

Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung 3
2. Die moderne Gesellschaft 4
2.1 Die Gesellschaftstheorie der funktionalen Differenzierung 4
2.2 Die Mitglieder der Gesellschaft 5
3. Inklusion und Exklusion in funktional differenzierten Gesellschaften 6
3.1 Systemtheoretische Ebene 7
3.2 Differenzierungstheoretische Ebene 8
4. Funktionale Differenzierung und soziale Ungleichheit 11
4.1 Systemintegration und Sozialintegration 11
4.2 Inklusion als Brückenkonzept 11
4.3 Exklusion als neue Qualität sozialer Ungleichheit 13
5. Die Fortentwicklung sozialer Ungleichheitsstrukturen - Wohin steuern moderne
Gesellschaften ? 15
5.1 Inklusionsprobleme durch Wachstumsgrenzen 15
5.2 Inklusion und Exklusion alter Menschen 16
5.3 Freiwillige Exklusionen 17
6. Fazit 17
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1. Einleitung
Die moderne, funktional differenzierte Gesellschaft charakterisiert sich durch eine zunehmende Ausdifferenzierung ihrer Teilsysteme. Diese werden dabei immer autonomer. Zugleich fragt man sich, was mit den Individuen im Rahmen dieser Entwicklung passiert. Werden sie künftig stärker in die Funktionssysteme der Gesellschaft einbezogen sein oder droht ein zunehmender Ausschluss? Wird die Ungleichheit unter den Menschen zu- oder abnehmen? Die Frage nach dem Verhältnis von sozialen und psychischen Systemen, von Individuum und Gesellschaft, begleitet die Soziologie indes schon seit ihren Anfängen.
Vor dem Hintergrund des Ausdifferenzierungsprozesses moderner Gesellschaften richtet man in der gesellschaftstheoretischen Betrachtung den Fokus auf die Inklusion und Exklusion von Akteuren in der Gemeinschaft. Ein klares Verständnis für den Gebrauch dieser Begriffe, geschweige denn eine eindeutige Definition, haben sich dabei aber nicht herausgebildet. Inklusion und Exklusion werden sowohl in system-theoretischen Zusammenhängen als auch dann verhandelt, wenn es um Belange der sozialen Ungleichheit in der Gesellschaft geht. Vor diesem Hintergrund soll folgenden Fragestellungen nachgegangen werden: Wie entstehen Ungleichheiten durch Inklusions- und Exklusionsstrukturen in funktional differenzierten Gesellschaften? Wie entwickelt sich soziale Ungleichheit auf der Basis dieses gesellschaftstheoretischen Konzepts im Rahmen der funktionalen Ausdifferenzierung fort? Im Sinne dieser Zielrichtungen werde ich zunächst die systemtheoretischen Bezüge skizzieren, die die Einführung von Inklusion und Exklusion überhaupt erforderlich gemacht haben. Danach soll in Kapitel 3 ein kleiner Einblick in die Verwendungsbreite der Begriffe angeboten werden. Die Befassung mit der Frage, inwiefern Inklusion und Exklusion Ungleichheitsstrukturen erzeugen oder aufrechterhalten können, ist dem Kapitel 4 vorbehalten. Schließlich wage ich im fünften Kapitel den Versuch, neben einigen in der Literatur beschriebenen Prognosen für moderne Gesellschaften auch eigene Vorstellungen einfließen zu lassen. Dabei wird sich zeigen, dass die Frage, wohin uns die Logik der funktionalen Differenzierung mit Blick auf die soziale Ungleichheit in der weiteren gesellschaftlichen Entwicklung treibt, keineswegs leicht zu beantworten ist. Aber Möglichkeiten der Entwicklungen sind schon denkbar. Vielleicht auch bereits erkennbar?
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2. Die moderne Gesellschaft
2.1 Die Gesellschaftstheorie der funktionalen Differenzierung
Der Systemtheoretiker Niklas Luhmann entwickelt ab den 1970er Jahren im Anschluss an Talcott Parsons Theoriegebäude aus den 50er Jahren eine sehr umfassende Gesellschaftstheorie, die die systemtheoretische Diskussion seither maßgeblich prägt. 1
Luhmann geht davon aus, dass moderne Gesellschaften im Gegensatz zu vorhergehenden segmentär oder stratifikatorisch gegliederten Gesellschaften durch das Vorherrschen funktionaler Gliederung 2 gekennzeichnet sind und sich deren Charakter über ihre Teilsysteme, z. B. Wirtschaft, Politik, Recht, Wissenschaft, Massenmedien, Gesundheit, Familie und Intimbeziehungen erschließt. Diese Teilsysteme begreift Luhmann als sich selbst herstellende (autopoietische) Kommunikationszusammenhänge, weil sie geschlossene, auf sich selbst bezogene Systeme (selbstreferentiell) sind und sich kontinuierlich erneuern (transitorisch), ohne dass sie dabei zwingend ihre Systemgestalt beibehalten müssten (vgl. Schimank, 2007: 143-155). Weil die Teilsysteme selbstreferentiell geschlossen sind, richtet sich die Kommunikation grundsätzlich nicht an äußeren Umweltgesichtspunkten aus, sondern an inneren, teilsystemischen, binären Codes, die Leitdifferenzen herausbilden („Haben oder Nichthaben“ im Teilsystem Wirtschaft, „Sieg oder Niederlage“ im Sport). Für Luhmann hat sich die funktionale Differenzierung der Gesellschaft im Rahmen der Differenzierung dieser Codes und Leitdifferenzen entwickelt, die allerdings nicht arbeitsteilig im Sinne eines kooperativen Gesamtzusammenhangs zusammenwirken. Damit wendet er sich ab von der bis dahin vorherrschenden Vorstellung, dass funktionale
1 Die Entwicklung dieser Gesellschaftstheorie ist auch mit Perspektivenwechsel verbunden. Anfang der 1970er Jahre stellt Luhmann die Umweltoffenheit systemischer Operationen in den Vordergrund,
später die selbstreferentielle Geschlossenheit. Solche, durchaus sehr bedeutenden Entwicklungen,
werden hier vernachlässigt, weil nur die „Eckpfeiler“ des Theoriegebäudes skizziert werden sollen
2 Luhmann sieht ebenso noch teilweise segmentäre Differenzierungen, Differenzierungen in Zentren und Peripherie und stratifikatorische Differenzierungen in modernen Gesellschaften existieren.
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Differenzierung auf Arbeitsteilung beruht. Alles, was in Teilsystemen stattfindet, hat nur Relevanz, wenn es in diesen so codierten Kommunikationszusammenhang hinein passt (die Wirtschaft produziert nicht wild darauf los, sondern hat die Verkäuflichkeit der Waren im Blick). Die Codes werden von Programmstrukturen (Regelwerke) unterstützt, die an diese Codes anknüpfen und die der Kommunikation eine normative und kognitive Orientierung geben - die Kommunikation im Fußball durch den Siegescode, die Spielregeln und die Spieltaktik (vgl. ebd.: 155 -163). Zwei weitere Strukturkomponenten sind im Rahmen der teilsystemischen Kommunikation wirksam. Zum einen haben sich in den Teilsystemen moderner Gesellschaften Medien herausgebildet, so z. B. Liebe als Medium der Intimbeziehungen, die als Zusatzreinrichtungen zur Sprache die codegeprägte Kommunikation verstärken - wer geliebt wird, wird von seinem Partner viele Dinge bekommen, die dieser anderen gegenüber nicht zu geben bereit wäre. Zum anderen haben sich in Teilsystemen formale Organisationen gebildet, die die Beachtung der Programmstrukturen dauerhaft und personenunabhängig sichern. Diese symbolisch generalisierten Medien und die Organisationen sichern ebenso wie die binären Codes und Programmstrukturen die Autopoiesis der teilsystemischen Kommunikationszusammenhänge ab (vgl. ebd.: 168 -171).
Wo sind aber in diesem funktional differenzierten Gesellschaftssystem die Menschen geblieben? Und welche Bedeutung haben Gesellschaftsmitglieder in einem System, das weder über eine Spitze, noch über ein Zentrum verfügt, das aus einer Ansammlung von auf gleicher Ebene angesiedelten Teilsystemen besteht, in denen jedes auftretende Ereignis unter verschiedenen, teilsystemischen Blickwinkeln (polykontextural) kommuniziert wird (ein Zugunglück stellt sicht als rechtliches, wirtschaftliches, massenmediales Geschehen dar)?
2.2 Die Mitglieder der Gesellschaft
In diesem Zusammenhang kommen die Gesellschaftsmitglieder als psychische Systeme mit ins Spiel. Unter psychischen Systemen versteht Luhmann Individuen, er nennt sie - in bewusster Abgrenzung zu dem Begriff „Mensch“ - „Personen“. Psychische Systeme operieren auf der Basis von Bewusstsein, soziale Systeme auf der Basis von Kommunikation. Der operationale Systembegriff hat zur Folge, dass alles,
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was nicht zu den Operationen innerhalb des Systems zählt, als außerhalb des Systems stehend, also als Umwelt zu betrachten ist. Hier gelangt Luhmann zu der wohl am kritischsten betrachteten Konsequenz der Systemtheorie, dass: „Bewusstsein und Kommunikation, psychische Systeme und soziale Systeme, niemals fusionieren, auch nicht partiell überlappen können, sondern völlig getrennte, selbstreferentiellgeschlossene, autopoietisch-reproduktive Systeme sind. Wie gesagt: Menschen können nicht kommunizieren“ (Luhmann 1995a: 45).
Welche Bedeutung haben nun diese psychischen Systeme für die Gesellschaft? Und umgekehrt: Welche Bedeutung hat die Gesellschaft für die Gesellschaftsmitglieder? Einerseits knüpft Luhmann hier an Durkheim, Simmel und Parsons an und betont, dass auch eine funktional differenzierte Gesellschaft interpenetrierende psychische Systeme benötige, die sich als einzigartige und selbstbestimmte Personen begreifen. Andererseits verweist er darauf, dass die Einzigartigkeit einer Person sich über ihre Ansprüche generiert, die sie an die Teilsysteme erhebt (vgl. Schimank 2007: 190). An dieser Stelle ist die Frage der Inklusion der Gesellschaftsmitglieder in die Teilsysteme der funktional differenzierten Gesellschaft zu klären.
3. Inklusion und Exklusion in funktional differenzierten Gesellschaften
Wenn in der soziologischen Systemtheorie von Inklusion und Exklusion die Rede ist, ist damit einer der am kontroversesten diskutierten Theoriebereiche angesprochen. Es geht um das bereits angedeutete Verhältnis von sozialen und psychischen Systemen, von Individuum und Gesellschaft. Man kann die Diskussion etwas konturieren, indem man sich auf zwei unterschiedliche Betrachtungsebenen einlässt: auf eine systemtheoretische Ebene und eine differenzierungstheoretische Ebene (vgl. Farzin 2006: 10) 3 .
Auf der systemtheoretischen Ebene geht es um die Notwendigkeit der Unterscheidung zwischen Individuum und Gesellschaft, auf der differenzierungstheoretischen
3 Eine dritte, von Farzin vorgeschlagene „kommunikationstheoretische Ebene“, ist nicht gleichzusetzen mit der differenzierungstheoretischen Lesart und bleibt hier unberücksichtigt.
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Arbeit zitieren:
Egon Wachter, 2010, Inklusion und Exklusion in funktional differenzierten Gesellschaften , München, GRIN Verlag GmbH
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