Freie Universität Berlin Fachbereich Politik- und Sozialwissenschaften Otto-Suhr - Institut für Politikwissenschaften WS 2002/ 2003
PS 15 048: Politisches Denken in der Antike: Platon und Aristoteles
E i n e I n t e r p r e t a t i o n d e s V I I I . u n d I X . B u c h e s m i t e i n e m E x k u r s z u r K r i t i k d e s A r i s t o t e l e s
René Schlott
Inhaltsverzeichnis
Einleitung. 4
1
Die ungerechten Verfassungen und die entsprechenden Menschen. 5
2
Timokratie und timokratischer Mensch (545c-550c) 5
2.1
Oligarchie und oligarchischer Mensch (550c-555b) 7
2.2
Demokratie und demokratischer Mensch (555b-562a) 8
2.3
Tyrannis und tyrannischer Mensch(562a-588a) 10
2.4
Die Kritik Aristoteles’ im Buch V. seiner „Politik“ (1315b-1316b) 12
3
Die Kritikpunkte Aristoteles’ 12
3.1
Einw ände gegen die aristotelische Kritik 13
3.2
Deutung und Fazit 14
4
Quellen - und Literaturverzeichnis 16
3
Einleitung 1
Auf die Schilderung des besten Staates, seiner Ordnung, der Erziehung seiner Philosophenherrscher und nach dem Erreichen des „kompositorischen Gipfels“ 1 der Politeia im Höhlengleichnis, folgt im VIII. und IX. Buch eine Darstellung der ungerechten Staatsverfassungen. Das VIII. Buch beginnt daher zunächst mit einer Bilanz über die im bisherigen Dialog erreichten Ergebnisse. (543a-c) Gleichzeitig schließt es an Buch V an, wo die bereits begonnene Behandlung der schlechten Staatsformen vom Wunsch der sokratischen Dialogpartner, mehr über die Lebensform im besten Staat zu hören, unterbrochen worden war. (449a) Nach dem Höhepunkt, der Beschreibung des idealen Staates, erfolgt nun die „Vollendung des großen Entwurfs“ 2 , weshalb dem besten Staat die schlechteren und der schlechteste gegenübergestellt werden. An diesem Vergleich entscheidet sich letztlich die Ausgangsfrage, zu der die Thrasymachos - Position den Anstoß gab und zu deren Beantwortung die ganze Politeia angelegt ist: Ob nicht durch ungerechtes Handeln das größere Glück erreicht wird, als durch die Gerechtigkeit.? Sokrates nimmt daher zu Beginn des VIII. Buches noch einmal ausdrücklich auf Thrasymachos bezug.(545a)
Die nachfolgend dargestellten Verfassungen und ihre Abfolge verdeutlichen Platons Absicht, den Abstand vom besten Staat/ von der besten Stadt in Stufen zu verdeutlichen. Er legt dabei wiederum die Analogie zwischen der Ordnung der Polis und der Ordnung der Seelenkräfte im einzelnen Menschen zugrunde. Die gerechte Polisordnung bezeichnet Platon als Monarchie oder Aristokratie. (445d-e) Dort herrschen die Besten, d.h. die durch lange Erziehung zur höchsten Vernunft Befähigten. Für Platon sind also die politische Verfasstheit und der Charakter der Individuen nicht voneinander zu trennen, d.h. dass die äußere Ordnung immer auch Ausdruck der in ihr zur Herrschaft gelangten Mentalität ist. Im VIII. Buch entfaltet er daher systematisch eine politische Typologie, indem er bei jedem Staatstypus Entstehung und Wesen erklärt
1 Demandt, S.86.
2 Zehnpfennig, S.132.
4
und dann nach demselben Schema den ihm entsprechenden Menschentypus charakterisiert.
Die Beschäftigung mit diesem Abschnitt seines Werkes ist noch heute anregend und fruchtbar, weil er auf die Darstellung der „Verfallsreihe“ 3 der Staatsformen nicht nur „höchste künstlerische Meisterschaft, sondern auch die ganze Tiefe seines kritischen Geistes angewendet“ 4 hat.
Die ungerechten Verfassungen und die ihnen 2 entsprechenden Menschen
Timokratie und timokratischer Mensch (545c-550c) 2.1
Zu Beginn seiner Ausführungen zur ersten schlechten Staatsform muss Platon einen Widerspruch lösen: Warum hätte denn sein idealer Staat, so er denn verwirklicht würde, keinen Bestand? („Sein Staat ist ideal- schließt das nicht per definitionem die Möglichkeit der Degeneration aus?“ 5 ) Sokrates beantwortet diese berechtigte Frage zunächst ganz allgemein: „Aber da allem Werden ein Untergang bestimmt ist, so wird auch diese Ordnung nicht ewig bestehen, sondern untergehen.“(546a)
Dann ruft er die Musen an (545d), um den Grund für den Niedergang des besten Staates noch zu konkretisieren: Dieser geht deshalb unter, weil die Wächter die „vollendete Zahl“ 6 (546b-c) falsch anwenden würden, die bis dahin den optimalen Nachwuchs garantierte: „Wenn ihrer nicht achten eure Wächter, zur Unzeit vermählen den Männern die Bräute, dann werden die Kinder nicht edel und nicht selig.“(546d)
Die Entstehung der ersten schlechten Staatsform ist also einem Rechenfehler“ 7 „zeugungsmathematischen zuzuschreiben. Denn
zunehmend werden die Nachkommen in den Ämtern der Regenten und Wächter unwürdiger und unfähiger sein. Die dadurch hervorgerufene Verschlechterung der Regierungs- und Wächterarbeit führt zu einer
3 Zehnpfennig, S.132.
4 Vretska, S.595 Anm.1.
5 Schubert, S.131.
6 Kersting, S.269, bezeichnet sie als „Paarungszahl“. Schubert, S.131, nennt sie „eugenische Garantiezahl.“ Besonders ausführlich hierzu zur Berechnung der Zahl siehe Hellwig, S.92-104.
7 Kersting, S.269.
5
Arbeit zitieren:
René Schlott, 2003, Der Wandel der Staatsverfassungen in Platons "Politeia", München, GRIN Verlag GmbH
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