2
1 Einleitung
In der Beschäftigung mit den Sportnationen Deutschland und Frankreich bleibt es nicht aus sich mit der Geschichte der Sportwissenschaft und auf diese Weise mit der Entstehung der sportwissenschaftlichen Teildisziplinen dieser beiden Länder zu beschäftigen. Zur Bearbeitung und Strukturierung eines solchen Themenkomplexes bietet es sich an die Entstehung, die Inhalte, die Struktur und die Bedeutung sportwissenschaftlicher Teilbereiche in Deutschland und Frankreich einem Vergleich zu unterziehen, um dadurch Gemeinsamkeiten und Unterschiede herauszufiltern. Diese Arbeit beschäftigt sich mit der Teildisziplin Sportsoziologie innerhalb der Sportwissenschaft sowohl in Deutschland, als auch in Frankreich und versucht einen Vergleich anzustellen. Aufgrund der sehr unterschiedlichen geschichtlichen und gesellschaftlichen Hintergründe und Entwicklungswege beider Länder drängt sich die Annahme auf, dass auch die Entwicklung der Sportwissenschaft und somit die Entwicklung der Sportsoziologie sehr unterschiedliche Wege gegangen ist und auch immer noch geht.
2 Definitionen
2.1 Definition von Sportsoziologie in Deutschland
„Die Sportsoziologie ist sowohl spezielle Soziologie, als auch spezielle Sportwissenschaft. […] Sportsoziologie hat das Handlungsfeld Sport in seiner inneren Struktur, in seiner Stellung innerhalb verschiedener Gesellschaftsformen, in seiner jeweiligen funktionalen und symbolischen Bedeutung usw. zum Gegenstand. […] Sportsoziologie ist zugleich spezielle Sportwissenschaft, indem sie sich mit speziellen Problemen des Sports auseinandersetzt in Kooperation und synthetischer Absicht mit anderen Fachdisziplinen zusammen die Lösung der in diesem Handlungsfeld anstehenden Probleme anstrebt ….“ 1
2.2 Definition von Sportsoziologie bzw. ’sociologie du sport’ in Frankreich
„Définir la sociologie du sport consiste a circonscrire l‘object de cette sociologie spécifique. Cet objet varie selon les sociologues: certains étudient l‘histoire de l‘institution sportive, et envisagent l‘étude de la genèse des sports au XIXe siècle.“ 2
1 HAGEDORN, PROF. DR. GÜNTER. Sportsoziologie. Schorndorf: 1992. S. 447f
2 BAILLET, DOMINIQUE. Les grands thèmes de la sociologie du sport. Paris : 2001. S. 61
3
3 Die Sportsoziologie in Deutschland
3.1 Entstehung und Entwicklung der Sportsoziologie in Deutschland
Schon im 19. Jahrhundert war der Sport Gegenstand soziologischer Fragestellungen. Beispielsweise wurden die Fragen: Wo kommt der Sport eigentlich her? und wie kann man den Zusammenhang zwischen Sport und Kultur erklären? bearbeitet, wobei jedoch immer nur Verweise auf den Sport gemacht wurden. Steinitzer hat sich 1910 in seinem Werk „Sport und Kultur“ zum ersten Mal mit den gesellschaftlichen Problemen des Sports beschäftigt und auch Risse veröffentlichte 1921 ein erstes umfassendes Werk zur Sportsoziologie in dem er zum ersten Mal versuchte den Sport einer soziologischen Analyse zu unterziehen. Allerdings ging er hierbei von einem eher formalsoziologischen Ansatz aus. 3
Allgemein muss jedoch betont werden, dass sich die Soziologen so zwar immer wieder dem Sport annahmen, er aber nicht im eigentlichen Interesse an dem gesellschaftlichen Phänomen Sport berücksichtigt wurde, sondern immer nur im Spektrum diverser spezieller Soziologien, wie z.B. der Kultursoziologie belichtet wurde. Diese von Risse und Steinitzer angefangene Tradition des Thematisierens und Aufgreifens des Sports wurde zwar im Laufe der Zeit immer wieder von den Allgemeinsoziologen aufgegriffen, die Sportsoziologie fand aber zu diesem Zeitpunkt noch keine Anerkennung als eigenständige spezielle Soziologie. 4 Der Sport wurde also in diesem ersten Abschnitt der Entwicklung, der bis etwa zu den 70-er Jahren des 20. Jahrhunderts reicht, nicht als „seriöses Forschungsobjekt“ 5 betrachtet.
Insgesamt ist die Entwicklung der Sportsoziologie eng im Zusammenhang mit der Sportwissenschaft zu sehen. Da aber bis in die 1960-er Jahre an den Hochschulen keine sporttheoretisch ausgerichtete wissenschaftliche Lehre und Fortbildung eingerichtet war, konnte sich bis dahin auch keine emanzipierte Sportsoziologie herauskristallisieren. So waren es vor allem materielle wie auch personelle Faktoren, die die Entwicklung sportwissenschaftlicher Forschung und mit ihr die Ausbildung einer Sportsoziologie zurückhielten. Mit der allgemeinen Hochschulreform Ende der 60-er Jahre kam dann der Umbruch, denn durch die Erweiterung der Lehrstühle für sportwissenschaftliche Subdisziplinen bekam auch die Sportsoziologie ihren Anstoß. Diese Entwicklung drohte zu Beginn der 70-er Jahre durch die polemische Diskussion über die Rolle und die Abhängigkeit des Sports in kapitalistisch ausgerichteten Gesellschaften jedoch wieder stecken zu bleiben. Vor allem
3 vgl. DEITERSEN-WIEBER, ANGELA. Einführungs- und Lehrbücher zur Sportsoziologie. Münster: 1994. S. 9f
4 vgl. PILZ, GUNTER A. Sportsoziologie in Deutschland. In: Sportwissenschaft in Deutschland und Frankreich. Hamburg: 1997. S. 149f
5 DEITERSEN-WIEBER, ANGELA. Einführungs- und Lehrbücher zur Sportsoziologie. Münster: 1994. S. 9
4
die heftigen Auseinandersetzungen der ’Neuen Linken’ mit dem bürgerlichen Sport hemmte die Entwicklung der Sportsoziologie. 6
In einer zweiten Phase der Entwicklung, ab etwa der zweiten Hälfte der 70-er Jahre, konnte sich die Sportsoziologie, aufgrund der gestiegenen Bedeutung des Sports und des regen Interesses am Sport, als eigener Wissenschaftsbereich sowohl innerhalb der Soziologie als auch innerhalb der Sportwissenschaft etablieren. 7
Die Zugehörigkeit der Sportsoziologie als Teildisziplin zweier Mutterwissenschaften darf als Spezifikum bezeichnet werden, was sich auch darin äußert, dass die Sportsoziologie in zwei Wissenschaftssektionen, nämlich 1982 in der Sektion Sportsoziologie der Deutschen Vereinigung für Sportwissenschaft (dvs) und 1984 in der Sektion Soziologie des Sports der Deutschen Gesellschaft für Soziologie integriert werden konnte. Die Sportsoziologie befand sich, und befindet sich also bis heute im Interessenschnittpunkt von Soziologie, Sportwissenschaft und Sport. 8 9 Dies ist unter anderem ein Grund warum heute noch die unterschiedlichen Begrifflichkeiten Soziologie des Sports und Sportsoziologie auftauchen. Soziologen wie Klaus Heinemann sprechen von der „Soziologie des Sports“ 10 , einfach aus dem Grunde, weil er aus der Soziologie kommt und bewusst den Weg der Sportsoziologie oder Soziologie des Sports offen halten wollte. Andere, wie beispielsweise Prof. Dr. Manfred Messing von der Johannes Gutenberg-Universität Mainz sprechen von einer Sportsoziologie, da er die Sportsoziologie als integrativen Bereich der Sportwissenschaft betrachtet.
3.1.1 Entwicklungsstufen der Sportwissenschaft und der Sportsoziologie
Nach Klaus Heinemann lassen sich drei Entwicklungsstadien der Sportsoziologie oder, wie er es nennt, der Soziologie des Sports erkennen.
Die erste Stufe beinhaltet das Phänomen Sport als Untersuchungsobjekt verschiedener Grundwissenschaften. Auf dieser Entwicklungsstufe ist die Sportsoziologie noch kein eigenständiger Wissenschaftsbereich.
6 vgl. PILZ, GUNTER A. Sportsoziologie in Deutschland. In: Sportwissenschaft in Deutschland und Frankreich. Hamburg: 1997. S. 151
7 vgl. DEITERSEN-WIEBER, ANGELA. Einführungs- und Lehrbücher zur Sportsoziologie. Münster: 1994. S. 11
8 vgl. PILZ, GUNTER A. Sportsoziologie in Deutschland. In: Sportwissenschaft in Deutschland und Frankreich. Hamburg: 1997. S. 150
9 vgl. WINKLER, JOACHIM. Zum Stand der Soziologie des Sports in der Bundesrepublik Deutschland. In: Soziologie des Sports. Opladen: 1995. S. 15
10 HEINEMANN, KLAUS. Einführung in die Soziologie des Sports. Schorndorf: 1998. S. 33
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Auf der zweiten Stufe hat sich die Sportsoziologie als spezielle Sportwissenschaft entwickelt, „indem sie sich in Kooperation und synthetischer Absicht mit anderen Fachdisziplinen - (…) - zum Zweck der wissenschaftlichen Lösung der Probleme des Sports zusammentut“ 11 . Die dritte Stufe beschreibt die Forderung nach einer sportspezifischen Systematisierung der sportsoziologischen Erkenntnisse, damit sich die Sportsoziologie der Gefahr entziehen kann, nur als Addition diverser Zweigsoziologien bezeichnet zu werden.
Heinemann ordnet die deutsche Sportsoziologie 1994 auf einer Mittelschiene zwischen der ersten und zweiten Stufe. Interessant hierbei ist, dass sich die Sportsoziologie nach Heinemanns Ansicht in dem Zeitraum von 1980-1990 nicht weiterentwickelt hat. 12
3.1.2 Bedingungsfaktoren
Nach Lüschen/ Weiss laasen sich fünf Bedingungsfaktoren erkennen die die Entwicklung sportsoziologischer Fragestellungen und Untersuchungen vorantrieben und somit auch gleichermaßen als Gründe für die Entwicklung der Sportsoziologie in Deutschland ab Mitte der 1970-er Jahre angeführt werden können 13 :
„1. Die allgemeine Ausweitung der Soziologie und ihrer legitimen Arbeitsfelder, mit der eine Ausdehnung der materiellen und personellen Ressourcen einherging.
2. Die Anerkennung des Sports als legitimen Forschungsgegenstand in einer neuen Situation, die nicht mehr durch so starke Vorurteile belastet war.
3. Die Ausweitung der Institution Sport und damit verbunden die Notwendigkeit wissenschaftlicher Untersuchung, die sowohl von der Soziologie und der Sportwissenschaft als auch von öffentlichen Stellen und Sportverbänden gefördert wurde.
4. Die Förderung des Gebiets und junger interessierter Wissenschaftler durch eine Reihe maßgeblicher Vertreter in der allgemeinen Soziologie.
5. Die Bildung eines eigenen Forschungskomitees in der International Sociological Association, das ursprünglich von dem der UNESCO verbundenen Weltrat für Sport initiiert wurde.“ 14
3.2 Aufgaben und Ziele der Sportsoziologie in Deutschland
3.2.1 Aufgaben der Sportsoziologie in Deutschland
Ihre Existenzberechtigung zog die noch junge Wissenschaft der Sportsoziologie aus dem in den 1970-er Jahren enorm gestiegenen Interesse am Phänomen Sport und der gewachsenen Bedeutung
11 DEITERSEN-WIEBER, ANGELA. Einführungs- und Lehrbücher zur Sportsoziologie. Münster: 1994. S.13
12 vgl. DEITERSEN-WIEBER, ANGELA. Einführungs- und Lehrbücher zur Sportsoziologie. Münster: 1994. S. 12f
13 vgl. DEITERSEN-WIEBER, ANGELA. Einführungs- und Lehrbücher zur Sportsoziologie. Münster: 1994. S. 12
14 DEITERSEN-WIEBER, ANGELA. Einführungs- und Lehrbücher zur Sportsoziologie. Münster: 1994. S. 12
Arbeit zitieren:
Kathrin Hüttlin, 2007, Sportsoziologie in Deutschland und Frankreich, München, GRIN Verlag GmbH
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