- II -
Inhaltsverzeichnis
Inhaltsverzeichnis II
Abk ürzungsverzeichnis VI
Formelverzeichnis VIII
1 Einleitung 1
2 Konzeptionelle Grundlagen zum prozyklischen
Kreditvergabeverhalten 3
2.1 Überblick über theoretische Modelle zur Erklärung von
Kreditvergabeverhalten 3
2.1.1 Modelle mit Risikoneutralität, Informationsasymmetrien und
Kundenbindung 3
2.1.2 Portfoliomodelle mit Risikoaversion 6
2.1.3 Ökonometrisches Modell mit getrennter Betrachtung von
Kreditangebot und Kreditnachfrage 7
2.1.4 Sonstige und ältere Erklärungsansätze 8
2.2 Interdependenz zyklischer Konjunkturentwicklungen und
zyklischer Kreditvergabe 9
2.2.1 Erklärungsansätze für Konjunkturzyklen als Grundlage für
Kreditzyklen 9
2.2.2 Kreditversorgung der Wirtschaft als Voraussetzung für Investitionen
und konjunkturelles Wachstum. 10
2.3 Betriebswirtschaftliche Ursachen und Treiber für Prozyklizität in
der Kreditvergabe 12
2.3.1 Eigenkapital als die Risikotragfähigkeit limitierende Determinante 12
2.3.2 Ergebnisbeiträge durch Kredite als Vergütungsanforderung 13
2.3.3 Refinanzierbarkeit von Krediten über Einlagenmärkte als
liquidit ätsbezogene Determinante 14
2.3.4 Weitere Determinanten des Kreditangebots sowie Determinanten
der Kreditnachfrage 15
3 Relevante neuere Normensetzungen mit potenziell prozyklischen
Auswirkungen auf die Determinanten von Kreditangebot und
Kreditnachfrage 17
- III - 3.1 Neuere Normensetzungen der internationalen Rechnungslegung
3.1.1 Bewertungsvorschriften: Die Fair Value Bewertung und das
3.1.2 Weitere Bewertungsvorschriften, Ansatzvorschriften und
3.2 Neuere Normensetzungen der Bankenaufsicht nach Basel II mit
3.2.1 Eigenmitteldefinition, Sicherheiten und Risikogewichtung als
3.2.2 Normen der qualitativen Bankenaufsicht mit Bezug zur
4 Analyse der prozyklischen Wirkung der betrachteten Normen mit Bezug auf angepasste Modelle zur Erklärung des
Kreditvergabeverhaltens .................................................................... 25 4.1 Berücksichtigung der Determinanten in den
Kreditvergabemodellen .................................................................. 25 4.1.1 Anpassung eines Modells mit Risikoneutralität ............................. 25 4.1.2 Anpassung eines Portfoliomodells mit Risikoaversion .................. 26 4.1.3 Anpassung eines ökonometrischen Modells ................................. 28 4.2 Analyse prozyklischer Wirkmechanismen im Abschwung
4.2.1 Prozyklische Wirkungen aufgrund von
- IV -
4.2.2 Prozyklische Wirkungen aufgrund von Incurred-Loss-
Wertberichtigungen und Wertverlusten bei Sicherheiten im späteren
Stadium des Abschwungs 34
4.2.3 Weitere Wirkmechanismen, Handlungsalternativen und -
automatismen der Geschäftsleitung der Bank und die Gefahr der
Destabilisierung 37
4.3 Analyse prozyklischer Wirkmechanismen im Aufschwung
aufgrund von Einwirkungen durch Rechnungslegungs- und
Bankenaufsichtsnormen anhand der angepassten
Kreditvergabemodelle 41
4.3.1 Prozyklische Wirkungen aufgrund von
Kundenbonit ätsverbesserungen und Marktwertsteigerungen 41
4.3.2 Weitere prozyklische Wirkungen und Konsequenzen für die
Bankleitung im Aufschwung 42
5 Empirische Aspekte zur prozyklischen Wirkung der betrachteten
Normen 43
5.1 Messprobleme bei der Ergebnisüberprüfung der theoretischen
Analyse zur Prozyklizität der betrachteten Normen 43
5.2 Ausgewählte empirische Quellen als Indikatoren prozyklischer
Wirkungen der betrachteten Normen 44
5.2.1 Vergleichende Betrachtung der Entwicklungen von nationaler
Wirtschaftsleistung und Kreditvergabe durch Banken vor und nach
Einf ührung der erörterten neueren Normen im Hinblick auf
Prozyklizit ät 44
5.2.2 Empirische Anhaltspunkte für prozyklische Wirkungen der
betrachteten Normen aus den Offenlegungsberichten von
Deutscher Bank und Commerzbank 46
5.2.3 Weitere empirische Indizien für prozyklische Wirkmechanismen
durch Bankenaufsichts- und Rechnungslegungsnormen 48
6 Zusammenfassung und Ausblick 49
Literatur - und Quellenverzeichnis 52
Anhang 1: Herleitung der Kreditvergabefunktion aus dem risikoaversen
Portfoliomodell 59
- V - Anhang2: Vereinfachte Systematik der durch Rechnungslegungs- und Bankenaufsichtsnormen induzierten Determinanten der
Kreditvergabe ...................................................................................... 60 Anhang 3: Entwicklung des Bruttoinlandsprodukts in Deutschland ..... 61 Anhang 4: Kredite der Banken an inländische Unternehmen ................. 62 Anhang 5: Kredite von Großbanken an inländische Unternehmen ........ 63
- VI - Abkürzungsverzeichnis Abs. Absatz abzgl. abzüglich AfS available-for-sale financial assets BaFin Bundesaufsichtsamt für Finanzdienstleistungen BIP Bruttoinlandsprodukt BIS Bank for International Settlements bzgl. bezüglich bzw. beziehungsweise CAPM Capital Asset Pricing Model d.h. das heißt DRSC Deutsches Rechnungslegungs Standards Committee e.V. EPS Earnings per Share EZB Europäische Zentralbank FVtPL financial assets at fair value through profit or loss G10 Group of Ten (Belgien, Kanada, Frankreich, Deutschland, Italien, Japan, Niederlande, Schweden, Schweiz, UK und USA) ggf. gegebenenfalls GuV Gewinn- und Verlustrechnung HGB Handelsgesetzbuch Hrsg. Herausgeber HtM held-to-maturity investments IAS International Accounting Standard IASB International Accounting Standards Board i.d.R. in der Regel IFRS International Financial Reporting Standard i.H.v. in Höhe von inkl. inklusive IRBA Internes-Rating-basierter Ansatz i.W. im Wesentlichen i.V.m. in Verbindung mit KonÜV Konzernabschlussüberleitungsverordnung KSA Kreditrisikostandardansatz KWG Kreditwesengesetz LaR loans and receivables
- VII -LGD loss given default LiqV Liquiditätsverordnung MaRisk Mindestanforderungen an das Risikomanagement max. maximal Mio. Millionen Mrd. Milliarden OCI Other Comprehensive Income PE-Ratio Price-Earnings-Ratio PB-Ratio Price-Book-Ratio QIS Quantitative Impact Study SoFFin Sonderfonds Finanzmarktstabilisierung SolvV Solvabilitätsverordnung usw. und so weiter u.a. und andere u.U. unter Umständen v.a. vor allem vgl. vergleiche z.B. zum Beispiel zzgl. zuzüglich
- VIII - Formelverzeichnis
Formel 1: Ertragsmaximierung der risikoneutralen Bank bei Bewerbung riskanter und nicht riskanter Projekte zur Finanzierung .......................... 4 Formel 2: Endvermögen der risikoaversen Bank im Zeitpunkt t+1 ................. 6 Formel 3: Maximierung des Erwartungswerts des Nutzens einer
risikoaversen Bank .................................................................................. 6 Formel 4: Mittelwert und Varianz der Krediterträge einer risikoaversen Bank 6 Formel 5: Ökonometrische Kreditangebotsfunktion des Bankensektors ........ 7 Formel 6: Ökonometrische Kreditnachfragefunktion des
Unternehmenssektors ............................................................................. 8 Formel 7: Capital Asset Pricing Model ......................................................... 13 Formel 8: Kreditvergabe der risikoaversen Bank im Zeitpunkt t ................... 27 Formel 9: Modifizierte Kreditvergabefunktion der risikoaversen Bank im
Zeitpunkt t (a) ........................................................................................ 27 Formel 10: Modifizierte Kreditvergabefunktion der risikoaversen Bank im
Zeitpunkt t (b) ........................................................................................ 27 Formel 11: Modifizierte ökonometrische Kreditangebotsfunktion des Bankensektors mit Wertberichtigungen, Risiko und Eigenmitteln ......... 28 Formel 12: Auswirkungen der frühen Fair Value Verringerungen und der Bonitätsverschlechterungen der Kreditnehmer im Abschwung anhand
des ökonometrischen Modells ............................................................... 32 Formel 13: Auswirkungen der frühen Fair Value Verringerungen und der Bonitätsverschlechterungen der Kreditnehmer im Abschwung anhand
des Portfoliomodells .............................................................................. 33 Formel 14: Auswirkungen von Wertberichtigungen nach dem Incurred Loss Principle und Wertverlusten der Kreditsicherheiten im Abschwung anhand des ökonometrischen Modells .................................................. 35 Formel 15: Auswirkungen von Wertberichtigungen nach dem Incurred Loss Principle und Wertverlusten der Kreditsicherheiten im Abschwung
anhand des Portfoliomodells ................................................................. 36 Formel 16: Auswirkungen von Verringerungen des bilanziellen Goodwills und eine Erhöhung des technisch-organisatorischen Aufwands in Folge einer Intensivierung der Kreditbetreuung im Abschwung anhand des
ökonometrischen Modells ..................................................................... 39
- IX -Formel 17: Auswirkungen der Fair Value Erhöhung und der Bonitätsverbesserung der Kreditnehmer im Aufschwung anhand des
Portfoliomodells ..................................................................................... 42 Formel 18: Auswirkungen der Fair Value Erhöhung und der Bonitätsverbesserung der Kreditnehmer im Aufschwung anhand des
ökonometrischen Modells ..................................................................... 42
1 Einleitung
Das deutsche Finanzsystem ist im Vergleich z.B. zu anglo-amerikanischen Systemen durch eine hohe Abhängigkeit der vorwiegend mittelständischen Wirtschaftsunternehmen von Finanzierungen durch Banken 1 geprägt. Dies umfasst sowohl den Bereich langfristiger Investitionsdarlehen als auch den der kurzfristigen Betriebsmittelkredite. 2 Eine den wirtschaftlichen Umständen entsprechende Kreditvergabepolitik ist demnach von besonderer volkswirtschaftlicher Bedeutung, um Betriebe mit geeigneter Bonität zu finanzieren. Darüber hinaus stellt dieser Geschäftsbereich den Kern des Kreditwesens dar. 3 Kreditinstitute hängen in ihrer wirtschaftlichen Entwicklung und Stabilität maßgeblich von den Geschäftsverläufen dieses Segments ab. Dabei sind Banken in ihrer Geschäftspolitik nicht unabhängig von äußeren Einflüssen, sondern unterliegen betriebswirtschaftlichen Rahmenbedingungen. Dies erfordert aufgrund konjunktureller Zyklen Anpassungen in der Kreditvergabepolitik seitens des Bankmanagements sowie aufgrund der Bedeutung der Kreditwirtschaft für die Volkswirtschaft eine Unterwerfung unter Normen zur Bankenaufsicht und Berichterstattung. Eine Ineffektivität für das gesamte Bankensystem wie auch für das einzelne Institut kann dadurch entstehen oder verstärkt werden, dass diese Normen Mechanismen verursachen oder unterstützen, die in der Wechselwirkung zwischen Kreditmärkten und Faktormärkten zu einer Verstärkung und Übertreibung zyklischer Bewegungen im Kreditvergabeverhalten der Bank und ggf. daraus resultierend zu Rückwirkungen auf die volkswirtschaftliche Produktivität führen. Diese Mechanismen als Folge neuerer Normensetzungen in Bankenaufsicht und Rechnungslegung gilt es im Rahmen
1 Die Begriffe „Bank“, „Kreditinstitut“ und „Institut“ werden in der Arbeit im Folgenden synonym verwendet. Der Begriff „Unternehmen“ bezieht sich dagegen auf die Kreditnehmer.
2 Vgl. Eilenberger (2008), S. 47 für Informationen zur Finanzierung deutscher Unternehmen. Eine etwas ältere Darstellung findet sich bei Gischer et al. (2004), S. 30 - 33. Weitere Zahlenangaben finden sich auch bei Boland (2009), S. 169.
3 Vgl. hierzu umfassende Ausführungen zur Rolle der Banken als Finanzintermediäre bei Hartmann-Wendels et al. (2007), S. 83ff. sowie S. 313ff. zu den Implikationen für das Bankmanagement oder etwas kürzer auf mikroökonomischer Betrachtungsebene dargestellt bei Neuberger (1998), S. 16 - 23.
dieser Arbeit herauszuarbeiten, theoretisch zu fundieren und soweit möglich empirisch zu bestätigen.
Die in der Arbeit diskutierte Problematik fußt dabei auf einem wissenschaftlichen Diskurs, der bereits im Vorfeld der Einführung des Bankenaufsichtsregimes nach Basel II und der Konzernrechnungslegung nach IFRS aufkam. 4 Eine besondere Bedeutung erhielt die Aus-einandersetzung im Zuge der Finanzkrise, deren Verlauf in diesem Kontext als Indiz gewertet werden kann, dass die Unterstellung prozyklischer Effekte berechtigt ist. Verschiedene Studien im Auftrag deutscher Banken, universitärer Initiativen und Studien von Wirtschaftsverbänden sowie der Bundesbank greifen diese Thematik erneut auf. 5 Anlass genug, mit der Erarbeitung einer analytisch-theoretischen Grundlage zur Frage prozyklischer Wirkungen einen Beitrag zu der Forschung zu leisten. Die Arbeit gliedert sich im Folgenden in vier Hauptabschnitte. In Kapitel 2 werden zunächst die methodischen und inhaltlichen Grundlagen erarbeitet. Im anschließenden Kapitel 3 werden die wichtigsten neueren Normen in Rechnungslegung und Bankenaufsicht mit potenziell prozyklischer Wirkung vorgestellt. Dabei werden einzelne Regelungssachverhalte aufbauend auf dem Erarbeitungsstand des zweiten Kapitels als Determinanten charakterisiert und eine formale Betrachtung vorbereitet. Diese erfolgt im Kapitel 4, indem die eingangs eingeführten Kreditvergabemodelle an den Untersuchungsgegenstand der Prozyklizität durch eine Einarbeitung der Determinanten aus dem dritten Kapitel angepasst werden. Anschließend sind die prozyklischen Mechanismen anhand der Formeln im Zusammenwirken der verschiedenen Einflussgrößen zu verdeutlichen. Daran schließt Kapitel 5 an, welches insbesondere die Schwierigkeit der empirischen Untersuchung
4 Vgl. Borio et al. (2001), S. 49f. für die Identifikation einer Reihe von prozyklischen Effekten z.B. aufgrund der Risikomessungspraktiken der Kreditinstitute oder EZB (2004) für eine Kritik an den Volatilitätseffekten einer Fair Value Bewertung.
5 Vgl. z.B. Remsperger (2008) von der Bundesbank, Pellens et al. (2008) mit einer Studie in Zusammenarbeit mit Sal. Oppenheim Research, Bieg et al. (2008) mit einer systematischen Kritik des Fair Value in der Rechnungslegung, Kaserer (2010) S. 11 - 14 mit einem Anriss verschiedener prozyklischer Gefahren und der Möglichkeit einer Kreditklemme und Sachverständigenrat (2009) S. 155 - 159 mit Vorschlägen für Ansätze zu möglichen Reformen.
dieser Sachverhalte verdeutlichen und einige Anzeichen für tatsächliche prozyklische Wirkungen aufzeigen soll. Dabei wird auf Datenmaterial der Bundesbank bzw. der EZB sowie auf Offenlegungsberichte großer Banken und weitere Indizien aus der Literatur zurückgegriffen. Abschließend werden die Erkenntnisse zusammengefasst und ein Ausblick auf weiteren Forschungsbedarf, den Handlungsbedarf und mögliche Handlungsansätze gegeben.
2 Konzeptionelle Grundlagen zum prozyklischen Kreditvergabeverhalten
2.1 Überblick über theoretische Modelle zur Erklärung von Kreditvergabeverhalten
2.1.1 Modelle mit Risikoneutralität, Informationsasymmetrien und Kundenbindung
Im Folgenden werden die inhaltlichen und methodischen Grundlagen dieser Arbeit erläutert, indem zunächst verschiedene Modelle und ihre Entwicklungen aufgezeigt werden, die zur Erklärung von Kreditvergabeverhalten durch Banken im Allgemeinen geeignet sind. Danach werden zyklische Konjunkturentwicklungen erklärt und ihre Interdependenz mit in diesem Zuge ebenfalls zyklischem Kreditvergabeverhalten von Banken verdeutlicht. Schließlich werden hieran anknüpfend zunächst grundsätzliche betriebswirtschaftliche Faktoren herausgearbeitet, die eine Kreditvergabefähigkeit und -neigung der Banken betreffen und deren prozyklische Beeinflussung durch Normen zu einer prozyklischen Kreditvergabe der Institute führen kann. Die konkreten Normen als Determinanten der Kreditvergabe werden im anschließenden Kapitel 3 eingeführt. In diesem Abschnitt wird zunächst ein sehr umfangreiches Feld sehr unterschiedlicher, oftmals älterer Modelle zur Erklärung von Kreditvergabeverhalten betrachtet. Bei allen Ansätzen gilt, dass keine Risikopräferenzen seitens des Kreditgebers unterstellt werden. Eine Betrachtung dieser Modelle
ist wichtig, da ihnen einige zentrale Annahmen zugrunde liegen, die auch bei den weiteren Modellen die Ausgangsbasis der Überlegungen bilden. 6 Die typische Bezugsgröße zahlreicher risikoneutraler Partialmodelle ist die Ertragsmaximierungskalkulation der Bank als Kreditgeber für riskante und weniger riskante Investitionsprojekte nach der Formel
Formel 1: Ertragsmaximierung der risikoneutralen Bank bei Bewerbung riskanter und nicht
riskanter Projekte zur Finanzierung
Der Erwartungswert des Ertrags entspricht dabei einer Verzinsung (1+r) des nach einer Periode im Erfolgsfall zurückgezahlten Kreditkapitals P a für die weniger riskanten und P b für die riskanten Investitionsprojekte gewichtet mit ihren jeweiligen Anteilen am Kreditportfolio. 7 Die Entwicklungen hin zu den heute relevanten mikroökonomischen Modellen zur Erklärung von Kreditverhalten haben ihren Ursprung bereits in den 60er Jahren. Grundidee ist dabei, im Gegensatz zu klassischen mikroökonomischen Marktmodellen nicht mehr zwingend von einer markträumenden Funktion des Kreditzinses auf dem Kreditmarkt auszugehen, sondern neben Angebots- und Nachfragestrukturen verschiedene weitere Aspekte einzubeziehen. 8
Im ersten Ansatz ist hier eine grundsätzliche Informationsasymmetrie bzgl. der genauen wirtschaftlichen Situation des Unternehmens zwischen der Bank als Kreditgeber und dem Kunden als Kreditnehmer anzunehmen. Um diese Asymmetrie abzubauen, muss die Bank Monitoring-Kosten in Kauf nehmen. Im Verlauf der Entwicklung dieser Partialmodelle ist mit einem Prinzipal-Agenten-Problem eine weitere zentrale Annahme hinzugekommen. Diese geht davon aus, dass der Kreditgeber keine Möglichkeit hat, nach Vergabe des Kredites die tatsächlichen Investitionshandlungen des Kreditnehmers zu bestimmen (Moral Hazard). Da die Risikoverteilung einer kreditfinanzierten Investition bei begrenzter Haftung des Unternehmers asymmetrisch zu Ungunsten der Bank verteilt ist, besteht der Anreiz für das
6 Dieser Abschnitt kann nur einen vergleichsweise kurzen Überblick über einige Eckpunkte des weiten Feldes risikoneutraler Partialmodelle geben. Für ausführliche analytische Herleitungen hierzu vgl. u.a. Clemenz (1986).
7 Vgl. Neuberger (1998), S. 110.
8 Vgl. Baltensperger/Devinney (1985), S. 478 - 482.
Unternehmen, ein erhöhtes Insolvenzrisiko, potenziell zu Lasten der Bank, einzugehen. Im hier betrachteten Modell der Kreditvergabe wird von diesen Kosten ausgehend unterstellt, dass eine reine Kompensation über den Zinssatz nicht sinnvoll sei, da hierdurch einerseits aufgrund der höheren Zinsbelastung das Ausfallrisiko des Kreditnehmers steigen und andererseits eine Negativauswahl begünstigt würde. 9
An dieser Stelle beziehen einige Erklärungsansätze zudem die Möglichkeit ein, Sicherheiten zu bestellen. Ein solventes Unternehmen wird durch das eigene geringe Ausfallrisiko vergleichsweise geringe erwartete Insolvenzkosten 10 haben und somit bereitwilliger Sicherheiten stellen als ein insolvenzgefährdetes Unternehmen, das höhere erwartete Kosten aus einem Verlust der Sicherheiten befürchten muss und daher eher bereit sein wird, einen höheren Zins zu bezahlen. 11 Diese Kalkulation berücksichtigend, verbietet sich aus Sicht der Bank eine reine Anpassung über den Kreditzins. Es kann somit zu einer Rationierung der Kreditvergabe kommen, bei der nicht alle Kreditnachfrager, die bereit wären, den geforderten Zins zu bezahlen, einen Kredit bekommen.
Eine besondere Erweiterung nehmen an dieser Stelle einige andere Modelle vor, indem eine mehrperiodige Betrachtung angestellt wird, anhand derer sich im Rahmen einer Kundenbeziehung Reputation und Vertrauen zwischen Kreditgeber und Kreditnehmer auf- und Informationsasymmetrien abbauen können. Hierdurch ist bei der Verfügbarkeit von Krediten für im Wesentlichen gleich solvente Unternehmen insbesondere zwischen solchen mit bestehender längerfristiger Bindung zu einer Bank und solchen ohne eine langjährige Kundenbindung zu unterscheiden. 12
9 Vgl. Gischer et al. (2004), S. 85 - 91 als vorwiegend formale Herleitung oder Neuberger (1998) S. 103 - 107 für eine verbale Begründung.
10 Insolvenzkosten sind im weitesten Sinne zu verstehen als monetäre und nichtmonetäre Nachteile, die aus dem Eintritt oder auch bereits einer befürchteten Insolvenz folgen.
11 Vgl. Neuberger (1998), S. 114 - 118. Weiterführende Analysen zur Auswirkung von Sicherheiten finden sich auf den folgenden Seiten 118 - 122 oder bei Clemenz (1986), S. 122ff.
12 Vgl. Baltensperger/Devinney (1985), S. 482 - 491 oder Clemenz (1986), S. 97ff. für mehrperiodige Betrachtungen.
2.1.2 Portfoliomodelle mit Risikoaversion
Genau wie andere Partialmodelle gehen Portfoliomodelle von zentralen Grundannahmen wie Informationsasymmetrien und Moral Hazard aus. Der prinzipielle Unterschied der Portfoliomodelle zur Erklärung von Kreditvergabeverhalten zu anderen Partialmodellen liegt in der Annahme einer Risikoaversion seitens der Bank. Diese ist dadurch zu begründen, dass auch Kreditinstitute selbst einem Insolvenzrisiko ausgesetzt sind, das finanzielle und nicht-finanzielle (Kosten-)Risiken mit sich bringt. 13 Dabei verhält sich die Bank optimal, wenn sie den Erwartungswert des Nutzens des zukünftigen Vermögens maximiert. Die Nutzenfunktion wird dabei als strikt konkav angenommen. Neuberger nimmt in ihrem Modell dabei folgende Funktion für den Wert des Endvermögens an: 14 = max , , + 1 + − 1 + + − , 0 Formel 2: Endvermögen der risikoaversen Bank im Zeitpunkt t+1 Dabei beschreibt Y die Bruttoerträge aus der Kreditvergabe, L das Kreditvolumen, eine stochastische Variable, B die Investitionen der Bank in Staatspapiere, den effektiven Einlagen-Steuersatz durch Mindestreserve-vorschriften und r jeweils den Zinssatz von Krediten, Einlagen (D) und Staatspapieren.
Der Erwartungswert des Nutzens des Endvermögens wird nun maximiert nach der Formel max = max
,, ,,
Formel 3: Maximierung des Erwartungswerts des Nutzens einer risikoaversen Bank Dabei bestimmen sich Mittelwert und Varianz nach den Formeln =
Formel 4: Mittelwert und Varianz der Krediterträge einer risikoaversen Bank Dieses Modell berücksichtigt neben dem Kreditmarkt auch den Einlagenmarkt und den Markt für Staatspapiere. Dabei stellen letztere eine Alternativanlage zu Krediten an Kunden dar. Das Kreditinstitut optimiert also
13 Vgl. Neuberger (1998), S. 133.
14 In einer älteren Publikation gibt die Autorin ein Modell von Diamond und Dybvik aus dem Jahr 1983 als Ausgangslage für den eigenen Entwurf an: Vgl. Neuberger (1994), S. 126 - 131.
Arbeit zitieren:
Stefan Menk, 2010, Prozyklizität im Kreditvergabeverhalten von Banken als Nebenwirkung neuerer Normensetzungen in Bankenaufsicht und Rechnungslegung, München, GRIN Verlag GmbH
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