Inhaltsverzeichnis
1. Problem- und Fragestellung der vorliegenden Arbeit 2
2. Leben und Werk von Cécile und Oskar Vogt im wissenschaftshistorischen Kontext. 4
2.1 Topistische Hirnforschung: Zyto- und Myeloarchitektonik 6
2.2 Die Institutionalisierung des Privaten: Die Vogtschen Hirnforschungsinstitute
(Von 1896 bis ca. 1930) 8
3. Der politische und kulturhistorische Kontext - Zur Anthropologie des Menschen aus Sicht von
Oskar und Cécile Vogt 11
4. Fazit 18
5. Literatur- und Quellenverzeichnis 20
1. Problem- und Fragestellung der vorliegenden Arbeit
Der Blickwinkel der medizinisch-biologischen Disziplin Hirnforschung verschiebt sich heute immer mehr und schafft ganz neue Forschungsbereiche, wie etwa die Neurophilosophie oder Neuroethik. So wird die Wissenschaft vom Gehirn nicht zum ersten Mal in der Geschichte zur Wissenschaft vom Menschen. Sie erhebt einen ganzheitlichen Erklärungsanspruch an die menschliche Existenz - durch die Verortung geistiger Fähigkeiten im Gehirn. 1 Dieses Faszinosum, aufgehangen an der Frage: 2 , zieht sich durch die Geschichte der Hirnforschung von ihren Anfängen bis zum heutigen Tag.
Ausnahmeerscheinungen in dieser Geschichte sind Cécile und Oskar Vogt, welche ihre Hirnforschung ebenfalls als eine Wissenschaft vom Menschen begründeten. Die Geschichte ihres Forschungsvorhabens ist eine Geschichte großer Erfolge aber auch eine Geschichte des Scheiterns und der Widersprüche. Sie waren Außenseiter in der damaligen Forschungslandschaft. Zunächst nicht nur aufgrund ihrer inhaltlichen Ansätze, sondern auch aufgrund der institutionellen Rahmenbedingungen, die sie sich für ihre Forschungsvorhaben gaben. Die Vogts verfolgten neben ihrer wissenschaftlichen Tätigkeit auch politische Ziele. Sie bekannten sich öffentlich zur Sozialdemokratie und vertraten ein Konzept, welches Wissenschaft, Staat und Gesellschaft mit dem Ziel eines sich höher entwickelnden Gehirns verbinden sollte. 3 Damit bewegten sie sich zwischen einem damals nicht unüblichen Spannungsfeld aus Sozialismus, Eugenik und Biologismus, Elitenlehre und wissenschaftlichem Allmachtsglauben. Im Spiegel ihres zytoarchitektonischen Forschungskonzepts gibt es einige Ansätze, die im Widerspruch zu der öffentlich vertretenen politischen Meinung stehen und die nachfolgend diskutiert werden. Die Ziele der Vogts erschließen sich nicht, wenn man sie nur als wissenschaftlich wirkende Personen betrachtet. Sie waren ein französisch-deutsches Ehepaar mit eindeutig pazifistischer Einstellung zur Zeit des Ersten Weltkrieges. 4 Cécile Vogt war eine der wenigen Frauen, die in der Welt der Wissenschaften überhaupt stattfanden. Oskar Vogt pflegte beste Kontakte zur Führung der Sowjetunion. Im Zweiten Weltkrieg versteckten sie mehrere jüdische Familien vor dem
1 Vgl. dazu Hagner Michael: Geniale Gehirne. Blick unter die menschliche Schädeldecke. Interview zur Buchrezension.
http://www.3sat.de/kulturzeit/lesezeit/72925/index.html, 2004. (Gelesen am 07.02.2010).
2 Breidbach, Olaf: Die Materialisierung des Ichs. Zur Geschichte der Hirnforschung im 19. und 20. Jahrhundert.
1. Aufl. Frankfurt am Main, 1997. Suhrkamp-Taschenbuch Wissenschaft, S. 15.
3 Vgl. Hagner, Michael: Geniale Gehirne. Zur Geschichte der Elitegehirnforschung. Göttingen, 2004. S. 236.
4 Vgl. dazu Satzinger, Helga: Krankheiten als Rassen. Politische und wissenschaftliche Dimensionen eines
internationalen Forschungsprogramms am Kaiser-Wilhelm-Institut für Hirnfroschung (1919 - 1939), in: Schmuhl,
Hans-Walter; Terhoeven, Petra (Hrsg.): Rassenforschung an Kaiser-Wilhelm-Instituten vor und nach 1933. [Workshop
Rassenforschung im Nationalsozialismus: Konzepte und Wissenschaftliche Praxis unter dem Dach der Kaiser-Wilhelm-
Gesellschaft, am 3./4. Dezember 199 in Berlin]. Göttingen, 2003, S. 150 151.
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nationalsozialistischen Regime. 5 Es stellt sich die Frage, warum die Vogts auf der einen Seite ein höchst aufgeklärtes hirnforscherisches Konzept zu ihrem Lebenswerk erklärten und im Gegensatz dazu dieses Konzept mit politischen Forderungen aus Rassenhygiene und Züchtungspolitik aufluden? Wie erklärt sich die Organisationsstruktur der Vogtschen Hirnforschungsinstitute insbesondere des Kaiser-Wilhelm-Instituts für Hirnforschung, im Kontext des Forschungsvorhabens der Aufklärung über die neuroanatomischen Eigenschaften des Gehirns? Welches Menschenbild verbanden diese beiden, eine Wissenschaft vom Menschen treibenden, Forscherpersönlichkeiten damit? Die Antworten ergeben sich mehr aus einer Charakterisierung Oskar und Cécile Vogts als Menschen, die in ihrer Zeit lebten und arbeiteten, als aus der reinen Analyse ihrer wissenschaftlichen Arbeiten. Besonders Oskar Vogt ist dabei als eine humanistisch aufgeklärte Persönlichkeit zu identifizieren, die sich selbst als historisch und unabdingbar in die Forschungsgeschichte implementieren wollte. Um dieses Vorhaben zu erreichen, betrieb Oskar Vogt eine ökonomisierte Wissenschaft, die sich auf allen Ebenen diesem Ziel unterordnete. Die Literatur und Quellenlage zu Cécile und Oskar Vogt ist sehr reichhaltig. Quellenmaterial des Wissenschaftsbetriebes der DDR fließt nur in Form von Walter Kirsches Beitrag zum 25. jährigen Todestag von Oskar Vogt in diese Arbeit ein. Die Hauptgrundlage der vorliegenden Untersuchung sind die Arbeiten zu Cécile und Oskar Vogt von Helga Satzinger und Michael Hagner. 6 Quellenmaterial, besonders von Oskar Vogt, findet sich im Hinblick auf wissenschaftliche Veröffentlichungen ebenfalls sehr reichhaltig. Die nicht wissenschaftlichen Quellen, wie Veröffentlichungen in politischen Zeitschriften, sind teilweise schwer zugänglich, bzw. würde die Beschaffung archivarischen Aufwand erfordern, der den Rahmen dieser Seminararbeit sprengen würde, der aber im Kontext größerer Arbeiten lohnt, aufgenommen zu werden. Denn die hier behandelte Fragestellung nach der scheinbaren Widersprüchlichkeit von Leben der Vogts einerseits und dem Werk der Vogts andererseits im Spannungsverhältnis eines politischen Anspruchs der beiden Forscherpersönlichkeiten wird in der Literatur bisher nicht abschließend behandelt. Methodisch wird eine historische Darstellung in gebotener Kürze, mit einer historischen Analyse verbunden. Dabei wird zunächst von dem von Oskar und Cécile Vogt vertretenen neuroanatomischem Konzept der Zytoarchitektonik ausgegangen. Da Wissenschaftsgeschichte auch eine Geschichte der Wissenschaftsorganisation ist, wird im Folgenden die besondere institutionelle Situation, in der die Vogts geforscht haben, betrachtet. Abschließend wird das wissenschaftlich
5 Vgl. Ebenda. Satzinger, 2003. S. 150 151; Wolff, Horst-Peter: Cécile und Oskar Vogt. Eine illustrierte
Ergobiographie. Fürstenberg/Havel, 2009, S. 23 36.
6 S. Hagner, 2004; Satzinger, Helga: Die Geschichte der genetisch orientierten Hirnforschung von Cécile und Oskar
Vogt (1875 - 1962, 1870 - 1959) in der Zeit von 1895 bis ca. 1927. Braunschweig, 1998.
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inhaltliche Konzept der Forschung der Vogts vor einem kulturhistorischen und politischen Kontext
diskutiert.
2. Leben und Werk von Cécile und Oskar Vogt im wissenschaftshistorischen Kontext
Oskar und Cécile Vogt waren untrennbar in ihrem Leben und ihrem Werk vereint. Sie
veröffentlichten ihre Arbeiten stets gemeinsam. In den Arbeiten in denen sich Wissenschaft und
Politik vermischten bzw. die eine Disziplin die andere stützte, trat allerdings Oskar Vogt öfter als
Verfasser auf. 7 Im weiteren Verlauf wird nur auf die Stationen des Lebens von Oskar Vogt
eingegangen , da sie für die hier behandelte Fragestellung entscheidend sind. 8
Oskar Vogt wurde am 6. April 1870 in Husum in Schleswig-Holstein als Sohn eines protestantisch-
lutherischen Pastoren geboren. Als Schüler beschäftigte er sich bereits mit biologischen
Fragestellungen und fing an, eine Hummelsammlung anzulegen, die er bis zu seinem Lebensende
fortf ührte. Dabei sammelte er die Tiere als Jugendlicher nach Gesichtspunkten der zoologischen
Systematik. 9 Später, zu Beginn seiner wissenschaftlichen Karriere, verschob sich sein Interesse hin
zu Fragen genetischer Bedingungen von Färbungsvariationen. Diese Verschiebung des
Forschungsinteresses hin zur vergleichenden Morphologie ist konstituierend für im Verlauf seiner
weiteren Tätigkeit entstehende Forschungsfragen. Diese behandelten evolutionsbiologische
Fragestellungen der Genetik, die er in Anlehnung an die synthetische Evolutionstheorie entwickelte.
Diese stellt eine um die genetische Vererbungslehre erweiterte Theorie über die Variabilität der
Arten von Charles Darwin dar, von dessen Veröffentlichungen Vogt fasziniert war. 10 Vogt
Variieren Diese genetische Grundlagenforschung wurde ab 1925
im Kaiser-Wilhelm-Institut für Hirnforschung, das Vogt leitete, mittels einer eigenen Abteilung
durch den russischen Genetiker Nikolai W. Timoféeff-Ressovsky fortgeführt. Das Interesse von
Oskar Vogt an der Genetik und auch an der Psychologie und Psychiatrie wurde durch seinen engen
Freund und Mentor, den Soziologen Ferdinand Tönnies, geweckt. Tönnies spielte eine
Schl üsselrolle in Oskar Vogts Leben. Als Oskar Vogt 17 Jahre alt war, veröffentlichte Tönnies sein
Buch , in dem er eine Gesellschaftstheorie unter Einbeziehung
naturwissenschaftlicher Vorstellungen entwarf. 11 Nach Peter Ulrich Merz-Benz könne für Tönnies
7 Vgl. Hagner, 2004, S.236.
8 Für eine detaillierte Darstellung der Lebenseckpunkte von Cécile Vogt s. Satzinger 1998, S. 15 61.
9 Vgl. Satzinger, 1998, S. 26.
10 Vgl. Wolff. 2009, S. 8.
11 Vgl. Satzinger, 1998, S. 29.
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demnach alles nur als Besonderung der gedacht
werden, der Natur als Zusammenhang aller real möglichen Kausalverhältnisse. Diese nenne Tönnies folgerichtig das i der Erkenntnis. 12 Die Rolle der Psychologie spielt in Tönnies soziologischen Theorien eine große Rolle. Für Tönnies sei die 'psychische Anthropologi auch der wesentlichste Bestandteil der Kultur-Philosophie. Im Zuge ihrer Ausgestaltung, werde diese zu einer Theorie der menschlichen Willensformen. Sie würde aufrücken zu einer eigentlichen des Sozialen und mithin würde sie zur Grundwissenschaft der reinen
Soziologie. 13 Vogt und Tönnies blieben zeitlebens eng verbunden. Nach Helga Satzinger ist es wünschenswert, das weitere wissenschaftliche Untersuchungen die Art der wissenschaftlichen Arbeitsteilung zwischen Tönniesscher Sozialwissenschaft und Vogtscher Hirnforschung analysieren. 14 Ferdinand Tönnies ist als die soziologische Absicherung der von Vogt geschaffenen naturwissenschaftlichen Kategorien zu sehen. Dies bildet den politischen Überbau, in den Oskar Vogt seine Forschungsarbeit bettet. Diese Verbindung scheint grundlegend konstituierend. Oskar Vogts akademische Ausbildung zeichnet sich schnell in den für sein Lebenswerk bestimmenden Bahnen ab. Er studiert zunächst Psychologie an der Universität Kiel und wechselt dann zur Medizin. 1890 ging er nach Jena und war dort Assistent von Ernst Haeckel. 1893 legte Oskar Vogt das medizinische Staatsexamen ab und arbeitete im Anschluss zur Vertiefung seiner psychiatrischen, neuroanatomischen und neurologischen Kenntnisse bei dem Theodor Meynert
15 Der schweizer Nervenarzt August Henri Fasersysteme .
Forel spielte ebenfalls eine ausschlaggebende Rolle in der wissenschaftlichen Ausrichtung des Lebensweges von Oskar Vogt. Im Sommer 1894 hielt sich Vogt bei ihm in der psychiatrischen Klinik Burghölzli in Zürich auf. Von Forel lernte Vogt die Technik der Hypnose und setzte sie als therapeutische Methode ein. Forel folgend entwickelte Vogt sein Konzept von der Bildung einer integrativen Neurowissenschaft, die anatomische, klinische und physiologische Forschungsansätze zusammenführen
16 in der Zeit in Burghölzli weiter. Vogt distanzierte sich erheblich von Sigmund Freud und
seiner psychoanalytischen Psychotherapie.
12 Vgl. Merz-Benz, Peter-Ulrich: Tiefsinn und Scharfsinn. Ferdinand Tönnies' begriffliche Konstitution der Sozialwelt.
1. Aufl. Frankfurt am Main, 1995, S. 40.
13 Vgl. ebd., S. 354.
14 Vgl. Satzinger, 1998, S. 30. 15 Kirsche, 1986, S.7. 16 Breidbach, 1997, S 229.
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Ole Norhausen, 2009, Die Rassen- und Elitegehirnforschung von Oskar und Cécile Vogt und der kulturhistorische Kontext (ca. 1895 - 1933), München, GRIN Verlag GmbH
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