Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung 3
2 Verhaltensauffälligkeiten bei Menschen mit Geistiger Behinderung. 6
2.1 Begriffsbestimmung Verhaltensauffälligkeiten 7
2.2 Begriffsbestimmung Geistige Behinderung 9
3 Psychoanalytische Pädagogik. 11
3.1 Was ist Psychoanalytische Pädagogik? 11
3.1.1 Übertragung und Gegenübertragung 12
3.1.2 Projektion und Projektive Identifizierung 13
3.2 Die Weg zur „Klassischen Psychoanalytischen Pädagogik“ 14
3.3 Psychoanalytische Pädagogik und Geistige Behinderung 16
4 Ausgewählte Konzepte der Psychoanalytischen Pädagogik zu
Verhaltensauffälligkeiten bei Menschen mit geistiger Behinderung. 19
4.1 Dietmut Niedecken „Namenlos“ 19
4.1.1 Was ist geistige Behinderung? 20
4.1.2 Die Organisierung von geistiger Behinderung 21
4.1.3 Verhaltensauffälligkeiten bei Menschen mit geistiger Behinderung aus Niedeckens
Sicht. 26
4.1.4 Bewertung. 30
4.2 Das Konzept des Szenischen Verstehens 31
4.2.1 Szenisches Verstehen in der psychoanalytischen Pädagogik 32
4.2.2 Szenisches Verstehen in der Geistigbehindertenpädagogik 33
4.2.3 Bewertung. 34
5 Fazit 35
6 Literaturverzeichnis 36
1 Einleitung
Am Anfang meines Studiums der Sonderpädagogik betreute ich zusammen mit anderen Studenten mehrere Jungen und Mädchen mit geistiger Behinderung während einer Ferienreise. Schon in den ersten Stunden nach Ankunft in der Ferienunterkunft fiel ein Mädchen, ich nenne sie hier M., durch ihr äußerst ruheloses Verhalten auf. Sie rannte hin und her, blieb nie lange bei einem der Betreuer und wenn doch, dann biss sie in unsere Hände und Arme, riss uns an den Haaren oder schlug die anderen Kinder ohne vorhersehbaren Anlass. Wir waren gezwungen, immer eine Person mit ihrer Betreuung zu beauftragen, da sie in unbeobachteten Momenten begann, alles in den Mund zu nehmen und auch zu essen, was sie greifen konnte. Dazu zählten Steine, Spielfiguren, Knete aber auch Spülmittel und schließlich ihren eigenen Kot. M. befand sich in ständiger Unruhe, nie konnte sie lange bei einer Sache bleiben oder gar still sitzen um zu essen. Häufig rannte sie weg und schmiss sich auf den Boden, auf den sie dann unaufhörlich ihren Kopf schlug. Anscheinend gab es nichts, was wir zu ihrer Beruhigung tun konnten. Ich blieb nach dieser Reise und den Erlebnissen mit dem Mädchen mit einem Gefühl der völligen Hilflosigkeit und Bedrückung über das Geschehene zurück. Im Nachhinein erfuhr ich, dass M. auf Grund ihrer Verhaltensweisen als „nicht beschulbar“ eingestuft wurde und so nicht mehr in die Schule konnte. Diese Erfahrung hat mich noch lange Zeit beschäftigt, da ich keine Erklärung für dieses Verhalten hatte. In einem Seminar der Geistigbehindertenpädagogik wurde ich dann jedoch aufmerksam auf das Buch „Namenlos“ von Dietmut Niedecken. Ich las es daraufhin sehr bewegt und fand in vielen der von ihr geschilderten Fallbeschreibungen die Situationen mit M. wieder. Mein Interesse für die Psychoanalytische Pädagogik war geweckt.
Trotzdem es für den Umgang mit Verhaltensstörungen bei geistiger Behinderung in der Pädagogik auch andere Konzepte gibt, entschied ich mich für den verstehenden Zugang dieses Phänomens. Der zentrale Punkt dieses Konzeptes liegt für mich in der Einbeziehung der Abwehrmechanismen und Widerstände von der Pädagogenseite. Im Mittelpunkt des Konzeptes von Niedecken stehen der Dialog und die Beziehungsebene zwischen Kind und Erwachsenen. Sie zeigt auf, wie wir als Pädagogen uns immer wieder neu und selbstreflektiert auf unser Gegenüber verstehend einlassen müssen. Dabei liefert sie nicht nur Chancen zur Entwicklung für die Kinder in der pädagogischen Beziehung, sondern eröffnet auch Möglichkeiten der Psychohygiene für Pädagogen und alle am Beziehungsgeschehen beteiligte professionelle und private Personen.
Um jedoch zum Konzept Niedeckens, als zentraler Bezugspunkt dieser Arbeit, zu kommen, ist es notwendig, die Grundlagen ihrer Arbeit und ihre Entstehungsgeschichte nachzuzeichnen. Bis zur Veröffentlichung und Rezeption von Niedeckens Darstellungen, mussten erst einige Jahre vergehen. Erst in den 80er Jahren wurde überhaupt ein Interesse der Geistigbehindertenpädagogik an der Psychoanalytischen Pädagogik und ihren Erklärungsansätzen gezeigt.
Im ersten Abschnitt soll zunächst auf die Frage der Häufigkeit und Entstehungsbedingungen von Verhaltensauffälligkeiten bei Menschen mit geistiger Behinderung eingegangen werden, um danach eine Begriffsdefinition für Verhaltensauffälligkeiten und für Geistige Behinderung im Sinne einer Psychoanalytischen Pädagogik zu finden. Im darauf folgenden Kapitel zur Psychoanalytischen Pädagogik soll durch eine Bestimmung ihrer wesentlichen Inhalte und Ziele, sowie die Erläuterung ihrer grundlegenden Begrifflichkeiten, eine Grundlage für das Verständnis der verschiedenen Entwicklungstendenzen innerhalb der Psychoanalytischen Pädagogik geschaffen werden, um dann der Frage nachgehen zu können, wie Verhaltensauffälligkeiten bei Menschen mit geistiger Behinderung aus Sicht der Psychoanalytischen Pädagogik erklärt werden. Die Entstehung und Entwicklung der Psychoanalytischen Pädagogik und der, für Menschen mit geistiger Behinderung und Verhaltensauffälligkeiten bedeutsamen Erklärungsansätze wird darauf folgend dargestellt. Im letzten und zentralen Abschnitt der Arbeit soll der Frage nachgegangen werden, welche handlungsorientierten Möglichkeiten es in der psychoanalytisch orientierten Richtung für Pädagogen im Umgang mit Verhaltensauffälligkeiten bei Menschen mit geistiger Behinderung gibt. Dazu wird exemplarisch das Konzept Niedeckens ausführlich vorgestellt und auf verstehende Ansätze von Verhaltensauffälligkeiten bei geistiger Behinderung untersucht. Abschließend folgt die Schilderung des Szenischen Verstehens, das Niedecken bereits in ihrem Ansatz aufgegriffen hat. Das Konzept wird dargestellt, da ich es als das wesentliche psychoanalytisch orientierte Handlungsinstrument für Pädagogen erachte. Bei der Bearbeitung des Themas werde ich mich auf einschlägige Fachliteratur beziehen. In Anbetracht dessen, dass die Psychoanalytische Pädagogik an sich, und speziell die Psychoanalytische Pädagogik geistig Behinderter eine noch nicht all zu lange Rezeptionsgeschichte besitzt, wird die verwendetet Literatur relativ aktuell sein.
4
Auf Grund der dadurch vereinfachten Schreibweise werde ich in der folgenden Arbeit immer die männliche Form bei Subjekten beibehalten. Dies soll nicht einen Ausschluss oder die Diskriminierung der jeweils weiblichen „Vertreter“ implizieren.
5
2 Verhaltensauffälligkeiten bei Menschen mit Geistiger Behinderung
Lange Zeit wurde bezweifelt, dass Menschen mit einer geistigen Behinderung Verhaltensauffälligkeiten entwickeln können, da diese als zwangsläufige Folgeerscheinung der hirnorganischen Schädigung angesehen und somit zum Symptomkreis der geistigen Behinderung subsumiert wurden. 1 Seit den 70er Jahren erfolgte, wesentlich durch die weit reichenden Veränderungen durch die Psychiartrie-Enquete von 1975 vorangetrieben, ein Umdenken im Umgang mit Menschen mit einer geistigen Behinderung. Im Zuge dessen nahm auch das pädagogische Interesse an Verhaltensauffälligkeiten bei Menschen mit geistiger Behinderung zu. Es folgten Veröffentlichungen erster epidemiologische Studien zu diesem Themenkreis. Der Begriff der Doppeldiagnose wurde geprägt. 2 Es wurde nun festgestellt, dass Menschen mit geistiger Behinderung dieselben Verhaltensauffälligkeiten aufweisen können, wie Menschen ohne eine geistige Behinderung. Trotzdem die Resultate der unterschiedlichen Untersuchungen zur Häufigkeit von Verhaltensauffälligkeiten bei Menschen mit geistiger Behinderung stark differierten, ergaben sie allgemein alle, dass diese sogar deutlich häufiger Verhaltensauffälligkeiten aufweisen als Menschen ohne geistige Behinderung. 3 Die Angaben schwanken zwischen einer drei bis fünf Mal höheren Auftretenswahrscheinlichkeit für Verhaltensauffälligkeiten im Vergleich zur Normalbevölkerung.
Als ursächlich für die starke Häufigkeit von Verhaltensauffälligkeiten werden eine zu geringe soziale Unterstützung, beschränkte Potentiale zur Selbsthilfe und eine erhöhte psychosoziale Belastung durch ein ungenügend ausgeprägtes Selbstwertgefühl, Beeinträchtigungen in der Fähigkeit zur Kommunikation und somit auch Kontaktaufnahme sowie vermehrte Frustrationserlebnisse durch Unter- und Überforderung angesehen. 4
Aus Perspektive der Psychoanalyse sind die wesentlichen Ursachen der Verhaltensstörungen in einer Störung der Ich-Entwicklung begründet. Das ICH dient der tiefenpsychologischen Theorie nach als Abwehrort und vereinigt, als psychoanalytisches Konstrukt, alle Fähigkeiten
1 Irblich, Dieter: Problematische Erlebens- und Verhaltensweisen geistig behinderter Menschen. In: Irblich,
Dieter/ Stahl, Burkhard (Hrsg.): Menschen mit geistiger Behinderung. Psychologische Grundlagen, Konzepte
und Tätigkeitsfelder. Göttingen/Bern/Toronto/Seattle, 2003, S. 316.
2 Theunissen, Georg/ Lingg, Albert: Psychische Störungen bei geistig Behinderten. Freiburg, 1993, S.12.
3 David, Dörthe/ Neukäter, Heinz: Doppeldiagnose (Dual Diagnosis): Geistige Behinderung / Psychische
Störung. Sonderpädagogik, 25 (1) 1995, S. 55.
4 Irblich, S. 323.
6
des Menschen, die der Selbsterhaltung dienen. 5 Die Ich-Entwicklung eines Kindes mit einer geistigen Behinderung ist durch mehrere Faktoren erschwert. Durch die geistige Behinderung ist die Herstellung des Dialogs zur Mutter erschwert, weshalb die gegenseitige Abgestimmtheit zwischen Mutter und Kind und die daraus wachsende Möglichkeit des Gefühls von Homöostase schwer realisierbar ist. Durch die verzögerte motorische Entwicklung kann das Kind erst sehr spät die notwendigen Entwicklungsanreize wahrnehmen. Auf Grund der dadurch eingeschränkten Wahrnehmungsmöglichkeiten und einer hinzukommenden verzerrten Wahrnehmungsverarbeitung erlebt das Kind beim versuch die Umwelt zu entdecken vermehrt Irritationen und Verunsicherungen. 6
Diese Faktoren führen dazu, dass die Ich-Funktionen sich unzulänglich entwickeln. Ein geschwächtes Ich ist anfälliger für Störungen, sodass es leicht durch die Anforderungen der Realität überfordert wird. Die Schutz- und Abwehrmechanismen differenzieren sich beim geistig Behinderten weniger aus, das heißt, dass das Ich auch in späteren Jahren nur sehr frühe Formen des Schutzes und der Abwehr abrufen kann. 7 „Überforderungssituationen, der damit einhergehende Verlust an Orientierung und die Häufung von Misserfolgen führen zu ständigen Frustrationen, die wiederum das Selbstwertgefühl verletzen [...] Um der Bedrohung des Selbstwertgefühls und der dadurch ausgelösten Angst zu entkommen, entwickelt der Mensch Schutz- oder Abwehrmechanismen“ 8 . Das bedeutet, dass bei geistig Behinderten bestimmte Abwehrformen bereits in einem früheren Belastungsstadium als beim geistig nicht Behinderten aktiviert werden und Verhaltensweisen beobachtbar werden, die dann als Verhaltensstörungen eingestuft werden.
2.1 Begriffsbestimmung Verhaltensauffälligkeiten
Der Begriff Verhaltensauffälligkeiten ist sehr komplex und es wird eine Vielzahl synonymer Begriffe verwendet. In der für diese Arbeit verwendeten Literatur finden sich Bezeichnungen wie Verhaltensstörungen, Problematische Verhaltensweisen, herausforderndes Verhalten und Psychische Störungen. Das Für und Wider der einzelnen Begriffsverwendungen steht nach wie vor in der interdisziplinären Diskussion. Je nach Blickwinkel und der Profession der
5 Schnoor, C. Heike: Aspekte einer psychoanalytisch orientierten Pädagogik für Personen mit einer geistigen
Behinderung. Geistige Behinderung als Ich-Schwäche. In: Jahrbuch für psychoanalytische Pädagogik 1992 (4) ,
S. 200.
6 Ebd., S.212.
7 Senckel, Barbara: Du bist ein weiter Baum. Entwicklungschancen für geistig behinderte Menschen durch
Beziehung. München, 1998, S.60.
8 Ebd., S.25.
7
Arbeit zitieren:
Anja Lengowski, 2009, Verhaltensauffälligkeiten bei Menschen mit geistiger Behinderung aus Sicht der psychoanalytischen Pädagogik, München, GRIN Verlag GmbH
Dieser Text kann über folgende URL aufgerufen und zitiert werden:
Einbetten
DOI
Die Neurose als externer Einfluss auf das Gottesbild von Kindern.
Ein entwicklungspsychologische...
Theologie - Didaktik, Religionspädagogik
Seminararbeit, 17 Seiten
Lehrbarkeit des Glaubens - damals und heute
Theologie - Didaktik, Religionspädagogik
Hausarbeit, 21 Seiten
Möglichkeiten schulischer Werteerziehung außerhalb des Religionsunterr...
Hausarbeit (Hauptseminar), 24 Seiten
Religionsunterricht - Ist das noch ein zeitgemäßes Fach an unseren Sch...
Theologie - Religion als Schulfach
Wissenschaftlicher Aufsatz, 182 Seiten
David Blaschke hat den Text Verhaltensauffälligkeiten bei Menschen mit geistiger Behinderung aus Sicht der psychoanalytischen Pädagogik kommentiert
Pädagogik - Heilpädagogik, Sonderpädagogik: Verhaltensauffälligkeiten bei Menschen mit geistiger Behinderung aus Sicht der psychoanalytischen Pädagogik ist nun auf dem Buchmarkt erhältlich
Pädagogik - Heilpädagogik, Sonderpädagogik: neuer Titel erschienen: Verhaltensauffälligkeiten bei Menschen mit geistiger Behinderung aus Sicht der psychoanalytischen Pädagogik
Neue Sicht des Geistigen Heilens. Zur Behandlung psychosomatischer Erk...
Zur Behandlung psychosomatisch...
Horst Krohne
Institutionelle Förderungsprozesse von Menschen mit geistiger Behinder...
Manfred Gerspach, Dieter Mattner
Diagnostik bei Menschen mit geistiger Behinderung
Ein interdisziplinäres Handbuc...
Burkhard Stahl, Dieter Irblich
Mitwirkung von Menschen mit geistiger Behinderung
Schule, Arbeit, Wohnen
Werner Schlummer, Ute Schütte
Teilhabe von Menschen mit geistiger Behinderung am Leben in der Kommun...
Klaudia Erhardt, Katrin Grüber
Gespräche mit Menschen, die für "geistig behindert" gehalten werden
Nancy Sorge, Winfried Palmowski
David Blaschke
Liebe Anja,
herzlichen Glueckwunsch zu Deinem heutigen Geburtstag!
David
Dubna, 10. April 2011
am Sunday, April 10, 2011-