Inhaltsverzeichnis
Abk ürzungsverzeichnis. iv
Abbildungsverzeichnis. vii
1 Einleitung. 01
2 Trampolinturnen auf internationaler Ebene. 04
2.1 Chronik der Sportart in erfolgreichen Nationen. 09
2.1.1 Analyse der Ergebnislisten internationaler Wettkämpfe. 09
2.1.2 Großbritannien. 15
2.1.3 Frankreich. 16
2.1.4 Russland. 16
2.1.5 China. 17
2.1.6 Zusammenfassung. 19
2.2 Spitzensportförderung in erfolgreichen Nationen. 20
2.2.1 Sportpolitik. 22
2.2.2 Organisationsstrukturen der Sportsysteme. 27
2.2.3 Finanzierung der Sportorganisationen. 33
2.2.4 Zusammenfassung. 37
2.3 Athletensituation in erfolgreichen Nationen. 38
2.3.1 Talentsuche. 38
2.3.2 Kaderstruktur. 43
2.3.3 Finanzielle Förderung. 46
2.3.4 Trainingsbedingungen. 48
2.3.5 Unterstützungsleistungen während der Doppelkarriere. 50
2.3.6 Zusammenfassung. 53
2.4 Trainersituation in erfolgreichen Nationen 55
2.4.1 Aus- und Fortbildung. 55
2.4.2 Finanzielle Vergütung. 57
2.4.3 Zusammenfassung. 60
3 Trampolinturnen in Deutschland. 61
i
3.1 Chronik der Sportart in Deutschland. 62
3.1.1 Zusammenfassung. 64
3.2 Spitzensportförderung in Deutschland. 64
3.2.1 Sportpolitik. 65
3.2.2 Organisationsstrukturen des Sportsystems. 67
3.2.3 Finanzierung der Sportorganisationen. 71
3.2.4 Zusammenfassung. 73
3.3 Athletensituation in Deutschland. 74
3.3.1 Talentsuche. 75
3.3.2 Kaderstruktur. 77
3.3.3 Finanzielle Förderung. 79
3.3.4 Trainingsbedingungen. 81
3.3.5 Unterstützungsleistungen während der Doppelkarriere. 84
3.3.6 Zusammenfassung. 89
3.4 Trainersituation in Deutschland. 91
3.4.1 Aus- und Fortbildung. 91
3.4.2 Finanzielle Vergütung. 95
3.4.3 Zusammenfassung. 97
4 Wie kann der Niedergang verhindert werden? 99
4.1 Bedeutung der Sportart. 100
4.1.1 Zusammenfassung. 103
4.2 Spitzensportförderung. 104
4.2.1 DOSB. 105
4.2.2 DTB. 109
4.2.3 Zusammenfassung. 111
4.3 Athletensituation. 111
4.3.1 Turn-Talentschulen. 112
4.3.2 Unterstützungsleistungen während der Doppelkarriere. 117
4.3.3 Zusammenfassung. 120
4.4 Trainersituation. 121
4.4.1 Die Traineroffensive des DOSB. 122
4.4.2 Aus- und Fortbildungsmaßnahmen im DTB. 124
ii
4.4.3 Alternativen zur Verbesserung der Situation von Vereinstrainern......126 4.4.4 Zusammenfassung..............................................................................127
5 Schlussbetrachtung............................................................................................129
Literaturverzeichnis...............................................................................................133
Anhang
Analyse der Ergebnislisten internationaler Wettkämpfe Erwachsenenbereich Nachwuchsbereich
Landkarte der Turn-Talentschulen in Deutschland
iii
Abkürzungsverzeichnis
Abb. Abbildung
Abs. Absatz
adh Allgemeiner Deutscher Hochschulsportverband
Aufl. Auflage
AUS Australien
BEES Brevet d'état d'éducateur sportif
BG British Gymnastics
BLR Weißrussland
BISp Bundesinstitut für Sportwissenschaft
BMI Bundesministerium des Innern
BOA British Olympic Association
BSGA British Schools Gymnastics Association
BSP Bundesstützpunkt
bzw. beziehungsweise
CAN Kanada
CCPR Central Council of Physical Recreation
CHN China
CIP Convention d'insertion professionnelle
COC Chinese Olympic Committee
DCMS Department for Culture, Media and Sport
DDR Deutsche Demokratische Republik
d.h. das heißt
DOSB Deutscher Olympischer Sportbund
DSB Deutscher Sportbund
DSH Stiftung Deutsche Sporthilfe
iv
DTB Deutscher Turnerbund
DTN Direction technique nationale
ebd. ebenda
et al. et alii (und weitere)
EM Europameisterschaften
ESP Spanien
FAKS Föderale Agentur für Körperkultur und Sport
FFT Förderverein der Freunde des Trampolinturnens
FIG Fédération Internationale de Gymnastique
FIT Fédération Internationale de Trampoline
FNDS Fonds national pour le développement du sport
FRA Frankreich
GBR Großbritannien
GEO Georgien
GER Deutschland
GVS Generalverwaltung für Sport
Hrsg. Herausgeber
IOC International Olympic Committee
JEM Jugendeuropameisterschaften
JPN Japan
LA-L Landesausschuss Leistungssport (eines Landessportbunds)
LE Lerneinheit
LS Lenkungsstab
LTV Landesturnverband
m männlich
MJS Ministère de la Jeunesse et des Sports
NED Niederlande
v
NOC National Olympic Committee (Gremium der BOA)
NOK Nationales Olympisches Komitee
OS Olympische Spiele
OSP Olympiastützpunkt
POR Portugal
ROC Russian Olympic Committee
RUS Russland
SK Schwierigkeitsgrad
SUI Schweiz
TK Technisches Komitee
TTS Turn-Talentschule
TZ Turn-Zentrum
u.a. unter anderem
UKR Ukraine
vgl. vergleiche
w weiblich
WAG World Age Group Games
WCP World Class Performance
WCPo World Class Potential
WCS World Class Start
WM Weltmeisterschaften
z.B. zum Beispiel
vi
Abbildungsverzeichnis
Abb. 1: Die Entwicklungstendenz erfolgreicher Trampolinnationen gemessen an der Anzahl gewonnener Medaillen im Zeitraum 1998 bis 2007........................11
Abb. 2: Die Entwicklungstendenz erfolgreicher Trampolinnationen gemessen an der Wertigkeit gewonnener Medaillen im Zeitraum 1998 bis 2007...................11
Abb. 3: Durchschnittliche Wertigkeit der gewonnenen Medaillen je Nation bei
einer Turnierteilnahme (qualitativ)..........................................................................12
Abb. 4: Die Entwicklungstendenz erfolgreicher Trampolinnationen (Nachwuchsbereich) gemessen an der Anzahl gewonnener Medaillen im
Zeitraum 1998 bis 2008..........................................................................................14
Abb. 5: Die Entwicklungstendenz erfolgreicher Trampolinnationen (Nachwuchsbereich) gemessen an der Wertigkeit gewonnener Medaillen im
Zeitraum 1998 bis 2008..........................................................................................15
Abb. 6: Die Bausteine der Förderung durch die Stiftung Deutsche Sporthilfe......79
Abb. 7: Struktur des DSB-Qualifizierungssystems.................................................92
Abb. 8: Konsequenzen im Rahmen der Zielvereinbarung...................................108
Abb. 9: Landkarte der Turn-Talentschulen in Deutschland......................................X
vii
1 Einleitung
Das Trampolinturnen ist eine technisch-kompositorische Sportart, die sich aus vier Disziplinen zusammensetzt. Dazu zählen Trampolin Einzel, Trampolin Synchron, Doppelminitramp und Tumbling. Jede dieser Disziplinen kann bis zur Weltmeisterschaftsebene als Leistungssport betrieben werden. Trampolin Einzel hingegen ist seit den Olympischen Spielen 2000 in Sydney neben Gerätturnen männlich/weiblich und Rhythmischer Sportgymnastik eine von vier olympischen Disziplinen im Deutschen Turnerbund (DTB). Im Rahmen dieser Arbeit soll aus Gründen der Übersichtlichkeit nur die olympische Einzeldisziplin auf dem Großgerät Trampolin betrachtet werden. Nationale und internationale Wettkämpfe in dieser Disziplin werden in Form zweier Vorkampfübungen ausgetragen, über welche sich die besten acht Athleten für das Finale qualifizieren können. Jede Übung besteht dabei aus exakt zehn unmittelbar aufeinander folgenden Sprüngen, welche Salto- und Schraubenrotationen enthalten. Die Sprunghöhe kann bis zu neun Metern Reichhöhe betragen.
Deutschlands Trampolinturner zählten in den vergangenen Jahrzehnten zu den erfolgreichsten Athleten weltweit. Bei Welt- und Europameisterschaften konnten sie sich neben (ehemals) sowjetischen, britischen und französischen Spitzenturnern verlässlich unter den Top Ten platzieren und zahlreiche Medaillen gewinnen. Mit der Bekanntgabe der olympischen Anerkennung des Trampolinsports im Jahr 1998 wurde eine enorme Entwicklung der Sportart eingeleitet, welche bis heute andauert und mit Sicherheit noch nicht abgeschlossen ist. Dies äußerte sich vor allem in der Steigerung des Leistungsniveaus und der damit verbundenen Zunahme der Konkurrenzdichte. Während die internationale Konkurrenz immer stärker wird, zeichnet sich für das deutsche Trampolinturnen ein Negativtrend in Form nachlassender internationaler Erfolge ab, der in einem medaillenlosen Auftritt bei den vorolympischen Weltmeisterschaften 2007 in Kanada mündete. Erschwerend kommt hinzu, dass das Frauentrampolinturnen in Deutschland, mit Ausnahme der aus Georgien eingebürgerten Anna Dogonadze, international kaum existent und von einer erhöhten Drop-out-Rate gekennzeichnet ist. Zusätzlich zeichnen sich bei potentiellen Nachwuchsathleten im internationalen Vergleich erhebliche qualitative Mängel ab.
Vor diesem Hintergrund ist es von Interesse, worin die Gründe für diese Entwicklung des deutschen Trampolinsports liegen. Außerdem stellt sich die Frage, ob
1
das Trampolinturnen in Deutschland künftig den steigenden Anforderungen des Leistungssports gewachsen ist und wieder regelmäßige Erfolge vorweisen kann. Oder ist davon auszugehen, dass dieser Sportart in Deutschland ein Niedergang bevorsteht?
Zugegebenermaßen ist der Begriff Niedergang eine recht provokante Formulierung. Im Rahmen dieser Arbeit soll er definiert werden als das langfristige Ausbleiben internationaler Erfolge und Medaillen, welche für die finanzielle Förderung einer olympischen Sportart und somit für deren Fortbestand im Hochleistungssportbereich grundlegende Voraussetzung sind. Das Ziel dieser Arbeit besteht in erster Linie in der Erstellung einer Standortbestimmung des deutschen Trampolinsports, um auf deren Basis Optimierungsvorschläge aufzuzeigen, wie der so definierte Niedergang verhindert werden kann. Dazu müssen zunächst die Grundlagen und Bedingungen bestimmt werden, welche für die positive Entwicklung einer Sportart verantwortlich sind und für das Erreichen internationaler Erfolge erfüllt sein müssen.
Hier ist vor allem die Spitzensportförderung einer Nation zu nennen, welche die nötigen Unterstützungsleistungen auf mehreren Ebenen erbringt, um die Strukturen eines Sportsystems nachhaltig zu stärken und alle Beteiligten langfristig an das System zu binden. Darunter fällt im Speziellen eine kontinuierliche Athletenförderung, welche einerseits die Zusammenstellung eines möglichst großen Athletenpools und dessen professionelles Trainieren garantieren soll und zugleich für die soziale Absicherung der Athleten und Schaffung eines leistungssportfreundlichen Umfelds sorgen muss, um die Drop-out-Quote erfolgreicher Sportler gering zu halten. Darüber hinaus ist eine ausreichende Anzahl hoch qualifizierter Trainer notwendig, um die Betreuung und Ausbildung der Athleten im Sinne eines langfristigen Leistungsaufbaus zu gewährleisten.
Um herauszufinden, wo die Schwachstellen des deutschen Sportsystems und der Sportart Trampolinturnen im Speziellen liegen, soll ein internationaler Vergleich mit den Hochleistungssportsystemen anderer erfolgreicher Trampolinnationen vorgenommen werden. Dazu wurden die Ergebnislisten internationaler Trampolinwettkämpfe der vergangenen zehn Jahre herangezogen, um die erfolgreichsten Nationen für den Vergleich bestimmen zu können. Anschließend soll analysiert werden, worin die strukturellen Vorteile dieser Nationen bestehen, um mögliche Veränderungen bzw. Anpassungen für den deutschen Trampolinsport aufzuzeigen.
2
Für die Darstellung der internationalen Sportsysteme konnte auf Veröffentlichungen zurückgegriffen werden, die im Rahmen des Forschungsprojekts Die Organisation des Hochleistungssports - ein internationaler Vergleich des Instituts für Sportwissenschaft der Universität Tübingen unter der Leitung von Helmut Digel publiziert wurden. 1 Da für die Sportart Trampolinturnen (mit Ausnahme des sportmedizinischen und therapeutischen Bereichs) keine Forschungsliteratur existiert, wurden zur Erörterung der Problemlage qualitative schriftliche und mündliche Interviews mit Experten des DTB auf den Ebenen der Trainerschaft und der Funktionäre durchgeführt. Diese dienten nur der ersten Orientierung und werden äußerst selten in anonymisierter Form zitiert. 2 Des Weiteren beruhen zahlreiche Erkenntnisse auf Arbeitspapieren der Verbände und Organisationen, Fachmagazinen, Internetseiten 3 der Verbände sowie eigenen Erfahrungen der Verfasserin als ehemaligem Mitglied des Nachwuchs-Bundeskaders Trampolinturnen.
Im Folgenden soll kurz ein historischer Überblick der Sportart Trampolinturnen gegeben werden, bevor auf die Leistungsentwicklung der erfolgreichen Trampolinnationen China, Russland, Frankreich und Großbritannien eingegangen wird (Kapitel 2). Im weiteren Verlauf der Arbeit sollen zunächst die Ressourcen der internationalen Sportsysteme (2) und darauf folgend die des deutschen Hochleistungssports (3) unter besonderer Beachtung der Spitzensport- und Athletenförderung sowie der Trainersituation thematisiert werden. Anschließend sollen in vergleichender Gegenüberstellung Perspektiven für die Optimierung des deutschen Trampolin-sports aufgezeigt werden (4).
Aufgrund der Komplexität der Verflechtungen zwischen Sport, Gesellschaft, Politik und Wirtschaft kann die Diskussion nur im Rahmen einer deskriptiven Typologie erfolgen. Sie soll eine Standortbestimmung des deutschen Sports bzw. Trampolinturnens im internationalen Vergleich ermöglichen und Lösungsansätze für einzelne Teilbereiche aufzeigen. Im Rahmen dieser Arbeit wird es leider nicht möglich sein, eine Patentlösung für die Probleme des deutschen Hochleistungssports zu finden. Vielmehr soll sie Anlass zu weiteren strukturellen Überlegungen geben.
Vgl. Digel, 2001; Digel, 2007; Digel & Fahrner, 2003; Digel, Burk & Sloboda, 2003a; Digel, Miao 1
& Utz, 2003b; Digel, Burk & Sloboda, 2006a; Digel, Burk & Fahrner, 2006b.
Die Zitation erfolgt dabei in folgender Form: Experte X (Funktionsbezeichnung), Interview Y. Die 2
Art des jeweiligen Interviews und das Datum der Durchführung sind dem Literaturverzeichnis zu
entnehmen. Die wiedergegebenen Einstellungen sind trampolinspezifisch geprägt. Turnspezi-fische Gegenmeinungen aus den Reihen der DTB-Funktionäre wurden publizierten Beiträgen
entnommen.
Zur Eingrenzung der zitierten Textstellen von Internetseiten werden Textanker (#) bzw. Absatz- 3
nummerierungen (Abs.) verwendet.
3
2 Trampolinturnen auf internationaler Ebene
Zunächst soll zur besseren Einordnung ein kurzer geschichtlicher Abriss über die Entwicklung der Sportart Trampolinturnen erfolgen.
Das Trampolinturnen hat seinen Ursprung in den USA: Im Jahr 1928 baute George Nissen, Mitglied einer in den USA und Mexiko bekannten Artistengruppe namens !Leonardos", zusammen mit seinem Studienfreund Larry Griswold das erste Trampolin. 4 Ursprünglich nur für die Unterhaltung gedacht, sollte es bald nicht mehr nur für Zirkuskünstler, sondern für die ganze Bevölkerung zugänglich werden. 5 Nach mehrjährigen Neukonstruktionen und Verbesserungen durch Nissen wurde 1937 das erste Trampolin (Stahlrohrgerät) im heutigen Sinne fertig gestellt. 6 Nachdem im Jahr 1939 die Patentierung erfolgte, nahm man das Gerät in die Massenproduktion auf. 7
Laut Hartmut Riehle fand 1947 in Dallas/Texas (USA) der erste inoffizielle Trampolinwettkampf statt. 8 Mitte der 50er Jahre wurde das patentierte amerikanische Sprunggerät durch die Schweiz nach Europa importiert 9 und durch Kurt Bächler, einem ehemaligen Schweizer Nationalkunstturner und dem späteren Trainer der US-Olympiaturnermannschaft (bis 1956), in ganz Europa und somit auch in Deutschland bekannt gemacht. 10
Obwohl weit verbreitet nationale Vergleichskämpfe durchgeführt wurden und im November 1959 auf einem Kongress des Internationalen Turnerbundes (FIG - FédérationInternationale de Gymnastique) das Trampolinturnen als eigenständige Disziplin benannt wurde, lehnte man die Anerkennung des Trampolins als Wettkampfgerät zunächst ab. Der Trampolinbundestrainer der Jahre 1977 bis 1985 und derzeitige ehrenamtliche Vorsitzende der deutschen Trampolin-Bundesliga Heinz-Peter Michels bestätigt dies:
Vgl. Doelle, 1982, S. 66; Schmitt, 1990, S. 27. 4
Vgl. Braecklein, 1962, S. 9. 5
Vgl. Christlieb, 1999, S. 11. 6
Vgl. Riehle, 1972, S. 8; Loken, 1948, S. 2. 7
Vgl. Riehle, 1972, S. 8. 8
Vgl. Schulze-Bäing, 1961/62, S. 10; Braecklein, 1962, S. 10; Loken, 1948, S. 2. 9
10 Vgl. Riehle, 1972, S. 9; Doelle 1982, S. 69.
4
„Beim Kongress des Internationalen Turnerbundes 1959 in Kopenhagen und 1961
in Stuttgart bemühte sich der Deutsche Turnerbund um die Aufnahme als Wett-
kampfdisziplin in den Weltverband, leider beide Male vergeblich.“ 11
Doch ließen sich die Trampolinnationen nicht entmutigen, und so kam es auf Initiative des Deutschen Turnerbundes (DTB) am 04. März 1964 in Frankfurt am Main zu einem Treffen zwischen den Ländern Belgien, Deutschland, Großbritannien, Luxemburg, Niederlande, Südafrika, der Schweiz und den USA, welche den Internationalen Trampolinverband (FIT - Fédération Internationale de Trampoline) gründeten. 12 Damit hatte die Sportart erstmals einen unabhängigen Trampolinver-band, der „die Möglichkeit [gab], in internationaler Zusammenarbeit das Trampolinturnen als Wettkampfsport weiter zu verbreiten“ 13 und den Grundstein für die erstmals auszutragenden Weltmeisterschaften legte. Diese fanden nur wenig später am 21. März 1964 in London statt; die ersten Europameisterschaften wurden im Jahr 1969 in Paris ausgetragen. Seitdem werden diese Meisterschaften regelmäßig im Zwei-Jahres-Rhythmus durchgeführt. 14
Bereits Anfang der 1980er Jahre stellte die FIT den Antrag auf die Aufnahme in das olympische Programm, jedoch ohne Erfolg. Doch 1988 schien das Internationale Olympische Komitee (IOC - International Olympic Committee) auf das Trampolinturnen aufmerksam geworden zu sein und bestätigte dies mit der Anerkennung des Trampolinturnens als olympische Sportart. 15 Dies bedeutete jedoch nur, dass die Sportart für eine mögliche Integration in das olympische Programm in Betracht gezogen wurde und nicht die Berechtigung zur sofortigen Teilnahme an den Olympischen Spielen erhielt.
Im Anschluss an die Weltmeisterschaften 1998 in Sydney (AUS) wurde von der FIT eine wegbereitende Entscheidung getroffen: Um eine größere Chance auf eine möglichst zeitnahe Aufnahme in das olympische Programm zu haben, löste sich der eigenständige Trampolinverband FIT zugunsten der Eingliederung in den Internationalen Turnverband FIG mit Wirkung zum 01. Januar 1999 auf. 16 Der Zusammenschluss der beiden Weltverbände erleichterte die Aufnahme als neue Sportart ins offizielle Programm der Olympischen Spiele 2000 in Sydney. Die FIG
11 Michels, 1997, S. 11.
12 Vgl. Michels, 1998, S. 7.
13 Riehle, 1972, S. 9.
14 Vgl. Schmitt, 1990, S. 27.
15 Vgl. FIG, o.J.
16 Vgl. GYMmedia INTERNATIONAL, 1998.
5
gab 24 Startplätze aus ihrem Wettkampfkontingent frei und stellte der Disziplin Trampolinturnen somit für die Einzelwettkämpfe männlich und weiblich je zwölf Plätze zur Verfügung.
Zwar war der lang gehegte olympische Traum wahr geworden, doch hatten einige Mitgliedsverbände der FIT Bedenken wegen des drohenden Verlusts der Eigenständigkeit auf nationaler wie auch internationaler Ebene. In einigen Nationen wie z.B. Frankreich, Großbritannien und den USA waren die Trampolinverbände bis dahin unabhängig organisierte und finanzierte Verbände, die sich nun auch auf nationaler Ebene in die großen Turnverbände eingliedern mussten und die Verfolgung trampolinspezifischer Ziele gefährdet sahen. 17 Der damalige FIT-Präsident Ron Froehlich (USA) kommentierte die gefürchtete Fusion nach der Entscheidung folgendermaßen:
„It was not easy to dissolve our over thirty year old, independent, IOC recognized
Federation and I am proud that our member federations have made this step into
the future - a future with the oldest Olympic Sport Federation, the FIG. I wish to
thank all those who, for the benefit of the athletes, gave up their positions in order
to make this merger possible. I am convinced that we shall feel good in the family
of Gymnastics and be as independent as the other FIG disciplines.“ 18
Unbegründet waren die Sorgen der Verbände nicht, denn u.a. hatte der neue internationale Dachverband FIG nun die Aufgabe, ein einheitliches Wertungssystem für alle untergeordneten olympischen Turndisziplinen (Gerätturnen männlich und weiblich, Rhythmische Sportgymnastik und Trampolinturnen) zu schaffen. So war eine weitere Konsequenz der Fusion die Angleichung der bisher bewährten Trampolin-Wettkampfbestimmungen an den so genannten Code of Points der FIG. 19 In diesen Wettkampfbestimmungen werden das Wertungssystem und der Wettkampfablauf detailliert geregelt. Dies hatte erhebliche Regeländerungen auf nationaler und internationaler Ebene zur Folge: Neben den Olympischen Spielen wurden nun auch die Welt- und Kontinentalmeisterschaften sowie die World-Cup-Serie und alle anderen internationalen Wettkämpfe auf der Basis der FIG-Regeln veranstaltet. 20 Um eine einheitliche Vorbereitung auf internationale Meisterschaften zu ermöglichen, arbeiteten die Trampolin-Mitgliedsverbände der FIG die neuen Regeln in ihre nationalen Wettkampfbestimmungen ein. Somit betrafen die Änderungen nicht nur die 24 Olympiateilnehmer, sondern auch alle anderen Trampolin-
17 Vgl.Gehrke, 1995, #5.
18 GYMmedia INTERNATIONAL, 1998.
19 Vgl. FIG, 2001; FIG, 2005.
20 Vgl. DTB, 2001, S. 136; FIG, 2005, S. 5.
6
turner in den Verbänden. Die gravierendsten Änderungen waren die reduzierte Teilnehmerzahl im Finale (acht statt zehn) und das bei null Punkten startende Finale (statt Sieg durch Gesamtergebnis der Vorkampf- und Finalwertungen).
An der veränderten Finalteilnehmerzahl lässt sich beispielsweise aufzeigen, dass einige Entscheidungen wohl besser doch sportartspezifisch getroffen und nicht von den traditionellen Turndisziplinen auf das Trampolinturnen übertragen werden sollten. Die reduzierte Anzahl an Finalturnern ist hauptsächlich zurückzuführen auf notwendige zeitliche Restriktionen in den Gerätturnen-Wettkämpfen (männlich/ weiblich). Aufgrund der zahlreichen unterschiedlichen Gerätefinals dauerten die Veranstaltungen meist sehr lang. Betrachtet man allerdings die Tatsache, dass eine Trampolinübung aus nur zehn aufeinander folgenden Sprüngen besteht und maximal 20 bis 30 Sekunden dauert, so ist es zu verstehen, dass bei der olympischen Premiere in Sydney 2000 die von der FIG geplante zweistündige TVÜbertragung einige Probleme bereitete: Es gab schließlich nur 24 Starter, die je zwei Übungen in der Qualifikation turnten und abschließend 16 Finalübungen. Die Folge war, dass die Trampolinturner überdurchschnittlich viel Zeit mit dem Einturnen verbrachten, um im Programm keine Pausen entstehen zu lassen. Einerseits war dies eine gute mentale Vorbereitung, um sich an die ungewohnten Zuschauermassen und Kameras zu gewöhnen, andererseits bedeutete es eine enorme Anstrengung für die Aktiven, worunter die Finalübungen teilweise zu leiden hatten. 21 Es gibt zahlreiche weitere Beispiele dafür, dass Entscheidungen in den Gremien seit dem Zusammenschluss vermehrt aus Sicht der traditionellen Turndisziplinen getroffen und trampolinspezifische Belange außer Acht gelassen werden. Negative Folgen aus der gefühlten übergeordneten Stellung der !Turnfunktionäre" gibt es auch auf Ebene des Deutschen Turnerbundes (DTB), welche in den entsprechenden Kapiteln 3 und 4 weiter ausgeführt werden sollen.
Trotz dessen sah auch André Gueisbuhler (SUI), bis zur Auflösung des Verbandes FIT-Generalsekretär und aktueller FIG-Generalsekretär, in dem Zusammenschluss die logische Konsequenz aufgrund der Verwandtschaft der verbundenen Disziplinen und betonte die neu erschlossenen Vorteile:
21
Vgl. Kuhn, 2000, S. 3; Kunze, 2000, S. 3.
7
„This merger comes from the basis: Many FIT member federations are members
of the FIG and vice versa. In the practical life, Trampoline and Gymnastics have
been training together in the same halls, using the same apparatus. Trampolining
is a must for every Gymnast - Gymnastics is a must for every Trampoliner. Our
sports are from the same family. I am looking forward to being part of the Gym-
nastics family, I believe that Trampoline [...] will develop tremendously world-
wide.“ 22
Mit seiner Aussage über die Entwicklungstendenzen der Sportart sollte André Gueisbuhler Recht behalten: Auch für die Olympischen Spiele 2004 in Athen und 2008 in Peking wurde die Disziplin Trampolinturnen bestätigt und erhielt sogar 32 Startplätze (je 16 männliche und weibliche Teilnehmer). Die Aufnahme in das olympische Programm führte außerdem dazu, dass die Sportart weltweit mehr Aufmerksamkeit erfuhr. Zumindest sorgte sie dafür, dass immer mehr Nationen sich entschieden, Trampolinturnen als Spitzensport zu betreiben. So sind mittlerweile über 40 Nationen bei Trampolinweltmeisterschaften vertreten, u.a. Namibia, Israel, Algerien und Mexiko als Novizen. Von besonderer Bedeutung allerdings ist die Entscheidung Chinas nach Bekanntgabe der Aufnahme des Trampolinturnens in das olympische Wettkampfprogramm im Jahr 1998, sich dieser Sportart zu widmen.
Warum gerade China eine große Rolle im internationalen Trampolinturnen spielt und welche weiteren Nationen näher zu betrachten sind, soll im folgenden Unterkapitel (2.1) geklärt werden. Hierbei gilt es, die internationalen Entwicklungstendenzen der letzten zehn Jahre seit 1998 zu analysieren. Ziel ist es, die erfolgreichsten Trampolinnationen auszumachen und deren Spitzensportsysteme genauer zu betrachten (2.2). Es sollen die jeweiligen nationalen Voraussetzungen beleuchtet werden, die für das Hervorbringen außerordentlicher und langfristiger internationaler Erfolge verantwortlich sind. Darunter erfahren vor allem die Athleten (2.3) und die Trainerschaft (2.4) sowie deren Ausbildungsbedingungen besondere Beachtung, da es sich bei diesen um die direkt an den Erfolgen Beteiligten im Spitzensport handelt. Gleichzeitig sollen die hieraus gewonnenen Erkenntnisse für einen Vergleich mit dem deutschen Hochleistungssportsystem herangezogen (3) und mögliche Verbesserungen abgeleitet werden (4).
22 GYMmedia INTERNATIONAL, 1998.
8
2.1 Chronik der Sportart in erfolgreichen Nationen
Zu Beginn des internationalen Wettkampfgeschehens in den 1960er Jahren dominierten die Athleten der USA und stellten für mehrere Jahre die Weltmeister in der männlichen und weiblichen Einzelkonkurrenz. Aufgrund der Tatsache, dass in den USA das Trampolinturnen seine Ursprünge hatte und dort sehr schnell in die Schulsportausbildung integriert wurde, gab es eine Vielzahl von erfahrenen Athleten. Doch im Laufe des folgenden Jahrzehnts kam es zu vielen Verletzungen und daraufhin zu gerichtlichen Verfahren mit Versicherungen, was dazu führte, dass die Sportart aus den Schulen zurückgedrängt wurde in professionelle Clubs mit entsprechend lizenziertem Trainingspersonal. Die Folge war eine drastische Reduzierung der Anzahl amerikanischer Wettkampfathleten und ein konsequenter Rückgang der US-Erfolge bei internationalen Meisterschaften bis in die heutige Zeit hinein. 23 Daraufhin trumpften die Europäer auf: Allen vorweg ist die ehemalige Sowjetunion zu nennen, die über mehrere Jahrzehnte hinweg den Trampolinsport dominierte und bis heute mit den neu hervorgegangenen einzelnen Nationen (z.B. Russland - RUS, Ukraine - UKR, Weißrussland - BLR) in der Weltspitze vertreten ist. Weitere starke Nationen waren Frankreich, Großbritannien und Deutschland. 24
2.1.1 Analyse der Ergebnislisten internationaler Wettkämpfe
Wie bereits erwähnt, haben viele neue Nationen Trampolinturnen in ihr Spitzen-sportprogramm übernommen, seitdem die Sportart olympisch wurde. Professionelles Trainieren wurde notwendig, um sich bei immer größerer Konkurrenzdichte von den Mitstreitern abzusetzen. Im Folgenden sollen nun die Entwicklungstendenzen der letzten zehn Jahre aufgezeigt werden.
Durch die Recherche der Ergebnislisten der Olympischen Spiele (2000 und 2004), der Weltmeisterschaften (1998 bis 2007) im Erwachsenenbereich und der Europameisterschaften (1998 bis 2008) im Erwachsenen- sowie im Nachwuchsbereich kann die Verteilung der Medaillen auf die stärksten Nationen nachvollzogen werden. Besonderes Augenmerk liegt hierbei auf der Analyse der olympischen Einzeldisziplinen männlich/weiblich und auf den Teamergebnissen männlich/weiblich. Die Teamwettkämpfe werden nur bei Weltmeisterschaften (WM) und Europameisterschaften (EM) durchgeführt: Hierbei turnen vier Trampolinturner einer Nation zusätzlich zu den separat ausgetragenen Einzelkonkurrenzen einen Vorkampf (je
23
Vgl. Ministry of Air, 2008a; Alton Trampoline Club, o.J.
24 Vgl. ebd.
9
eine Pflicht- und Kürübung) 25 , um sich für das Teamfinale der besten fünf Nationen zu qualifizieren. Im Teamfinale springen nur noch drei ausgewählte Athleten pro Nation ihre Finalübung für den Titelgewinn. Da die Mannschaftswettkämpfe letztendlich durch die Addition von Einzelleistungen der Athleten entschieden werden 26 , erscheint es sinnvoll, sie ebenso in die Analyse mit einzubeziehen.
Wegen der besseren Darstellungsmöglichkeiten wird im Erwachsenenbereich auf die Einbeziehung der Europameisterschaften verzichtet (vgl. Abb. 1 und 2). Somit kann eine aussagekräftige Entwicklungskurve entstehen, ohne Lücken in der Grafik durch Nicht-Teilnahme der außereuropäischen Länder in Kauf nehmen zu müssen. Außerdem wird die Darstellung einer prozentualen Verteilung der Medaillen zu Ungunsten der Darstellung der Gesamtanzahl bevorzugt: Da es bei den Olympischen Spielen (OS) nur maximal sechs zu verteilende Medaillen gibt (Einzel m/w), würde es im Vergleich mit den Weltmeisterschaften und den dort maximal zwölf möglichen Medaillen (je sechs für die Einzel- und Teamergebnisse m/w) zu weiteren Unregelmäßigkeiten in der Entwicklungskurve führen.
Zusätzlich wird im Erwachsenen- (Abb. 1, 2 und 3) wie im Nachwuchsbereich (Abb. 4 und 5) dem rein quantitativen internationalen Vergleich ein qualitativer internationaler Vergleich gegenübergestellt. Teilweise ergeben sich starke Differenzen in der Darstellung zwischen der Anzahl der gewonnenen Medaillen pro Nation (quantitativ) und der Wertigkeit der gewonnenen Medaillen pro Nation (qualitativ). So haben mehrere Nationen ähnlich viele Medaillen bei einem Event gewonnen, wobei es nur durch die Darstellung der Wertigkeit möglich wird, die Dominanz der führenden Nationen herauszustellen. Deutlich wird dies z.B. bei den OS 2000 im Vergleich zwischen Russland und Kanada (CAN): Beide Nationen gewannen je zwei Medaillen (vgl. Abb. 1), wobei Russland jedoch zwei Gold-, Kanada hingegen zwei Bronzemedaillen errang (vgl. Abb. 2).
In den Abbildungen 1 und 2 werden die Nationen erfasst, die während der letzten zehn Jahre an der Vergabe der Medaillen beteiligt waren. Ausgenommen wurden zwecks besserer Übersicht die Niederlande, die nur bei der WM 2001 eine Bronzemedaille erringen konnten. Ähnliches gilt für die USA, welche einzig bei der WM 2005 eine Bronzemedaille erkämpften. Somit dient deren Darstellung exemplarisch für beide Nationen.
25 Bei Weltmeisterschaften dient der Vorkampf gleichzeitig als Qualifikation für die Einzel- und
Teamfinals (vgl. FIG, 2005, S. 7).
26 Vgl. FIG, 2005, S. 6f.
10
Es lässt sich feststellen, dass während der vergangenen zehn Jahre Russland, Deutschland und die Ukraine langfristig zu den führenden Nationen zählen. Auch Kanada, Frankreich und Großbritannien sind mit Höhen und Tiefen vertreten. Beachtlich erscheint der sprunghafte Anstieg chinesischer Erfolge seit der WM 2003 und die der japanischen Delegation seit der WM 2005.
11
Unterstützend zeigt Abbildung 3 die oben dargestellten Entwicklungen: Hier werden die Wertigkeiten aller bei EM, WM und OS gesammelten Medaillen pro Nation addiert und abschließend durch die jeweilige Anzahl an Wettkampfteilnahmen dividiert. Somit können auch die Europameisterschaften einbezogen werden, die zusätzliche Vergleichsmöglichkeiten zwischen den europäischen Staaten bieten.
Weiterhin wird deutlich (vgl. Abb. 3), welch rasante Leistungsentwicklung China innerhalb von nur fünf Wettkampfteilnahmen (WM 1999, 2003-2007, OS 2004) aufbietet, um in diesem Vergleich bereits den zweiten Rang einzunehmen. Trotz dessen ist auch hier die Dominanz Russlands unverkennbar.
Während Russland konstant quantitativ wie qualitativ hochwertige internationale Erfolge hervorbringt und nur seit der WM 2005 aufgrund des Anstiegs chinesischer Leistungen Einbußen hinnehmen muss, fällt die Entwicklung auf deutscher Seite deutlich negativer aus (vgl. Abb. 1 und 2).
Zwar zeigen sich positive Steigungen seit dem Jahr 2001, gipfelnd in der Vormachtstellung während der OS 2004 in Athen als erfolgreichste Trampolinnation mit einer Gold- und einer Bronzemedaille, doch folgt danach ein rapider Absturz mit nur einer Bronzemedaille bei der WM 2005 und einem medaillenlosen Auftritt bei der vorolympischen WM 2007.
12
Anhand der dargelegten Befunde bieten sich Russland und China besonders als positive Beispiele für das Hervorbringen außerordentlicher internationaler Erfolge an. Einsichten in deren nationale Spitzensportsysteme könnten aufschlussreiche Erkenntnisse für die deutsche Talentsuche und Athletenförderung bieten, aber auch Schlüsse zulassen, dass weder chinesische noch russische Maßnahmen auf den deutschen Hochleistungssport übertragbar sind. Hintergrund für diese Annahme sind bekannte Befunde, auf die auch Emrich et al. (2008) in ihrem aktuellen Forschungsprogramm zur Effektivität des deutschen Nachwuchsleistungssports eingehen, wenn sie verschiedene erfolgreiche Nationen miteinander vergleichen. 27 Sie verweisen auf zahlreiche Ergebnisse, nach denen sportliche Erfolge einer Nation von diversen sozialen, ökonomischen und demographischen Faktoren abhängen. 28
Beispielhaft kann hier darauf hingewiesen werden, dass China sowie Russland allein aufgrund des Populationsumfangs einen größeren Talentpool und damit auch eine größere Wahrscheinlichkeit von Ausnahmetalenten aufweisen. Daraus resultierend können deren Selektionsmechanismen weitaus schärfer ausfallen. So müssen sich in Ländern mit größerer Wohnbevölkerung die Athleten während der Qualifikationsprozesse gegen eine größere Zahl an Konkurrenten durchsetzen: Folglich steigt mit den härteren Selektionsprozessen die Erfolgswahrscheinlichkeit der ausgewählten Athleten. 29 Weiterhin schreiben Emrich et al. auch dem politischen und administrativen System eine beeinflussende Rolle zu, indem sie postulieren, dass unter Einschränkung bürgerlicher Freiheitsrechte eine erhöhte Ausschöpfung der Population erreicht werden könne, sei es durch eingeschränkte Mobilität (z.B. das Sportsystem der ehemaligen DDR) oder durch vorgegebene Zuteilung zum Sportfördersystem wie z.B. durch Talentsichtungsmaßnahmen während des verbindlich zu besuchenden Schulsports. 30 Deswegen sei „der Tatsache Rechnung zu tragen, dass Talentförderung und spitzensportliche Aktivität gravierende Differenzen zwischen offenen und geschlossenen Gesellschaften vermuten lassen“ 31 , weshalb ein wirksamer Vergleich nur zwischen Gesellschaften mit ähnlichen politischen Freiheitsrechten gezogen werden könne.
27 Vgl. Emrich, Pitsch, Güllich, Klein, Fröhlich, Flatau, Sandig & Anthes, 2008, S. 14.
28 Vgl. hierzu z.B. Jokl et al., 1956; Novikov & Maximenko, 1971; Colwell, 1984; Lamprecht &
Stamm, 2001; Bernard & Busse, 2004.
29 Vgl. Emrich et al., 2008, S. 15.
30 Vgl. ebd.
31 Ebd., S. 15f.
13
Demzufolge erscheint es schwierig, das russische und chinesische System einer geschlossenen Gesellschaft mit dem offenen Gesellschaftssystem Deutschlands zu vergleichen. 32 Trotz dessen stellen diese Faktoren die Rahmenbedingungen für das jeweilige Land dar, unter denen die Spitzensportförderung organisiert werden muss. Somit können Chinas und Russlands Fördermaßnahmen zumindest als alternative Strategien betrachtet werden, die zur Lösung ähnlicher Probleme (Talentsuche und -förderung, Finanzierung des Spitzensports, Trainerausbildung und -ho-norierung) eingesetzt werden. 33
Um dennoch Beispiele aus Sportsystemen anderer offener Gesellschaftssysteme anführen zu können, wurde verstärkt der westeuropäische Raum einer näheren Betrachtung unterzogen. Den Abbildungen 1, 2 und 3 ist zu entnehmen, dass besonders Großbritannien (GBR), aber auch Frankreich (FRA) im Seniorenbereich nur mittelmäßig erfolgreich sind. Demzufolge musste die Suche nach Erfolgen auf den Nachwuchsbereich ausgedehnt werden. Hierzu wurden die Ergebnisse der Jugendeuropameisterschaften (JEM) der vergangenen zehn Jahre herangezogen (vgl. Abb. 4 und 5).
32 Vgl. Freedom House, 2007.
33 Vgl. Digel, 2001, S. 72.
14
Auch im Nachwuchsbereich ist deutlich die Dominanz der osteuropäischen Staaten der ehemaligen Sowjetunion zu erkennen. Die deutsche Jugend konnte in den Jahren 1998 bis 2002 mithalten und war bei der JEM 2000 sogar die erfolgreichste Nation mit drei Goldmedaillen. Sie errang im Jahr 2002 allerdings nur noch eine Bronzemedaille und blieb seit 2004 medaillenlos. Weiterhin sind im Juniorenbereich Großbritannien und Frankreich erfolgreich vertreten: So zeigen diese beiden zusammen mit Russland die positivste und somit zukunftsträchtigste Entwicklung von 2006 zu 2008 (vgl. Abb. 4 und 5).
Daher bietet es sich an, die Spitzensportsysteme Großbritanniens und Frankreichs zusätzlich zu untersuchen, da zumindest im Jugendbereich große Erfolge erzielt werden. Sie sprechen für eine gelungene Nachwuchsförderung, die in einem zu Deutschland vergleichbaren Gesellschaftssystem erfolgt. 34
Bevor aber auf die jeweiligen Hochleistungssportsysteme eingegangen wird, soll zunächst ein grober Überblick gegeben werden, wie sich die Sportart Trampolinturnen hinsichtlich der internationalen Erfolge in Russland, China, Großbritannien und Frankreich entwickelt hat.
2.1.2 Großbritannien
Chronologisch betrachtet, war Großbritannien die erste von den genannten Nationen, die sich begeistert der neuen Sportart aus den USA widmete und bereits 1964 bei den Weltmeisterschaften erste Erfolge erzielte. Die Briten konnten ihre 34 Vgl. Freedom House, 2007.
15
Erfolge weiter ausbauen und hatten ihre Hochzeiten in den 1970er Jahren vor allem in der Männerkonkurrenz (Paul Luxon, Stewart Matthews). In den 1980er Jahren stagnierte die Entwicklung im britischen Männerbereich, wohingegen einzelne Talente der britischen Frauen herausragende Erfolge erzielten (Susan Challis, Andrea Holmes). Nach dem Ausscheiden dieser Athleten aus dem internationalen Wettkampfgeschehen zu Beginn der 1990er Jahre konnte Großbritannien bei den Herren keine nennenswerten Erfolge mehr erzielen; im Damenbereich halten sich seit Mitte der 1990er Jahre die damaligen Nachwuchstalente Claire Wright und Jaime Moore unter den Besten der Welt. Großbritanniens Nachwuchs ist sehr erfolgreich im internationalen Vergleich. 35
2.1.3 Frankreich
Frankreich hatte seinen Einstieg ins internationale Wettkampfgeschehen im Laufe der 1960er Jahre. Doch dauerte es bis zu Beginn der 1970er Jahre, bis erste internationale Erfolge in Form von EM- und WM-Titel durch Richard Tison (1973 und 1974) erreicht werden konnten. Mitte der 1980er Jahre konnte Lionel Pioline überzeugen, der zu Beginn des nächsten Jahrzehnts von Fabrice Schwertz und David Martin abgelöst wurde. Auch heute noch stellen Frankreichs Männer eine konkurrenzfähige Mannschaft und gehören im Nachwuchsbereich zu den führenden Nationen. Bemerkenswert ist die nicht vorhandene Stärke bei den französischen Frauen. Bis heute konnten keine weiblichen Erfolge erzielt werden. Erst seit kurzem turnt die aus Russland eingebürgerte Marina Ducroux erfolgreich für Frankreich. 36
2.1.4 Russland
Die damalige Sowjetunion startete zum ersten Mal bei den Weltmeisterschaften 1972 und turnte sich zielstrebig an die Spitze. Bereits 1975 stellte sie die Europameister in der männlichen wie weiblichen Einzelkonkurrenz und gewann 1976 beide Weltmeistertitel durch Eugeni Janes und Svetlana Levina. Während sie zu Beginn der 1980er Jahre einige Titel an Frankreich und Großbritannien verlor, konnte bereits Mitte des Jahrzehnts wieder an frühere Erfolge angeknüpft werden. Im Jahr 1989 begann die Ära von Alexander Moskalenko und 1994 die Erfolgsserie von Irina Karavaeva, den bisher erfolgreichsten Trampolinturnern aller Zeiten mit
35 Vgl. Experte 1 (Trainer), Interview 4; Ministry Of Air, 2008b und 2008c.
36 Vgl. ebd.
16
je fünf Weltmeistertiteln, zwei Olympiateilnahmen und je einem Olympiasieg. Seit 1991 turnen sie für das heutige Russland und machten es somit zur langfristig erfolgreichsten Trampolinnation der Welt. Gleichzeitig verteidigt Russlands Nachwuchs die Weltspitze. 37
2.1.5 China
Abschließend soll der Trampolin-Neuling China und dessen außergewöhnliche Entwicklung vorgestellt werden. Erst nach der Ankündigung der Aufnahme des Trampolinturnens ins offizielle Programm der Olympischen Spiele durch das Internationale Olympische Komitee (IOC), entschied die chinesischen Regierung Ende 1998 darüber, die Sportart in China aufzubauen und als Leistungssport zu betreiben. 38 Der chinesische Trampolinverband errichtete daraufhin einen nationalen Trainingsstützpunkt in Tianjin und zehn weitere große Trainingszentren in Provinzen und Städten. Zusätzlich rekrutierten sie erfahrene Trainer aus dem erfolgreichen Ausland, vor allem aus Russland. 39
1999 nahm das chinesische Team zum ersten Mal an einer WM teil, wobei nur eine Athletin von acht Teilnehmern ihre zwei Vorkampfübungen erfolgreich abschließen konnte. 40 Der Schwierigkeitsgrad (SK) ihrer Übung lag bei nur 7,7 Punkten, wohingegen der Durchschnitt bei der weiblichen Einzelkonkurrenz bei ca. 11,0 Punkten rangierte. 41 Im Jahr 2001 verzichteten die Chinesen auf die WM-Teilnahme, zeigten aber bei den Chinese National Games im Männerbereich bereits einen SK von mehr als 15,0 Punkten (ein Athlet) und bei den Damen mehr als 37 Vgl. ebd.
38 Vgl. Lefebvre, 2006b, Abs. 7.
39 Vgl. ebd.; Lefebvre, 2006a.
40 Vgl. Lefebvre, 2006a.
41 Der Schwierigkeitsgrad (SK) einer Übung wird der Ausführungsnote hinzugerechnet. Der SK
der zehn Übungsteile wurde bis zum Jahr 2000 folgendermaßen ermittelt: Alle Übungsteile
ohne Rotation hatten keinen SK. Pro # Saltodrehung (90°) wurden 0,1 Punkte berechnet, pro
1/1 Saltodrehung (360°) entsprechend 0,4 Punkte. Pro $ Schraubendrehung (180°) wurden 0,1
Punkte berechnet, pro 1/1 Schraubendrehung (360°) dementsprechend 0,2 Punkte. Bei kombi-
nierten Übungsteilen wurden die Zehntelpunkte für Salti mit denen der Schrauben addiert. Ein-fachsalti (360°) ohne Schrauben in gebückter oder gestreckter Körperhaltung (im Gegensatz zu
gehockten Varianten) erhielten aufgrund höheren Kraftaufwands bei der Ausführung zusätzlich
0,1 Punkte. Mehrfachsalti (ab 720°) mit oder ohne Schrauben in gebückter/gestreckter Ausfüh-
rung erhielten zusätzlich 0,1 Punkte für jede komplette 360° Saltorotation (vgl. DTB, 1991, S.
14). Seit der olympischen Premiere in Sydney 2000 wurde die Berechnung der SK im Hinblick
auf den neuen FIG Code of Points angepasst und gleichzeitig der Tatsache Rechnung getra-
gen, dass mit der steigenden Leistungsentwicklung durch die Olympischen Spiele die Schwie-rigkeit der gezeigten Sprünge enorm zugenommen hatte (z.B. mehr Dreifachsalti) und nach
Meinung des Technischen Komitees (TK) auch entsprechend höher honoriert werden sollten.
So wurden folgende Änderungen in das alte System der SK-Berechnung eingearbeitet: Für je-den kompletten Salto (360°) gibt es einen Bonus von 0,1 Punkten; Mehrfachsalti (ab 720°), mit
oder ohne Schraube, ausgeführt in gebückter/gestreckter Position, erhalten 0,2 Punkte zusätz-
lich (vgl. DTB, 2001, S. 27).
17
13,0 Punkte (sechs Athletinnen). 42 Bei der WM 2001 wurden nach der Neuberechnung der SK von den Herren SK-Werte zwischen 15 und 16 Punkten geturnt (höchster SK 16,3), die Weltspitze im Frauenbereich zeigte Werte zwischen 13 und 14 Punkten (höchster SK 14,2).
Im Jahr 2003 meldeten sich die Chinesen mit einer komplett ausgetauschten Nationalmannschaft zurück zur WM in Deutschland und gewannen mit dem Frauenteam die erste WM-Medaille Chinas (Silber). Die Herren schaffen zwar nur den siebten Rang, einer der männlichen Athleten (Yongfeng Mu) konnte sich mit seinem 16. Rang in der Einzelkonkurrenz allerdings für die OS 2004 in Athen qualifizieren. 43 Mit ihrer Finalplatzierung bei der vorolympischen WM schaffte dies auch Shanshan Huang bei den Damen. Sie gewann 2004 die erste Olympiamedaille (Bronze) der Sportart Trampolinturnen für China. Yongfeng Mu erreichte Platz 10 von 16. 44
Bei der WM 2005 überraschten die Chinesen durch den Gewinn der beiden Mannschaftsgoldmedaillen. In der Einzelkonkurrenz erreichten Shanshan Huang bei den Damen und Zhicheng Que bei den Herren das Finale und platzierten auf Rang 8 und 4. Bei den im gleichen Jahr ausgetragenen Chinese National Games zeigten bereits 19 Männer einen SK von mehr als 15,0 Punkten und 16 Frauen turnten über 13,0 Punkte: Innerhalb von vier Jahren konnten somit weitere 18 Männer und zehn Frauen die SK-Werte der Weltspitze aufweisen. 45 Hieran zeigt sich das enorme Entwicklungspotential der Chinesen.
Den bisherigen Höhepunkt verzeichnete Chinas Nationalmannschaft bei der WM 2007, welche gleichzeitig als Qualifikationswettkampf für die Olympischen Spiele in Peking 2008 diente. Mit einer weiblichen und drei männlichen Neubesetzungen im Team erturnten sich die chinesischen Athleten die beiden Goldmedaillen in den Mannschaftswettkämpfen, eine Goldmedaille bei den Herren und je eine Silbermedaille in der Einzeldisziplin der Männer und Damen. Bemerkenswert sind die Platzierungen der Vorkämpfe: Nach den beiden Übungen der Qualifikation für das Finale belegten die chinesischen Herren die Plätze 1, 2, 4 und 12; die Damen sogar die Plätze 2, 4, 6 und 8. 46 Laut den Platzierungen wären alle vier Damen und drei der Männer für das Finale der besten acht qualifiziert gewesen. Doch um eine
42 Vgl. Lefebvre, 2006a.
43 Vgl. ebd.
44 Vgl. ebd.
45 Vgl. ebd.
46 Ergebnislisten von internationalen Trampolinmeisterschaften sind zu finden unter
www.gymmedia.com > Trampoline > GYMevents.
18
möglichst hohe Anzahl an Nationen im Finale zu präsentieren, gibt es in den Wettkampfbestimmungen die so genannte Nationenregelung. Sie besagt, dass höchstens zwei Turner derselben Nation im Finale vertreten sein dürfen: Die beiden Athleten eines Mitgliedverbandes mit dem höchsten Vorkampfergebnis verbleiben im Finale, und für die frei gewordenen Plätze rücken unter weiterer Berücksichtigung der Nationenregelung Turner/innen entsprechend der Rangfolge nach. 47
Die OS 2008 in Peking haben gezeigt, dass China das Potential besitzt, dem bisherigen Spitzenreiter Russland den Trampolin-Thron streitig zu machen: Bei den Damen wie auch bei den Herren gewannen sie die Goldmedaille. Ergänzt wurde dieser Triumph durch den Gewinn der Bronzemedaille in der Herrenkonkurrenz.
2.1.6 Zusammenfassung
Zunächst konnte durch die Analyse von Ergebnislisten internationaler Wettkämpfe der letzten zehn Jahre festgestellt werden, dass die osteuropäischen Staaten der ehemaligen Sowjetunion (Russland, Ukraine, Weißrussland) die langfristig erfolgreichsten Trampolinnationen weltweit sind, und dies sowohl im Senioren- als auch im Juniorenbereich. Russland nimmt hierbei die Spitzenposition ein und stellt mit Irina Karavaeva und ehemals Alexander Moskalenko (bis zu den OS 2004 in Athen) die bisher besten Trampolinturner aller Zeiten. China zeigt ein unglaubliches Entwicklungspotential, seitdem es 1998 im Hinblick auf die Olympischen Spiele das Trampolinturnen in das Spitzensportprogramm aufnahm und innerhalb von nur knapp neun Jahren (WM 2007) zur absoluten Weltspitze aufschloss. Deutschland hingegen zeigte seit 1998 eine steigende Entwicklungskurve bis zu deren Höhepunkt während der WM 2003 und den OS 2004. Seitdem zeigt sich ein starker Abwärtstrend bis hin zu medaillenlosen Auftritten bei den WM 2005 und 2007. Gleiches gilt für den deutschen Nachwuchsbereich. Großbritannien und Frankreich können auf eine lange Erfolgsgeschichte zurückblicken, zeigen allerdings während der letzten Jahre Übergangsprobleme vom sehr erfolgreichen Nachwuchs hin zur Erwachsenenelite. Sie bewegen sich im Seniorenbereich jeweils eher im Mittelfeld. Im folgenden Unterkapitel sollen die Spitzensportsysteme dieser erfolgreichen Nationen näher untersucht werden.
47 Vgl. FIG, 2005, S. 7.
19
2.2 Spitzensportförderung in erfolgreichen Nationen
Nachdem die Analyse ergab, dass Russland, China, Großbritannien und Frankreich international höchst leistungsstark sind und gerade in den letzten Jahren eine Entwicklung mit steigender Tendenz aufzeigen, sollen die Sportsysteme dieser Länder als Modell dienen, um strukturelle Schwächen im deutschen Trampo-linsport aufdecken zu können. Nun gilt es also herauszufinden, welche unterschiedlichen Ressourcen den nationalen Spitzensportsystemen der besonders erfolgreichen Trampolinländer zur Verfügung stehen. Ziel ist es, mit deren Hilfe Lösungsansätze zu finden, die den eben beschriebenen Negativtrend in Deutsch-lands Entwicklung abzuwenden vermögen.
Zunächst müssen die zentralen Ressourcen des Hochleistungssports identifiziert werden, um einen internationalen Vergleich der Rahmenbedingungen zu ermöglichen. In dem Tübinger Forschungsprojekt Die Organisation des Hochleistungs-sports - ein internationaler Vergleich stellten Digel, Burk und Fahrner (2006) die besondere Bedeutung des gesellschaftlichen und politischen Systems, des jeweiligen Sportsystems selbst und die Beziehungsvielfalt der nationalen Hochleistungs-sportsysteme zu gesellschaftlichen Teilsystemen als erfolgbestimmende Ressourcen heraus. 48
Im Rahmen dieser Arbeit sollen dabei die wesentlichen Teilbereiche herausgearbeitet werden, da eine vollständige Behandlung des komplexen Beziehungsgeflechts zwischen Gesellschaft, Politik, Wirtschaft und Sport den zur Verfügung stehenden Rahmen bei weitem überschreiten würde. So wird zum Teil auf gesellschaftliche und politische Rahmenbedingungen eingegangen, das Hauptaugenmerk wird allerdings auf der Organisation des jeweiligen nationalen Sportsystems liegen. Die von Digel et al. separat angeführte Ressource Hochleistungssport und seine Umwelt hingegen wird in dieser Arbeit nicht explizit dargestellt. 49 Es wird lediglich an entsprechenden Stellen auf Verbindungen hingewiesen.
Hinsichtlich der Ressource Gesellschaft nennen Digel et al. als wichtige erfolgsbeeinflussende Faktoren das Politiksystem, die wirtschaftliche Situation, das Bildungswesen, die Massenmedien und ausgewählte Aspekte der nationalen Sozialstruktur (z.B. Bevölkerungsgröße/-entwicklung, Religion). 50
48 Vgl. Digel, Burk & Fahrner, 2006b, S. 14.
49 Vgl. Digel et al., 2006b, S. 65-68, S. 379-489.
50 Vgl. ebd., S. 56ff.
20
Bezüglich der Ressource Organisation des Hochleistungssports stellen die Autoren eine große Anzahl relevanter Kategorien vor, die für das Erbringen sportlicher Erfolge bei internationalen Leistungsvergleichen entscheidend sind. Zur Auswahl interessanter Einzelkategorien zählen hier u.a. Entwicklungsgeschichten und olympische Tradition bestimmter Sportarten, politisch motivierte Vorgaben und Prioritätensetzung auf ausgewählte Disziplinen, nationales Sportinteresse, Führungs- und Verwaltungsstrukturen im Sport, die Finanzierung des Hochleistungs-sports und vor allem die Hauptakteure Athleten und Trainer. 51 Den beiden letztgenannten kommt eine so große Bedeutung zu, dass auf deren Rolle im Spitzen-sportsystem mit ihren zahlreichen Verbindungen zu den oben genannten Teilbereichen in gesonderten Unterkapiteln eingegangen wird.
Um die Analyse weiter einzugrenzen, werden hier Aspekte zu untersuchen sein, die interessante Überschneidungen aus den jeweiligen Bereichen der Gesellschaft und der Organisation des Hochleistungssports aufweisen. Im Hinblick auf ein gut funktionierendes Sportsystem fallen besonders die Führungs- und Verwaltungsstrukturen als unerlässliche Steuerungsinstanz ins Auge. 52 Darüber hinaus können programmatische, politische Vorgaben z.B. durch Betonung spitzen- statt breiten-sportlicher Motive einen erheblichen Einfluss auf den Sport und damit verbunden auf das nationale Sportinteresse nehmen. Daher scheint es sinnvoll, zunächst einen kurzen Einblick in die entsprechenden politischen Strukturen zu geben.
Entscheidend für das Entwicklungspotential einer Sportart ist die Quantität und Qualität des Nachwuchses. An dieser Stelle hat das Bildungssystem eines Landes die Aufgabe, die möglichst frühzeitige und konstante Rekrutierung talentierter Nachwuchsathleten für den Hochleistungssport zu sichern bzw. zu ermöglichen (z.B. durch Kooperationen mit Sportverbänden und Zuführung zum Fördersystem). Auch hinsichtlich der Ausbildung kommt dem Bildungswesen eine doppelt tragende Rolle zu: Zum einen ist der Frage nachzugehen, ob das (Hoch-)Schulsystem eine gleichzeitige sportliche Karriere eher fördert oder hemmt; zum anderen ist zu untersuchen, ob und inwiefern das staatliche Bildungssystem an der Ausbildung der Trainer beteiligt ist. 53
Eine weitere wichtige Variable stellt die Finanzierung des Hochleistungssports dar: Ein funktionsfähiges System ist abhängig von ausreichend vorhandenem, gut aus-
51 Vgl.ebd., S. 58ff.
52 Vgl. ebd., S. 59f.
53 Vgl. ebd., S. 544ff.
21
gebildeten Personal sowohl auf der Führungsebene als auch in der Trainerschaft, welches es zu finanzieren gilt. Weiterhin können durch entsprechende Finanzmittel Prämien- und Entlohnungssysteme für die soziale Absicherung von Athleten und Trainern ermöglicht werden, die zusätzliche Motivationsreize setzen und die Erfolgsorientierung steigern. Die Finanzierung des Spitzensports ist auf externe Finanzquellen angewiesen, wobei deren Art und Vielfalt über die finanzielle Stabilität des Systems entscheiden. 54 Hierbei ist u.a. zu beachten, zu welchen Teilen der Staat bzw. die Wirtschaft zur Finanzierung beitragen.
Ergo werden als elementare Ressourcen für den Spitzensport zuerst die jeweiligen nationalen Politiksysteme der erfolgreichen Trampolinnationen in Grundzügen behandelt. Außerdem sollen in diesem Zusammenhang die sportpolitischen Vorgaben für die Organisation des Hochleistungssports dargestellt werden, bevor auf die länderspezifischen Führungs- und Verwaltungsstrukturen und Finanzierungspraktiken eingegangen wird. Der Beitrag der Bildungssysteme kann am besten im Rahmen der Nachwuchsrekrutierung und Athletenförderung dargestellt werden (Kapitel 2.3).
2.2.1 Sportpolitik
In Bezug auf das Verhältnis von Spitzensport und Staat verweist Helmut Digel (2007) auf die zweifache Funktion, die der Hochleistungssport für Nationen haben kann und die eine staatliche Förderung des Sports rechtfertigen soll:
„Er [der Spitzensport] kann zum einen innenpolitische Funktionen erfüllen. Soziale
Integration, Arbeitsmarkt, ordnungspolitische Effekte und kulturelle Bedeutungen
können dabei in einer Beziehung zum Phänomen des Hochleistungssports ste-
hen. Zum anderen erfüllt der Spitzensport die Funktion der nationalen Repräsen-
tation gegenüber anderen Nationen und Staaten. Er wird als Ausdrucksmittel der
Leistungsfähigkeit ganzer gesellschaftlicher Systeme instrumentalisiert.“ 55
An dieser Stelle lassen sich zwei Extreme ausmachen, wie Spitzensport und Staat zueinander stehen können. Einerseits gibt es als Organisationsform den Staats-sport, wobei der nationale Hochleistungssport als eigenständiger Politikbereich direkt vom Staat gesteuert und verantwortet wird. Anderseits existiert im Gegensatz dazu die Variante der autonomen Sportorganisation, bei der sich „der Staat nur in indirekter Weise, gleichsam nebenbei, die positiven Effekte des Systems des Spit-zensports zu Eigen macht“ 56 . Einen großen Einfluss auf die unterschiedlich ausge- 54 Vgl.ebd., S. 60.
55 Digel, 2007, S. 111.
56 Ebd., S. 112.
22
richteten Sportsysteme hat dabei u.a. die Staatsform einer Nation unter besonderer Berücksichtigung des Zentralisierungsgrades politischer Macht. Hierbei stehen sich der zentralistische und der föderale Aufbau einer Staatsverwaltung gegenüber.
Merkmale einer zentralistisch ausgerichteten Verwaltung sind die Konzentration der Entscheidungsgewalt in einem einzigen hierarchisch aufgebauten Organ und dessen Delegierung der Entscheidungsbefugnisse an weitere untergeordnete Stellen. In einem solchen politischen System ist die Form des Staatssports am wahrscheinlichsten anzusiedeln. Zu den zentralistisch verfassten Ländern zählen China, Frankreich und Großbritannien. In einem föderalen System hingegen haben die regionalen Gliedstaaten eigene legislative und judikative Entscheidungsbefugnisse. Hier erfolgt eine autonome Wahrnehmung staatlicher Aufgaben in den Gliedstaaten, wobei das Verhältnis zwischen Zentralstaat und Gliedstaaten vom Subsidiaritätsprinzip bestimmt ist. Somit übernimmt der Staat nur solche Aufgaben, zu deren Wahrnehmung untergeordnete Einheiten nicht in der Lage sind. Wahrscheinlicher ist in diesen Staaten die Orientierung an einer autonomen Sportentwicklung. Zur Gruppe der föderal strukturierten Nationen zählen Russland und vor allem Deutschland. 57
Laut den Analysen von Digel et al. dominiert in den hier untersuchten Nationen eindeutig das staatliche Führungsmodell. Angeführt wird diese Dominanz von China, wo u.a. das Bildungs-, Wirtschafts- und Wissenschaftssystem dem Staat zu-und untergeordnet sind und sich der Hochleistungssport demnach als staatlicher Spitzensport darstellt. Hier sind, dem Modell des ehemaligen sowjetischen Sports nachempfunden, sämtliche Organisationen des Sports gleichzeitig staatliche Organisationen. Das Nationale Olympische Komitee (NOK) ist dabei identisch mit der staatlichen Generalverwaltung für Sport (GVS), der Präsident des Olympischen Komitees ist der Sportminister. Daran anschließend folgt der Hochleistungs-sport Russlands, der sich nach einer versuchten demokratischen Öffnung in den 1990er Jahren nun wieder dem Staatssport verschrieben hat, wobei sich durch die föderale Struktur der Russischen Föderation eine autonome Steuerung des Sports wesentlich einfacher gestalten lässt, als dies in China möglich ist. Auch in Frankreich und Großbritannien ist ein großer Einfluss des Staates auf die Organisation des Hochleistungssports zu verzeichnen. In Frankreich besitzt das Sportministerium durch die zentralistische Ausrichtung weitreichende staatliche Steuerungsbe- 57 Vgl.ebd., S. 112; Digel et al., 2006b, S. 100f.
23
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Yvonne Dietrich, 2008, Steht der Sportart Trampolinturnen in Deutschland ein Niedergang bevor?, München, GRIN Verlag GmbH
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