Inhalt
Einleitung 2
1 Das Milieu der Boxer 3
1.1 Beschreibung des Stadtteils und des Boxclubs 3
1.2 Das Verhältnis zwischen Stadtteil und Boxclub 4
1.2.1 Eine symbiotische Oppositionsbeziehung 4
1.2.2 Das soziale Feld des Boxens 6
1.2.3 Die Illusio des Boxens 9
2 Die disziplinierte Routine des Boxers 11
2.1 Der Trainingsablauf 11
2.2 Der Habitus des Boxers 13
3 Der Körper des Boxers 16
Schlussbemerkung 19
Literatur 20
Einleitung
In den Jahren 1988 bis 1993 zieht es den französischen Soziologen Loïc Wacquant nach Chicago, Amerika, um dort im Rahmen seiner Dissertation die sozialen Strategien von Jugendlichen im Ghetto zu untersuchen. Als er von einem Freund eingeladen wird, ein Gym im heruntergekommenen Stadtteil Woodlawn im Süden Chicagos zu besuchen, wähnt Wacquant hierin die Möglichkeit eines guten Ausgangspunktes für seine Beobachtungen und beginnt schon bald als weiße Minderheit im Woodlawn Club mit dem Boxtraining. In kürzester Zeit nimmt ihn diese Sportart und die Gemeinschaft in der er trainiert gefangen - zeitweise kann er sich ein Leben außerhalb dieses Mikrokosmos nicht mehr vorstellen, erwägt sogar, die wissenschaftliche Karriere aufzugeben und Berufsboxer zu werden. Als ihn nach 16 Monaten ein trainingsbedingter Nasenbeinbruch zu einer Pause zwingt, in der er sich wieder vermehrt seinen Aufzeichnungen widmen kann, erkennt er im Boxsport das Potential einer soziologischen Analyse und hat ab diesem Zeitpunkt ein weiteres Forschungsfeld, dem er nachgehen kann. Seine Erkenntnisse hierzu schreibt er nieder in Leben für den Ring - Boxen im amerikanischen Ghetto. Diese Erkenntnisse lassen sich in drei wesentlichen Aussagen zusammenfassen: 1. Das Boxen entspringt nicht einer beliebigen Umwelt. Es ist eingebunden in einen spezifischen sozialen Kontext, von dem es abhängig ist. 2. Das Boxen ist eine äußerst disziplinierte Tätigkeit, die einen spezifischen Habitus erfordert, aber auch hervorbringt. 3. Der Körper ist das Kapital des Boxers, das gepflegt und geschützt werden muss.
Entlang dieser zentralen Aussagen, sollen im Verlauf der vorliegenden Arbeit einerseits die Erkenntnisse und Beschreibungen Wacquants bezüglich des Boxens als soziales Feld rekurriert werden. Darüber hinaus sollen diese Erkenntnisse jedoch im Kontext der Theorien Pierre Bourdieus - maßgeblich seiner Habitus-Theorie - betrachtet werden. Wacquant war Schüler Bourdieus in Paris, ja, er kam nach eigenen Aussagen sogar erst durch die persönliche Begegnung mit ihm zur Soziologie. Zeit ihrer wissenschaftlichen Arbeit haben beide dann auch immer wieder gemeinsam geforscht und geschrieben, entwickelten eine Freundschaft, die Bourdieu sogar dahin brachte, Wacquant im Woodlawn Club zu besuchen. Daher liegt es nahe, dass sich Wacquant den Methoden und Erkenntnisweisen seines Lehrers bedient und, wie er sagt, Bourdieu mit ins Feld nimmt.
2
1 Das Milieu der Boxer
1.1 Beschreibung des Stadtteils und des Boxclubs
Das Viertel, in dem Wacquant seine Exkursion in den Boxsport unternimmt, einst eines der lebhaftesten und geschäftigsten Chicagos, bietet Ende der 1980er Jahre nur noch ein trauriges Bild. Zerfallene Häuser, aufgerissene Straßen und wenige Geschäfte prägen die Infrastruktur des mit 36.000 Seelen bewohnten, zu 96% afro-amerikanischen Stadtteils. In den 1950ern waren die rund 81.000 Einwohner noch überwiegend Weiße, bis eine rassistisch konnotierte Kommunalpolitik (Ne- groremoval) die soziale Segregation in Gang setzte, die bis 1980 nahezu das gesamte öffentliche Leben in Woodlawn zum Erliegen brachte. 1 Nun, 1988, liegt das Viertel auf Rang 13 der Armutsskala der 77 Bezirke, ist damit also längst nicht das benachteiligtste. Die Einkommen liegen unter dem städtischen Mittelwert, 60% der Familien sind alleinerziehend und ebenso viele leben von der Sozialhilfe. Nur 34% der weiblichen und 44% der männlichen, arbeitsfähigen Bevölkerung ist erwerbstätig und mehr als die Hälfte der Erwachsenen hat die chronisch unterfinanzierte, personell demoralisierte Regelschule nicht bis zu einem anerkannten Abschluss besucht. Diese kann den Jugendlichen in einer Gegend, in der es im Umkreis von vier Kilometern keinen bedeutenden Arbeitgeber außer der Universität von Chicago gibt, aber auch längst keine sichere Zukunft mehr bieten. So kommt es, dass die Kids ihre Zeit eher auf der Straße verbringen, die zunehmend zu einem Hort der Gewalt verkommt.
Verbrechen, so schreibt Wacquant, sind in der Gegend alltäglich und es gibt niemanden der nicht selbst schon einmal Opfer oder Zeuge von Gewalt gewesen ist oder einen engen Freund hat, dem solche widerfahren ist. Die Unsicherheit der Straße verunmöglicht ein friedliches, geordnetes, öffentliches Leben, sie untergräbt die zwischenmenschlichen Beziehungen und bringt sämtliche Aktivitäten des Alltags aus dem Gleichgewicht. Auch wenn es in einem angrenzenden Viertel (Murdertown) noch schlimmer zugehen soll, so liegt die durchschnittliche Lebenserwartung in Woodlawn aufgrund von Drogenkonsum oder Mord bei nur 30 Jahren. 2 Umso erstaunlicher ist es, dass es, auf einer der Hauptstraßen gelegen, einen Ort gibt, an dem diese Zustände aufgehoben sind: den Woodlawn Club. Der Woodlawn Club ist eine örtliche Einrichtung unter der Schirmherrschaft von The United Way, einer nationalen, karitativen Organisation, und beherbergt neben dem Boxclub (Gym) auch den Boys and Girls Club, der Schülerhilfe leistet,
1 Vgl. Loïc Wacquant: Leben für den Ring. Boxen im amerikanischen Ghetto, Konstanz 2003, S. 22ff. 2 Vgl. ebd.
3
Ausflüge und Sportveranstaltungen organisiert. Unter dem Motto „The Club that Beats the Streets“ ist es das dringlichste Anliegen, die Jugendlichen der urbanen Exklusion zu entreißen. Dabei ist die Einrichtung allein auf Spenden angewiesen, erhält Mittel nur für den Gebäudeunterhalt und lebt vom ehrenamtlichen Engagement seiner Mitglieder. Lediglich für den Boxclub wird ein Mitgliedsbeitrag von 10 Dollar jährlich erhoben. 3
Der im Souterrain des Gebäudes liegende Boxclub besteht im Wesentlichen aus der Trainingshalle, an die ein kleiner Raum als Trainerbüro angeschlossen ist, sowie einer Dusche mit kleiner Garderobe. Aufgrund fehlender Klimaanlage und maroder Heizung ist es im Winter dort sehr kalt und im Sommer sehr heiß. Die Wände, von denen der Putz bröckelt, sind mit vergilbender Farbe gestrichen, die Türen der Räume sind verzogen und für die Inneneinrichtung stehen nur die nötigsten Möbel zur Verfügung. Schmuck gibt es nur in Form von Wimpeln, Postern, Fotos, Zeitungsartikeln und anderen Trophäen, welche als Wandbehang dienen. Für das Training ist in der Halle ein ca. 11 x 9m großer Bodenabschnitt mit Parkett ausgelegt, an der Wand stehen ein paar Spiegel für das Schattenboxen. Es gibt Sandsäcke und eine Punktbirne für das Schlagtraining. Für das Sparring steht in der Halle noch ein Ring zur Verfügung - im Wesentlichen ist das alles.
1.2 Das Verhältnis zwischen Stadtteil und Boxclub
1.2.1 Eine symbiotische Oppositionsbeziehung
Der Boxclub offenbart in seiner Erscheinung ein ähnliches Bild wie das ihn umgebende Viertel. Die Kärglichkeit und der Zerfall scheinen sich in den Räumen fortzusetzen, insofern kann man von einer Entsprechung sprechen. Andererseits aber besteht ein Unterschied im Umgang mit diesen Zuständen. Im Boxclub mag es zwar ärmlich aussehen, es ist aber aufgeräumt und sauber. Wacquant nennt dieses Phänomen die „symbiotische Oppositionsbeziehung“ 4 und meint damit, dass etwas zum gegenseitigen Nutzen beieinander existieren kann, auch/selbst wenn es sich voneinander unterscheidet. Bezüglich der Einrichtung des Gym sieht das nun eben so aus: die Armut der Straße setzt sich in der Armut des Boxclubs zwar fort, sie wird hier jedoch anders arrangiert, man geht anders mit ihr um, es gibt also eine Art Ungleichheit im Gleichen und umgekehrt. Diese Erscheinung findet sich nicht nur im Materiellen, sie setzt sich in den Hierarchien und Persönlichkeiten des Boxclubs fort.
3 Vgl. ebd., S. 34ff.
4 Ebd., S. 60
4
Die Mitglieder des Clubs rekrutieren sich entsprechend der Lage im Ghetto überwiegend aus der Unterschicht, stellen aber auch hier nicht die Benachteiligtsten dar. Sie kommen aus dem Randbereich der Arbeiterklasse, haben mehr oder weniger regelmäßige Jobs (einer von ihnen ist immerhin bei der städtischen Feuerwehr angestellt), so dass sie im Allgemeinen nicht zu denjenigen gehören, die ihren Unterhalt durch Dealen und Raub bestreiten müssen. Im Gegenteil: Weil es im Gym um die „Vermittlung moralischer und körperlicher Dispositionen“ 5 geht und die materiellen Schranken eines Clubbeitritts (10 Dollar Mitgliedsbeitrag pro Jahr) quasi nicht vorhanden sind, findet eine Auswahl bezüglich der persönlichen Stabilität des Kandidaten statt. Ein geregeltes Leben, Sinn für Disziplin und physische sowie mentale Askese, sind die Voraussetzungen für eine regelmäßige und erfolgreiche Teilnahme am Training. Ob ein Kandidat geeignet ist, zeigt sich entweder bereits im Verlauf des kleinen Vorstellungsgespräches (das dem Kandidat häufig die Illusion dessen nimmt, was dieser sich bislang unter einem Boxtraining vorstellte), spätestens aber an den Lernfortschritten im Training. Das Training ist gewissermaßen der Indikator, der über das Training hinaus auf die Lebensweise des Individuums verweist. Die Fluktuation unter diesen Bedingungen ist entsprechend hoch, 90% der Anfänger sind nach kurzer Zeit wieder weg. Neben all den Restriktionen, die gegen das Laissez-faire des Ghettos gerichtet sind, gibt es jedoch auch Momente in der Herkunft der Mitglieder, die sich der Boxsport zunutze macht, maßgeblich den Körper, der das nennenswerte Kapital des Boxers darstellt sowie die Erfahrung, ihn im Kampf einzusetzen. Schläge auszuteilen und einzustecken ist etwas, was man erst lernen muss und nicht jeder kann das. Im Ghetto lernen die Kids jedoch schon sehr früh die gewalttätige Auseinandersetzung in Form von Prügeleien, sie haben also schon ein „Gefühl“ für den Einsatz ihres Körpers im Kampf. Für viele von ihnen stellt sich dann im Laufe des Lebens die Frage, ob sie diese „Fähigkeit“ weiter im Kampf um die Vorherrschaft der Straße einsetzen und dabei das Risiko eingehen, in der Spirale der Gewalt unterzugehen (oder alles zu gewinnen) oder sie im Boxclub in eine geregelte Form zu überführen, die sie einerseits vor der Illegalität bewahrt und andererseits bei entsprechendem Einsatz auch eine sportliche Karriere bieten kann. Wir finden in diesen Voraussetzungen das Moment von Kontiguität und Kontinuität wieder, in dem sich insbesondere das männliche Ethos im Boxclub fortsetzt, der einen eminent männlichen Raum darstellt. 6 Das Verhalten der Straße wird jedoch nicht übernommen, sondern transformiert. Durch strenge Disziplin gilt es, die Gewalt zu kodifizieren und pazifizieren. Dies kommt unter anderem zum Ausdruck, wenn
5 Ebd., S. 47
6 Vgl. ebd, S. 58f.
5
Arbeit zitieren:
Christian Heitland, 2009, Leben im Ring - Zur Körperlichkeit und Sozialität des Boxens, München, GRIN Verlag GmbH
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