in direktiven Sprechakten - Ein deutsch-spanischer Vergleich, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/15947