Danksagung
Ich danke Dr. Ulrich Raiser für die Betreuung dieser Arbeit und Bastian Laubner für das
Korrekturlesen.
Inhaltverzeichnis
I. Einleitung. 1
II. Die urbanen Ausschreitungen in Paris und Krawalle in Berlin 6
III. Definitionen und Konzepte der Jugendgewalt 9
IV. Nationales Selbstverständnis und Einwanderungspolitik in Frankreich und
Deutschland. S. 14
V. Die Konstruktion der Selbst- und Kollektividentität im Zusammenhang mit
der Fremdheit, dem städtischen Raum und der Staatsangehörigkeit 19
V.1. Zwischen Identität und Alterität - Exklusion und Inklusion 19
V.2. Die Medien und Stigmatisierung 21
V.3. Die kollektive Wahrnehmung der Andersartigkeit 24
V.4. Identitätsspannungen zwischen der Einheimischen- und
Herkunftskultur im städtischen Raum 27
V.5. Die Rolle der Staatsangehörigkeit bei der Identitätskonstruktion 31
VI. Die Sozialisierung der jugendlichen Migranten in der Schule 37
VI.1. Der schulische Raum in der Sozialisierung, Identifizierung und
Diskriminierung von Jugendlichen. 37
VI.2. Das Nationalbild in Struktur und Mission der Schule 39
VI.3. Die institutionelle Diskriminierung in der Schule 42
VI.4. Vermittlung der Nationalbilder in den Schulen. S.45
VI.5. Der schulische Misserfolg in der Vermittlung von Perspektivlosigkeit
und Frustration 51
VII. Der Zusammenhang zwischen der Schule, dem Nationalbild und der
Identitätskonstruktion S. 55
VIII. Zusammenfassung. 63
Literaturverzeichnis S 69
I. Einleitung
Die brennenden Autos bei gewalttätigen Ausschreitungen in Pariser Vororten er- regten2005 viel Aufmerksamkeit über die Grenzen Frankreichs hinweg, denn die randalierenden Franzosen mit Migrationshintergrund schienen die Grundwerte der Republik, die stolz ist auf ihre Ideale der Universalität und Gleichheit, in Frage zu stellen. Als die Ausschreitungen in Paris im November 2005 ausbrachen, stellten Berichte über das Thema häufig die Frage an Politiker und Kriminologen, ob solche massiven Krawalle auch in Deutschland vorkommen könnten. Viele Befragte waren der Meinung, dass es sicherlich das Potenzial und mögliche Auslöser für solche Ausschreitungen gäbe, denn die zunehmende Frustration unter arbeits- und ausbildungslosen Jugendlichen in den sozialen Brennpunkten schien ganz ähnlich wie in Paris. Der ehemalige innenpolitische Sprecher der CDU-Bundestagsfraktion Wolfgang Bosbach zum Beispiel beurteilte die Situation kritisch: „Auch wenn die gesellschaftliche Realität bei uns anders ist, sollten wir uns nicht der Illusion hingeben, dass so etwas wie in Frankreich bei uns nicht geschehen könnte“ (zitiert in Frankfurter Allgemeine, 5. November 2005). Politiker in Deutschland wie der ehemalige Innenminister Brandenburgs Jörg Schönbaum (CDU) kritisierten, dass die Integration für eine zu lange Zeit nicht ernst genommen wurde, was zu Gettoisierung und zusätzlicher Gewalt führte (ebd.). Bis heute sind gewalttätige Ausschreitungen jugendlicher Migranten in der Form wie in Paris auf Berliner Straßen allerdings nicht zu sehen gewesen. Wie Ottersbach und Zitzmann (2009) schreiben: „Die Bilder aus Frankreich von Straßenschlachten, Verfolgungsjagden und brennenden Autos haben bisher nach wie vor für Deutsche eher einen exotischen Cha- rakter“ (S.10). DieKrawalle zwischen türkischen Jugendlichen und Berliner Polizisten im Kreuzberger Wrangelkiez 2006 sind eins der wenigen vergleichbaren Ereignisse, doch sie hielten nur einen Tag an und blieben auf den Stadtteil beschränkt. Für den Vergleich von Paris und Berlin in dieser Arbeit gibt es mehrere Gründe. Zu- nächsthaben beide Hauptstädte einen hohen Anteil von Jugendlichen mit Migrations-hintergrund, die bereits in der 2. und 3. Generation im Land leben ohne die Absicht, in die Herkunftsländer ihrer Eltern zurückzukehren. Der hohe Anteil maghrebinischer Zu- gewanderterin Paris und die große Migrationsgruppe der Türken in Berlin sind zum größten Teil Muslime, die häufig in der Politik und den Medien mit Kriminalität und anfälligen Sozialverhalten in Verbindung gebracht werden. Große Teile beider Gruppen
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gehören zu der sozioökonomischen Unterschicht und wohnen in marginalisierten Stadt- quartieren(Ottersbach & Zitzmann, 2009). Der wichtigste Grund für den Vergleich sind allerdings die Integrationsmodelle in Deutschland und Frankreich, die sich in ihrer Prägung durch die traditionellen Nationalbilder stark unterscheiden. Da die Lebenssituation der Jugendlichen mit Migrationshintergrund in den beiden Städten im Grunde genommen ähnlich ist, muss der Unterschied im Mobilisierungspotenzial für Krawalle wohl im Feindbild liegen, das die Ausschreitungen motiviert hat. Es wird in dieser Arbeit nicht das Argument von Politikern und Medienberichten ange- zweifelt, dassdie benachteiligte sozioökonomische Situation der Jugendlichen mit Migrationshintergrund genauso wie in Paris auch in Berlin Frustration schafft. Vielmehr wird gezeigt, wie der Umgang mit dieser Frustration in den Hauptstädten unterschiedlich ist aufgrund verschiedener Selbstwahrnehmungen und Identitätskonstruktionen in den Aufnahmegesellschaften. Ein Auslöser für Gewalt in Form der Pariser Ausschreitungen müsste demzufolge in Berlin kraftvoll genug sein, um mehrere Barrieren zur Ausübung von Gewalt einzureißen, die in dieser Form in Frankreich abwesend sind. Dabei spielen die Integrationsmodelle der beiden Länder, die von den traditionellen Nationalbildern geprägt sind, eine wichtige Rolle. Während in Frankreich das Nationalbewusstsein von einer gemeinsamen politischen Identität auf der Grundlage einer universellen französischen Hochkultur gespeist wird, bildet in Deutschland die Gemeinsam- keitder ethischen Wurzeln die Grundlage für das nationale Selbstverständnis. Zunächst definieren diese Nationalbilder unter der einheimischen Gesellschaft, wer dazu gehört, und umreißen die Wahrnehmung dessen, was andersartig ist. Es wird aber weiterhin deutlich werden, dass Jugendliche mit Migrationshintergrund die vorhandenen kulturellen Kategorien der Mehrheitsgesellschaft bei der Konstruktion ihrer Identität mit einbeziehen, gleichgültig ob sie diese ablehnen oder sie sich integrieren wollen. Vor diesem Hintergrund bilden die Jugendlichen in Berlin Selbstidentitäten und Alteritäten heraus, die sich von denen in Paris unterscheiden. Dieser Prozess wird in Kapitel V genau untersucht.
Ein Unterschied zwischen den jugendlichen Migranten in Paris und Berlin fällt direkt ins Auge. Wegen des Jus Soli (Bodenrecht) in Frankreich besitzen die meisten Jugendlichen der 2. und 3. Generationen die französische Staatsangehörigkeit und sind von daher prinzipiell rechtlich integriert (Brubaker, 1992). Außerdem sprechen die Jugend-
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lichen in der Regel Französisch in der Öffentlichkeit, sogar miteinander, womit sie der französischen Sicht gerecht werden, dass die Sprache das einzig wirkungsvolle Mittel für die Integration in die Gesellschaft ist (Sunier, 2002). Anders in Berlin: Wegen des Jus Sanguinis (Blutrecht), das bis ins Jahr 2000 unverändert blieb, besitzt die Mehrheit der Migranten keinen deutschen Pass, obwohl viele von ihnen in Deutschland geboren wurden. Die Sprache des Herkunftslandes wird häufiger in der Öffentlichkeit und auf dem Schulhof gesprochen als unter den jugendlichen Migranten in Frankreich (ebd.). In dieser Hinsicht sieht es also so aus, als seien die Jugendlichen in Paris besser integriert. Tatsächlich soll hier durchweg mit der Hypothese gearbeitet werden, dass die Jugendlichen in Paris gerade deshalb randalierten, weil sie in dieser Form besser integriert sind als diejenigen in Berlin. Natürlich sind gewalttätige Ausschreitungen kein Anzeichen einer gelungenen Integration, aber an den Migranten in Frankreich lassen sich durchaus Erfolge bei der Assimilierung in die Gesellschaft erkennen. Das mit diesem Integrationsmodell einhergehende Prinzip des Laizismus ignoriert dabei im Sinne der universellen Gleichheit ethnische und kulturelle Merkmale, was ein Segen, für die Migranten aber auch ein Fluch sein kann. In Deutschland, wo ethnische und kulturelle Differenzen Teil der Gesellschaftsordnung sind, wird die Kategorisierung von In- und Ausländern hingegen oft im Alltag und politischen Diskursen verwendet. In Hinblick auf Staatsangehörigkeit und ethnische Differenzierung ist das deutsche Integrationsmodell somit viel exklusiver als in Frankreich. Entgegen gefühlsmäßiger Intuition stabilisiert jedoch die mangelnde Inklusivität der deutschen Integration die gesellschaftlichen Wechselbe- ziehungenzwischen den Migranten, den Einheimischen und dem Staat. Denn wie ge- zeigt wird, eröffnet der Zwang, sich eineeigene Identität neben einer möglicherweise deutschen zu schaffen, gleichzeitig auch soziokulturelle Rückzugsmöglichkeiten für den Fall, dass die sozioökonomische Integration nicht erfolgreich verläuft. Es soll hier nicht behauptet werden, dass die jugendlichen Migranten in Berlin besser als diejenigen in Paris integriert sind, denn solch eine Untersuchung würde vor allem auf eine willkürliche Gewichtung von Merkmalen einer guten Integration hinauslaufen. Stattdessen soll deutlich werden, dass beide Gruppen wohl auf die gleiche Weise benachteiligt sind, die kollektive Identität unter den Berliner Heranwachsenden allerdings anders konstruiert wird, so dass die Mechanismen der gewalttätigen Ausschreitungen in Paris bei ihnen nicht so leicht ausgelöst oder verdrängt werden. Dies wird gezeigt durch die Analyse der Erwartungen, die die Migranten an ihre Integrationsbemühungen ha-
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ben, und der Versprechungen der Gesellschaft. Dabei hat die Zugehörigkeit zum Staat eine wichtige Bedeutung für die Dynamik dieser Erwartungen.
Die kollektive Gewalt gegenüber der Polizei und öffentlicher Güter in den beiden Städten weist dabei nicht unbedingt darauf hin, dass die beteiligten Individuen in ihrer alltäglichen Umgebung gewaltbereit sind. Diese Geschehnisse sind nicht auf einer Ebene vergleichbar mit Einzelfällen von Gewalttaten gegen schuldlose Opfer wie zum Beispiel in öffentlichen Verkehrsmitteln oder der Schule. Die Entstehung von Gewalt auf der individuellen Ebene wird von einer Wechselwirkung vielfältiger Dimensionen bedingt, während bei kollektiver Gewaltbereitschaft zusätzliche Faktoren eine Rolle spielen. Die grundlegenden Konzepte und der Entstehungsprozess von Gewalt wird in Kapitel III erklärt.
Eine Charakteristik der Pariser Ausschreitungen, die sie von den Wrangelkiez-Krawallen unterscheidet, war die große Mobilisationsfähigkeit einer gewalttätigen Bewegung über Wochen hinweg und die Ausweitung auf mehrere Pariser Stadtteile und sogar andere Städte in Frankreich. In Berlin blieben die Krawalle auf einen Stadtteil beschränkt und die Zahl der Demonstranten lag deutlich niedriger als in Paris. Während sich ein gewisses Potenzial für Ausschreitungen in Berlin also nicht von der Hand weisen lässt, scheinen diese nicht die Sprengkraft zu besitzen, um jugendliche Migranten in anderen Regionen mitzureißen. Im Zuge der Analyse der Identitätskonstruktion der Jugendlichen wird dabei ersichtlich werden, dass die Unterschiede in den Köpfen eine Identifikation mit Unruhen an einem anderen Ort verhindern, da der Erfahrungshorizont mit der Gesellschaft und dem Staat ein anderer ist. Auf diese Weise behindern die kulturellen und auch politischen Unterschiede zwischen Berlin und anderen deutschen Regionen die Ausbreitung von Unruhen, während kulturelle Einheitlichkeit in Frankreich ihre schnelle Ausbreitung begünstigte. In diesem Zusammenhang spielen die Identitäten der Städte, die Manuel Castells (1983) Urban Meanings nennt, eine einflussreiche Rolle, die in Kapitel V genauer betrachtet werden.
Um die Thesen in dieser Arbeit zu erörtern, wird eine Nahaufnahme der Identitätskonstruktion der jugendlichen Migranten in Paris und Berlin durchgeführt. Aufgrund der Ähnlichkeit der Herkunftskulturkreise und des jungen Alters der fraglichen Migranten wird dabei nicht davon ausgegangen, dass sich bei diesem Prozess aus der Beziehung
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zur Gruppe der Migranten allein signifikante Unterschiede ergeben, die das kollektive Gewaltpotenzial erklären könnten. Stattdessen gilt der Fokus der Prägung der Identität durch die Mehrheitsgesellschaft und den Aufnahmestaat, gegen die sich die Proteste schließlich richten. Deren Einfluss erleben die Migrantenkinder zwar sicherlich jeden Tag auf der Straße, aber gerade in den Vierteln, in denen sich sozioökonomisch ausgegrenzte Migranten sammeln, wird vor allem die Schule zur wichtigsten Schnittstelle für Erfahrungen mit der Aufnahmegesellschaft. Dementsprechend wird die öffentliche Schule eine wichtige Rolle spielen als staatliche Institution, die den Schülern die Ideale und Inklusionskriterien des Nationalbildes vermittelt (Schiffauer, 2002). In Kapitel VI wird sich zeigen, dass sowohl in Berlin als auch in Paris Chancengleichheit angestrebt wird, diese jedoch aus unterschiedlichen Perspektiven angestrebt wird. Zunächst wird Kapitel II ein Überblick über die Ausschreitungen in Paris 2005 und die Berliner Wrangelkiezkrawalle 2006 gegeben. Während Kapitel III die notwendigen Konzepte zur Jugendgewalt einführt, beschreibt Kapitel IV das nationale Selbstverständnis der Einwanderungspolitik in Paris und Berlin. Kapitel V befasst sich dann mit der Identitätskonstruktion der Migranten, bevor in Kapitel VI dieser Prozess detailliert anhand ihrer Schullaufbahn analysiert wird und Kapitel VII die Erkenntnisse zusammen trägt.
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II. Die urbanen Ausschreitungen in Paris und Krawalle in Berlin
Bei den Unruhen in Frankreich handelte es sich um eine Serie von zunächst un-organisierten Sachbeschädigungen und Brandstiftungen, sowie gewalttätigen Zusam- menstößenmit der Polizei in den Pariser Vororten, die vom 27. Oktober bis zum 18. November 2005 täglich stattfanden. Die Mehrzahl der Randalierer waren dabei Jugendliche mit maghrebinischem Migrationshintergrund. Laut Medienberichten war der Auslöser für die Gewalt der Tod von zwei Jungendlichen aus maghrebinischen Immigrantenfamilien (Zyed Benna, 17, und Bouna Traoré, 15), die am 27. Oktober 2005 in Paris auf der Flucht vor der Polizei die Absperrung zu einem Transformatorenhäuschen durchbrachen und dort von Stromschlägen tödlich getroffen wurden (Spiegel Online, 4. November 2005). Wie später berichtet wurde, flüchteten die Jugendlichen vor den Poli- zisten, umsich einer Personenkontrolle zu entziehen, obgleich die Polizisten eine andere Gruppe verfolgten. Durch Mitschnitte des Polizeifunks ließ sich ermitteln, dass die Polizisten von der Anwesenheit der Jugendlichen auf dem Gelände wussten, sich aber um sie nicht kümmerten (ebd.).
Am Anfang waren die Ausschreitungen auf den Heimatort der Unfallopfer, den Pariser Vorort Clichy-sous-Bois, beschränkt. Im Laufe der folgenden Tagen allerdings weiteten sich die gewalttätigen Proteste auf das Pariser Umland wie Seine-et-Marne und Vald´Oise aus, und später sogar auf andere französische Städte wie Lille, Dijon und Lyon (ebd.). Als die Krawalle vorüber waren lag die Zahl der zerstörten Autos bei über 9,000 und die der Festnahmen bei ca. 2,832 (Welt Online, 27. November 2007). Die Reaktion des damaligen Innenministers Nicholas Sarkozy war umstritten, denn er bezeichnete die zwei Todesopfer sowie alle Teilnehmer an den Krawallen als „racaille“ (Gesindel) und verlangte, man müsse die Vororte „nettoyer au Karcher“ (mit eisernem Besen auskehren) (Ossman & Terrio, 2006). Am 8. November beschloss die Regierung zum ersten Mal die Verhängung des Ausnahmezustandes, der aus dem Notstandsrechtsgesetz des Jahres 1955 stammt und zuvor nur im Algerienkrieg Anwendung fand (Le Monde, 2005). Mit diesem Notstandsrecht konnte die Polizei präventive Maßnahmen wie Hausdurchsuchungen bei Verdächtigen ergreifen und Ausgangssperren über Teile des Staatsgebietes verhängen. Zusätzlich verfügte Innenminister Sarkozy die Ausweisung aller Ausländer, die im Zusammenhang mit den Krawallen für schuldig befunden
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wurden, egal ob sie illegal oder legal in Frankreich lebten (Ossman & Terrio, 2006). In der Öffentlichkeit und den Medien beschrieb derweil Premierminister Dominique de Villepin die Ausschreitungen der Jugendlichen als eine Konsequenz sozialer Probleme und forderte die kollektive Solidarität Frankreichs, um die sozioökonomisch benachteiligte Lebenssituation in den Banlieues auszugleichen (Haddad & Balz, 2006). In Berlin hingegen hat eine solch massive kollektive Ausschreitung jugendlicher Migranten nie stattgefunden. Ein Fall, der den Pariser Krawallen ähnelte und sofort ei- nenVergleich in den Medien und politischen Diskussionen nach sich zog, waren die Krawalle im Kreuzberger Wrangelkiez 2006. Die Eskalation begann als Polizisten zwei Zwölfjährige festnahmen, weil sie versuchten, einem 15-Jährigen einen MP3-Player zu stehlen. Nach den Berichten der Polizei wurden die Beamten plötzlich „bedrängt, bedroht und beleidigt“ durch eine Menge von Jugendlichen (Spiegel Online, 16 . November, 2006). Daraufhin kam es zu einer Massenschlägerei zwischen der Polizei und etwa 100 türkischen Jugendlichen (ebd.). Die Situation stellte sich in den Aussagen der Leute im Wrangelkiez allerdings anders dar. So hieß es, dass die Polizei unverhältnismäßig vorgegangen und die Festnahme der zwei Zwölfjährigen in Handschellen nicht angemessen gewesen sei. Der 23 Jahre alte Mehmet hatte die Beamten „zur Rede stellen wollen“ und sagte: „Ihr seid doch alle gleich, nur weil ihr Uniformen anhabt, glaubt ihr, ihr könnt euch alles erlauben“ (Spiegel Online, 16. November, 2006). Da habe ihn ein Polizist angeherrscht: „Geh dahin, wo du herkommst, du hast in Deutschland nichts zu suchen“ (ebd.). Bewohner des Wrangelkiez bestätigten dieses Zitat und sagten aus, dass dies der Auslöser für die Massenschlägerei gewesen sei. In den folgenden Tagen wurde eine Gesprächsrunde im Bezirksamt eingerichtet, die die Hintergründe des Geschehnis- sesaufklären sollte. Das Amt machte das Angebot die Jugendeinrichtungen zu überprüfen und den Wünschen der Jugendlichen anzupassen (Berliner Morgenpost, 22. November, 2006). Neben längeren Öffnungszeiten sollte es auch mehr Angebote im Frei- zeitbereich undWeiterqualifizierungsmöglichkeiten wie etwa Computerkurse geben (ebd.).
Die Wrangelkiez-Krawalle waren ein Einzelfall, so die Polizei, allerdings gab es solche Massenschlägereien mehrmals Anfang desselben Jahres im Berliner Stadtteil Rudow (Spiegel Online, 25. November, 2006). Ein interessanter Aspekt ist die Rolle der Polizei als Auslöser der Ausschreitungen in beiden Städten. Sowohl in Berlin als auch in Paris
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erregten sich die Jugendlichen über eine wahrgenommene Diskriminierung durch die Polizei, während Polizisten sich beklagten, dass sie bei ihrer Arbeit immer mehr bedroht würden. Ob die wahrgenommene Diskriminierung unter Migranten und die gefühlte Bedrohung unter Beamten in den einzelnen Fällen die Realität reflektieren oder hochgespielt sind, ist natürlich schwer festzustellen. Auf jeden Fall bekamen die Zwi- schenfällein Berlin deutlich weniger nationale und internationale Aufmerksamkeit als die Proteste in Paris, denn in Berlin waren diese Zusammenstöße nur auf einen Stadtteil beschränkt und breiteten sich nicht auf das gesamte Stadt- und Bundesgebiet aus, wie es in Frankreich geschehen war. Scheinbar sind die Mobilisierungsfähigkeiten unter Pariser Migranten stärker als in Berlin, was später in dieser Arbeit erklärt wird.
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III. Definition und Formen von Gewalt
Historisch betrachtet hat der Begriff „Gewalt“ die neutrale Bedeutung, etwas bewirken zu können (Kilb, 2009). Heutzutage allerdings wird mit dem Begriff oft sofort eine negative Konnotation verbunden und er wird im Sprachgebrauch im Sinne „einer Anwendung von physischem Zwang gegenüber Menschen oder einer rohen, gegen Sitte und Recht verstoßenden Einwirkung auf Personen, als unrechtmäßiges Mittel zur Durchsetzung von Herrschaft gegen den Willen der Opfer“ verwendet (ebd., S.16). Der Begriff hat allerdings auch eine positive Konnotation. Denn im gesellschaftlichen und politischen Kontext ist „Gewalt“ ein legitimes Staatszwangsmittel zum Schutz vor Kriminalität (Heitmeyer, Möller & Sünker, 1992). Der Begriff „Gewalt“ ist sogar noch komplexer und wird in vielen wissenschaftlichen Fächern unterschiedlich analysiert und definiert. Die Sozialwissenschaften kennen zum Beispiel auch Formen der „psychi- schen“, „institutionellen“ oder „verbalen“Gewalt, die nicht nur rein physische Handlungen darstellen (Böttger, 1998, S.19). Im Kontext dieser Arbeit allerdings wird unter Jugendgewalt die physische Dimension verstanden, denn die Ausschreitungen in Paris 2005 und die Einzelfälle in Deutschland wie die Wrangelkiez-Krawalle in Berlin 2006 entluden sich in Form physischer Gewalt. Dazu gehörten zum Beispiel brennende Autos in Paris und Schlägereien mit der Polizei. Auch die Diskussion über Jugendgewalt in den Medien bezieht sich heutzutage in den allermeisten Fällen auf körperliche Gewalt- handlungen (Böttger, 1998).
Laut Kilb (2009) wird Gewalt in den Verhaltenswissenschaften zumeist in Anlehnung an den Aggressionsbegriff definiert. Nach der Definition von Zimbardo und Gerrig (2003) ist Aggression „körperliches oder verbales Handeln, das mit der Absicht ausgeführt wird, zu verletzen oder zu zerstören (...) Während der Begriff der Aggression direkt auf ein Verhalten abzielt, bezieht sich Aggressivität auf eine Disposition oder Persönlichkeitseigenschaft“ (zitiert in Kilb, 2009, S.17). Selbst Aggression hat eine positive Konnotation, denn aggressiv sein heißt auch „versuchen, beginnen, etwas unternehmen“, was genauso zu einer schöpferischen Leistung wie zu Zerstörung führen kann (Zeltner, 1993, S. 68). Die kategorischen Beziehungen zwischen den Begriffen „Ge- walt“, „Aggression“ und „Aggressivität“ sindin der Literaturübersicht komplex und werden unter wissenschaftlichen Autoren aus unterschiedlichen Perspektiven verstan-
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den. Eine griffige Aussage darüber trifft Fridrich Hacker (1973): „Gewalt ist immer aggressiv, aber nicht jede Aggression führt zu Gewalt“ (zitiert in Zeltner, 1993, S. 68). In diesem Zusammenhang muss man das Potenzial von Aggressivität (z.B. nach der Definition von Zimbardo & Gerrig, 2003) genauer untersuchen. Kann Gewaltbereitschaft durch genetische bzw. biologische Faktoren bedingt werden, und haben alle oder nur bestimmte Menschen eine angeborene Disposition zur Gewalt? Klassische Theorien wie von Konrad Lorenz treffen die grundsätzliche Annahme, dass der Trieb zur Gewalt ein Instinkt sei, der über die Menschheit weit verbreitet ist. Zeltner (1993) erklärt, dass die Theorie von Lorenz „im Menschen einen stets vorhandenen Drang zur Aggressivität feststellt, einen sich ständig steigernden Triebdruck, der sich von Zeit zu Zeit entladen muß“ (S.72).
Heutzutage haben Psychologen und Konfliktforscher allerdings Zweifel an den Argumenten der genetisch und biologisch bedingten Entstehung der Gewalttätigkeit. Die Forschung konzentriert sich stattdessen eher auf Sozialisationstheorien. Dabei ist es wichtig zu beachten, dass es vielfältige, unterschiedliche Dimensionen im Entstehungsprozess von Gewalttaten gibt, die stark mit dem sozialen Umfeld und der sozialen Interaktion zusammen hängen. In der Arbeit von Kilb (2009) wird eine pyramidenförmige Klassifizierung der kontextuellen Dimensionen des Entstehungsprozesses von Gewalt- taten entworfen. Dazuschreibt er:
Es ist relativ unbestritten, dass an der Entwicklung von gewalttätigem Verhalten eine ganze Reihe von Ursachen bzw. Entstehungsbedingungen beteiligt sind, die erst im Rahmen einer Entwicklungskette einzelner Stufen (Hintergrund/Disposition-Anlass-Auslöser persönlicher Entscheidung-Beschleuniger) oder auch biografischer Verlaufsketten gewalttätiges Verhalten produzieren (...) Erst wenn bei einem Kind oder Jugendlichen dann mehrere ungünstige Bedingungen und Anlässe in einer individuell spezifischen Reihenfolge zusammenkommen, erhöht sich die Wahrscheinlichkeit einer Tatausübung (...) Als miteinander korrespondierende Einzelfaktoren eines gemeinsamen Ursachenbündels lassen sich schließlich spezifische Ausgangsdispositionen (z.B. Persönlichkeitsmerkmale), Hintergrundkontexte (z.B. Adoleszenz, Familiensituation, Perspektivlosigkeit, fehlende Anerkennung), Begleitumstände (wie etwa Milieueinbindung oder segregierte Stadtteile), Beschleuniger (z.B. die Peergroup), Handlungsmuster (z.B. medial vermittelte oder familiär erlernte), sowie Anlässe (Gelegenheiten) und Auslöser (subjektiv wahrgenommene Provokation) ausmachen, die erst im Zusammenspiel eine gewalttätige Aktion wirklich erklären können. (S.21)
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Genau dieses Zusammenspiel der Einzelfaktoren, besonders im Bezug auf Hinter- grundkontexte (Perspektivlosigkeit undfehlende Anerkennung), Begleitumstände (segregierte Stadtteile) und Auslöser (subjektiv wahrgenommene Provokation), wird unter Jugendlichen mit Migrationshintergrund später in dieser Arbeit herausgebildet. Es wird sich dabei zeigen, dass diese Einzelfaktoren stark von den Integrationsmodellen der Nationalstaaten beeinflusst werden.
Wenn ein Jugendlicher sich einer Vielzahl von Benachteiligungen ausgesetzt sieht, kann dies offensichtlich zu Frustration führen. In diesem Kontext hat der amerikanische Psychologe John Dollard (1939) zusammen mit anderen Forschern eine Wechselwirkung zwischen Frustration und Aggression festgestellt. Dollards klassische Frustrati- ons-Aggressions-Theorie postuliert,dass das Auftreten aggressiven Verhaltens Frustration verursacht und auch umgekehrt, dass jedes beobachtbare aggressive Verhalten auf Frustration zurückgeht (ebd.). Wichtig hierbei ist allerdings, dass Frustration kein Ge- fühlim Sinne der Alltagssprache ist, sondern ein Ereignis (Schmidt, 2005): Frustration ist eine externe Bedingung, die die Person daran hindert, die Vorteile zu genießen, die sie durch ihr Verhalten zu erreichen hoffte. Ist eine andere Person verantwortlich für die Errichtung dieser Barriere, die sich zwischen Individuum und seine Zielerreichung schiebt, so richtet sich die Aggression auf diese Person. (S.508)
Mit anderen Worten und grob gesagt ist Frustration die Konsequenz gescheiterter Ziele. Mit dieser Logik kann die sozialökonomische Benachteiligung der jugendlichen Migranten zu Frustration und somit Aggression führen und auch andersherum - ein Teufelskreis. Engel und Hurrelmann (1989) erklären, dass sozial deviantem Verhalten in dieser Form eine Wechselwirkung zwischen kultureller und sozialer Integration zugrunde liegt. Wenn die jungen Migranten Erfolg und Leistung als vorherrschende Ziele der zeitgenössischen Kultur akzeptieren, von diesen aber sozial ausgeschlossen bleiben, dann wächst die Bereitschaft, auf illegitime Mittel zurückzugreifen. Die Erfahrungen des Misserfolgs in der Schule und im Arbeitsmarkt (Umgebungen, die den so- zioökonomischen Statusprägen) können dann die Grundlage für Frustration schaffen, während bestimmte Akteure oder Institutionen, die als Barriere fungieren und die ihre Hoffnung auf Verbesserung abschwächen (z.B. Lehrer), als Auslöser der aufgebauten Aggression wirken. Natürlich hängt eine gewalttätige Reaktion auf der individuellen
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Ebene, wie bereits erwähnt, von vielen anderen Dimensionen ab. Allerdings spielt die Gemeinsamkeit dieser negativen Erfahrungen und der resultierenden Frustration eine besonders starke Rolle auf der kollektiven Ebene. Tatsächlich stellte der Wirtschaftswissenschaftler Theodore Robert Gurr (1970) fest:
(…) lying at the roots of collective violence as it does, arises from relative deprivation, meaning a noticeable discrepancy between `value expectations´ in the sense of the goods and conditions of life to which people believe they are entitled, and their `value capacities´ signifying the goods and conditions they think they are capable of getting and keeping (…) the potential for collective violence varies strongly with the intensity and scope of relative deprivation. (zitiert in Fortman, 2005, S. 3-4).
Ihre Wahrnehmung des Verlusts, egal ob er real oder eingebildet ist, kann zur Kollektivität führen, indem die Jugendgruppe aggressives Verhalten legitimiert als eine Weise, etwas zu erreichen, was aufgrund der blockierten institutionalisierten Wege nicht er- reichbar erscheint(Kühnel & Matuschek, 1995). Durch Gruppen ausgeübte Gewalt ist ein typisches Jugendphänomen, denn die Gleichaltrigkeit ist ein wichtiger Faktor für die Verbindung der Gruppe (Böttger, 1998, u.a.). Tatsächlich werden die Jugendgruppen häufig mit dem Eintritt in das Erwachsenenalter zurückgebildet (ebd.). Bei den französischen Ausschreitungen, aber auch bei gewalttätigen Auseinandersetzungen in Deutschland, sind die meisten Akteure Adoleszenten im Alter zwischen 15 und 24 Jahren (Kilb, 2009; u.a.). Laut Heitmeyer (1995) ist diese Phase des Aufwachsens mit der Individualisierung und einer Pluralisierung von Lebenslagen gekoppelt. Seiner Meinung nach sind diese Lebenslagen eng mit Desintegrationsprozessen verbunden. Insofern spielen die Moderne und die Globalisierung eine starke Rolle für die Lebensphase der Adoleszenz, denn die Jugendlichen haben viel mehr Freiräume und müssen sich zwi- schen zahlreichen Möglichkeiten entscheiden(Kilb, 2009). Diese Freiheit, die in früheren Zeiten nicht existiert hat, kann offensichtlich als eine positive Entwicklung betrachtet werden. Heutzutage allerdings leben die Bevölkerungen der post-industriellen Länder in einer so genannten „Risikogesellschaft“, die als Teil der Entwicklungstheorie von Ulrich Beck (1989) beschrieben wurde. In der Risikogesellschaft schafft der Kapitalismus einen enormen Konkurrenzdruck, wobei Risiken in individueller Form bewältigt werden müssen. Diese Konfrontation mit Entscheidungen kombiniert mit sich verändernden Lebenslagen beginnt in der Jugendphase und ist nach der Meinung von Kilb (2009) durch Gegensätze gekennzeichnet:
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Jugendliche und Kinder sehen sich frühzeitig mit Erwachsenenrollen, -rechten undmöglichkeiten ausgestattet, erleben (besonders die männliche Spezies) eine gewisse frühzeitige Omnipotenz, die aber spätestens dann heftig erschüttert wird, wenn die gesellschaftliche Anerkennung in Schule, Ausbildung und Beruf oder durch die Aufnahmegesellschaft bei Migrantenjugendlichen und ihren Familien ausbleibt (S.45).
Die psychosoziale Belastung und die Reaktionen auf Misserfolg sind natürlich unterschiedlich von Mensch zu Mensch. Wer allerdings Gewalt benutzt, legitimiert sie häufig moralisch, um sich zu rechtfertigen (Heitmeyer, et al., 1992; u.a.). Gemäß Beck (1989) ist ihre Gewalt „die Gewalt der Gefahr, die alle Schutzzonen und Differenzierungen der Moderne aufhebt“ (ebd., S.13).
Es soll nicht festgestellt werden, dass die Empfindlichkeit der Jugendlichen in Kombination mit bestimmten Benachteiligungen unbedingt direkt zur Gewalt führt. Denn wie schon erwähnt gibt es mehrere Dimensionen und Stufen im Entstehungsprozess einer Gewalttat. Die Motivation für diese Beschreibung ist, eine logische Kette aufzubauen, die für Fälle von Gewalttaten unter jugendlichen Migranten im Zusammenhang mit ihren sozioökonomischen Benachteiligungen eine Erklärung liefert. Dabei erklärt die Frustrations-Aggressions-Theorie zunächst nur die Häufung gewalttätigen Verhaltens einzelner Individuen unter sozioökonomisch benachteiligten Bedingungen als Ausreißer eines generell erhöhten Frustrationsniveaus. Um die kollektiven Ausschreitungen zu erklären, die bei mehrwöchiger Dauer nicht mehr als Affekttat klassifiziert werden können, bedarf es nicht nur einiger weniger Brandstifter. Vielmehr muss auch ein großer Teil der sonst eher gemäßigten Masse der Jugendlichen zu gewalttätigem Protest übergetreten sein. Für diese Jugendlichen sind die ökonomische Perspektivlosigkeit und die Verweigerung von Anerkennung wichtige Faktoren. Um sie aber in so großer Zahl zu mobilisieren, braucht es auch eine moralische Legitimierung wie ein anerkanntes Feindbild des Staates, dessen Handlungen nicht ausreichen, um seine feindliche Wahrnehmung bei der Masse der Randalierer in Zweifel zu ziehen. Diese Faktoren sollen in den nächsten Kapiteln näher beleuchtet werden, was es ermöglicht, die Analyse vom unmittelbaren Auslöser der Gewalt zu trennen.
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IV. Nationales Selbstverständnis und Einwanderungspolitik in Frankreich und Deutschland
Das Bild des Nationalstaates ist in Frankreich und Deutschland aufgrund der Geschichte der Länder sehr unterschiedlich geprägt. Die traditionellen Nationalbilder, die in den einzelnen Ländern weiterhin eine starke Präsenz haben, liefern eine gute Erklärung für die unterschiedlichen Modelle der Integrationspolitik, wie wir sie heutzutage beobachten können.
Erst in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts, nach der Französischen Revolution, gewann die Idee der Nationalstaatlichkeit breite Popularität in der Gesellschaft. Da die Nation und die Monarchie in Frankreich eng verbunden waren, entwickelte sich eine zentrale bürokratische Monarchie, die eine politische und territoriale Konzeption der Nationalstaatlichkeit geprägt hat (Brubaker, 1992). In Deutschland hingegen gab es in dieser Zeit eine große Disparität zwischen dem supranationalen Reich und den subnationalen, semi-souveränen politischen Einheiten, die ein ethnokulturelles Verständnis der Nationalstaatlichkeit entwickelten. Selbst das Königreich Preußen entfaltete nie ein besonderes Potential für nationalstaatliche Identifikation, so dass bei der Gründung des Deutschen Reiches 1871 nicht der größte und einflussreichste Teilstaat, sondern die unabhängig entwickelte Idee der deutschen Identität namensgebend war (ebd.). Kastoryano (2002) liefert eine gute Zusammenfassung in dieses Sachsverhalts:
Whereas the French nation is invented in terms of a historic process driving from the will of the kings and from an emotional bond, the German nation is imagined in terms of organic bonds between individuals sharing the same origins, in terms of membership in the German people, even though that people was geographically scattered in two kingdoms with no communication net-work between them. (S. 43)
Aus dieser Sicht spielen ethnische und religiöse Unterschiede in Frankreich keine Rolle in der Konstruktion der Nation und im nationalen Bewusstsein, denn es ist die gemeinsame politische Identität, die die französische Gesellschaft verbindet. In Deutschland hingegen spielt die konstruierte ethnische Affiliierung durch gemeinsame Wurzeln, die das deutsche Volk zusammen bringt, die Hauptrolle, wobei kulturelle Differenzen ausgegrenzt werden. Diese Perspektiven sind konträr, denn in Frankreich ist die politische
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Vivian Ebert, 2009, Die Identitätsfindung und kollektive Gewalt jugendlicher Migranten in Paris und Berlin, München, GRIN Verlag GmbH
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