Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung 03
2. Zeitliche Kontextualisierung
2.1 Das Hörspiel der Nachkriegszeit 04
2.2 Die Hörspiele Friedrich Dürrenmatts 04
3. Der Dichter als Henker: Abendstunde im Spätherbst
3.1 Hörspielanalyse 06
3.2 Beurteilung und Aussage des Hörspiels 10
4. Richten ohne henken: Die Panne
4.1 Hörspielanalyse 12
4.2 Analyse des Hörspielausgangs und Beurteilung 17
5. Inhaltliche und formale Kontextualisierung 18
6. Zusammenfassung und abschließende Beurteilung 21
7. Literaturverzeichnis 24
1. Einleitung
„Je mehr ich mich in meinem Berufe, oder besser, mit meinem Berufe beschäftige, desto klarer ist es mir geworden, daß ich meine Stoffe im Alltag, jenseits der Fiktionen, in der Gegenwart zu suchen habe. Wir müssen den Mut haben, zu unserer Zeit zu stehen. Nur getrost, auch sie hat ihre Helden und Raubritter und in der Wirtschaft geht es nicht gnädiger zu als in der Schlacht im Teutoburger Walde.“ 1
(Friedrich Dürrenmatt anlässlich der Auszeichnung seines Hörspiels Die Panne mit dem Hörspielpreis der Kriegsblinden am 30. März 1957 in Berlin)
Dass der Schriftsteller Friedrich Dürrematt auch Hörspielautor war, ist vielen seiner Leser sicher nicht bekannt. Selbst die Literaturwissenschaft behandelt diesen Bereich seines Werks eher stiefmütterlich. Die vorliegende Hausarbeit widmet sich demnach einem vergleichsweise unbeachteten Teil von Dürrenmatts Oeuvre. Am Beispiel von Abendstunde im Spätherbst und Die Panne, den renommiertesten Hörspielen des Schweizers (beide wurden mit höchsten Preisen ausgezeichnet: Prix Italia bzw. Hörspielpreis der Kriegsblinden), sollen die besonderen formalen und inhaltlichen Charakteristika von Dürrenmatts radiophoner Arbeit herausgestellt werden. Das erste Kapitel beschreibt zunächst den zeitlichen Rahmen, in dem die Hörspiele zu verorten sind, und gibt einen kurzen Überblick des Dürrenmatt’schen Hörspielschaffens. In der anschließenden exemplarischen Analyse sollen, immer mit Bezug auf die bereits vorhandene literaturwissenschaftliche Forschung, Abendstunde im Spätherbst und Die Panne auf ihre radiophone Qualität hin untersucht werden, um zu beurteilen, ob die gewählte Form der Umsetzung die idealste ist. Ob die Hörspiele in ihrer formalen und inhaltlichen Gestaltung den Konventionen ihrer Zeit entsprachen oder ob Dürrenmatt in bestimmter Hinsicht eine Sonderstellung zuzusprechen ist, soll im Abschluss herausgearbeitet werden. Grundlage der Analyse sind die gedruckten Texte Dürrenmatts, die als Sammlung vorliegen, 2 und die Radioversionen des Schweizer Radios DRS. Die Panne entstand 1956 in der Regie von Alfons Hoffmann, Abendstunde im Spätherbst 1958 unter der Leitung von Kurt Bürgin. 3
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2. Zeitliche Kontextualisierung
2.1 Das Hörspiel der Nachkriegszeit
Nach dem Zweiten Weltkrieg beginnt in Deutschland eine Hochphase des Hörspiels. Ein Grund für die große Publikumsresonanz ist sicherlich, dass in den Anfangsjahren der Nachkriegszeit zahlreiche kulturelle Einrichtungen zerstört sind und das Radio somit „das einzige und konkurrenzlose (auch) kulturelle Medium“ ist. 4 Die meisten, der zahlreich produzierten Hörspiele der 50er Jahre, ziehen ihre Stoffe aus bereits publizierten literarischen Texten. Daneben versuchen sich aber auch viele Schriftsteller selbst als Hörspiel-Autoren, z.B. Ingeborg Bachmann, Heinrich Böll oder Gottfried Benn. 5 Obwohl Günter Eichs Träume erst 1951 urgesendet wird, gilt es vielen rückblickend als „die eigentliche Geburtsstunde des Hörspiels“, 6 als „eigentliche[r] Auftakt des Nachkriegshörspiels“. 7 Burghard Dedner begründet diesen Sonderstatus mit der Tatsache, dass nirgendwo sonst „Selbstverständnis und Wirkungsabsichten der deutschen Hörspieldichtung in den fünfziger Jahren […] einen so deutlichen Ausdruck gefunden“ hätten, weshalb er Eich als „bedeutendsten deutschen Hörspieldichter[…]“ dieser Zeit bezeichnet. 8 Günter Eich gehört zu jenen, die sich intensiv mit dem Genre auseinandersetzen und dezidiert für das Radio schreiben. Dem gegenüber stehen Schriftsteller, „für die das Hörspiel eine Kunstform unter vielen anderen“ ist. 9 Zu diesem Typ gehört auch Friedrich Dürrenmatt.
2.2 Die Hörspiele Friedrich Dürrenmatts
Der Schweizer Dürrenmatt - geboren am 05.01.1921 in Konolfingen, gestorben am 14.12.1990 in Neuchâtel - hat insgesamt acht Hörspiele geschrieben. Diese entstehen mit Ausnahme des 1946 verfassten Stücks Der Doppelgänger innerhalb einer fest eingrenzbaren Schaffensperiode von sechs Jahren und werden bis auf eines von deutschen Radiosendern urgesendet. Der Doppelgänger entsteht zwar noch zu Dürrenmatts Studienzeiten, wird jedoch von Radio Bern abgelehnt und erst 1961 vom
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Bayerischen Rundfunk ausgestrahlt. Somit ist Der Prozeß um des Esels Schatten, 1951 bei Radio Bern urgesendet, Dürrenmatts radiophones Debüt. Noch im selben Jahr entsteht Nächtliches Gespräch mit einem verachteten Menschen, welches ein Jahr später vom Bayerischen Rundfunk (BR) ausgestrahlt wird. Ende 1952 geht Stranitzky und der Nationalheld zum ersten Mal beim NWDR mit Sitz in Hamburg über den Äther. Es folgen im Jahr 1954 Herkules und der Stall des Augias (NWDR) und Das Unternehmen der Wega (eine Gemeinschaftsproduktion von BR, SDR, NDR), sowie 1955 Die Panne (BR) und schließlich Abendstunde im Spätherbst (1957, NDR). 10 Mit dem letztgenannten beendet der Autor seine Hörspieltätigkeit. Dass fast alle Hörspiele des Schweizers bei deutschen Radiosendern urgesendet werden, liegt nicht nur daran, dass diese mehr Interesse an Dürrenmatts Arbeiten zeigen, sondern dass sie einfach mehr zahlen. 11 Tatsächlich ist für den Schweizer das Schreiben von Hörspieltexten „ein lukratives Geschäft“, 12 sagt er doch selbst: „Der Grund, weshalb man denn eigentlich Hörspiele schreibt, ist schon interessanter. Auch finanziell.“ 13 Daneben strahlen die Rundfunkanstalten auch Wortbeiträge Dürrenmatts aus, z.B. Reden, Interviews oder Arbeitsgespräche. Diese „behandeln literarische und ausgesprochen politische Fragestellungen, oft sind beide Ebenen miteinander verknüpft.“ 14
Die Hörspielproduktion des Schriftstellers fällt auf mehrere Arten aus dem Rahmen. Zunächst in Bezug auf ihren Umfang: Den gerade einmal acht Hörspielen steht eine deutliche Überzahl an Dramen- und Prosatexten gegenüber. Die Arbeit an Letzteren hat denn auch Dürrenmatts komplettes Leben eingenommen, ist zwar in verschiedene Schaffensperioden einteilbar, 15 zieht sich aber über eine lange Zeitspanne, in der er sich immer wieder mit den Genres auseinandergesetzt hat. Im Gegensatz dazu steht die vergleichsweise kurze und abgeschlossene Phase der Hörspielproduktion. Deshalb konstatiert Flora Sotiraki: „Ein Hörspielautor par excellence kann also Dürrenmatt nicht genannt werden, und zwar sowohl im Hinblick auf den Stellenwert des Hörspiels
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innerhalb seines Gesamtwerks, als auch in bezug auf seinen Beitrag zur deutschsprachigen Hörspielproduktion der Nachkriegszeit“. 16 Angesichts einer Produktionsleistung von nicht weniger als 50 Hörspielen innerhalb von zehn Jahren, wie sie Günter Eich zwischen 1948 und ’58 vorlegt, 17 fallen die acht Hörspiele Dürrenmatts tatsächlich kaum ins Gewicht. Dabei darf man aber mehrere Punkte nicht übersehen:
1. Viele spätere Texte des Schriftstellers werden auch als Vorlage für Hörspiele genutzt. 2. Dürrenmatt ist „ein früher Praktiker gattungsüberschreitender Produktion“. Allein Die Panne wird für vier unterschiedliche Medien aufbereitet (Buch, Bühne, Fernsehen, Radio).
3. Die Hörspieltexte werden auch von weiteren Radiosendern neu umgesetzt. 18 Es wird deutlich, dass Dürrenmatt zwar nur wenige Hörspiele geschrieben hat, diese aber einen hohen Verbreitungsgrad hatten und dementsprechend auch von mehr Menschen rezipiert wurden, als ein möglicherweise nur einmal ausgestrahltes Hörspiel eines anderen Autors. Die Frage, wie genau sich die radiophonen Arbeiten des Autors in den Kontext der Hörspielproduktionen der 50er Jahre einfügen, soll mithilfe der nun folgenden exemplarischen Hörspielanalyse beantwortet werden.
3. Der Dichter als Henker: Abendstunde im Spätherbst
3.1 Hörspielanalyse
Abendstunde im Spätherbst, Dürrenmatts letztes Hörspiel, ist sehr kurz - in der vorliegenden Fassung des Schweizer Radios DRS gerade einmal 37:54 Minuten lang. Darin trifft der Privatdetektiv Fürchtegott Hofer auf den Romanautor und Literaturnobelpreisträger Maximilian Friedrich Korbes. Hofer hat herausgefunden, dass der Schriftsteller alle Morde, die er in seinen Krimis beschreibt, selbst begangen hat. Korbes Bücher sind nichts anderes als leicht verfremdete Tatsachenberichte aus seinem eigenen Leben und diese Erkenntnis soll Hofer nun Bares bringen. Zu spät bemerkt der Detektiv jedoch, dass er das neue Opfer des Autors werden soll. Vor Korbes gezogener
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Waffe flüchtend, stürzt Hofer vom Balkon. Die Geschehnisse will der Romancier zu einem Hörspiel verarbeiten.
So kurz das Hörspiel ist, so überschaubar ist auch die Anzahl, der darin auftauchenden Figuren. Von vier Randfiguren abgesehen (Korbes Sekretär, der Direktor des Hotels, in dem Korbes wohnt, und zwei junge Damen) konzentriert sich das Stück auf seine Hauptfiguren Hofer und Korbes. Dieser kammerspielartigen Zweierkonstellation entspricht die geschlossene Räumlichkeit des Hotelzimmers, in dem sich das Hörspiel entfaltet, und das nur ein Hauptcharakter wieder lebendig verlassen wird. Dementsprechend dezent werden auch andere Klangquellen neben der Stimme eingesetzt. Auf Musik wird komplett verzichtet. Geräusche klingen nur gelegentlich ins Ohr des Hörers - logische Konsequenz der Örtlichkeit. Die technischen Möglichkeiten des Rundfunkt werden demnach nicht einmal ansatzweise ausgeschöpft. Im Vordergrund stehen eindeutig die Stimmen und der durch sie transportierte Inhalt. Die wichtigste Figur ist hierbei sicherlich Korbes, in der DRS-Fassung von Carl Kuhlmann mit tiefer, ruhiger Stimme gesprochen, der als eine Art Erzähler fungiert. Er spricht die Hörer zu Beginn des Hörspiels direkt an und beschreibt detailliert die Örtlichkeit des Hotelzimmers und seine eigene Erscheinung („Ich trage eine Pyjamahose und einen Schlafrock, offen, der nackte Oberkörper - weißbehaart - ist halb sichtbar. […] In der Hand: ein leeres Glas.“ 19 ). Hofer wiederum wird nur oberflächlich beschrieben, da er, wie Korbes dem Hörer versichert, „nach Ablauf unserer Geschichte auf eine ganz natürliche Weise nicht mehr vorhanden, und deshalb auch nicht mehr von Interesse sein wird.“ 20 Im Anschluss folgt die eigentliche Handlung. Der ungewöhnliche Einstieg erklärt sich mit dem Ende des Hörspiels. Nachdem Hofer zu Tode gestürzt ist, beginnt Korbes seinem Sekretär den Text seines kommenden Hörspiels zu diktieren und es sind genau jene Worte, die der Hörer bereits zu Beginn vernommen hat. Dürrenmatt erzeugt mit diesem erzählerischen Ringschluss den Eindruck, man habe nicht sein, sondern Korbes Hörspiel vernommen. Dieses Verfahren, dass Dürrenmatt auch in zwei Bühnenstücken angewendet hat, 21 „schafft […] die Fiktion einer endlos ablaufenden Geschichte“ und verleiht dem Stück somit „eine starke
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Arbeit zitieren:
Sebastian Schürmann, 2009, Friedrich Dürrenmatts radiophones Oeuvre und das BRD-Hörspiel der 1950er Jahre, München, GRIN Verlag GmbH
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