0. Einleitung
0.1. Inhaltsverzeichnis
0. Einleitung 2
0.1. Inhaltsverzeichnis 2
0.2. Einführung 7
1. Gemeindeprobleme im biblischen Kontext 12
1.1. Einsetzung von Helfern für Mose (2 Mose 18 ,13 27 ) 12
1.1.1. Problemerkenntnis 12
1.1.2. Zielfindung 12
1.1.3. Aktionsplanung und Ausführung 13
1.1.4. Anregungen für die gemeindliche Gruppenarbeit 13
1.2. Die Wahl der Sieben Armenpfleger (Apg. 6 ,1 8 ) 15
1.2.1. Konflikt und Ursache 15
1.2.2. Der Lösungsprozeß 16
1.2.3. Anregungen für die gemeindliche Gruppenarbeit 16
1.3. Das Apostelkonzil (Apg 15 ) 18
1.3.1. Unterschiedliches Schriftverständnis als Problem- und
Konfliktursache 18
1.3.2. Die Vermittlerrolle der Jerusalemer Gemeinde 19
1.3.3. Problemlösung 20
1.3.4. Anregungen für die gemeindliche Gruppenarbeit 21
1.4. Streit um einen Mitarbeiter (Apg 15 ,36 41 ) 23
1.4.1. Der Konflikt 23
1.4.2. Trennung statt Konfliktlösung 23
1.4.3. Anregungen für die gemeindliche Gruppenarbeit 24
1.5. Mirjam gegen Mose (4 Mose 12 ,1 16 ) 25
1.5.1. Zweischichtige Konfliktursache 25
1.5.2. Konfliktlösung durch ein Gottesurteil 26
1.5.3. Konfliktlösung und Vergebungsbereitschaft 26
1.5.4. Anregungen für die gemeindliche Gruppenarbeit 26
1.6. Prozeß der Problemlösung bei Nehemia 28
- 2 -
1.6.1. Problemerkenntnis und Betroffenheit (Neh 1 ,2 4a) 28
1.6.2. Gebet (1 ,4b 11 ) 28
1.6.3. Informationssammlung (1 ,2 3 2 ,11 15 ) 29
1.6.4. Zielsetzung (2 ,5 17 18 ) 29
1.6.5. Planung (2 ,5 8 ) 29
1.6.6. Betroffenheit wecken, Helfer gewinnen (2 ,17 ) 29
1.6.7. Organisation, Delegation und Motivation (3 ,1 37 ) 30
1.6.8. Konfliktlösung (5 ,1 13 ) 30
1.6.9. Anregungen für die gemeindliche Gruppenarbeit 31
2. Ausgewählte Methoden der Problemlösung 33
2.1. T. .U Schall: Konfliktursachen und Konfliktlösungen 33
2.1.1. Konfliktursachen 34
2.1.1.1. Wahrnehmungen 34
2.1.1.2. Überzeugungen 35
2.1.1.3. Werte 35
2.1.1.4. Emotionen 35
2.1.1.5. Verhaltensrepertoire 35
2.1.2. Der larvierte Konflikt 35
2.1.2.1. Wirkungslosigkeit 36
2.1.2.2. Manifester Konflikt 36
2.1.2.3. Konfliktverlagerung 36
2.1.3. Konfliktlösung 37
2.1.3.1. Drei Grundfragen 37
2.1.3.2. Konfliktlösungsverfahren 38
2.1.4. Anmerkungen zur Konfliktlösung nach T. .U Schall 41
2.2. Thomas Gordon: Managerkonferenz 43
2.2.1. Problemlösung und Bedürfnisbefriedigung 43
2.2.2. Der Führer als Helfer bei der Problemlösung 45
2.2.2.1. Gesprächstechniken 46
2.2.2.2. Aktives Zuhören in der Praxis 47
2.2.3. Der Führer als Betroffener bei der Problemlösung 48
2.2.4. Konfliktlösung: Die Jeder-gewinnt Methode 50
2.2.5. Anmerkungen zur Problemlösung nach Th. Gordon 52
2.3. S. Pokras: Problemlösung und Entscheidungsfindung 54
2.3.1. Grundlagen 54
2.3.1.1. Die Methode im Überblick 54
2.3.1.2. Dynamik der Kommunikation 55
2.3.2. Schritt 1 : Problemerkennung 56
2.3.3. Schritt 2 : Problembenennung 58
2.3.4. Schritt 3 : Analyse der Problemursache 59
2.3.5. Schritt 4 : Lösungsalternativen 61
2.3.6. Schritt 5 : Entscheidungsfindung 62
- 3 -
2.3.7. Schritt 6 : Aktionsplanung 64
2.3.8. Anmerkungen zu S. Pokras 66
3. Grundsätze zur Problemlösung in der Gruppenarbeit mit
Jugendlichen in der kirchlichen Gemeindepraxis 68
3.1. Arbeitsfeldbeschreibung 68
3.2. Grundsätze 69
3.2.1. Wurzelbehandlung: Der Sache auf den Grund gehen 69
3.2.1.1. Wahrnehmungsfehler als Störung bei der Problemdefinition 70
3.2.1.2. Konfliktpotential bei der Zieldefinition durch unterschiedliche
Sozialisation 73
3.2.1.3. Konfliktpotential bei der Zieldefinition durch unterschiedliche Lebensziele
74
3.2.1.4. Konfliktausweitung durch Konfliktverlagerung 74
3.2.2. Kommunikation: Einander verstehen lernen 75
3.2.3. Teamarbeit: Die Vorteile der Gruppe nutzen 76
3.2.4. Moderation: Der Rahmen muß stimmen 78
3.2.4.1. Äußerlichkeiten 78
3.2.4.2. Der Moderator 78
3.2.4.3. Der Berater 79
3.2.5. Meditation: Nach dem Willen Gottes fragen 79
3.2.5.1. Evangelisation: Aufruf zum Glauben an Jesus Christus 80
3.2.5.2. Lehre: Verkündigung der biblischen Botschaft 80
3.2.5.3. Diakonie: Bedürfnisorientierte Lebenshilfe 80
3.2.6. Ausdauer: Nicht auf der Strecke bleiben 81
3.2.6.1. Immer wieder den Standort bestimmen 81
3.2.6.2. Gelegentlich auf das Ziel besinnen 81
3.2.6.3. Gute Methoden zur Gewohnheit machen 82
3.2.7. Transparenz: Methoden und Ziele sichtbar machen 82
3.2.8. Realismus: Die Grenzen akzeptieren 83
3.2.9. Wertschätzung: Einander achten und offen begegnen 84
3.2.9.1. Das Vorbild Jesu 84
3.2.9.2. Das segnende Gebet 85
3.2.9.3. Die Bitte um Entschuldigung 85
4. Darstellung eines Problemlösungsprozesses für die
Gruppenarbeit mit Jugendlichen in der kirchlichen
Gemeindepraxis 86
4.1. Die Voraussetzungen schaffen: Vorüberlegungen 87
4.1.1. Wer hat das Problem? 87
4.1.2. Wer bereitet die Sitzung in ihren Äußerlichkeiten vor? 87
4.1.3. Wer leitet und das Gespräch? 87
4.2. Der Sache auf den Grund gehen: Ist-Stand - Analyse 89
4.2.1. Biblische Besinnung 89
- 4 -
4.2.2. Brillen der Wahrnehmung 89
4.2.3. Definition des Ist-Standes 90
4.3. Das Kind beim Namen nennen: 91
Problemdefinition und Konfliktpotential 91
4.3.1. Biblische Besinnung 92
4.3.2. Gemeinsame Soll-Vorstellungen definieren 92
4.3.2.1. Formulierung: Gute Ziele sind unmißverständlich 92
4.3.2.2. Meßbarkeit: Wann ist das Ziel erreicht? 93
4.3.2.3. Prioritäten: Die Reihenfolge der Behandlung festlegen 94
4.3.2.4. Aktionsvorbereitung: Was ist vor dem Aktionsplan zu bedenken? 94
4.3.3. Unterschiedliche Soll-Vorstellungen definieren 94
4.3.3.1. Konfliktverlagerung erschwert die Zieldefinition 95
4.3.3.2. Den Konflikt zu seinen Anfängen zurückverfolgen 95
4.3.3.3. Den Interessenskonflikt definieren 96
4.4. In Gang kommen: Aktionsplan 97
4.4.1. Biblische Besinnung 98
4.4.2. Sieben Schritte zum Aktionsplan 98
4.4.2.1. Ursachenforschung: Welche Faktoren führten zum Problem? 98
4.4.2.2. Aufstellung von Lösungsalternativen 98
4.4.2.3. Erste Ausscheidung von Alternativen 99
4.4.2.4. Bewertung und Gewichtung verbleibender Alternativen 99
4.4.2.5. Festlegung der Problemlösungsschritte 100
4.4.2.6. Aufgabenverteilung und Kontrolle 101
4.4.2.7. Aktion und Zielrevision 102
4.5. Den Stier bei den Hörnern packen: Konfliktlösung 103
4.5.1. Biblische Besinnung 104
4.5.2. Verfahren zur Konfliktlösung 104
4.5.2.1. Die Regelung 104
4.5.2.2. Der Kompromiß 104
4.5.2.3. Den Konflikt ertragen 104
4.5.2.4. Rückzug 104
4.5.2.5. Situationsänderung 105
4.5.2.6. Vermittlerurteil 105
4.5.2.7. Zufallsurteil 105
4.5.2.8. Machtkampf 105
4.5.2.9. Trennung 105
4.5.2.10. Die Entscheidung über Lösungsverfahren vertagen 105
4.5.3. Aktionsplan 106
4.5.4. Vom Umgang mit Verletzungen 107
4.5.4.1. Versöhnung und Vergebung 107
4.5.4.2. Achtung der Person und Wertschätzung 107
4.5.5. Schlußbemerkung 108
4.5.5.1. Einteilung in Gesprächsgänge und Übersicht 108
4.5.5.2. Die Verantwortung des Moderators 108
4.5.5.3. Konfliktprophylaxe 108
5. Praxis der Problemlösung: Protokoll einer
Gesprächsführung 111
- 5 -
5.1. Vorbereitungen zur Problemlösung 111
5.2. Technische Bemerkungen zu dem folgenden Protokoll 112
5.3. Der Prozeß der Problemlösung 113
5.3.1. Die Definition des Ist-Standes 113
5.3.2. Problemdefinition und Konfliktpotential 115
5.3.3. Aktionsplan 119
5.3.4. Schlußbemerkungen zum Fallbeispiel 121
6. Zusammenfassung und Ausblick 122
Anhang 123
1. Methodenblätter für die Problemlösung 123
Checkliste Die Voraussetzungen schaffen 124
Übersicht: Brillen der Wahrnehmung 125
Anleitung Brainstorm 126
Arbeitsbogen Problemdefinition und Konfliktpotential 127
Übersicht Konfliktverlagerung 128
Arbeitsbogen Immer wieder Warum 129
Arbeitsbogen Problemlösung: Alternativen und Aufgabenverteilung 130
Übersicht: Verfahren zur Konfliktlösung 132
Übersicht: Der Prozeß der Problemlösung 133
2. Verzeichnis der Abbildungen 134
3. Literaturverzeichnis 135
Erklärung 137
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0.2. Einführung
In meiner Arbeit als Prediger der "Landeskirchlichen Gemeinschaft" und später als Jugendreferent im "Jugendverband 'Entschieden für Christus' (EC)" mußte ich immer wieder die Erfahrung machen, daß sowohl bei mir als auch unter den Mitarbeitern in der Jugendgruppenarbeit eine gewisse Verunsicherung über das angemessene Vorgehen bei Problemlösungsprozessen besteht. Diese Verunsicherung wurde verstärkt, wenn zu ungeklärten Sachfragen noch zwischenmenschliche Beziehungsstörungen und Konflikte dazukamen. Die Managementliteratur liefert für den Bereich wirtschaftlicher Unternehmen eine Fülle von Problem- und Konfliktlösungsstrategien. Aber die geschilderten Hintergründe und Verfahren lassen sich nicht ohne weiteres für den Bereich ehrenamtlicher Tätigkeit in der kirchlichen Gruppenarbeit mit Jugendlichen übernehmen. Die vorliegende Arbeit versucht einen Problemlösungsprozeß für die Gruppenarbeit mit Jugendlichen in der kirchlichen Gemeindepraxis zu entwickeln.
Aufbau der Arbeit
In einem ersten Teil werden biblisch-theologische Zusammenhänge zum Thema skizziert. Das folgende Kapitel stellt drei ausgewählte Methoden der Problemlösung aus Wirtschafts- und Sozialmanagement zusammenfassend dar.
Ein dritter Teil formuliert aus den Erkenntnissen der beiden vorangegangenen Teile Grundsätze zur Problemlösung in der Gruppenarbeit mit Jugendlichen in der kirchlichen Gemeindepraxis.
Das nächste Kapitel entfaltet einen möglichen Problemlösungsprozeß unter Berücksichtigung der Zielsetzung der Arbeit und der vorgenannten Grundsätze. Abschließend wird in einem letzten Teil ein Fallbeispiel zur Problemlösung nach dem vorher beschriebenen Verfahren geschildert und ausgewertet.
Begriffsbestimmung: Problem
Albrecht Müller-Schöll und Manfred Priepke definieren ein Problem als Abweichung des Soll-Standes vom Ist-Stand:
Zunächst ist jedes Problem als die Diskrepanz zu definieren, die zwischen einer Soll-Vorstellung und einer Ist-Gegebenheit besteht. In Zahlen ausgedrückt, kann beispielsweise die erste grobe Problemdefinition so aussehen: Soll: 100 Ist: 70 Diskrepanz -30
unser fiktives Problem besteht als in der Diskrepanz von -30 (...). 5
5 Müller-Schöll / Priepke S. 60
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Rainer Michael Rahn bringt einen weiteren Aspekt zur Sprache. Von Problemen kann man nur reden, wenn die Möglichkeiten zur Lösung des Problems nicht in Sicht sind. Alles andere sind bestenfalls Schwierigkeiten:
Eine Schwierigkeit unterscheidet sich von einem Problem dadurch, daß die Lösung für die Situation auf der Hand liegt - auch wenn sie (...) mit Zeitaufwand und Kosten verknüpft ist. (...) Nachdem es nun sicher gelungen ist, Probleme von Schwierigkeiten abzugrenzen, gilt es den Begriff "Problem" noch etwas genauer zu fassen. Das Wesentliche an einem Problem ist, (...) daß es zunächst keine akzeptable Lösung zu geben scheint. Diese Wand, die zwischen der momentanen Situation und einer Lösung steht, nennen die Psychologen eine Barriere. 6
Im Sinne der genannten Definitionen soll im folgenden von Problemen die Rede sein als: Eine nicht ohne erheblichen Aufwand und spezifisches Know-how zu beseitigende Abweichung des Ist-Zustandes von einer Soll-Vorstellung.
Begriffsabgrenzung Problem - Konflikt
Die Abgrenzung der Begriffe ist nicht leicht vorzunehmen. Im Sprachgebrauch von Jugendlichen werden die Begriffe vermischt gebraucht, so kann man z.B. hören "Ich habe ein Problem mit meiner Freundin", wenn ein Beziehungskonflikt gemeint ist. Auch in der Problemlösungs- und Konfliktlösungsliteratur gehen die Begriffe ineinander über: Gordon gebraucht die Begriffe, wie in Kap. 2.2.5. "Anmerkungen zu Gordon" näher ausgeführt, nahezu synonym. Schall bringt in seiner "Mitarbeiterführung" kein Kapitel über Problemlösung, führt aber Problemlösungsprozesse unter "Konfliktlösung" auf.
Nach der Definition des "Problems" kann eine Definition des "Konfliktes" etwas Entwirrung schaffen.
Schall definiert Konflikt als Widerstreit der Interessen:
Vorstehend und nachfolgend soll unter Konflikt Folgendes verstanden werden: Ein latenter (verborgener) oder manifester (offener) Gegensatz oder gar Widerstreit von zwei oder mehreren Interessen, Wünschen oder Bestrebungen, die sich entweder subjektiv (in der Meinung der Konfliktpartner) oder objektiv (nach den Regeln der Logik und allgemeiner Erfahrung) gegenseitig ausschließen. 7
Gordon zitiert ein nicht näher bezeichnetes Wörterbuch und beschreibt: "Ein Konflikt ist (...) eine Auseinandersetzung oder Meinungsverschiedenheit, eine Kontroverse oder ein Streit, ein Zusammenprall oder ein Zusammenstoß, eine Schlacht oder ein Kampf" 8 .
6 Rahn S. 11f
7 Schall S. 80
8 Gordon Managerkonferenz 1991 S. 155
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Damit weist er auf die emotionale Seite des Interessenswiderstreites hin, die mit heftigen Reaktionen verbunden sein kann.
Anatol Pikas greift beide Aspekte in seiner Konfliktdefinition auf:
Unter einem Konflikt verstehen wir eine Meinungsverschiedenheit zwischen zwei oder mehreren Personen, die sich aufgrund dieser Meinungsverschiedenheit negativ zueinander verhalten. Wenn man von einem Konflikt spricht, müssen gemäß dieser Definition drei Bedingungen erfüllt sein:
1. Es muß zwei oder mehrere Parteien (Gegner) geben (...)
2. Zwischen diesen Parteien gibt es Differenzen (...)
3. Die Parteien verhalten sich negativ zueinander 9
Eine Fülle von weiteren Definitionen greift andere Aspekte der Konflikttheorie auf. So nennt Wolfgang Mertens zum Beispiel in Anlehnung an Hofstätter und Lewin den Motivationskonflikt, der sich als innerer Konflikt ohne Partnerbeteiligung abspielt. 10 Diese Seite des Konflikts soll in den folgenden Ausführungen unberücksichtigt bleiben. In Anlehnung an die genannten Definitionen ist im folgenden Konflikt verstanden als: Widerstreit der Interessen und Bedürfnisse zweier oder mehrerer Personen, die im Verhalten zueinander und/oder gegen Außenstehende diesen Widerstreit zum Ausdruck bringen.
Aus den Definitionen von Problem und Konflikt ergeben sich folgende Abgrenzungen und Zusammenhänge:
- Probleme spiegeln vorrangig Differenzen auf der Sachebene, Konflikte behandeln Differenzen auf der Personebene (Beziehung).
- Probleme können Konflikte auslösen durch eine unterschiedliche Problemdeutung der Partner.
Beispiel für unterschiedliche Beurteilung des Ist-Standes als Konfliktursache: In einer Jugendgruppe herrscht bei einigen Jugendlichen Unzufriedenheit über die "kalte" Ausstattung des Jugendraums (Problem). Der Jugendleiter findet den Raum so "ganz in Ordnung" (andere Beurteilung des Ist-Standes). Einige Jugendliche reagieren bereits "sauer" auf den Jugendleiter, weil er nichts dagegen übernehmen will (Konflikt).
Beispiel für unterschiedliche Beurteilung des Soll-Standes (Zielformulierung) als Konfliktursache:
Die Mitarbeiter der Jugendgruppe in O. sind sich einig, daß der Jugendraum ein neues "Outfit" braucht, sonst ist die Atmosphäre einfach zu kalt (Problem). In Mitarbeiterbesprechungen stellt sich heraus, daß einige für eine Grundrenovierung
9 Pikas S. 18
10 Mertens S.11
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plädieren; andere wiederum nicht mehr als ein paar punktuelle "Schönheitsoperationen" wünschen, der Aufwand für die Grundrenovierung sei zu groß. Nachdem vereinzelt schon Mitarbeiter nicht mehr zu den Besprechungen erschienen, weil die Diskussionen "zu hitzig" verlaufen (Konflikt), einigt man sich auf eine Kompromißlösung.
- Je länger Probleme ungelöst in der Schwebe gehalten werden, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, daß sie latente oder offensichtliche Konflikte mit sich ziehen.
- Für Problemlösungsprozesse - auch in der vorliegenden Arbeit - ergibt sich daraus folgende Konsequnz: Problemlösung ohne Konfliktlösung ist nicht denkbar und Konfliktlösung ohne Problemlösung führt nicht zum Erfolg.
Es gibt umfangreiche Literatur über Methoden der Problemlösung unter Nutzung von Erkenntnissen aus wissenschaftlichen Zweigen wie Organisationspsychologie und Kommunikationswissenschaft. Dabei werden Lösungsprozesse in der Regel für das Umfeld beruflicher Mitarbeiter - sei es im Wirtschafts- oder im Sozialmanagementkonzipert. Die Gruppenarbeit mit Jugendlichen im kirchlichen Bereich ist in der Regel von ehrenamtlichen Mitarbeitern getragen. Auch hier gibt es Probleme, die qualifizierte Lösungsprozesse fordern. Methoden und Prozesse aus dem Management können nicht ohne Prüfung und Anpassung an den anderen Personenkreis übertragen werden. Die vorliegende Arbeit versucht einen Problemlösungsprozeß zu konzipieren, der folgenden Zielen nachkommt:
Zielsetzung der vorliegenden Arbeit
- Problemerkennung und -lösung: Mitarbeiter der kirchlichen Jugendarbeit sollen einen Prozeß kennenlernen, der ihnen ermöglicht,
a) Unzufriedenheit an dem bestehenden Ist-Stand zu erkennen und zu formulieren
b) den erstrebten Soll-Zustand zu beschreiben (Zielformulierung)
c) Lösungswege für den Ausgleich der Differenz von Ist- und Sollstand zu finden.
- Konflikterkennung und -lösung: Der Lösungsprozeß soll Bedürfnisse und Interessen, die von außen an die Gruppe herangetragen werden (z.B. durch Gemeindeleitung und Hauptamtliche), sowie Bedürfnisse und Interessen der Gruppenmitarbeiter und Gruppenmitglieder zur Sprache bringen. Darüber hinaus soll er Verfahren und Methoden aufzeigen, mit einem Widerstreit der Interessen umzugehen.
- Tiefgang: Die Problemlösung soll - soweit vorhanden - auch latente Konflikte und Probleme bewußt machen und Lösungsmöglichkeiten anbieten.
- Transparenz: Der Prozeß muß in seinem Ablauf allein aufgrund einer kurzen Einführung leicht erfaßbar sein.
- Multiplikation: Die Mitarbeiter, die den Lösungsprozeß mit Anleitung in einem aktuellen Fall durchlaufen, sollen durch die eigene Erfahrung und zusätzliche Arbeitsmaterialien befähigt werden, in ihrer Jugendarbeit selbständig Problemlösungsprozesse anzuregen und durchzuführen.
- Kürze: Ehrenamtliche Mitarbeiter machen im kirchlichen Bereich in der Regel "Dienst nach Feierabend". Wesentliche Erfolge in der Problemlösung sollten bereits nach zwei bis drei Gesprächsgängen erreicht sein.
Problemlösung in der Gruppenarbeit mit Jugendlichen in der kirchlichen Gemeindepraxis kann auf vielfältige Erfahrungen aus dem biblischen Kontext zurückgreifen. Im folgenden soll eine Auswahl an biblischen Fallbeispielen ausgewertet werden, um Impulse und Anregungen für den Problemlösungsprozeß zu erhalten.
1.1. Einsetzung von Helfern für Mose (2.Mose 18,13-27)
Jethro beobachtet seinen Schwiegersohn Mose während eines Besuchs bei der Erfüllung seiner Leiteraufgaben. Er nimmt wahr, daß Mose von der Erfüllung weiterer Aufgaben abgehalten wird, weil er den ganzen Tag in Streitfällen Recht sprechen muß. Daraufhin macht er einen Lösungsvorschlag, der von Mose uneingeschränkt akzeptiert wird.
1.1.1. Problemerkenntnis
Durch eine Art "Betriebsblindheit" wird Mose von der Erfüllung seiner Leiteraufgaben abgehalten. Die Dringlichkeiten vor seinen Füßen halten ihn von der Planung und Ausführung der Wichtigkeiten ab. Dabei scheint Mose den Sachverhalt als Mißstand zu empfinden, denn er widerspricht nicht seinem Schwiegervater in dessen Diagnose: "Du sowohl wie dieses Volk, das bei dir ist, werdet dabei völlig verbraucht" (Nach der Übersetzung von Martin Noth 11 ). Es handelt sich hier um eine deutliche Differenz von Ist-Stand und Soll-Vorstellung, also um ein echtes Problem. Aber das Empfinden hat noch nicht zu einer Problemdefinition, geschweige denn zu dem Versuch einer Problemlösung geführt. Erst der Anstoß von außen ("das ist nicht gut, was du da tust") führt das Problem vor Augen und leitet einen Lösungsprozeß ein.
1.1.2. Zielfindung
Jethro formuliert - von Mose unwidersprochen - die Aufgabenbeschreibung für den Dienst des Mose: "Du selbst sollst für das Volk Gott gegenüberstehen, und du selbst sollst die Angelegenheiten vor Gott bringen und ihnen die Satzungen und Weisungen einschärfen und ihnen den Weg bekannt machen, auf dem sie gehen sollen, und das Tun, das sie tun sollen." (V.19f). Damit ist die Sollvorstellung formuliert, und der nächste Schritt der "Aktionsplanung" kann eingeleitet werden.
1.1.3. Aktionsplanung und Ausführung
11 Noth S. 116
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Wieder wird der Lösungsprozeß beschleunigt durch einen Vorschlag von Jethro: Delegation der Rechtssprechung an Vertreter und Untervertreter. Nur noch die "großen Sachen" (V. 22) sollen sie vor Mose bringen, die geringeren Angelegenheiten sollen sie selber entscheiden. Mit diesem Prinzip wurde ein Vorbild für Gerichtsbarkeit geschaffen, das in der säkularen Rechtssprechung mit Instanzenwegen bis heute auf vielfältige Weise Anwendung gefunden hat. Martin Noth weist darauf hin, daß mit dieser Lösung nicht nur eine hierarchische Unterteilung der Instanzen, sondern auch eine qualitative Aufteilung der Zuständigkeiten vorgenommen wurde: Die Neuordnung des Rechtssprechungswesens (...) beruht auf einer Trennung zwischen sakraler und "bürgerlicher" Rechtssprechung bzw. auf einer Ausgliederung der "bürgerlichen" Rechtsprechung aus dem sakralen Bereich. (...) Der sakralen Rechtssprechung, im vorliegenden Fall also dem Mose, bleibt der "Verkehr mit Gott" (V.19), d.h. die Verkündigung der göttlichen Satzungen und Weisungen, die Bekanntgabe der Direktiven für den rechten "Weg" (V.16.20) sowie das "Befragen Gottes" (V.15.19), das wohl vor allem für schwierige Fälle der Rechtsfindung (V.26) vorgesehen war (vgl. dazu z.B. 22,7-10). Alles übrige soll zuverlässigen Männern überlassen werden (...) 12
Für Mose wird damit die Möglichkeit geschaffen, sich auf seine Aufgaben nach den Vorgaben der Zieldefinition zu konzentrieren.
1.1.4. Anregungen für die gemeindliche Gruppenarbeit
Problembewußtsein durch Analyse eines Beobachters
Die laufenden Geschäfte der gemeindlichen Gruppenarbeit können zu einer "Betriebsblindheit" der Teilnehmer führen. Dann wird nur noch erledigt, was gerade vor die Füße kommt, das Dringende wird zum Feind des Wichtigen. Mittelfristige und langfristige Planung bleiben auf der Strecke, der Gruppe fehlt auf die Dauer die Zukunftsperspektive, Unzufriedenheit macht sich breit. Das Fallbeispiel zeigt, daß vorhandene Probleme, auch wenn sie gefühlsmäßig wahrgenommen werden, nicht unbedingt lokalisiert und definert sind. Ein Impuls von außen kann hier zu einem Problembewußtsein führen.
Zielfindung und Aktionsplan durch Vorschlag eines Beobachters In dem Beispiel wird der gesamte Problemlösungsprozeß in einer Sache mit weitreichenden Folgen durch Beratung sehr stark abgekürzt. Dies gilt auch, wenn man davon ausgeht, daß sich die Beschreibung gegenüber dem Sachverhalt auf wesentliche Elemente beschränkt. Problemlösung in der gemeindlichen Gruppenarbeit, auch und gerade mit Jugendlichen, hat es in der Regel mit ehrenamtlichen Mitarbeitern zu tun. Für ihren "Dienst nach Feierabend" sollten alle Möglichkeiten, die einen
12 Noth S. 120
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Problemlösungsprozeß verkürzen können, genutzt werden. Dazu gehören auch - soweit möglich - Lösungsvorschläge außenstehender Beobachter. Voraussetzung ist dabei, daß die Vorschläge von dem bzw. von den Betroffenen vollständig akzeptiert werden.
Grundlagen des Problemlösungsprozesses
Das Fallbeispiel zeigt in drei Schritten immer wiederkehrende Grundschritte der Problemlösung, die auch in der gemeindlichen Gruppenarbeit Beachtung finden sollen:
- Problemdefinition (Ist-.Stand)
- Zieldefinition (Sollstand)
- Aktionsplan (zum Ausgleich der Ist/Soll - Differenz) und Ausführung
1.2. Die Wahl der Sieben Armenpfleger (Apg. 6,1-8)
Nach quantitativem Gemeindewachstum kommt in der ersten christlichen Gemeinde in Jerusalem ein Problem zur Sprache. Die Gruppe der Hellenisten beklagt sich, daß ihre Witwen bei der täglichen Speisung übersehen werden. Die Leitung der Gemeinde beruft eine "Vollversammlung der Jünger" (Bezeichnung nach der Übersetzung von J. Roloff 13 ) ein und macht einen Lösungsvorschlag: Die Gemeinde soll sich sieben Brüder aussuchen, die für die Aufgabe der Versorgung zuständig sein sollen. Der Vorschlag findet die Zustimmung der Vollversammlung, die daraufhin der Gemeindeleitung sieben Männer zur Einsegnung in ihre Aufgabe vorstellt. Der Bericht endet mit dem Hinweis auf Gemeindewachstum als Folge der Lösung - sowohl qualitativ ("das Wort Gottes wuchs") als auch quantitativ ("die Zahl der Jünger in Jerusalem nahm gewaltig zu").
1.2.1. Konflikt und Ursache
Die ursprünglich weitgehend homogene Jerusalemer Gemeinde erfuhr im Verlauf ihrer frühen Geschichte eine Erweiterung durch die Gruppe der Hellenisten. Dabei dürfte es sich nach Jürgen Roloff um "christlich gewordene Diasporajuden griechischer Zunge gehandelt haben" 14 , denen nun der ursprüngliche Personenkreis der "Hebräer", also aus Palästina stammende Juden aramäischer Muttersprache, gegenübersteht. Auf den ersten Blick handelt es sich in diesem Fallbeispiel um einen einfachen Problemlösungsprozeß, der ohne Konflikte abgeht. Folgt man den Ausführungen von Jürgen Roloff, so betreibt Lukas eine vereinfachende Darstellung: Lukas ist, wie noch mehrfach (15,38-41; 21,15-26;28) zu beobachten sein wird, im Blick auf innergemeindliche Vorgänge ausgesprochen konfliktscheu. Er pflegt, darin wohl bereits von seinen Quellen unterstützt, Spannungen und Außeinandersetzungen in der Kirche bis zur Unkenntlichkeit zu verharmlosen. 15
Auch wenn man in dem geschilderten Beispiel vielleicht nicht von einer "Verharmlosung bis zur Unkenntlichkeit" sprechen muß, so liegt doch die Vermutung nahe, daß sich hinter der knappen Schilderung ein größeres Konfliktpotential verbirgt. In der Gemeinde stehen sich zwei Gruppierungen mit unterschiedlicher Sozialisation gegenüber. Im Kreis der Hellenisten wächst die Unzufriedenheit gegenüber den Hebräern. Es entsteht der Vorwurf, daß die hellenistischen Witwen bei der täglichen Nahrungsmittelverteilung gegenüber den Hebräern zu kurz kommen. Ob es sich dabei um eine Tatsache oder um eine verzerrte Wahrnehmung handelt, wird nicht beschrieben. Mit der kurzen
13 Roloff S. 106
14 Roloff S. 108
15 Roloff S. 107
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Bemerkung: "Es entstand ein Murren der Hellenisten gegen die Hebräer" wird ein Interessenskonflikt zweier Gruppierungen bezeichnet. Nachdem dieser Konflikt zur Sprache gebracht ist, taucht ein weiterer Interessenskonflikt als Folge auf: Die Gemeindeleitung ("die Zwölf") hört, spürt oder vermutet die Erwartung, daß sie sich selber um die Lösung des Konfliktes bemühen soll. Es entsteht ein Interessenskonflikt zwischen der Gemeindeleitung und den Hellenisten, da "die Zwölf" ihre Aufgabe der Verkündigung und des Gebets nicht vernachlässigen wollen. Eine Konfliktverlagerung fand statt: Vom Interessenskonflikt "Hellenisten gegen Hebräer" zum Interessenskonflikt "Hellenisten gegen Gemeindeleitung".
1.2.2. Der Lösungsprozeß
Um zu einer Lösung des Konfliktes zu kommen, berufen die Zwölf eine Vollversammlung ein. Sie legen einen Lösungsvorschlag vor, der die Interessen der drei genannten Gruppierungen berücksichtigt oder ihnen zumindest nicht im Weg steht. Dabei ist zu vermuten, daß gemäß ihrem Verständnis der Aufgabenschwerpunkte der Prozeß von Wortverkündigung und Gebet begleitet ist. Der Vorschlag findet die Zustimmung der Vollversammlung, und sie wählen sieben Männer, die sie für die Armenversorgung verantwortlich machen. Damit sind zwei Gremien in dem Lösungsprozeß beteiligt: die Gemeindeleitung und die Vollversammlung. Die Gemeindeleitung hatte mit dem Lösungsvorschlag die Vorarbeit geleistet, ohne dabei die Vollversammlung aller Beteiligten aus der Verantwortung zu entlassen.
1.2.3. Anregungen für die gemeindliche Gruppenarbeit
Problem und Konflikt
Wenn von einer Gruppe in der Gemeinde oder von einer Gruppe innerhalb einer Gruppe ein Problem zur Sprache gebracht wird, dann stellt die Problemlösung auf der Sachebene einen notwendigen Schritt dar. Zusätzlich gilt es zu beachten, daß im Hintergrund Interessenskonflikte schwelen können, die Konfliktlösungsprozesse erfordern. Dies gilt umso mehr, wenn Gruppierungen einen fest umrissenen Personenkreis bilden, der durch eine Charakterisierung beschrieben werden kann.
Konflikt und Verlagerung
Ein Konflikt kommt nicht immer allein. Im Lauf der Konfliktverlagerung können plötzlich Personen und Personengruppen (wie hier die Gemeindeleitung) betroffen werden, die mit dem ursprünglichen Konflikt nichts zu tun haben.
Problemlösung und Bedürfnisbefriedigung
Folgt man der Terminologie in Maslows Bedürfnishierarchie 16 , so mußte hier ein Bedürfnis der unteren Ebene (physiologische Bedürfnisse: "Speisung") befriedigt werden, damit eine Bedürfnisbefriedigung auf höherer Ebene ("Gebet und Dienst am Wort") ungehindert weiterlaufen kann. Wenn die Gruppenarbeit kirchlicher Gemeindepraxis der Prioritätensetzung der Jerusalemer Gemeinde folgt, wird sie dafür Sorge tragen, daß Gebetsdienst und Verkündigung der biblischen Botschaft uneingeschränkt laufen können. Das geschilderte Beispiel macht gleichzeitig deutlich, daß Bedürfnisbefriedigung auf der "unteren Ebene" ebenfalls berücksichtigt werden will: Nicht trotz der Unverzichtbarkeit von Verkündigung und Gebet, sondern gerade wegen ihr.
Problemlösung und Verantwortung
Das Fallbeispiel zeigt einen Weg, wie Leitungsverantwortung im Konfliktfall wahrgenommen werden kann, ohne daß dabei die beteiligten Gruppen und Gruppierungen aus der Verantwortung entlassen werden:
- Vorarbeit durch die Leitung (Lösungsvorschlag)
- Entscheidung durch die Vollversammlung (Lösung)
- Ausführung durch die Vollversammlung, der die Verantwortlichkeit übertragen wird (Ausführung).
Problemlösung und Aufgabenverteilung
Das Fallbeispiel zeigt: Auch wenn die Vollversammlung der Gemeinde für die Problemlösung verantwortlich gemacht wird, dann muß deswegen noch nicht die gesamte Vollversammlung für die Ausführung der Lösungsschritte zuständig sein.
16 vgl. die Ausführungen in Kap. 2.2.1. "Problemlösung und Bedürfnisbefriedigung"
- 17 -
1.3. Das Apostelkonzil (Apg.15)
Paulus und Barnabas beenden ihre Missionsreise mit der Rückkehr zur Gemeinde in Antiochien. Dort entsteht eine heftige Diskussion darüber, welche Auflagen man bekehrten Heiden, also Menschen nichtjüdischer Abstammung, aus dem Gesetz des Mose machen soll. Der Konflikt kann vor Ort nicht beigelegt werden, und Paulus wird mit Barnabas und einigen weiteren Vertretern der Gemeinde wegen dieser Frage nach Jerusalem gesandt. Dort beschäftigen sich die Apostel und die Ältesten mit der Angelegenheit. Auch da kommt es zu heftigen Meinungsverschiedenheiten. Nach einer Stellungnahme von Petrus und einem Lösungsvorschlag von Jakobus kommt es zu einem Entschluß der Gemeindevollversammlung: Paulus, Barnabas und Vertreter der Jerusalemer Gemeinde werden mit einem Brief, der das Ergebnis der Beratung nennt, nach Antiochen gesandt. Die Delegation soll das Schreiben überbringen und mündlich erläutern. In Antiochen angekommen, beruft die Delegation eine Vollversammlung ein und übergibt das Schreiben, das Zuspruch findet.
1.3.1. Unterschiedliches Schriftverständnis als Problem - und Konfliktursache
Nach den Berichten des Paulus und Barnabas über die Bekehrung von Menschen aus nichtjüdischem Hintergrund treten in der Gemeinde einzelne Personen mit der Forderung auf, daß sie die Heiden nach dem Gesetz des Mose beschneiden lassen müssen. Mit dieser Forderung gehen sie auch an die Gemeindeglieder in Antiochien heran. Dabei treten sie mit einem gewissen Selbstverständnis als Lehrer des Gesetzes auf. H.W. Neudorfer erklärt den Begriff "lehren" so: "Die von Juda Herabgekommenen äußerten nicht ihre Privatmeinung, sondern traten mit dem Anspruch auf, in der Autorität Gottes und seines Wortes zu sprechen." 17
Damit stehen sie im Gegensatz zum Reden und Handeln des Paulus. Sein Schriftverständnis und seine Deutung des Handelns Jesu faßt J. Roloff so zusammen: Schließlich hat Paulus eine grundsätzliche theologische Klärung des Gesetzesproblems herbeigeführt, indem er zeigte: Das Gesetz ist durch Christus als Heilsweg abgetan; es entspricht dem Wesen des Evangeliums, daß es allein auf Glauben hin ergeht, ohne Werke des Gesetzes (Gal 2,16; Röm 3,21f). Den Heiden das Gesetz aufzuerlegen, wäre damit gleichbedeutend mit einer Entleerung des Evangeliums. 18
In diesen Ausführungen wird deutlich, daß es sich bei der Kontroverse nicht um Randfragen des Glaubens, sondern um die zentrale Frage der Rechtfertigung handelt. Damit erhält die Meinungsverschiedenheit eine Bedeutung, die sich nicht mit einer
17 Neudorfer S. 88
18 Roloff S. 223
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zweitrangigen Lösung zufrieden geben kann. Eine Kompromißlösung auf Kosten der Wahrheit ist für beide Parteien nicht akzeptabel. Die ungeklärte Frage führt schließlich vom Problem zum Konflikt, Paulus und Barnabas kommen mit den judäischen Brüdern in "heftigen Zwist und Streit", eine Lösung zeichnet sich nicht ab.
1.3.2. Die Vermittlerrolle der Jerusalemer Gemeinde
Zunächst scheint sich die Situation in der Jerusalemer Gemeinde zu wiederholen. Auch hier melden sich einzelne Stimmen zu Wort, "einige aus der Partei der Pharisäer, die zum Glauben gekommen waren" (V. 5), und fordern die Beschneidung der Heidenchristen. Sie erweitern diese Forderung noch um den Zusatz, daß man ihnen gebieten müsse "das Gesetz des Mose zu halten". Von einem Streit mit der Partei der Pharisäer ist hier nicht die Rede. Die Problemstellung kann sich nicht zum Konflikt ausweiten, da sie sofort an das Leitungsgremium der Gemeinde weitergegeben wird. Die Apostel und Ältesten der Gemeinde treten zusammen, um sich mit der Angelegenheit zu befassen. Offensichtlich spiegelt die Gemeindeleitung die Bandbreite der Positionen in den Gemeinden wieder, denn auch hier kommt es zu heftigen Meinungsverschiedenheiten. Roloff schreibt über die Positionen in der Gemeinde:
Für die Urgemeinde in Jerusalem war die Zugehörigkeit zu Israel ein das eigene Selbstverständnis bestimmender Faktor. (...) Beschneidung und Gesetz waren für sie darum undiskutierbare Gegebenheiten. (...) Einiges deutet allerdings darauf hin, daß dieser strenge Standpunkt in den Jahren nach 40 nicht mehr von allen Gruppen der Jerusalemer Gemeinde geteilt worden ist. So scheint Petrus in jenen Jahren außerhalb Jerusalems Mission getrieben und dabei die Grenzen des Judentums wenigstens punktuell durchbrochen zu haben, indem er Gottesfürchtige ohne Beschneidung in die Kirche aufnehmen ließ. Dieses Verhalten dürfte bereits zu Kontroversen in der Urgemeinde geführt haben, deren Spuren sich in dem Bericht 10,1-11,18 deutlich abzeichnen. Einen völligen Verzicht auf Beschneidung und Gesetz wird jedoch auch Petrus nicht vertreten haben. 19
Dabei wird deutlich, daß das Problem um Beschneidung und Auferlegung des mosaischen Gesetzes zwar bereits durch konkrete Handlungen aufgeworfen und in Gesprächen angedacht, aber nicht bis zu konkreten Ergebnissen weitergedacht war. Das Problem lag über einen längeren Zeitraum in der Jerusalemer Gemeinde offen. Die Heftigkeit der Auseinandersetzung läßt sogar auf einen latenten Konflikt schließen. Dabei handelt es sich um ein Gemeindeproblem, das auch vor dem leitenden Gremium nicht haltmacht. Die Anrufung als Vermittler zwingt nun die Apostel und Ältesten in Jerusalem, den Umgang mit dem Problem bis zu Handlungskonsequenzen zu Ende zu denken.
19 Roloff S. 223
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Wieweit andere, nichttheologische Faktoren in dem Konflikt eine Rolle gespielt haben, bleibt offen. Roloff weist auf die Möglichkeit weiterer Zusammenhänge hin: Antiochia war in kurzer Zeit zu einem zweiten Zentrum der Kirche geworden; die dortige Gemeinde war vermutlich zahlenmäßig größer als die in Jerusalem, vor allem aber war sie der alten Muttergemeinde hinsichtlich ihrer Ausstrahlungskraft weit überlegen. Die Jerusalemer Gemeinde war wirtschaftlich schwach und auf Hilfe von außen angewießen, sie war zudem durch die politischen Verhältnisse seit der Agrippa - Verfolgung (...) in permanenter Bedrängnis. Aber eben diese politischen Verhältnisse, die bestimmt waren durch eine Stärkung des jüdischen Nationalismus, begünstigten das Wachstum streng judaisierender Strömungen in der Jerusalemer Gemeinde. Jede Annäherung an die Heidenchristen mußte in dieser Lage die Gemeinde gefährlichen Verdächtigungen aussetzen. 20
Die genannten Hintergründe bleiben allerdings bei der folgenden Problemlösung weitgehend unberücksichtigt.
1.3.3. Problemlösung
Da das Problem auf zwei Ebenen entstanden ist (Antiochien und Jerusalem), muß es nun auf beiden Ebenen verhandelt werden.
Zunächst beschäftigt sich der leitende Kreis der Gemeinde in Jerusalem mit der Fragestellung. Nach heftigen Diskussionen meldet sich Petrus zu Wort und bringt Tatsachen ins Gespräch: Erstens war er ja schon längst zum Heidenmissionar geworden. Er kann in diesem Zusammenhang von seinem Erwähltsein durch Gott reden. Zweitens hat Gott durch die Ausgießung des Heiligen Geistes auf die Heiden selber keinen Unterschied zwischen Juden und Heiden gemacht. Als Konsequenz schlägt er vor, "kein Joch auf den Nacken der Jünger zu legen" (V. 10). Danach erzählten Paulus und Barnabas, welche großen Zeichen und Wunder Gott durch sie unter den Heiden getan hatte. Schließlich zieht Jakobus als Leiter der Gemeinde unter Berufung auf Amos 9 Zusammenhänge aus den alttestamentlichen Schriften zu Rate, die deutlich machen, daß sich Gott den Heiden zuwenden will. Die Zusammenschau von Gottes Handeln in der Geschichte und seinen Willenskundgebungen führt zu einem einmütigen Ergebnis der Vollversammlung der Gemeinde. Das Ergebnis ist mit wenigen Worten beschrieben und enthält konkrete, überprüfbare Handlungsanweisungen: "Denn es gefällt dem heiligen Geist und uns, euch keine weitere Last aufzuerlegen als nur diese notwendigen Dinge:
- daß ihr euch enthaltet vom Götzenopfer,
- und vom Blut
- und vom Erstickten
- und von Unzucht."
20 Roloff S. 223-224
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Die Problemlösung auf der zweiten Ebene, in Antiochien, geschieht durch das Vermittlerurteil der Stammgemeinde. Dabei spielt allerdings nicht nur das Beratungsergebnis in Schriftform eine Rolle, sondern auch die Möglichkeit der Rückfrage und des Gesprächs. Die Jerusalemer Gemeinde entsendet eine Delegation mit einem Begleitschreiben, das durch eben diese Delegation dann in Antiochien der gesamten Gemeinde näher erläutert werden kann. Die Angehörigen dieser Absonderung werden beschrieben als angesehene Männer (V. 22) und "Männer, die ihr Leben eingesetzt haben für den Namen unseres Herrn Jesus Christus" (V.26). Sie kommen alle aus dem Kreis der Apostel und Ältesten und wurden - nach einem ungenannten Verfahren - von diesem leitenden Kreis und der gesamten Vollversammlung gewählt. Sie haben somit folgende Qualifikationsmerkmale:
- Angehörige des leitenden Kreises der Stammgemeinde
- guter Ruf in der gesamten Gemeinde, hohes Ansehen
- Opferbereitschaft für Jesus Christus bis hin zur Selbstaufgabe Dazu werden sie in ihrer Aufgabe unterstützt durch das Wissen, daß sie durch die gesamte Gemeinde ausgesandt wurden.
Das vorgetragene Ergebnis wird in Antiochien von der Vollversammlung der Gemeinde begrüßt und akzeptiert.
1.3.4. Anregungen für die gemeindliche Gruppenarbeit
Theologie ist immer auch Biografie
Problemlösung wie auch Konfliktlösung in gemeindlicher Gruppenarbeit kann und soll im gemeinsamen Gespräch nach dem Willen Gottes und seinen Normen fragen. Der Austausch über biblische Zusammenhänge kann einen Problemlösungsprozeß wesentlich beeinflussen. Das Fallbeispiel zeigt, daß die Berufung auf die Offenbarung Gottes in Antiochien zu einer Verschärfung des Problems und in Jerusalem zur Lösung des Problems geführt hat. Die Auslegung biblischer Zusammenhänge ist immer auch mitbegründet durch die persönliche Biografie der Ausleger. Unterschiedliche Sozialisation setzt der Wahrnehmung ein Filter vor, das häufig biblische Zusammenhänge mit ausgewählten Schwerpunkten nur einseitig wahrnimmt. Prozesse der Problemlösung brauchen Verfahren, die gewährleisten, daß Zusammenhänge in ihrem "sowohl - als auch" reflektiert werden.
Randfrage oder Kernfrage
In kirchlicher Jugendarbeit spielt die Diskussion um biblische Zusammenhänge eine zentrale Rolle. In dem Fallbeispiel kam es zunächst zu keiner Einigung. Keiner der Gesprächspartner wollte sich mit einer Kompromißlösung oder einer Umgehung des
Problems, etwa durch Akzeptanz beider Positionen, zufriedengeben. An anderer Stelle ist Paulus sehr freizügig in der Erkenntnis der Wahrheit. Wenn es um den Stellenwert von Feiertagen und Speisevorschriften geht, stellt er fest: "Ein jeder sei seiner Meinung gewiß." (Röm.14,5). Wo Problemlösung in der Diskussion um biblische Zusammenhänge diesem Beispiel folgt, wird sie eine Unterscheidung zwischen biblischen Kernfragen und Randfragen des Glaubens treffen und beides unterschiedlich behandeln.
Die Anrufung von Vermittlern
Die Anrufung von Vermittlern kann in Problem- und Konfliktlösungsprozessen eine wesentliche Hilfe darstellen. Im Gegensatz zu dem neutralen Moderator wird von dem Vermittler ein eindeutiges Urteil verlangt. Soll sein Urteil zur Lösung beitragen und nicht noch mehr Verwirrung schaffen, dann ist schon bei seiner Auswahl auf die Qualifikation zu achten. Es ist zu prüfen, wie weit die Qualifikationsmerkmale in dem Fallbeispiel auf andere Fälle übertragbar sind.
Problemlösung bis zum Ende
Das Fallbeispiel zeigt, wie ein Problemlösungsprozeß, solange er ergebnislos verschleppt wird, ein Konfliktpotential in sich trägt. Die Problemlösung stellt dann allerdings konkrete Anweisungen und Handlungsmuster, deren Einhaltung nachprüfbar ist, vor. In der gemeindlichen Gruppenarbeit ist immer wieder zu beobachten, daß Problemlösungsprozesse nur sehr schleppend in Gang kommen und manchmal nicht bis zum Ende durchgezogen werden, sei es aus Angst vor den Konsequenzen oder aus anderen Gründen. Dabei muß sich die Gruppe bewußt sein, daß sie unter Umständen das Problem zu einem Konflikt und den Konflikt durch Verlagerung zu einem vielschichtigen Konflikt auswachsen läßt.
1.4. Streit um einen Mitarbeiter (Apg.15,36-41)
Direkt im Anschluß an das Apostelkonzil zeichnet sich ein Mitarbeiterkonflikt zwischen Paulus und Barnabas ab. Die beiden Gemeindegründer der ersten Missionsreise beschließen, die neuen Gemeinden noch einmal aufzusuchen. Es kommt zu einer heftigen Auseinandersetzung über die Mitarbeiterfrage, die mit einer Trennung der Konfliktpartner endet.
1.4.1. Der Konflikt
Barnabas will, daß sie auch seinen Neffen Johannes Markus mitnehmen, Paulus lehnt dies ab. Aus der sachlichen Klärung der Mitarbeiterfrage entsteht ein Streit, in dem die beiden "heftig aneinander geraten" (V. 39). Über den Hintergrund des Konfliktes lassen sich nur Vermutungen anstellen, Lukas gibt darüber keine Auskunft. Roloff vermutet: Der knappe Bericht des Lukas könnte zunächst den Eindruck erwecken, als sei bei dem Streit zwischen Paulus und Barnabas, der zu ihrer Trennung führte, nur Persönliches im Spiel gewesen, nämlich die Ablehnung eines unzuverlässigen Mitarbeiters durch Paulus und das starrköpfige Festhalten an eben diesem Mitarbeiter durch Barnabas. Zieht man jedoch Gal 2,11-21 als Hintergrundinformation mit heran, so wird deutlich, daß der Streit um die Person des Johannes Markus nur ein Teilausschnitt aus einer grundsätzlichen theologischen Diskussion gewesen sein dürfte, in der nicht nur das Einvernehmen zwischen Paulus und Barnabas, sondern auch das Verhältnis zwischen Paulus und der antiochenischen Gemeinde tiefgreifend gestört worden ist. Paulus fand sich in Antiochia mit dem von ihm vertretenen Standpunkt des gesetzesfreien Evangeliums, der es nicht erlaubte, die Heidenchristen unter die jüdischen Reinheitsgesetze zu zwingen, gegenüber Petrus, Barnabas und der Mehrheit der Gemeinde isoliert, die in dieser Sache für einen Kompromiß von der Art plädierten, wie er dann wohl auch im weiteren Verlauf in Gestalt des "Aposteldekrets" (s. zu 15,20) zustandegekommen sein dürfte. 21
Auch wenn über die Ursache des Konflikts nur Vermutungen angestellt werden können, kann man aus dem Zusammenang schließen, daß es sich um einen tiefgreifenden und vielschichtigen Konflikt handelte. So beginnt eine entscheidende Phase in der christlichen Frühgeschichte, die zweite Missionsreise, mit einen Streit.
1.4.2. Trennung statt Konfliktlösung
Der Bericht des Lukas ist sehr knapp gehalten. Es finden sich keine Beschreibungen über Lösungsversuche, Alternativen oder das Hinzuziehen von Vermittlern. Der Streit endet mit einer Trennung: Barnabas tritt seine Dienstreise mit Johannes Markus an, Paulus wählt sich einen anderen Begleiter. Eine Lösung des - wie auch immer
21 Roloff S. 236
- 23 -
beschaffenen - ursprünglichen Konfliktes war scheinbar nicht möglich. Es ist anzunehmen, daß Markus später wieder Anschluß an Paulus fand (vgl. Kol.4,10 u. 2.Tim.4,11).
1.4.3. Anregungen für die gemeindliche Gruppenarbeit
Die Grenzen der Machbarkeit
Wenn eine Gruppe in einen Problem- bzw. Konfliktlösungsprozeß eintritt, dann muß sie sich von vornherein darüber im klaren sein, daß eine gute Methodenwahl, Erfahrung in Konfliktlösung und geistliche Qualifikation keine Garantie für "erfolgreiche Lösung in jedem Fall" bieten können. Die Machbarkeit stößt auf ihre Grenzen. Eine - vielleicht auch zeitweise - Trennung nach beidseitigem Beschluß kann eine effektivere Lösung sein als eine Harmonisierung da, wo es nichts mehr zu harmonisieren gibt.
1.5. Mirjam gegen Mose (4.Mose 12,1-16)
Mirjam und Aaron reden miteinander gegen ihren Bruder Mose. Aus dem hebräischen Text geht hervor, daß Mirjam als die Urheberin der Rede gesehen werden kann. Mose schweigt, und Gott selber spricht Recht in dieser Sache. Dem Urteil folgt eine Verurteilung, Mirjam wird aussätzig. Auf die Fürbitte von Mose hin begrenzt Gott die Strafe auf sieben Tage.
1.5.1. Zweischichtige Konfliktursache
Hier handelt es sich nicht um eine gemeinsam definierte Abweichung von Ist- und Sollstand, sondern um einen zwischenmenschlichen Beziehungskonflikt. Mirjam und Aaron bringen gegen Mose zwei Dinge zur Sprache. Erstens: "... um seiner Frau willen, der Kuschiterin. Er hatte sich nämlich eine kuschitische Frau genommen." (4. Mose 12,1), und zweitens: "Und sie sprachen: 'Redet denn der Herr allein durch Mose? Redet er denn nicht auch durch uns?' " (V.2)
Zu der Kuschiterin als Ehefrau des Mose schreibt Jakob Kroeker: Diese Tat hatte nicht der Tradition des jüdischen Volkes entsprochen. Abraham hatte einst von Elieser, seinem ältesten Knechte, einen Schwur genommen, daß er seinem Sohn Isaak kein Weib von den Töchtern der Kanaaniter nehmen würde. Und als Isaak seinen Sohn Jakob segnete, da gebot er ihm ausdrücklich: "Nimm kein Weib von den Töchtern Kanaans!" (...) Seit den Tagen Abrahams galt es daher in den israelitischen Familien als göttliche Pflicht und heilige Tradition, sich nicht mit fremdländischen Weibern zu vermischen. 22
Es scheint zunächst so, als steht im Vordergrund des Konfliktes Mirjams und Aarons Urteil über Moses Bruch mit der Tradition. Dieser Konfliktpunkt wird auch zuerst angesprochen.
Die Frage nach dem "Reden Gottes allein durch Mose" (V. 2) bringt den zweiten Aspekt zur Sprache. Mirjam fühlt sich offensichtlich in ihrer Rolle als Mittlerin zwischen Gott und Mensch nicht gefragt. Diese Mittlerposition gehörte in Israel zum Amt des Priesters, des Propheten und des Führers. In 2.Mose 15,20 wird Mirjam als Prophetin bezeichnet, in Micha 6,4 wird sie mit Mose und Aaron zusammen als Führerin Israels aufgezählt. Der Zusammenhang macht deutlich, daß Mirjam sehr wohl Leitungsaufgaben und prophetischen Dienst wahrgenommen hat. Ihr Problem lag nicht darin, daß sie keine Mittleraufgaben zu bewältigen hatte, sondern lediglich darin, daß sie in diesem Mittlerdienst nicht die Rolle spielte, die sie sich gewünscht hätte. Die verzerrte Wahrnehmung in diesem Konfliktfall führt - in einer Art Schwarzweißdenken - zu einer
22 Kroeker S. 117
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übertriebenen Verallgemeinerung nach dem Motto: "Gott übergeht uns und gebraucht nur den Mose."
1.5.2. Konfliktlösung durch ein Gottesurteil
Mose schweigt zu den gegen ihn erhobenen Vorwürfen. Sein Verhalten wird als demütig bezeichnet, nach Micha 6,8 ein Verhalten, das Gott von den Menschen fordert. Seine Demut zeigt sich zunächst darin, daß er auf Selbstrechtfertigung verzichtet. Nun tritt Gott selbst mit seinem Handeln auf den Plan. Er nimmt Aaron und Mirjam zur Seite und kommt auf den Kern des Problems zu sprechen: " Ist jemand unter euch ein Prophet des Herrn, dem will ich mich kundmachen in Gesichten oder will mit ihm reden in Träumen. Aber so steht es nicht mit meinem Knecht Mose; (...) Von Mund zu Mund rede ich mit ihm, nicht durch dunkle Worte oder Gleichnisse. Und er sieht den Herrn in seiner Gestalt." (VV. 6-8). Gott beendet den Konflikt durch sein Urteil. Dabei geht er auf die Frage nach dem "kuschitischen Weib" nicht ein. Offensichtlich liegt hier nicht der Kern des Problems.
1.5.3. Konfliktlösung und Vergebungsbereitschaft
Nach seinem Urteil zieht Gott sich zurück und bestraft Miram mit Aussatz, einer Krankheit, die sie an den Rand der Gesellschaft drängt und es ihr nicht mehr möglich macht, am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen. Aaron, der das Gottesurteil akzeptiert und von seinem Verhalten als "sündig" spricht, wendet sich an Mose und bittet für Mirjam. Mit diesem Verhalten akzeptiert er ebenfalls die hervorgehobene Mittlerposition seines Bruders. Mose bittet daraufhin Gott um Heilung für Mirjam. Die Strafe wird auf sieben Tage begrenzt. Mit der Bitte um Heilung zeigt Mose Vergebungsbereitschaft. Dabei wird die Vergebungsbereitschaft nicht in Worten ausgesprochen, sondern durch wohlwollendes Handeln ausgedrückt.
1.5.4. Anregungen für die gemeindliche Gruppenarbeit
Das offensichtliche Problem ist nicht unbedingt das eigentliche Problem Was zuerst angesprochen wird, ist nicht unbedingt die Wurzel des Übels. Problem- und Konfliktlösung in der Gruppe braucht eine "Wurzelbehandlung" - der Konflikt muß zu seinen Ursprüngen zurückverfolgt werden. Dies gilt umso mehr, als gerade die Gruppenarbeit im kirchlichen Bereich ein Nährboden für das Versteckspiel der "Vergeistlichung" eines Problems bietet. Persönliche Schwierigkeiten, Neid und
Eifersuchtsprobleme lassen sich nur zu leicht mit einer vergeistlichten Fragestellung verschlüsseln.
Vorsicht Falle: Verzerrte Wahrnehmung
Konfliktlösung in der Gruppenarbeit hat es bei der Beschreibung der Konfliktursache nicht nur mit Tatsachen zu tun, sondern auch mit den Ergebnissen verzerrter Wahrnehmung. Gesprächsleiter dürfen sich deshalb nicht allein auf die Ausführungen einer "Partei" verlassen. Von Problem- und Konfliktdefinition kann nur die Rede sein, wenn die Beteiligten zu einer gemeinsamen Sicht der Ursache gefunden haben.
Konfliktlösung und die Frage nach dem Willen Gottes
Gruppenarbeit in der kirchlichen Gemeindepraxis hat die Möglichkeit, im gemeinsamen Austausch die Bibel als offenbarten Willen Gottes nach Deutungszusammenhängen und Verhaltensnormen zu befragen. Ein Gruppengespräch über biblische Zusammenhänge kann einen Problemlösungsprozeß beschleunigen.
Konfliktlösung und Vergebungsbereitschaft
Auch unter Christen in der gemeindlichen Gruppenarbeit können Konflikte mit schuldhaftem Handeln verbunden sein. Wo verletzende Worte und Handlungen gegenseitig Wunden geschlagen haben, da ist ein Interessensausgleich allein zu wenig. Vergebungsbereitschaft läßt seelische Verletzungen schneller heilen. Dabei können Taten größere Überzeugungskraft als Worte haben. Wohlwollendes Handeln als Ausdruck der Vergebungsbereitschaft kann ein Neuaufkeimen eines Konfliktes verhindern.
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Georg Braß, 1994, Ausgewählte Methoden der Problemlösung und ihre Bedeutung für die Gruppenarbeit mit Jugendlichen in der kirchlichen Gemeindepraxis, Munich, GRIN Publishing GmbH
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