Bourdieu, Pierre: Ein soziologischer Selbstversuch, Suhrkamp, Frankfurt a.M. 2002
Im Verlauf der folgenden Seiten setzt sich der Verfasser mit der publizierten Ausgabe der Abschiedsvorlesung Bourdieus auseinander. Auch wenn der Soziologe und Philosoph bewusst keine Autobiografie vorlegen wollte, so kann die Fehldeutung des vorliegenden Werks als solche aufgrund der personalen Übereinstimmung mit Bourdieu zum Teil nachvollzogen werden. Besondere Schwerpunkte werden auf die Konzeptualisierung des Forschungsvorhabens und die Herausarbeitung der Begrifflichkeit des Habitus gelegt. Aufgrund quantitativer Vorgaben werden auf eine Diskussion des akademischen Wirkens Bourdieus und die Bereitstellung eines ergänzenden biografischen Hintergrundes verzichtet.
Pierre Bourdieu widmete sich bereits in früheren Forschungen dem Verhältnis zwischen Individualität und kollektivem Verhalten sowie Individualität und kollektiven Verfahren. 1 Der vorliegende soziologische Selbstversuch zeichnet sich insbesondere dadurch aus, dass Bourdieu sich selbst als Forschungsobjekt analysiert und seine Rolle als Soziologe wiederum soziologisch hinterfragt und untersucht. Diese Kybernetik zweiter Ordnung, also das Beobachten des Beobachters durch die gleiche Person, vermag neue Erkenntnisse zu generieren, sofern der im Untertitel so bezeichnete ‚Versuch’ gelingt. Diese von ihm durchgeführte Selbstobjektivierung, in deren Folge er Teil seines eigenen Forschungsprozesses wird, führt eben nicht zu einer gleichwie gearteten Autobiografie, die er als „narzisstische Selbstweihe“ bezeichnet hatte, sondern folgt logisch einer biografischen Struktur, in welcher Bourdieu jedoch eine permanente soziologische Reflexion auf das Umfeld seiner Person und seine Person selbst wirken lässt. Nur durch diese ständige Rückbezüglichkeit und den analytischen Charakter lässt sich das vorliegende Werk nicht als Autobiografie verstehen, sondern eindeutig als soziologische Selbstanalyse, die auch den Protagonisten selbst nicht schont und Zerwürfnisse im Leben Bourdieus wenig rühmlich analysiert. Ebenso wird deutliche, zum Teil sogar polemische Kritik an benachbarten wissenschaftlichen Disziplinen und deren exponierten Vertretern geübt. Insoweit scheint der Versuch durchaus gelungen, da eine kritische Reflexion der eigenen Person und der Umwelt erfolgreich vollzogen wird.
1 Vgl. von Thadden, Elisabeth: Wie ein Buch handeln kann. Zum Tod des französischen Soziologen Pierre
Bourdieu, in: Die Zeit, No. 6 (2002), online in Internet: URL
[Stand: 02.01.2010].
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Bourdieu verlagerte seine akademischen Interessen von der Philosophie über die Ethnologie hin zur Soziologie. 2 Diesen Orientierungsprozess führt er stark auf die von ihm damals so wahrgenommene Arroganz und Ignoranz der Bildungseliten in Frankreich und die Bildungsstrukturen zurück. Im Rahmen der soziologischen Reflexion weicht er von dieser Einschätzung nicht ab, begründet seine Einschätzung aus damaliger Perspektive jedoch besser und greift in den letzten Zeilen der Publikation diese Kritik an der intellektuellen Welt erneut auf, indem er den Vorwurf der Arroganz und Selbstgefälligkeit noch um die Unterstellung eines immanenten Konformismus erweitert. 3 Dies drückt sich nach Bourdieu insbesondere in dem sozial konstruierten Gefühl der Einzigartigkeit dieser Bildungseliten aus, die in einer parallelen Gesellschaft leben und zum Teil die Rückkehr in das von Bourdieu so bezeichnete reale Leben organisieren, indem sie sich auf lächerliche und absurde Art und Weise politisch engagieren, vorzugsweise durch Vertretung radikaler Thesen, die sie wiederum ins Abseits befördern. Insgesamt priorisiert Bourdieu im Rahmen seines Versuchs sehr deutlich das Wissenschaftssystem.
Allerdings steht die zu analysierende Arbeit Bourdieus nicht isoliert von seinen früheren Werken, in denen er bereits individuelles Verhalten und Wirkungen auf die soziale Welt aufeinander bezogen hat und dies als Gesamtheit wiederum in Bezug zum Habitus definiert. Bourdieu versteht unter Habitus die Verkörperung eines kulturellen Status durch eine Person. 4 Auch die wissenschaftliche Bedeutung eines Akademikers korreliert stark mit dessen Habitus, wie Bourdieu beschreibt. 5 Sein Mentor Georges Canguilhem wurde von Bourdieu insbesondere deshalb als sympathisch eingeschätzt, weil beide über eine Ähnlichkeit in ihrem Habitus verfügten. 6 An späterer Stelle weist er allerdings darauf hin, dass der eigene Habitus nur durch Freunde und Umgebung wahrgenommen werden könnte. 7 Zudem sei dieser bei ihm gespalten, wie er darlegt, als Resultat seiner Bildungssozialisation. Explizite Auskunft über seinen Habitus als kulturellen Status gibt Bourdieu nicht, dieser kann nur deduktiv erschlossen werden, vorzugsweise auch durch Integration seiner früheren Schriften.
2 Insbesondere die Ethnologie faszinierte ihn zunächst, er schreibt auch ausführlich über seine Bekanntschaft mit
Lévi-Strauss, dessen soziologisches Vermächtnis er jedoch in vorliegendem Werk als wenig anspruchsvoll
beschreibt. Die Soziologie fand er deshalb als anziehend, weil er eine Nähe zur sozialen Welt erreichen wollte.
Vgl. Bourdieu, Pierre: Ein soziologischer Selbstversuch, Suhrkamp, Frankfurt a.M. 2002, S. 50.
3 Vgl. Bourdieu, Pierre, a.a.O., S. 120.
4 Vgl. von Thadden, Elisabeth, a.a.O.
5 Vgl. Bourdieu, Pierre, a.a.O., S. 30.
6 Vgl. ebd., S. 34f.
7 Vgl. ebd., S. 100.
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Jens Göritz, 2010, Pierre Bourdieu: Ein soziologischer Selbstversuch, München, GRIN Verlag GmbH
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