Srovnání Grillparzerova a Hornova Krále Ottokara a reakce þeské umlecké veejnosti na ob dramata
(Der Vergleich von Grillparzers und von Horns Drama über König Ottokar und die Reaktion der tschechischen künstlerischen Öffentlichkeit auf beide Dramen)
The Comparison of Grillparzer’s and Horn’s King Ottokar and the Response of Czech Cultural Public to Both Plays
Praha 2010
„Patriotismus ist Liebe zu den Seinen; Nationalismus ist Hass auf die anderen.“
Richard von Weizsäcker
Dkuji vedoucímu své diplomové práce panu docentu Milanu Tvrdíkovi za užiteþné rady a podnty, které mi pi psaní velmi pomáhaly. Dále dkuji všem pracovníkm knihoven, studoven a badatelen, kteí trpliv snášeli a odnášeli notn zaprášené prameny a literaturu 19. století a pispívali mi svými radami.
Dkuji také svým milujícím rodiþþm za jejich nekoneþnou lásku a obtavou podporu v mých studiích, tuto práci vnuji s láskou a vdþností práv jim.
Prohlašuji, že jsem tuto diplomovou práci vypracovala samostatn a výhradn s použitím citovaných pramen, literatury a dalších odborných zdroj.
V Praze a Mladých Bukách dne 28. þervence 2010
Anotace
Tato diplomová práce zaþíná krátkým pehledem nmecké a þeské poezie, dramat a román o þeském králi Pemyslu Otakarovi II. Ve druhé kapitole se zabývá dobou, ve které byla napsána tragédie Štstí a pád krále Otakara Franze Grillparzera a okolnostmi jejího vzniku,
zahrnuje informace o censue, kritické reakci ýech ve Vídni a popisuje Grillparzerv vztah k ýechm a jeho pobyty na Morav a v Praze. Tetí kapitola se týká života Uffo Daniela Horna, jeho politického angažmá v revoluci 1848 a stejn tak vývoje jeho vztahu k þeskému národu ped a po revoluci. ýtvrtá kapitola nabízí jak struþné srovnání Hornových obou verzí Krále Otakara, tak podrobnjší porovnání Grillparzerova a Hornova dramatu z hlediska stavby, dje, postav a jejich charakteristik. V poslední kapitole jsou chronologicky seazeny
reakce þeské umlecké veejnosti.
Klíþová slova: Pemysl Otakar II., Franz Grillparzer, Štstí a pád krále Otakara, biedermeier, historické drama, censura, Uffo Daniel Horn, revoluce 1848, Král Otakar, pražská nmecká literatura, politické drama, doba pedbeznová
Annotation
Die Diplomarbeit beginnt mit einer kurzen Übersicht der Titel aus der deutschen und tschechischen Poesie, Drama und Roman über den böhmischen König Pemysl Ottokar II. Das zweite Kapitel befasst sich mit der Charakteristik der Entstehungszeit, in der die Tragödie König Ottokars Glück und Ende von Franz Grillparzer geschrieben wurde und mit Umständen der Arbeit daran sowie Informationen über die Zensur und über die kritischen Reaktionen der Böhmen, bzw. Tschechen in Wien. Man findet hier auch Beschreibung des Verhältnisses Grillparzers zu (den) Böhmen, bzw. zu den Tschechen und seiner Aufenthalte in Prag und Mähren überhaupt. Das dritte Kapitel beschäftigt sich mit dem Leben des Uffo Daniel Horns, mit seinem politischen Engagement in der Revolution 1848 sowie mit der Entwicklung seines Verhältnisses zu der tschechischen Nation vor und nach der Revolution. Das vierte Kapitel bietet sowohl Vergleich beider Fassungen des König Otakars von Horn, als auch Vergleich der Dramen von Grillparzer und von Horn unter einem Gesichtspunkt des Aufbaus, der Handlung, der Figuren und deren Charakteristiken an. Im letzten Kapitel werden die Reaktionen der böhmischen künstlerischen Öffentlichkeit chronologisch geordnet.
Schlüsselwörter: Pemysl Ottokar II., Franz Grillparzer, König Ottokars Glück und Ende, Biedermeier, Zensur, historisches Drama, Uffo Daniel Horn, Revolution 1848, König Otakar, Prager deutsche Literatur, politisches Drama, Vormärz
Annotation
This dissertation commences with a short overview of German and Czech poetry, drama and fiction on the Bohemian King Pemysl Ottokar II. The second chapter discusses the times in which the tragedy König Ottokars Glück und Ende by Franz Grillparzer was written, and the circumstances of its creation - including information on censorship, critical reaction by Czechs in Vienna, Grillparzer’s relation to the Bohemians as well as a description of his stays in Moravia and Prague. The third chapter is concerned with the life of Uffo Daniel Horn, particularly with his political engagement with the revolution of 1848 and with changes in his relation to the Czech nation before and after the revolution. The fourth chapter offers comparisons of Horn’s two versions of König Otakar, and of Grillparzer’s and Horn’s playsin the light of their construction, action, protagonists and their characteristics. The final chapter deals with the responses of the Czech cultural public, in chronological order.
Key words:
Pemysl Ottokar II., Franz Grillparzer, König Ottokars Glück und Ende, biedermaier, censorship, historical drama, Uffo Daniel Horn, 1848 revolution, König Otakar, Prague German literature, political drama, pre-March era
Inhalt
Einleitung. 9
1. Pemysl Otakar II. in der deutschen und tschechischen Dichtung 13
1.1 Poesie 13
1.2 Dramen. 14
1.3 Romane 16
2. König Ottokars Glück und Ende von Grillparzer 17
2.1 Charakteristik der Entstehungszeit 17
2.2 Grillparzers Verhältnis zu (den) Böhmen 18
2.3 Mähren 19
2.4 Arbeit an König Ottokars Glück und Ende. 21
2.5 Zensur - Vorzeichen der Reaktionen. 23
2.6 Reaktion der Böhmen in Wien. 27
2.7 Besuch in Prag 30
3. König Otakar /Ottokar von Uffo Horn 33
3.1 Charakteristik der Entstehungszeit 33
3.2 Uffo Horn - Abstammung und erste Einflüsse. 34
3.3 Vorgeschichte 35
3.4 Horns Engagement für deutsch-tschechische Beziehungen 36
3.4.1 Vormärz 36
3.4.2 März - Mai 1848. 37
3.4.3 Juniaufstand 42
3.4.4 Herbst 1848. 43
3.4.5 Nach 1848 43
3.4.6 Verhältnis zu den Tschechen 47
4. Vergleich der Dramen. 51
4.1 Horns König Otakar vs. Ottokar 51
4.1.1 Namen und Figuren 51
4.1.2 Szenenabfolge 53
4.2 Grillparzer vs. Horn 55
4.2.1 Formaler Aufbau. 55
4.2.2 Handlung. 56
4.2.2.1 Horns Vorrede und Vorspiel. 56
4.2.2.2 Exposition 57
4.2.2.3 Komplikation 57
4.2.2.4 Peripetie 58
4.2.2.5 Retardation. 58
4.2.2.6 Katastrophe 59
4.2.3 Dargestellte Zeit. 59
4.2.4 Dargestellter Ort 62
4.2.5 Figuren 64
4.2.6 Figurenkonstellation 67
4.2.7 Charakteristiken 69
4.2.7.1 König Ottokar 69
4.2.7.2 Rudolf von Habsburg. 70
4.2.7.3 Zawis(ch) (von Falkenstein) 70
4.2.7.4 Kunigunde von Massovien (Machovien) 72
4.2.7.5 Bruno von Olmütz vs. Andreas von Ritschan. 72
4.2.7.6 Milota (von Dedic) 73
4.2.7.7 Merenberg vs. Emmerberg 73
4.2.7.8 Prager Bürger 74
4.2.8 Slawisch vs. deutsch 74
4.2.9 Vergleich. 75
4.2.9.1 Ähnlichkeiten. 75
4.2.9.2 Unterschiede 76
5. Reaktionen 78
5.1. Grillparzers Ottokar 78
5.2. Horns Otakar/Ottokar 89
Schluss 96
Literatur 101
Prim ärliteratur 101
Sekund ärliteratur. 102
Nachschlagwerke 105
Periodika 106
Liste der Anlagen. 107
Anlage 112
Einleitung
Für meine Diplomarbeit habe ich zum Vergleich zwei Dramen gewählt, die denselben Haupthelden haben und den identischen historischen Stoff bearbeiten. Im Jahre 1825 wurde im Wiener Burgtheater das Trauerspiel König Ottokars Glück und Ende von Franz Grillparzer uraufgeführt und genau zwanzig Jahre später erschien in Prag das Trauerspiel König Otakar von Uffo Daniel Horn. Allein diese zwei Tatsachen rufen viele Fragen hervor, die ich mich in der vorliegenden Diplomarbeit zu antworten bemühe. Ist es ein bloßer Zufall, dass zwei Autoren denselben Stoff aufgegriffen haben? Warum haben deutsche Dichter über böhmische Geschichte geschrieben? Wie haben es die Böhmen 1 , bzw. die Tschechen empfunden? Wieso werden diese Dramen auf den tschechischen Bühnen nicht aufgeführt? Aus welchem Grund gibt es keine herausgegebene tschechische Übersetzung von diesen Dramen?
Zuerst beantworte ich jedoch die Frage, wie ich auf dieses Thema gekommen bin. Den österreichischen Dichter Grillparzer lernte ich zum ersten Mal in Wien näher kennen, als ich Das goldene Vlies im Burgtheater miterlebte. Ich verstand nur wenig, aber es war eben der Grund für mich, das Werk zu Hause in Ruhe nachzulesen und weitere Informationen darüber zu suchen. So stieß ich auch auf das Trauerspiel König Ottokars Glück und Ende. Ich sah die Inszenierung, die im Jahre 1955 anlässlich der Wiedereröffnung des Wiener Burgtheaters aufgeführt wurde, auf der Videoaufnahme. Ich fand sie furchtbar pathetisch und sie erinnerte mich sofort an die tschechische Hussiten-Trilogie, die eben in derselben Zeit von Otakar
Vávra in der damaligen ýSSR verfilmt wurde. Obwohl ich in dieser 1955-Aufnahme von König Ottokar auch nicht alles verstand, fühlte ich, dass mein Patriotismus betroffen wurde und so war es Schluss mit dem alten Herrn Grillparzer, dessen Novellen mir doch sonst sehr gefielen.
Den Namen Uffo Daniel Horn kannte ich ziemlich gut, denn ich absolvierte das Gymnasium in Trutnov, wo ab und zu über den deutschen Stadtbürger die Rede war. An seiner Büste im Stadtpark ging ich regelmäßig vorbei und sie gefiel mir sehr. Sein Werk war mir jedoch nicht vertraut. Erst als Germanistik-Studentin las ich zum ersten Mal über sein Trauerspiel König
1 Die Bezeichnung „Böhme“ bedeutet einen übergeordneten Terminus für alle in Ländern der Böhmischen Krone lebenden oder aus diesen stammenden Personen. Als „Deutschböhmen“ bezeichnete man diejenigen Böhmen, die überwiegend deutsch sprachen und sich zur deutschen, bzw. österreichischen Kultur bekannten. Und die „Tschechen“ sind wiederum Böhmen slawischen Stammes, die sich um die tschechische Sprache und Kultur einsetzten (siehe dazu das erste Kapitel ýech, þeský, ýechy, ýesko: Ein Land und seine Namen von Alexander Stich in: Koschmal, Walter/ Nekula Marek/ Rogall, Joachim (Hrsg.). Deutsche und Tschechen: Geschichte, Kultur, Politik. München: Verlag C.H.Beck, 2003. S. 14-24).
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Otakar im Zusammenhang mit Bohemismus. Der unbekannte deutsche Dichter wurde allmählich ein Rätsel für mich und die Diplomarbeit war eine Gelegenheit, ihn besser kennen zu lernen und sich zugleich mit meinem verletzten Patriotismus auseinander zu setzen.
Obwohl dieses Thema auf den ersten Blick als höchst interessant für die tschechische Literaturwissenschaft scheint, wurde es nur relativ wenig beschrieben und wissenschaftlich bearbeitet, sowie die ganze Geschichte der Deutschböhmen im 19. Jahrhundert überhaupt. Trotzdem hat sich letztendlich eine Reihe von Quellen herausgestellt, die an dieser Stelle zu nennen sind.
Ich fange an mit den anderen Diplomarbeiten, wo ich die ersten Spuren zu weiteren Quellen und Literatur gefunden habe. Hana Sojková 2 befasste sich in ihrer Diplomarbeit mit der Rezeption Grillparzerschen Werke mit dem tschechischen historischen oder mythologischen Stoff. Im Institut für Germanische Studien beschäftigten sich mit der Frage „Grillparzer und
die Böhmen bzw. die Tschechen“ Karel Maršík 3 und Otokar Pazdziera 4 , deren Arbeiten jedoch bereits lange überholt sind.
Am nützlichsten war mir die Diplomarbeit von Martin Vavroušek 5 , die Horns Werke sowie Sekundärliteratur übersichtlich anbietet. In der Orientierung auf der politischen Ebene und in der biographischen Faktographie half mir sehr vor allem die Bakkalaureatsarbeit von Barbora
ýermáková 6 .
Im ersten Kapitel bemühte ich mich, eine Übersicht der deutschen sowie der tschechischen Dichtungen über Pemysl Otakar II. zusammen zu stellen. Dazu benutzte ich vor allem die Monographie von Arnošt Kraus im Falle der deutschen Dichtung, im Falle der tschechischen Literatur wählte ich die Titel aus dem Katalog der Nationalbibliothek, die also bis heute relativ zugänglich blieben.
2 Hana Sojková: Problematika recepce dl Franze Grillparzera s tematikou z þeských djin a mytologie. Leitung: Gabriela Veselá, Diplomarbeit (Mgr.). Univerzita Karlova. Filozofická fakulta. Ústav translatologie. Praha, 2009. 82 S. verfügbar aus http://digitool.is.cuni.cz/R/?func=dbin-jump-full&object_id=76820
3 Karel Maršík: Franz Grillparzer a ýeši. Diplomarbeit (Mgr.). Univerzita Karlova. Filozofická fakulta. Ústav germánských studií, Praha, 1965. 150 S.
4 Otokar Pazdziera: Franz Grillparzer a ýeši. Dissertation (PhDr.). Univerzita Karlova. Filozofická fakulta. Ústav germánských studií, Praha, 1969. 75 S.
5 Vavroušek, Martin: Daniel Uffo Horn (1817-1860 über sein Leben und Werk), Leitung: Václav Maidl, Diplomarbeit (Mgr.),Univerzita Karlova. Filozofická fakulta. Ústav germánských studií, Praha, 2007. 146 S. verfügbar aus http://digitool.is.cuni.cz/R/?func=dbin-jump-full&object_id=45270 6 Barbora ýermáková: Nacionalizace þeských Nmc roku 1848 na píkladu básníka Uffo Horna. Leitung: Jií Rak, Bakkalaureatarbeit (Bc.),Univerzita Karlova. Fakulta sociálních vd. Institut mezinárodních studií. Mezinárodní teritoriální studia, Praha, 2001. 95 S.
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Das zweite Kapitel widmete Franz Grillparzer: der Entstehungsgeschichte von König Ottokars Glück und Ende, der Zensurgeschichte und den ersten böhmischen Reaktionen in Wien, Grillparzers Verhältnis zu (den) Böhmen, bzw. zu den Tschechen und seinen Aufenthalten in Böhmen. Dafür waren mir außer einigen Biographien Grillparzers vor allem Pörnbachers Erläuterungen und Dokumente zu König Ottokar sowie Grillparzers Selbstbiographie oder Briefe sehr hilfreich.
Kapitel drei beinhaltet dasselbe über Uffo Horn, nur etwas ausführlicher, denn seine Persönlichkeit ist mit Böhmen viel enger verbunden als diejenige von Grillparzer. Vor allem die Informationen über Horns politisch-gesellschaftliche Tätigkeit im Revolutionsjahr 1848 sowie über seinen Gesinnungswandel in den 50er Jahren sind sehr interessant und rufen viele weitere Fragen hervor. Da sich alle diese Tatsachen in seinem Trauerspiel König Otakar einigermaßen widerspiegeln, halte ich es für notwendig, alle diese Aspekte zu berücksichtigen und in dieser Diplomarbeit zu beschreiben. Horns öffentliche Wirkung ist aus der historischen Fachliteratur über die Revolution 1848 und aus Memoiren von Friþ zu rekonstruieren. Sehr nützlich erweisen sich die biographischen Studien über Horn von Fischer, Hansgirg, Loužil, Urban oder Wurzbach. Einige Informationen können natürlich auch den zeitgenössischen Periodika, wie Bohemia, entnommen werden. Im Archiv der Hauptstadt Prag befindet sich der unverarbeitete Nachlass von Uffo Horn in vier Kartonen. Es gibt dort leider nur wenige Beweise seines politischen Engagements, denn es geht meistens um seinen fragmentarischen dichterischen Nachlass, der nur aus einem geringen Anteil herausgegeben wurde. Eine von den dort sich befindlichen Handschriften halte ich jedoch für besonders wichtig. Es ist seine unvollendete und unveröffentlichte Zeitstudie Vor dem 11. März, die ich in der Diplomarbeit kurz beschreibe und in der Anlage als Transkript zur Verfügung stelle.
Das vierte Kapitel beinhaltet den Vergleich beider Dramen. Von Grillparzers König Ottokars Glück und Ende gibt es nur eine einzige herausgegebene Fassung, während Horn seinen König Otakar später in den König Ottokar umgestaltet hat. Ein oberflächlicher Vergleich von diesen zwei Hornschen Versionen ist hier ebenfalls zu finden. Die zweite Fassung von Horn aus dem Jahre 1859 ist sogar digitalisiert und auf den Webseiten der Nationalbibliothek Prag verfügbar. Für die Dramenanalyse verwende ich das theoretische Handbuch von Hans Krah und beim Vergleich nehme ich vor allem die Monographie von Arnošt Kraus zur Hilfe.
Die Reaktionen auf beide Dramen seit dem 19. Jahrhundert bis heute zähle ich im fünften Kapitel chronologisch mit konkreten Zitierungen auf. Diese entnehme ich den Studien und
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Rezensionen von Bozdch, Friþ, Glückselig, Kraus, Loužil, Hansgirg, Jelinek, Mikovec, Neruda, Tureþek, Wurzbach usw., die in verschiedenen Zeitungen und Zeitschriften, sowie Almanachen und Jahrbüchern veröffentlicht wurden. Es lässt sich darin eine bestimmte Entwicklung verfolgen, die oft von der jeweiligen politischen und gesellschaftlichen Atmosphäre abhängig war.
Die vorliegende Diplomarbeit setzt sich zum Ziel, die bisherigen relevanten Informationen über beide Autoren und deren Dramen zu sammeln und eine Übersicht daraus zusammen zu stellen, aus der man neue Folgerungen ziehen könnte. Ich bemühe mich möglichst genaue Informationen aus den ursprünglichen Quellen mit Hilfe der buchstäblichen Zitierungen zu wiedergeben und möglichst wenig zu interpretieren, denn wie ich mich selbst davon überzeugt habe, kann jede Interpretation der Fakten die ursprüngliche Information sehr verzeichnen.
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1. Pemysl Otakar II. in der deutschen und tschechischen
Dichtung
Die historische Figur des böhmischen Königs Pemysl Otakar II. 7 inspirierte in der Geschichte der Literatur mehrere Autoren zur Bearbeitung dieses historischen Stoffes. Er ist einer der meist besungenen Herrscher dieses Geschlechts seit dem Mittelalter. Es entstanden Loblieder, Elegien, seit dem 17. Jahrhundert Dramen und seit dem 18. Jahrhundert auch Romane. Vor allem sein tragisches Ende lockt sowohl die Dichter als auch die Leser an. Für eine bessere Orientierung in der Problematik dient die folgende summarische Übersicht der wichtigsten deutschen und tschechischen literarischen Werke zu diesem Thema, die bis zum Anfang des 20. Jahrhunderts entstanden sind.
1.1 Poesie
Eine der ersten Dichtungen stammt von Otakars Zeitgenossen Ulrich von Eschenbach (auch Etzenbach), dem ersten in Böhmen geborenen deutschen Dichter, der am Hofe Otakars tätig war. Seine umfangreiche Alexandreis besingt den Fürsten, dessen Wappen ein weißer Löwe im roten Feld zeichnet (Kraus, 1999, S. 290f). Als die schönste Dichtung wird das lateinische Lied Cantilena de rege Bohemiae betrachtet, das durch die Chronik von Colmar erhalten bleibt (Kraus, 1994, S. 291). Ein anderer Zeitgenosse, Namensvetter und Feind des Königs Pemysl Otakar II. hieß Ottokar von Steiermark (falsch genannt auch Horneck), aus dessen Österreichischen Reimchronik Grillparzer Stoff für sein Drama König Ottokars Glück und Ende 8 schöpfte. Grillparzer legte dort dem Chronikschreiber einen berühmten Monolog in den Mund (Kraus, 1994, S. 292f). Noch bevor Grillparzer sein Drama verfasste, schrieb er seine vier Romanzen Rudolf und Ottokar 9 . In derselben Zeit wie Grillparzers Drama entstand das Gedicht Rudolph von Habsburg von dem hohen kirchlichen Würdenträger Ladislaus Pyrker aus Ungarn (Kraus, 1994, 299ff). Der Schauspieler Anschütz, der 1825 Grillparzers Ottokar darstellte, schrieb das Gedicht Die Marchenfeldschlacht (Kraus, 1994, S. 303). Zwei Jahre vor der Erscheinung des Vorspiels zu Horns Drama, wurde in demselben Almanach Libussa das patriotische Gedicht von Emanuel Feder Ottokar der Große abgedruckt. Seine Quelle war
7 In dieser Diplomarbeit wird für die historische Person des böhmischen Königs die tschechische Bezeichnung „Pemysl Otakar II.“ benutzt. Für die literarische Figur des Dramas von Grillparzer wird die verdeutschte Form „Ottokar“ verwendet. Für die Figur im Drama von Horn wird die verkürzte Form „Otakar“ verwendet. Im Falle der Notwendigkeit die beiden Fassungen von Horn zu unterscheiden, wird für seine erste Fassung Bezeichnung „Otakar“, für die zweite Fassung von 1859 „Ottokar“ gebraucht.
8 Weiter verkürzt auf König Ottokar.
9 Sieh dazu Kapitel 2.4 Arbeit an König Ottokars Glück und Ende, S. 21.
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nicht wie bei den vorangehenden Autoren die Österreichische Reimchronik, sondern die Cantilena de rege Bohemiae (Kraus, 1994, S. 306).
In der tschechischen Literatur befindet sich nur ein bedeutenderes poetisches Werk, das ausschließlich dem König Pemysl Otakar II. gewidmet ist. Es geht um das historische
Gedicht von Vojtch Nejedlý 10 , das unter dem Titel Otokar 11 in 3 Bänden im Jahre 1835 in Prag erschien. Dieses dichterisch nicht besonders bedeutende Epos präsentiert in 20 Gesängen die von oben verbreiteten Ideen der aufklärerischen Rationalität und Vollkommenheit. In Otokars Traum tritt die ganze künftige böhmische Geschichte vor, in der nur die starken Individuen den allgemein herrschenden Zerfall besiegen können. (DýL 2, 1960, S. 80).
1.2 Dramen
Eins der ersten Dramen über Pemysl Otakar II. schrieb 1595 Georgius Calaminus. Bereits in seinem Titel Rudolphottocarus zeigt sich, was alle Dramen mit diesem Stoff verbindet, nämlich die zwei gegeneinander stehenden Helden: Der Habsburger Rudolph und Pemysl Otakar II. (Kraus, 1994, S. 306). Da es eine historische Tatsache bleibt, dass Rudolf römischer Kaiser wurde und den böhmischen König besiegte, wird dieser in meisten Dramen viel mehr besungen als Otakar selbst.
Im 17. Jahrhundert wurden mehrere Jesuitenspiele über Rudolf und daher wohl auch über Otakar aufgeführt. In der Jesuitentragödie Ottocarus, Bohemiae rex von Nicolai Vernulaeus ist Otakar die Hauptperson (Kraus, 1994, S. 307). Auffällig ähnlich ist das zeitgenössische
Drama von Lope de Vega La imperial de Oton (Otons Kaiserkrone) 12 . Oton gleicht dem böhmischen König, der Name des Kaisers Rudolf bleibt unverändert (Kraus, 1994, S. 308).
Im Jahre 1785 wurde am Hoftheater in Wien Rudolph von Habsburg des jungen schwäbischen Dichters Werthes uraufgeführt (Kraus, 1994, S. 310). Der ehemalige Jesuit Anton von Klein stellte sich nach der Aufhebung des Ordens ganz in den Dienst der Aufklärung und verfasste ebenfalls im Jahre 1785 seine Tragödie Rudolph von Habsburg. Sie
10 Vojtch Nejedlý (1772 - 1844), tschechischer Geistliche, Dichter, inspiriert von deutschen Dichtern Bürger, Wieland und Klopstock verfasste historischen Epen aus der tschechischen Geschichte (Karel IV., Svatý Václav, Poslední soud, Vratislav), Freund von Šebestián Hnvkovský, Veröffentlichungen in Kvty, Hlasatel und ýasopis Muzejní, populär zu seiner Zeit unter den Landleuten (Otto 18, 1902, S. 44f).
11 DýL und Otto 18 geben den Titel als Pemysl Otakar v Prusích an. Das Epos ist jedoch als Otokar in digitalisierter Form unter
http://kramerius.nkp.cz/kramerius/MShowMonograph.do?id=24474&author=Nejedlý_Vojtch verfügbar.
12 Das Drama von Lope de Vega inspirierte auch den tschechischen Schriftsteller Jií Lebduška, der das Drama Pemysl Otakar II.: Hra o 11 obrazech na námt Lope de Vegy im Jahre 1971 veröffentlichte.
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wurde dann mehrmals umgearbeitet und gekürzt (Kraus, 1994, S. 314-319). Selbst Schiller habe einen Rudolph von Habsburg zu schreiben geplant (Kraus, 1994, S. 320).
Im Jahre 1804 legte Leutnant der kaiserlichen Garde Anton Popper sein Drama Rudolph von Habsburg der Zensur vor, das jedoch nie weder aufgeführt noch gedruckt wurde. Die Zensur wandte ein, „dass auf der Bühne unselige Zeiten geschildert wurden, als die Völker, die jetzt nur einem einzigen Zepter untertan waren, in wildem Kriegsgetümmel gegeneinander entbrannten“ (Kraus, 1994, S. 320). 1806 reichte der Hofschauspieler Ziegler das patriotische Drama Thekla, die Wienerin der Zensur ein, aber es wurde erst 1809 uraufgeführt. Die Rücksicht auf die Tschechen spielte bei der Zensur auch hier eine gewisse Rolle (Kraus, 1994, S. 322). Erfolglos blieb das Schauspiel Rudolf von Habsburg von M. H. Mynart, das 1812 im Theater an der Wien uraufgeführt wurde (Kraus, 1994, S. 324).
Auch das Drama des bekannten August von Kotzebue wurde von der Wiener Zensur ursprünglich verboten. Schreyvogel hat es aber überarbeitet und es wurde 1815 unter dem Titel Ottokars Tod „mit kühler Anerkennung angenommen“ (Kraus, 1994, S. 324). Im Jahre 1816 schickte Direktor im polnischen Kolberg anlässlich der Feierlichkeiten zur Hochzeit des Kaisers sein Drama Rudolf von Habsburg nach Wien. Hier spielt Pemysl Otakar die Hauptrolle, die Zensur schickte das Stück zurück mit dem Wunsch, Rudolf bald zum Hauptheld eines patriotischen Dramas werden zu lassen, die Veränderung wurde jedoch nicht unternommen (Kraus, 1994, S. 329). Vor allem Kotzebues Drama diente Caroline Pichler als Vorlage für ihr Libretto Rudolf von Habsburg (Kraus, 1994, S. 329).
Im Jahre 1825 folgte Grillparzers König Ottokars Glück und Ende, auch dieses Drama stieß auf Ablehnung der Zensur und von den Tschechen wird es ebenfalls sehr negativ aufgenommen (Kraus, 1994, S. 330-370). Eine entschlossene Reaktion auf Grillparzers Ottokar verfasste 1845 der deutschböhmische Dichter Uffo Horn mit seinem König Otakar (Kraus, 1994, S. 371). Diese zwei höchst interessante Widerspiegelungen der politischen und gesellschaftlichen Ereignisse in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts werden in dieser Diplomarbeit ausführlicher behandelt.
Unter den tschechischen Dichtern befinden sich zwei Vertreter, die ihre Werke dem König Pemysl Otakar II. widmeten. Václav Vlþek veröffentlichte im Jahre 1865 sein Trauerspiel unter dem Titel Pemysl Otakar: truchlohra v pti jednáních. Im Jahre 1909 erschien Pemysl
Otakar II: historická tragédie ve þtyech jednáních von Bohumil Bouška.
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1.3 Romane
In der Romanliteratur tritt der historische Roman von Friedrich Christian Schlenkert hervor, den er 1794 als vierbändige Biographie Rudolfs von Habsburg beendete (Kraus, 1994, S. 391). Als Historisches Gemälde der Vorzeit untertitelte im Jahre 1830 Theodor Montanus seinen Roman König Ottokar der Stolze oder der Böhmen Kreuzzug im Preussenlande. (Kraus, 1994, S. 394). In Witzlebens Almanach Vielliebchen erschien 1841 die letzte Erzählung des Autors A. von Tromlitz König Przemysl Ottocar (Kraus, 1994, S. 395).
Während die Dramenautoren den König Otakar meistens mit Rudolf von Habsburg verbanden, spielte in Romanen der Rosenberg Záviš von Falkenstein 13 eine entscheidende Rolle. So ist es in den ersten zwei Teilen des dreiteiligen Romans Záviš von Rosenberg, genannt von Falkenstein, der 1860 in Prag erschienen ist. Sein Autor August Peters nannte sich nach seinem Heimatdorf bei Chemnitz Elfried von Taura. Er schildert die böhmische Vergangenheit, als ob er ein tschechischer Patriot wäre. Peters gehörte nach Kraus „zu der geringen Zahl aufrichtiger Freunde der Versöhnung der Völker auf dem Boden der Freiheit, die sich nicht einmal vom Jahr 1848 täuschen ließen“ (Kraus, 1994, S. 397f). Das Gegenteil von Peters’ Záviš bildet derjenige von August Sperl, erschienen 1897 in München. Der Roman Die Söhne des Herrn Budivoj, mit dem sich Sperl einen klangvollen Namen in der modernen Literatur erwarb, bemüht sich die Vorgänge getreu der zeitgenössischen Quellen zu schildern (Kraus, 1994, S. 402).
Die tschechische Romanliteratur verfügt über einen bedeutenderen historischen Roman. Der stammt von der tschechischen Autorin der nationalen Wiedergeburt Sofie Podlipská. Ihr historischer Roman Pemysl Otakar II. erschien in den Jahren 1892 - 1893 und besteht aus drei Bänden: 1. Buch: Anežka Palceík. Nomeda, 2. Buch: Markéta Babenberská, 3. Buch: Kunhuta. Anežka Pemyslovna.
13 Ähnlich wie beim Pemysl Otakar II. wird auch die historische Person des Rosenbergs in dieser Diplomarbeit mit dem tschechischen Namen „Záviš“ bezeichnet. Grillparzer nennt seine literarische Figur mit dem deutschen Äquivalent „Zawisch“, Horn benutzt in der ersten Fassung „Zawiš von Falkenstein“ in der zweiten Fassung „Zawis von Falkenstein“.
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2. König Ottokars Glück und Ende von Grillparzer
2.1 Charakteristik der Entstehungszeit
Grillparzers Trauerspiel in fünf Aufzügen König Ottokars Glück und Ende entstand in der ersten Hälfte der 20er Jahre des 19. Jahrhunderts. Es war eine sowohl politisch als auch wirtschaftlich relativ stabile Zeit zwischen zwei revolutionären Ereignissen, nämlich zwischen der Französischen Revolution, die dadurch entfesselten napoleonischen Kriegen mitgerechnet, und dem Revolutionsjahr 1848. Alle diese historischen Meilensteine bestimmten das Kulturleben in der Habsburgischen Monarchie maßgebend mit.
Nach der Niederlage Napoleons in der Schlacht von Waterloo 1815 und seiner Verbannung wurden die Beschlüsse umgesetzt, die auf dem Wiener Kongress ausgehandelt worden waren. Es ging um eine Ordnung Europas mit dem Ziel einer Restauration, d. h. der Wiederherstellung jener Verhältnisse, die vor der Französischen Revolution Europa geprägt hatten. Zu diesem Zweck gingen die konservativen Monarchen, der österreichische Kaiser Franz I., der russische Zar Alexander I. und der preußische König Friedrich Wilhelm III. ein Bündnis ein. Eine bedeutende politische Rolle spielte der Fürst Metternich, der im Dienst des österreichischen Kaisers stand. Er setzte die sogenannten Karlsbader Beschlüsse von 1819 durch, die eine starke Einschränkung jeglicher politischer Betätigung der Öffentlichkeit bedeuteten. Es wurde eine strenge Zensur für alle Veröffentlichungen eingeführt.
In der österreichischen Literatur entwickelten sich unter diesen Bedingungen parallel zur Romantik einerseits die Strömung des Biedermeiers und andererseits der österreichische Klassizismus, der vor allem durch Franz Grillparzer (1791 - 1871) repräsentiert wird. Der Ausdruck „Biedermeier“ bezieht sich zum einen auf die subtile Wohnkultur und Kunst des Bürgertums, zum anderen auf die Literatur der Zeit. Als typisch für diese Zeit galt die Flucht ins Idyll und die Begrenzung des politisch-öffentlichen Engagements auf rein wissenschaftliche oder künstlerische Tätigkeit. Man wandte sich mehr der Ausbildung zu. Das kulturelle und gesellschaftliche Leben spielte sich in Folge der politischen Einschränkungen im Privaten ab. Die einzige Ausnahme bildete das Theater.
Bereits seit dem Beginn des 19. Jahrhunderts herrschte in den führenden Kreisen der Wiener Regierung das Bestreben, alles zu unterstützen, was die Vaterlandsliebe heben und beleben konnte. Das Theater diente damals als einer der wenigen öffentlichen Versammlungsorte, den die schaulustigen Wiener fleißig besuchten. So erschien die dramatische Kunst als das
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wirksamste Mittel zur Erreichung des patriotischen Zweckes. Zu den beliebtesten gehörten zu dieser Zeit vor allem Goethes und Schillers historische Trauerspiele (Necker, o. J., Band 5, S. 4f). Österreich verfügte bisher jedoch nicht über seine eigene, dermaßen hervorragende, schöpferische Persönlichkeit des Dramas und der Literatur überhaupt.
2.2 Grillparzers Verhältnis zu (den) Böhmen
Franz Grillparzer wurde 1791 in Wien geboren, wo er in der bürgerlichen Familie eines Rechtsanwaltes aufwuchs. Für ihn war damals Böhmen eins der vielen Länder im Vielvölkerstaat der Habsburgischen Monarchie, das er während einiger Aufenthalte teilweise kennen lernen konnte.
Kraus beschreibt das Bild der Böhmen in Augen der Wiener Bürger, für die Wien die „einzige Kaiserstadt“ war und das übrige Reich nur Provinz darstellte, die die Bedürfnisse der Hauptstadt zu decken hat. Die ganze Provinz schickte ihre Stellvertreter nach Wien, nach diesen sich die Wiener ein Bild von allen Völkern machten. Der stärkste Zustrom aus Böhmen kam aus Norden, von der „Taborlinie“. Es waren überwiegend Handwerker, Arbeiter und Lehrlinge, armes Volk mit Schwielen an den Händen, ungeschliffen, pöbelhaft und erniedrigt. Sie wurden „Böhm’“ genannt, dieses Wort bekam einen so unfreundlichen Bedeutungsgehalt, dass Grillparzer, der die Tschechen in ihrem Heimatland kennen gelernt hat, sie scherzhaft von diesem Namen befreien wollte. Und deshalb nannten diese Böhmen sich selbst lieber „Tschechen“. „Der Adel, die Bürger, die Beamten, die Gelehrten, die aus Böhmen kamen, unterschieden sich in nichts von den deutschen Österreichern; wenn sie irgendeine Besonderheit, zum Beispiel in der Aussprache, aufwiesen, sahen sie zu, sie loszuwerden und empfanden sie als einen Makel“ (Kraus, 1999, S. 362f).
Abgesehen vom Umgang mit den Böhmen in Wien gründete Grillparzer sein Verhältnis zu den Böhmen größtenteils auf eigenen Erfahrungen und Erlebnissen aus den wenigen Böhmenaufenthalten, die nicht immer unter glücklichen Bedingungen verliefen. Seine Schilderungen und Bemerkungen in der Selbstbiographie, Briefen und Tagebüchern klingen für Böhmen nicht immer schmeichelhaft aus. Die weitere Entwicklung der Beziehung Grillparzers zu den Böhmen wird im Kapitel 2.6 Reaktion der Böhmen in Wien weitergeführt.
Grillparzer war ein sehr empfindsamer Mensch, der sich leicht durch äußere Anregungen stark und langfristig, wenn auch nicht endgültig beeinflussen ließ. Gerhart Reckzeh analysiert ausführlich Grillparzers Verhältnis zu den Tschechen anhand dessen Aussagen in der
18
Monographie Grillparzer und die Slaven 14 . Die Anschauungen über die Tschechen bei Grillparzer modifizierten sich je nach der momentanen politischen Lage und nach der intensiveren oder geringeren direkten Berührung mit dieser Nation.
Ausgehend von einer physischen Antipathie in den Jugendjahren, wächst Grillparzers Abneigung allmählich zu politisch begründeter Feindschaft und gleichzeitiger Verachtung des tschechischen Nationalcharakters wie Missachtung seiner Lebensansprüche. Nach Reckzeh erreicht Grillparzers feindseliger und zugleich verächtlicher Standpunkt einen Höhepunkt gerade im König Ottokar. Dann nimmt er zögernd dies und jenes zurück, aber immerhin bleibt in seinem spärlichen Lob ein Tadel verborgen. Aus der anfänglich unterschiedslosen Verneinung entwickelte sich eine bloße Anerkennung der realen Bedeutung dieser Nation, jedoch nie eine Anerkennung ihrer inneren Werte, ihres nationalen Wesens (Reckzeh, 1929, S.11f).
Zusammenfassend könnte man die Entwicklung der Beziehung Grillparzers zu den Böhmen etwa so charakterisieren. Im Allgemeinen kann man diese Beziehung als eine ambivalente bezeichnen, sie hat sich jedoch nach der Uraufführung von König Ottokars Glück und Ende radikal verschlechtert. Eine bestimmte Rolle spielten gewiss auch Grillparzers Besuche des Landes und der zweite Besuch in Mähren spiegelte sich direkt in seinem König Ottokar wider. Nach dem Besuch Prags, das ihn begeisterte, hat er seine Meinung vorübergehend aufgewertet, nach 1848 kritisierte er wiederum den wachsenden tschechischen Patriotismus.
2.3 Mähren
Als 1809 Grillparzers Vater verstarb, geriet die Familie in Not und der 18jährige Franz musste als der älteste Sohn noch während des Jurastudiums seine Mutter und drei jüngere Brüder materiell sichern (Auernheimer, 1972, S.17f). Seit März 1812 gab Grillparzer
Unterricht dem Neffen des Grafen Josef August von Seilern 15 . Mit dieser Familie besuchte Grillparzer als 21jähriger zum ersten Mal Böhmen, bzw. Mähren (Müller, 1963, S. 23). Die
Familie verbrachte den Sommer 1812 an ihren Gütern in Kralitz 16 und Lukow 17 , wo Grillparzer mit seinem, bloß ein Jahr jüngeren, Zögling völlig beschäftigt war und daher fast
14 Kapitel I: Direkte Aeußerungen Grillparzers über das Slaventum. 1. Die Tschechen
15 Besitzer der Fideicommissherrschaften Litschau in Niederösterreich, Kralitz u. Lukow etc. in Mähren (Pierrer’s 15, 1862, S. 796).
16 Kralitz (tschechisch Kralice na Hané) befindet sich 5 km östlich von Prostjov.
17 Grillparzer spricht über Lukow, so hieß die ehemalige Burg, 1804-1810 ließen die Seilern in der Nähe ein Schloss mit Fasanerie bauen, das heute Lešná genannt wird (http://www.zoozlin.eu/cz/zamek-lesna/).
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keine Zeit für seine eigenen dichterischen Bemühungen hatte, was ihn sehr verstimmte. Die ersten Eindrücke aus dem Aufenthalt in Mähren beschrieb er in dem Brief an seine Mutter aus dem 2. August 1812:
Das Land wollte mir anfangs gar nicht behagen, aber das gibt sich nach und nach, ich kann jetzt schon beinahe die Mährischen Bauernweiber hören, sehen und riechen, ohne mich zu übergeben, was mir anfangs sehr schwer gelingen wollte. (Grillparzer, 1913, S. 36f)
Daraus lässt sich schließen, dass ihn die mährische Landschaft trotz allem allmählich eingenommen hatte. In seinen Erinnerungen in der Selbstbiographie, die mit etwa vierzigjährigem Abstand geschrieben worden ist, drückt er sich allerdings viel freundlicher aus:
Das Landleben ist angenehm für sich, und so fand ich mich denn endlich zurecht. Ich fing sogar an, die böhmische Sprache zu lernen, habe es aber nie weiter gebracht, als zur Benennung der Speisen, den Schimpfnamen und den Jagdausdrücken. (Grillparzer, 1924, S. 185)
Den nächsten Sommer 1813 verbrachte Grillparzer mit der Familie Seilern wieder in Mähren. Diesmal nahm der Landaufenthalt ein böses Ende. Als nämlich der junge Grillparzer den alten Grafen von Seilern auf dessen ausdrücklichen Wunsch in der offenen Kutsche in die Kirche begleitete, erkältete er sich beim Regenschauer so stark, dass er mehrere Tage im Fieber lag. Er wurde außerhalb des Schlosses in einem Badhaus vom Personal versorgt, das kaum Deutsch sprach und das ihn noch bestahl. Ihm ging es so schlimm, dass man zu ihm sogar einen Geistlichen rief. Diese Erfahrung muss in dem jungen Mann einen bitteren Nachgeschmack hinterlassen haben, um so mehr, als er nach seiner Rückkehr in Wien an Rezidiv litt und nachher bei Seilerns als Erscheinung betrachtet wurde, denn man habe an seine Genesung nicht mehr geglaubt und einen neuen Hofmeister bestellt (Grillparzer, 1924, S. 187ff).
Die Zeit in Seilerns Diensten bezeichnet Grillparzer aus vielen Gründen als „die traurigste Zeit meines Lebens, hat die übelste Wirkung auf meine Stimmung und Jugendentwicklung gehabt und nur die Lagen und dringenden Bitten meiner Mutter hielten mich ab, den Zwang gewaltsam zu durchbrechen“ (Grillparzer, 1924, S. 186).
Es gibt Vermutungen, dass Grillparzer Inspiration zu der Ahnfrau bei einem der mährischen Aufenthalte in der Schlossbibliothek in Groß Ullersdorf (Velké Losiny) gefunden habe (Antonín, 2007, S. 15). Nach Luboš Antonín habe Grillparzer den Stoff zu Ahnfrau geschöpft aus der Legende über Borotiner weißer Frau, die auf deutsch in der Geschichte Die blutende
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Gestalt mit Dolch und Lampe oder Die Beschwörung im Schlosse Stern bei Prag bearbeitet
wurde (Antonín, 2007, S. 15). Das lässt sich jedoch nicht zuverlässig nachweisen 18 .
Eine Szene in König Ottokars Glück und Ende erinnert allerdings ganz offensichtlich an Orte des zweiten mährischen Aufenthalts im Jahre 1813, als Grillparzer krank in einem Badhaus hilflos lag:
In Znaim verlor er sich von dem Gefolge […] 1978
In Kraliz sah man ihn, in Hradisch, Lukow; 1981
Zuletzt in Kostelez, hartbei an Stip, Da, wo die kleine Wunderquelle fließt, […] Ein ärmlich Badhaus steht dort in der Tiefe, […] 1985
Ein Ort zum Sterben mehr, als um zu leben! 1988 (Grillparzer, 1992, S. 76)
Seit 1815 wurde Grillparzer als Konzeptspraktikant bei der Hofkammer (der späteren Finanzkammer) angestellt, wo er den Grafen Stadion kennen lernte, der seine literarische Arbeit unterstützte. Grillparzer verbrachte als Ministerialkonzipist beim Finanzminister Stadion 19 und dessen Familie in Jamnitz 20 einige Monate im Jahre 1823, was er jedoch als „unleidlich“ bezeichnete (Grillparzer, 1924, S. 247). Hier entstand das Gedicht Entzauberung 21 . Noch drei Jahre später auf der Reise nach Deutschland über Znaim erinnert er sich an „jene Frohnfahrten“ mit dem Grafen Stadion (Grillparzer, 1916, S. 221).
2.4 Arbeit an König Ottokars Glück und Ende
Das Trauerspiel König Ottokars Glück und Ende gehört zu den frühen Werken Grillparzers, trotzdem war er in der Zeit der Entstehung dieses Dramas kein unerfahrener Dramatiker mehr. Aus den Jahren 1809 bis 1815 stammen zahlreiche dramatische Ansätze, Entwürfe und auch seine erste vollendete Jambentragödie Blanka von Kastilien (1810), die jedoch nicht zu seinen Lebzeiten uraufgeführt wurde (Müller, 1973, S. 20f).
18 Siehe dazu den Beitrag von Pavel Schafferhans: Byla skuteþn Pramáti na hrad Borotín? In: Pod Blaníkem, Jg. XI. (XXXIII.), Nr. 3, S. 9-13.
19 Johann Philippe I. Graf v. Stadion (1763-1824) hat als öster. Minister des Äußern und der Finanzen große Verdienste um Wiederherstellung und Ordnung des zerrütteten öster. Finanzwesens erworben (Brockhaus 4, 1841, S. 272).
20 Tschechisch Jemnice, 1815-1826 gehörte dem Grafen J. P. von Stadion (http://www.mesto-jemnice.cz/vismo/dokumenty2.asp?id_org=5822&p1=1227&id=46227).
21 Franz Grillparzer: Sämtliche Werke. Band 1, München [1960-1965], S. 161 verfügbar aus http://www.zeno.org/Literatur/M/Grillparzer,+Franz/Gedichte/Gedichte/Entzauberung?hl=entzauberung.
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Der Anfang der öffentlichen dramatischen Tätigkeit Grillparzers datiert sich wohl seit seiner
Bekanntschaft mit dem Burgtheaterdirektor Josef Schreyvogel 22 im Jahre 1816. Dieser gab dem jungen Dichter Zutrauen in seine dramaturgische Begabung und ermunterte ihn zu literarischer Tätigkeit. Es entwickelte sich in der Folgezeit zwischen den beiden eine enge Freundschaft. Der „beamtete Dichter oder der dichtende Beamte“ Franz Grillparzer führte mit seinen ersten Stücken eine Wende herbei, denn unmittelbar nach dem erfolgreichen Schicksalsdrama Ahnfrau (Uraufführung 31. 1. 1817) entstand in kurzer Zeit von drei Wochen Sappho (21. 4. 1818). Sein Ruf verbreitete sich von jetzt an über die Grenzen des österreichischen Kaiserstaates. Die deutschsprachigen Bühnen begannen seine Stücke aufzuführen, auch der Buchmarkt wurde auf Grillparzer aufmerksam gemacht. Im Mai 1818 wurde er für die kommenden fünf Jahre zum Theaterdichter ernannt und begann an der Trilogie Das goldene Vlies zu arbeiten (Mikoletzky, 1990, S. 11f).
Zur böhmischen Mythologie und Geschichte neigte Grillparzer seit seinen Schuljahren 23 und auch in seinem ersten erfolgreichen Drama Ahnfrau habe er eine alte böhmische Legende bearbeitet. So ist König Ottokars Glück und Ende weder das erste noch das letzte Werk Grillparzers mit einer böhmischen Thematik. Es sind noch weitere Dramen zu nennen:
Libussa, Ein Bruderzwist in Habsburg und ein Fragment Drahomira 24 .
Mitte November 1818, noch während der Arbeit am Goldenen Vlies, las Grillparzer in Pubitschkas 25 Chronologischer Geschichte Böhmens. Das brachte ihn auf den Gedanken, ein Trauerspiel König Ottokar zu schreiben (Pörnbacher, 1970, S. 31). Bereits im Dezember 1818 und im Januar 1819 verfasste Grillparzer vier Romanzen im trochäischen Versmaß unter dem
Titel Rudolf und Ottokar (Pörnbacher, 1970, S. 52). Nach dem Selbstmord seiner Mutter 26 reiste Grillparzer zur Ablenkung von dem traurigen Ereignis nach Italien, wo er das verhängnisvolle „römische“ Gedicht verfasste, das von Zensur als „Papsttum beleidigende“
22 Josef Schreyvogel (1768-1832), Dramaturg und Dichter, studierte in Wien, privatisierte 1794-97 in Jena, wo er an Schillers Thalia und Wielands Merkur mitarbeitete, und war 1802 an Kotzebues Stelle als kaiserlicher Hoftheatersekretär nach Wien berufen. Nachdem er 1814 in sein früheres Amt als Hoftheatersekretär zurückgetreten ist, erwarb er sich große Verdienste um die Hebung des Burgtheaters, besonders durch seine treffliche Bearbeitung spanischer Dramen. Grillparzer schätzte ihn als Freund und literarischen Berater sehr hoch (Meyers 18, 1905, Seite 37).
23 Im Sommersemester 1807 entstand der Entwurf einer Schulaufgabe unter dem Titel Rede zum Lobe Rudolfs von Habsburg (Pörnbacher, 1970, S. 51).
24 Zu diesem Thema siehe Hana Sojková, l.c.
25 Franz Pubitschka (1722 - 1807), Jesuit und Geschichtsschreiber, Lehrer in Prag, Olmütz und andern Orten, 1785 philosophischer Doktorgrad an der Prager Universität, verblieb auch nach der Aufhebung seines Ordens in Prag, Historiograph des Königreichs Böhmen: Chronologische Geschichte Böhmens unter den Slaven (Prag 1770-1808, in 10 Bänden), die erste in deutscher Sprache abgefasste Geschichte Böhmens bis auf Kaiser Ferdinand II. (Meyers 16, 1908, S. 435).
26 23. Januar 1819 (Auernheimer, 1972, S. 88f).
22
bezeichnet wurde und einige Schwierigkeiten dem jungen Autor bereitete (Mikoletzky, 1990 S. 20).
Am 6. März 1821 verlobte sich Grillparzer mit Katharina Fröhlich, die er jedoch nie heiratete (Mikoletzky, 1990, S. 18). Noch in demselben Monat, am 26. und 27. März, war das Goldene Vlies zur Uraufführung gekommen ohne einen besonderen Erfolg (Mikoletzky, 1990, S. 23). Im August desselben Jahres wurde Grillparzer von der Allgemeinen Hofkammer 27 ins Finanzministerium versetzt und beendete daher seinen besoldeten Vertrag mit dem Burgtheater, dessen Dichter er aber weiterhin blieb (Mikoletzky, 1990, S. 23).
Als Grillparzer im Juli 1821 über Napoleons Tod erfuhr, begann er sich mit dieser Persönlichkeit näher zu beschäftigen und fand bestimmte entfernte Ähnlichkeiten mit dem Böhmenkönig Ottokar II. Seitdem fing er mit dem intensiven Studium der böhmischen Geschichte des Mittelalters an, wozu er auch Mittelhochdeutsch lernte, denn eine seiner
Hauptquellen war die Reimchronik Ottokars von Horneck 28 (Grillparzer, 1924, S. 240). Die mehrmals überarbeitete Reinschrift des Trauerspiels reichte er nach Mitte Oktober 1823 beim Hofburgtheater ein (Pörnbacher, 1970, S. 64).
2.5 Zensur - Vorzeichen der Reaktionen
Der Polizeipräsident Graf Sedlnitzky 29 verkannte „keineswegs die gute Absicht des Verfassers, das Andenken des großen Stifters der Habsburgischen Dynastie, somit einer der glänzendsten Epochen in der Geschichte des österreichischen Kaiserhauses anzuregen“ (Pörnbacher, 1970, S. 73). Andererseits wendete er unter anderem ein, dass das „Hauptmotiv der Katastrophe“, nämlich die Scheidung Ottokars von seiner ersten kinderlosen Gemahlin Margarethe von Österreich und die Vermählung mit Kunigunde von Massovien, „von dem Publikum auf die Geschichte der neuesten Zeit bezogen werden und sohin den Anlaß zu
27 Ab 2. März 1815 als Konzeptspraktikant bei der Allgemeinen Hofkammer (Mikoletzky, 1990, S. 10).
28 Ottokar von Horneck, war aus Steyermark im Gefolge Rudolfs von Habsburg, ritterlicher Dienstmann des Grafen Otto von Lichtenstein und starb um 1320. Er verfasste zwischen 1300 und 1317 eine Österreichische Chronik in Versen, welche die Begebenheiten der zweiten Hälfte des 13. Jahrh. erzählt, herausgegeben in 3 Bänden von Pez, Scriptores rerum austriacarum (Pierer's 8, 1859, S. 542).
29 Joseph Graf Sedlnitzky von Choltitz (1778 - 1855) österreich. Polizeipräsident, geboren in Troplowitz in Österreichisch-Schlesien aus einem alten böhmischen, früh nach Mähren übergesiedelten Geschlecht, diente zuerst beim Landesgubernium in Lemberg, kam dann als Kreiskommissar nach Brünn, 1806 als Kreishauptmann nach Troppau, später als Gubernial-Vizepräsident nach Lemberg und wurde 1815 Vizepräsident, 1817 Präsident der obersten Polizei- und Zensurhofstelle in Wien, der er bis zum Jahre 1848 als rechte Hand des Ministers Metternich vorstand. Der von ihm ausgeübte Zensurdruck und sein Polizeispürsystem trugen viel zum Ausbruch der Märzrevolution bei (Meyers 18, 1909, S. 244).
23
unangenehmen Erinnerungen geben dürfte“ 30 . Es ist genau eine der Ähnlichkeiten mit Napoleon, die Grillparzer an Ottokar II. bereits 1821 erinnerte, wie er es auch in seiner Selbstbiographie erwähnt (Grillparzer, 1924, S. 240). Sedlnitzky befürchtete weiter, durchaus berechtigt, wie es sich auch später zeigte, dass „die im grellsten Lichte hier dargestellten, die Hauptmotive und Momente des Trauerspiels begründenden heftigen Reibungen der verschiedenen Völkerstämme des österreichischen Kaiserstaates untereinander, besonders aber der Kontrast, in welchem die Österreicher gegenüber denen überall mit den ungünstigsten Farben geschilderten Böhmen hier dargestellt werden, billigen Anstand gegen die Zulässigkeit des vorliegenden Trauerspieles erregen dürfte“ (Pörnbacher, 1970, S. 67).
Die amtliche Stellungnahme von der Hof- und Staatskanzlei folgte schon nach zehn Tagen und teilte mit, dass „ohne gänzliche Umarbeitung“ das Trauerspiel weder im Druck erscheinen noch auf irgendeiner österreichischen, desto weniger auf der Bühne des k. k. Hoftheaters aufgeführt werden durfte (Pörnbacher, 1970, S. 69). Es wurde jedoch von der Zensur kein offizieller Erlass veröffentlicht. Erst in einem amtlichen Verzeichnis der nicht zugelassenen Stücke vom 21. Januar 1824 stand auch das Trauerspiel König Ottokar da und zwar „aus politischen Gründen“ (Pörnbacher, 1970, S. 70).
Nur reiner Zufall hat dem Stück zur Aufführung verholfen und zwar, dass die Kaiserin Karoline Auguste sich zu dieser Zeit „unwohl befand“ (Grillparzer, 1924, S. 248). Während sie etwas zum Lesen suchte, fiel ihr ein, sich etwas von der Zensurstelle holen zu lassen. Der
Dichter Matthäus Collin 31 empfahl ihr gerade Grillparzers Trauerspiel König Ottokar, das Kaiserin sehr beeindruckte. Als sie vor dem Kaiser ihre Verwunderung aussprach, dass dieses
Stück von der Zensurhofstelle vorenthalten wird, betraute Kaiser seinen Leibarzt Stifft 32 mit Beurteilung des Trauerspiels. Dieses Gutachten beseitigte durch schlagende Argumente alle Einwände und Befürchtungen des Graphen Sedlnitzky und bewertete das historische Stück auch künstlerisch sehr hoch. Zur Frage der potentiellen Völkerunruhen äußert sich Stifft folgend:
30 Aus der Note der Polizei-Hofstelle an die k. k. geh. Hof- und Staatskanzlei von 21. 12. 1823, zitiert nach Pörnbacher, 1970, S. 67.
31 Matthäus von Collin (1779 - 1824) Dichter und Ästhetiker, studierte neben der Rechtswissenschaft auch Philosophie und Geschichte, wurde 1808 Professor der Ästhetik an der Universität Krakau und später Proffessor der Geschichte und Philosophie in Wien. 1815 übernahm er die Erziehung des Herzogs von Reichstadt (Sohn Napoleons I. und Marie-Luise von Österreich, der in Wien erzogen wurde) (Meyers 4, S. 227).
32 Andreas Joseph Freiherr von Stifft (1760 - 1836) wurde 1795 Stadtphysicus, 1796 Hofarzt, 1798 wirklicher Leibarzt, 1803-8 auch Direktor des medizinischen Studiums in Wien, 1813 geheimer Rat, Staats- u. Konferenzrat und 1826 geadelt. Seinem Einfluss auf Kaiser Franz I. verdankte man 1832 die Aufhebung der Cholerasperre in Österreich (Pierer's 16, 1863, S. 828).
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