Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung 3
2 Analyse und Textinterpretation 4
2.1 Erste Strophe 4
2.2 Zweite Strophe 7
2.3 Dritte Strophe 9
2.4 Vierte Strophe 10
2.5 Fünfte Strophe 12
3 Schlussbetrachtung 17
4 Literaturverzeichnis 19
2
1 Einleitung
Das Gedicht „A Roosevelt“ stammt von dem Nicaraguaner Rubén Darío 1 , der in der Literatur als der erste große Dichter seit dem Ende des Goldenen Zeitalters bezeichnet wird 2 und als Gründer des modernismo gilt. Auf den ersten Blick fällt auf, dass der Autor auf Endreime, die Einhaltung eines regelmäßigen Versmaßes und eine klare Strophenform verzichtet hat. Inhaltlich werden die Vereinigten Staaten Lateinamerika gegenübergestellt. Der Titel deutet auf eine politische Thematik hin, bei der, entsprechend dem Entstehungsjahr 1904, der amerikanische Präsident Theodore Roosevelt als Adressat eine besondere Rolle spielt. Fragt sich der Leser, welche Berührungspunkte der bis zum Jahre 1898 als eher unpolitisch geltende Dichter Rubén Darío mit Theodore Roosevelt gehabt haben mag, so wird die Antwort in der geschichtlichen Entwicklung des 19. Jahrhunderts zu suchen sein. In diesem Zeitraum hatte Lateinamerika „unter dem Schutz der USA“ 3 seine Unabhängigkeit von den ehemaligen Kolonialmächten Portugal und Spanien erlangt. Kurz vor Entstehung des Gedichtes waren es dieselben USA, die - nach ihrem Sieg im Spanisch-Amerikanischen Krieg 1898 - „mitihrer kolonialen Ausdehnung vor allem in Lateinamerika“ 4 begannen. Damit hängt die Frage nach der Darstellungsabsicht des Autors zusammen. Deutungsansätze dazu sollen im Folgenden durch eine eingehende Analyse des Gedichtes aufgezeigt werden.
1 Rubén Darío wurde am 18. Januar 1867 als Félix Rubén García Sarmiento im nicaraguanischen San Pedro de Metapa geboren, das später in Ciudad Darío umbenannt wurde. Darío kam aus kleinbürgerlichen Verhältnissen und gilt als Gründer des modernismo. Seine ersten Gedichte erschienen ab 1880 in nicaraguanischen Zeitschriften. 1882 lernte er in El Salvador den Dichter Francisco Gavidia kennen, der sein Lehrmeister werden sollte. Seit 1886 arbeitete Darío in Chile für verschiedene Zeitungen, wo ihn das gesellschaftliche und kulturelle Leben von Santiago de Chile besonders beeindruckte. In Valparaíso erschien 1888 die erste Auflage von „AZUL...“. Nachdem er einige Jahre als Korrespondent für die argentinische Zeitung "La Nación" gearbeitet hatte, begann er 1892 eine Europareise nach Spanien und Frankreich. Paris war für Darío immer die Stadt der Kunst, der Wissenschaft und der Schönheit, vor allem aber der Liebe und Träumerei gewesen. 1896 erschien die erste Auflage der “Prosas profanas y otros poemas“. 1898 von "La Nación" nach Spanien entsandt folgten bis 1905 viele Reisen durch Europa, wo er sich dem Leben in der Boheme verschrieb. Mit dem Spanisch-Amerikanischen Krieg 1898, in dem die USA die letzten spanischen Kolonien im Kampf um die Unabhängigkeit unterstützten, erfuhr der modernismo eine zunehmende Politisierung, die auch Darío erfasste. 1905 veröffentlichte er die “Cantos de vida y esperanza“, zu denen auch das Gedicht „A Roosevelt“ zählt. 1908 wurde er schließlich zum Botschafter Nicaraguas in Spanien ernannt. Der starke Alkoholkonsum schwächte ihn zunehmend und führte 1914 zu einer Lungenentzündung. Er reiste schließlich nach Nicaragua zurück und starb bald darauf am 6. Februar 1916. (Vgl. www.hu-berlin.de/redaktionssystem, 20.08.08)
2 Der Darío gewidmete Artikel „The Master of Modernismo“ von Roberto González Echevarría erschien am 25.01.2006 in der renommierten und ältesten amerikanischen Wochenzeitschrift „The Nation“. (Vgl. www.thenation.com, 22.08.08)
3 RUDOLF, H. U. & OSWALT, V.: „Taschenatlas Weltgeschichte“, 2003, 138.
4 Ebd., 159.
3
2 Analyse und Textinterpretation
Das Gedicht besteht aus insgesamt fünf Strophen. Die ersten drei nehmen in der Länge kontinuierlich von 8 über 6 bis auf 4 Verse ab und enden mit einem weit eingerückten, allein stehenden „No“. Die vierte Strophe besteht wieder aus 11, die fünfte sogar aus 21 Versen, auf die eine einzige letzte Zeile folgt. Die ersten vier Strophen beschäftigen sich mit dem Präsidenten Roosevelt, bzw. den Vereinigten Staaten. Lateinamerika dagegen steht im Mittelpunkt der abschließenden Strophe, die von allen die Umfangreichste ist. Auffällig sind die zahlreichen Bezüge auf Namen aus Kultur, Geschichte und Politik, mit denen eine eher gebildete Leserschaft vertraut sein dürfte.
2.1 Erste Strophe
Für den Leser, dem der Titel gerade verraten hat, wer der Adressat dieses „offenen Briefes“ ist, markieren die ersten Worte einen ungewöhnlichen Einstieg: er belauscht gewissermaßen das lyrische Ich bei seinen Überlegungen darüber, in welcher Form seine Worte wohl am besten den Adressaten erreichen könnten: „con voz de la Biblia, o verso de Walt Whitman“. Dabei zieht der Sprecher zwei Sprachstile in Erwägung. Indem er das tut, könnte er bei dem Leser den Eindruck erwecken, angesichts des prominenten Adressaten sorgsam den richtigen Ton treffen zu wollen.
Auf den zweiten Blick wird aber klar, dass das lyrische Ich hier Alternativen zur Wahl stellt, die durch ein halbes Jahrtausend voneinander entfernt sind, und die als ernsthafte Kommunikationsform eher befremdlich wirken dürften: Der altertümliche Stil der Bibel, oder die - durch Alliteration herausgehoben - moderne lyrische Sprache Walt Whitmans, des Begründers der modernen amerikanischen Dichtung 5 . Dann, im gleichen Atemzug mit der ungewohnt vertrauten Anrede in der 2. Person Singular, fällt in Z. 2 die großgeschriebene Titulierung „Cazador“, als wäre dies Roosevelts Eigenname. Da dieser allgemein als passionierter Jäger bekannt war, dürfte diese Anrede dem Leser zunächst nicht sonderlich auffallen; nicht zuletzt war „Teddy“ Roosevelt durch ein anekdotisch kolportiertes Jagderlebnis der Namensgeber des heute weltweit bekannten Kuscheltieres. 6 Dennoch schleicht sich
5 Vgl. www.whitmanarchive.org, 15.08.08
6 Vgl. www.themen-tv.de, 18.08.08
4
die Vermutung ein, dass das lyrische Ich bei der Benutzung des Wortes „Cazador“ eine weitere Konnotation anstrebt, die sich möglicherweise in den nächsten Zeilen abzeichnen wird.
Auffällig ist dort, dass der Sprecher in Z. 3 als Attribute nun unvermittelt die beiden antithetischen Adjektivpaare „primitivo y moderno“ und „sencillo y complicado“ (Z. 3) anschließt, die er zusätzlich durch ihre chiastisch angeordnete Rhythmisierung (--x- -x- -x- --x-) herausstellt: Ursprünglich und neuzeitlich, schlicht und vielschichtig - Eigenschaften, die der Leser erfahrungsgemäß nicht ein und derselben Person zuordnen würde. Indem der Sprecher das aber tut, entsteht gleich in den einleitenden Versen das zwiespältige Erscheinungsbild eines Präsidenten, dessen vorrangiges Charakteristikum der Kontrast zu sein scheint. Diese kaum schmeichelhafte Charakterisierung Roosevelts erfährt durch eine weitere Antithese “un algo de Washington y cuatro de Nemrod“ (Z. 4) eine zusätzliche Abwertung. Diese bewirkt das lyrische Ich, indem es prominente Namen, die Jahrtausende voneinander trennen, vergleichend für eine Bewertung hinzuzieht. So schreibt es dem Präsidenten nur einen Bruchteil des positiv konnotierten George Washington 7 , jedoch ein Vierfaches des negativ konnotierten Nimrod 8 zu.
Die nächsten beiden Zeilen „Eres los Estados Unidos“ und „eres el futuro invasor“ bilden - verbunden durch anaphorisches „eres“ und die parallele Konstruktioneine Einheit. Zunächst gibt der Dichter mit einfachsten syntaktischen Mitteln in einem auffällig kurz gehaltenen Vers die banale Information, dass der Angesprochene (d.h. Roosevelt) die Vereinigten Staaten verkörpert. Wenn er allerdings unmittelbar danach denselben in einem parallel konstruierten, asyndetisch angefügten Kurzvers lakonisch als „zukünftiger Eroberer“ tituliert, so bewirken seine hier angewendeten sprachlichen Mittel den eindrucksvollen Effekt einer Gleichung: Das zuletzt Formulierte scheint sich folgerichtig aus dem ersten Kurzvers zu ergeben und erhält dadurch einen besonderen Grad von Authentizität.
7 George Washington: Erster Präsident nach den amerikanischen Unabhängigkeitskriegen; gilt als der parteilose, weise Vater der Vereinigten Staaten. (Vgl. www.whitehouse.gov/history, 24.08.08)
8 Nimrod: Wird sowohl in der Bibel, als auch nach jüdischer und islamischer Überlieferung als gottloser, legendärer Jäger und das Symbol der Tyrannei beschrieben. Er gilt als Initiator des Turmbaus zu Babel und Gründer des babylonischen Reiches (Vgl. www.wort-und-wissen.de, 11.08.08)
5
Konkreter wird das lyrische Ich in der 7. und 8. Zeile, wenn es seiner Prophezeiung das Eroberungsziel „América“ hinzufügt, das hier und im Folgenden synonym für Lateinamerika verwendet wird. Dieses charakterisiert der Sprecher mit den für sein Weltbild in besonderer Weise aussagekräftigen und zudem durch Assonanz akzentuierten Attributen „ingenua“ und „sangre indígena“, sowie „reza a Jesucristo“ und „habla en español“ als ursprünglich, von tiefer Gläubigkeit und mit eigener sprachlicher Identität. Dass dies als Anspielung auf die spanische Conquista 9 gedeutet werden kann, dürfte außer Frage stehen: Glaube und Sprache als deren Folge scheinen jedoch für das lyrische Ich mittlerweile unverzichtbarer Bestandteil der lateinamerikanischen Identität geworden zu sein. Als in ganz besonderer Weise aussagekräftig dürfte in diesem Zusammenhang die Wortwiederholung „aún“ bewertet werden; impliziert sie doch, dass das lyrische Ich einen erneuten Verlust spiritueller und sprachlicher Identität für sein „América“ befürchtet. Der Name dieses „futuro invasor“ ist bereits seit Beginn dieser ersten Strophe kein Geheimnis mehr.
Auf der einen Seite bezeichnet das lyrische Ich in dieser Strophe die Vereinigten Staaten bzw. den Präsidenten Roosevelt unverblümt als zukünftiger Eroberer; auf der anderen Seite nennt es Lateinamerika als Opfer dieser befürchteten Aktion. Wer könnte sich hinter dem hier sprechenden lyrischen Ich verbergen? Die Vermutung liegt nahe, dass es sich um den Dichter Darío selbst handelt. Ein besonderes Indiz dafür dürfte sein, dass er sich in Bezug auf die in „Cantos de vida y esperanza“ versammelten Gedichte, zu denen auch „A Roosevelt“ zählt, folgendermaßen äußert:
Mit dieser angedeuteten Prophezeiung von umwerfender Direktheit gibt sich Darío allgemein als politischer Dichter zu erkennen. Er teilt nämlich mit, dass das hier analysierte Gedicht als Ausdruck eines „clamor continental“ gegen die von ihm abwertend mit „yanquis“ titulierten Amerikaner zu verstehen ist. Damit kann in der
9 Während der Eroberungszüge im 16. Jahrhundert zwangen die Spanier den indigenen Völkern Lateinamerikas ihren Glauben und die Sprache auf.
10 GULLÓN, R.: “Páginas escogidas”, 2005, 90.
6
Arbeit zitieren:
Daniel Scheibelhut, 2008, Analyse und Interpretation des Gedichtes „A Roosevelt“ von Rubén Darío, München, GRIN Verlag GmbH
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