Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung 1
2. Hauptteil. 2
2.1. Historische Einordnung und Unterschiedlichkeit skeptischer Herangehensweisen 2
2.2. Akademische Skepsis 6
2.3. Pyrrhonische Skepsis. 9
2.4. Francisco Sanchez 12
3. Schlussbetrachtung 15
4. Bibliographie. 18
4.1. Primärliteratur. 18
4.2. Sekundärliteratur 18
4.3. Tertiärliteratur. 18
6. Endnoten - Bemerkungen und Verweise des Verfassers 19
II
1. Einleitung
Wahrheit und Wissen sind zentrale und aufeinander reflexiv bezogene Kategorien der Erkenntnistheorie. Ihre Aufgabe ist es einerseits dazu beizutragen, dass Erkenntnisprozesse verstanden und entwickelt werden können (Epistemologie) und andererseits den die Weisheit Liebenden, als welcher ein Philosoph im weitesten Sinne bezeichnet werden darf, in die Lage zu versetzen, die Glaubwürdigkeit wissenschaftlicher Erkenntnisse kritisch zu hinterfragen. Erkennen ist dabei die Tätigkeit, die zum Wissen führt, insofern es eine Begründung gibt, welche eine objektive und begründete Gewissheit der Wahrheit zulässt.
Kritik am Erkennen muss daher, genau wie Wissen und Wissenschaft, systematisch und methodisch behandelt werden. Um die Brüchigkeit der Reflexivität von Erkennen und Wissen aufzuzeigen, werden anhand verschiedener skeptische Argumentationen deren epistemologische Gehalte aufgezeigt werden, da der Skeptizismus mittels Zweifel und Infragestellen dort ansetzt, wo Wissensanspruch erhoben wird. Das bedeutet nichts anderes als zu prüfen, in welchem Maße der Skeptizismus - ob nun durch programmatische Verneinung oder Unentscheidbarkeit bei der Frage nach gesicherter und nachweisbarer Möglichkeit von Erkenntnis - einen Beitrag zum Erkennen der Welt liefert. Diese Arbeit wird die Kernargumentationen von Marcus Tullius Cicero 1 , Sextus Empiricus 2 und Francisco Sanchez 3 hinsichtlich deren Erkenntniskritik untersuchen. Hauptaugenmerk liegt dabei auf den im Hauptseminar behandelten Textabschnitten, jedoch wird aus Gründen der Vervollständigung der Darstellung des epistemologischen Argumentationsspektrums auch auf Aussagen und Informationen aus den jeweiligen Gesamttexten zurückgegriffen.
Infolgedessen wird die Erkenntnis einerseits als Objekt untersucht und ist gleichzeitig Mittel der Untersuchung, da sich ohne sie keine sinnvollen Aussagen machen lassen. Anfangs werden dazu die drei Denker geschichtlich verortet sowie deren jeweilige philosophiehistorischen Kontexte und deren Verhältnis zum Diskurswissen skizziert. Anschließend wird mit dem Text von Cicero die Untersuchung begonnen. Die Ciceronische Erkenntniskritik an den Stoikern ist dabei nicht rein destruktiv, sondern konstruiert ebenso einen Gegenentwurf, welcher als Grundlage zur Entscheidungsfindung geeignet ist bzw. erscheint. In diesem Zusammenhang werden die Rolle und Funktion der Sinnesorgane, die des Geistes sowie Formen unterschiedlicher Perzeptionswirklichkeiten und die daraus abgeleitete Notwendigkeit der Nichterkennbarkeit der absoluten Wahrheit und des sicheren Wissens im Kontrast zum stoischen Erkenntnismodell aufgezeigt. Die in diesem Abschnitt getroffenen Feststellungen werden
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dann unter dem pyrrhonischen Fokus ein Weiteres mal befragt. Da sowohl die pyrrhonische als auch die akademische Skepsis als eigenständige, ausgereifte Skeptizismusschulen mit unterschiedlichen (negativen) Erkenntnismodellen gelten, werden im letzten Teil dieser Abhandlung die skeptischen Argumentationslinien des Francisco Sanchez´ an den vorher thematisierten Erkenntnismodellen gemessen. Damit soll gezeigt werden, ob Sanchez epistemologisch eigenständig operiert oder ob er eher die bestehenden Formen des Skeptizismus adaptiert, um sie als Mittel zur Umsetzung seiner Ideale zu verwenden.
Im Verlauf aller Abschnitte als auch in der Schlussbetrachtung wird gezeigt werden, dass der Skeptizismus zwar die erkenntniskritische Position schlechthin einnimmt, dass aber diese Haltung des Zweifels durchaus konstruktiv sein kann und sich (oftmals) nicht darauf beschränkt, Erkenntnisversuche ein für allemal zu beerdigen, sondern als konstruktives Gegenargument den antithetischen Impetus für weitere Erkenntnisse liefern kann.
2. Hauptteil
2.1. Historische Einordnung und Unterschiedlichkeit skeptischer Herangehensweisen
Zeitlich gesehen war Ciceros Wirken dem des Sextus´ und dem des Sanchez´ vorangestellt. Er schrieb Die „Akademischen Abhandlungen Lucullus“ 45 / 44 v. Chr. als Anhänger der „Neuen Akademie“, einer der fünf großen, ursprünglich auf Platon zurückgehenden Philosophenschulen, innerhalb welcher Fragen nach der Erkenntnisfähigkeit des Menschen im Vordergrund standen. Der Dialog Lucullus ist eine ausführliche Kontroverse zwischen der Position des Antiochos von Askalon, repräsentiert von Lucullus, und Ciceros Position, welche am Skeptizismus von Karneades von Kyrene und Philon von Larissa orientiert war. Im Wesentlichen unternimmt Cicero den Versuch, dogmatische (lehrhafte) Auffassungen 4 der Stoiker zu relativieren, indem er zeigt, dass es absolutes und gesichertes Wissen aufgrund eines fehlenden Wahrheitskriteriums nicht geben kann. 5
Sextus, Anhänger des auf Pyrrhon von Elis 6 zurückgehenden Pyrrhonismus, lebte im 2. Jh. n. Chr. und verfasste den „Grundriß der Pyrrhonischen Skepsis“ ca. 180 - 200 n. Chr. Er unterschied die dogmatische (Aristoteles, Epikur, Stoiker), die akademische (Karneades u.a.) und die skeptische Philosophie und war dabei Verfechter der letzteren. Seine Schrift ist somit als Antwort hinsichtlich der Erkenntnisfrage auf die aristotelisch - epikureisch - stoischen Konzeptionen einerseits und auf die akademischen
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Konzeptionen der Erkenntniskritik andererseits anzusehen. 7 Sextus sagt auf den Nenner gebracht aus, dass er als Pyrrhonier nicht wissen kann, ob es wahre Erkenntnis gibt und dass er deswegen weiter auf der Suche sei. 8
Francisco Sanchez` Schrift „Quod nihil scitur“ entstand um das Jahr 1580 und wendete sich zweifelnd gegen die universitären, philosophischen Lehren des spätscholastischen Aristotelismus, indem sie diese kritisch analysiert. Er entwickelt seine skeptischen Ansichten hauptsächlich durch Offenlegung der Schwachstellen und Widersprüche seiner Gegner, womit eine Wissens- und Erkenntnisformation gemeint ist, die sich in die Reihe der vorher von Sextus als dogmatische Philosophien bezeichneten ein-ordnen lässt. 9
Allen drei Denkern ist somit gemeinsam, dass sie sich gegen bestehendes Wissen vom Erkennen der Welt und somit gegen bestehende Autoritäten wendeten, wobei die antike Argumentation Ciceros eher die kritische Analyse des aus Sinneseindrücken Wissbaren verfolgt, was von Sextus in Ahnlehnung an Pyrrhon, von dem nichts primär überliefert ist, aufgegriffen, als nicht konsequent kritisiert und modifiziert wurde. Grundlage des Denkens war bei beiden antiken Denkern die Ausrichtung auf Glückseligkeit zur Erlangung der Seelenruhe, obgleich differenziert werden muss, an welcher Stelle ihres Denksystems die Seelenruhe verortet ist. Ist sie für den einen das Ziel, so ist sie für den anderen eine Folge. 10 Wenn Cicero davon ausgeht, dass der Mensch seines Glückes Schmied ist und erkenntnisge-bunden dieses Glück auch erreichen kann, erkennt er als Akademiker die Notwendigkeit von Erkenntnissen an. 11 Er will aus eigener Entscheidung unter Voraussetzung des Bivalenzprinzipes 12 den Weg gehen, der den Menschen in die Glückseligkeit führt und den dazu gegensätzlichen Weg bewusst abwählen. Dazu braucht er Wissen, um Entscheidungen treffen zu können und muss Erkenntnis dahingehend relativieren, dass er die zur Erkenntnis gehörige Gewissheit durch Glaubhaftigkeit ersetzt. Das Wahrheitskriterium 13 wird durch ein Geltungskriterium ersetzt. 14 Die prinzipielle Möglichkeit der Sinnestäuschung verlangt nach Modifikation des Erkenntnismodels der Stoiker. Die prinzipielle Möglichkeit von (temporärer) Erkenntnis wurde nicht in Frage gestellt. Das war das akademische Vorhaben. Doch dazu später mehr.
Für Sextus dagegen ist es zwar möglich, die Berechtigung der pragmatischen Forderung nach wahrer Erkenntnis anzuerkennen, aber eben nicht deren Notwendigkeit. Sextus zeigt viel mehr, dass gerade der Zwang, eine Entscheidung zugunsten von Wahrheit oder Falschheit treffen zu müssen als Hindernis zur Seelenruhe zu verstehen ist. Sextus befindet die Einteilung in 2 Pole, die durch das Bivalenzprinzip zum Ausdruck gebracht werden - namentlich Komplementäres - schon als dogmatisch und willkürlich
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festgelegt und sieht deren Stichhaltigkeit bzw. Letztbegründung nicht ein. Ein ständiges Hin - und Herbewegen zwischen diesen Polen verführe zu einem auf Erkenntnis gerichteten Eifer, der möglicherweise kurzzeitig zur Seelenruhe führen kann, die Seelenruhe aber langfristig nicht sicherstelle. Erst wenn der Mensch es aufgibt, mittels bewusster Entscheidungen die Seelenruhe herstellen zu wollen, weil er am Versuch gesicherte (wissenschaftliche) Erkenntnis zu erlangen verzweifelt ist, erlange er sie zufällig. 15
Diese Auffassung spiegelt die prinzipielle Verneinung des Oppositionsprinzips wider. Das Oppositionsprinzip besteht darin, dass Dinge, Sachverhalte, oder allgemein gesprochen semantische Bedeutungszuschreibungen, nicht mehr als singulär identifiziert werden, sondern in einer bestimmten Relation zueinander als die Differenz zu einer anderen Bedeutungszuschreibung vorgestellt werden. 16 Diese Relationen lassen sich beispielweise mit Begriffspaaren wie „groß und klein“ oder eben auch mit „wahr und falsch“ verdeutlichen und bedeuten für Sextus das, was als Teilansicht einer Ganzheit umschrieben werden kann. Und da es keinen gesicherten Hinweis darauf gibt, dass diese Einteilung als oppositionelle Einteilung gerechtfertigt ist, sei es aussichtslos zu versuchen die Ganzheit über diese bipolaren Modelle zu erreichen. Es sei nicht sinnvoll einen Sachverhalt oder Begriff nach Wahrheit bzw. Falschheit zu befragen und ihn innerhalb dieses aus Relationen gebildeten bipolaren Kontinuums versuchen zu verorten und damit eine Teilansicht zu projizieren, wenn doch das bestimmte Etwas (gedacht als sicherer Ausgangspunkt von Wahrheit oder kurz: Ganzheit) gesucht werde, in dem alle möglichen Relationen vereint sind. Dort ist ein wesentlicher Unterschied zu den Akademikern zu sehen. Seelenruhe versteht er also als die Ruhe vor dem Hin - und Hergerissensein, die im Wesen akademischer und dogmatischer Wahrheitsfindung als Folge des immerwährenden Abwiegens liegt. Philosophie im antiken Verständnis war so etwas, was wir heute als psychotherapeutische Seelenheil-kunde bezeichnen würden, welche teleologisch auf Glückseligkeit und damit verbunden auf Seelenruhe ausgerichtet war. Das Erkennen des wahrhaft Guten mithilfe des Instrumentes Philosophie war somit für Cicero eng an die Erkenntnisfrage und ihre Bedingungen geknüpft und so entwickelte sich der Diskurs innerhalb der Akademie. Die Pyrrhonier dagegen zeigten die Unzulänglichkeiten der akademischen Erkenntniskritik auf und gelangten durch konsequente Anwendung skeptischer Prinzipien zur Seelenruhe, indem sie das Abwiegen gegensätzlicher und für sie gleichwertiger Argumente unterließen. Ein entscheidender Unterschied zwischen akademischer und pyrrhonischer Skepsis liegt also darin, dass die Akademiker den Erkenntnisdiskurs unter Modifizierung des Kriteriums entscheiden wollten um zur Glückseligkeit zu finden, die Pyrrhonier dagegen hielten diesen Diskurs aufgrund des für sie
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Arbeit zitieren:
Martin Gliemann, 2010, Der epistemologische Gehalt skeptischer Argumentationen bei Cicero, Sextus Empiricus und Francisco Sanchez, München, GRIN Verlag GmbH
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