Inhalt
1. Einleitung 3
2. Der zapatistische Aufstand 4
3. Sprache, Wissen und Macht: Über den Begriff des Diskurses 5
4. Der zapatistische Diskurs 6
4.1 Kollektive Identität 7
4.2 Autonomie 8
4.3 Würde 9
5. Schlussworte 9
6. Bibliographie 11
Regine Mader PS Schreiben
1. Einleitung
Die zapatistische Bewegung, welche am 1. Januar 1994 ihren Anfang nahm und seither um Autonomie und Selbstbestimmung der indigenen Bevölkerung im südmexikanischen Bundestaat Chiapas kämpft, fasziniert Menschen in aller Welt. Sie ist eine der bekanntesten autonomen Bewegungen unserer Zeit und dient für viele politisch aktive Gruppen weltweit als Projektionsfläche mit Identifikations- und Vorbildcharakter. Denn nach dem Motiv „nuestra arma es nuestra palabra“ (dt.: unsere Waffe ist unser Wort) verfolgen die ZapatistInnen in Chiapas eine alternative Form politischen Widerstandes, eine, dessen Triebfeder nicht Waffen und Gewalt sind, sondern im Bereich der Sprache liegt. In ihren Kommuniqués werden dabei Poesie und Politik, Bilder und Botschaften verschmolzen, um den zentralen Forderungen nach Gerechtigkeit, Freiheit, Würde und Autonomie, Gehör zu verschaffen und diese schließlich umzusetzen.
Diese politische Nutzbarmachung und Inszenierung von Sprache im zapatistischen Diskurs möchte ich zum Gegenstand meiner Betrachtungen machen und dabei der Frage nachgehen, welche Rolle der Sprache, bzw. dem Diskurs bei der Umsetzung sozialer Interessen zukommt. Ich werde hierfür im ersten Teil dieser Arbeit zunächst den soziopolitischen Hintergrund des Aufstandes kurz skizzieren. Dies erscheint mir notwendig, da die Untersuchung des zapatistischen Diskurses eine Kenntnis von der sozialen Realität voraussetzt, in die er eingebettet ist. Anschließend werde ich anhand der sozialwissenschaftlichen Diskurstheorie zeigen, wie Sprache, Wissen und Macht unmittelbar zusammenhängen und welche Implikationen diese Zusammenhänge für den Erfolg der zapatistischen Bewegung ergeben. Im dritten Teil werde ich das Augenmerk auf den zapatistischen Diskurs richten und diesen auf seine Funktionen und Wirkungen im gesellschaftlichen Kontext hin analysieren. Anhand ausgewählter zapatistischer Diskurselemente - kollektive Identität, Autonomie und Würde - werde ich dabei der Frage nachgehen, welche diskursstrategischen Mittel eingesetzt werden, um sich in der Öffentlichkeit zu positionieren und politische Legitimität zu erzeugen.
Das Vermögen, durch Worte Widerstand zu leisten, hat mich bereits fasziniert, als ich vor meinem Studium als Menschenrechtsbeobachterin in zapatistischen Gemeinden gearbeitet habe. Ich widme mich daher diesem Thema aus meinem persönlichen Interesse heraus, diese Erfahrung tiefergehend zu beleuchten und das Phänomen theoretisch einzuordnen.
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Regine Mader PS Schreiben
2. Der zapatistische Aufstand
Mit ihrem Aufschrei „¡Ya basta!“ (dt.: Es reicht!) und der Besetzung von vier Bezirkshauptstädten im südlichsten mexikanischen Bundesstaat Chiapas am 1. Januar 1994 war es der indigenen Bevölkerung gelungen, den Blick der Weltöffentlichkeit auf sich zu richten. Unter den bewaffneten, maskierten Zapatistas verliest Subcomandante Marcos, Sprachrohr und die emblematische Figur der EZLN 1 , die Kriegserklärung an die mexikanische Regierung. In dieser „Ersten Deklaration aus dem lakandonischen Urwald“ verkünden die Zapatistas damit ihren Kampf um “Arbeit, Land, Wohnraum, Nahrung, Gesundheit, Bildung, Unabhängigkeit, Freiheit, Demokratie, Gerechtigkeit und Frieden“ 2 und protestieren gegen ein ungerechtes Wirtschaftsystem 3 , welches sie in Armut und Marginalisierung hält. Denn obwohl die Region einen unermesslichen Reichtum an Flora, Fauna und Rohstoffen wie Erdöl, Wasser, Erdgas, Holz und vielen anderen natürlichen Ressourcen beherbergt, zählt Chiapas gleichzeitig zu einer der ärmsten Bundesstaaten Mexikos. Paradoxerweise steht dem immensen natürlichen Reichtum in dieser Region die Misere der indigenen Landbevölkerung gegenüber. Die Anerkennung der Rechte der indigenen Bevölkerung und der Schutz ihrer existentiellen Lebensgrundlagen sind daher die zentralen Motive des Aufstandes.
In den folgenden zwölf Tagen nach der Besetzung versucht die mexikanische Regierung unter Präsident Carlos Salinas de Gotari die Bewegung durch massiven Militäreinsatz niederzuschlagen, woraufhin sich die EZLN in den lakandonischen Urwald zurückzieht. Unter dem Druck von Demonstrationen und Solidaritätskundgebungen in Mexiko, z.B. unter dem Motto „¡Todos somos Zapatistas!“ (dt.: Wir sind alle Zapatistas!), und der weltweiten Aufmerksamkeit auf die blutigen Vorgänge in Chiapas, erklärt die Regierung schließlich Waffenstillstand.
In den folgenden Verhandlungen zwischen den ZapatistInnen und der Regierung wendet sich die ursprüngliche Waffenergreifung der Zapatistas hin zu ihrer Wortergreifung, die
1 Ejército Zapatista de Liberación Nacional (EZLN), dt.: Zapatistische Armee der Nationalen Befreiung. Mit dem Namen „Zapatista“ beziehen sich die ZapatistInnen auf den legendären Revolutionsführer der mexikanischen Revolution (1910-1917) Emiliano Zapata und seine Grundforderungen „Tierra y Libertad“ (dt.: Land und Freiheit), welcher sich damit wiederrum auf die indigene Chamula-Rebellion von 1869 in Chiapas berufen hatte (vgl. Kerkeling 2006: 14ff.).
2 „trabajo, tierra, techo, alimentación, salud, educación, independencia, libertad, democracia, justicia y paz” Übersetzung der Verfasserin nach EZLN 1993.
3 Der Zeitpunkt des Aufstandes war sicherlich nicht zufällig gewählt. Denn am 1.Januar 1994 tritt auch das NAFTA-Freihandelsabkommen zwischen den USA, Kanada und Mexiko in Kraft, ein historischer Höhepunkt der neoliberalen Wirtschaftspolitik Mexikos. 4
Arbeit zitieren:
Regine Mader, 2010, Aufstand der Worte: Die Politische Inszenierung von Sprache im Diskurs der Zapatistischen Bewegung in Chiapas, Mexiko, München, GRIN Verlag GmbH
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