1. Einleitung
In der hier vorliegenden Arbeit soll es um einen thematischen Schwerpunkt im Erec Hartmanns von Aue gehen. Die um 1180 herum entstandene Verserzählung gilt als der erste Artusroman in deutscher Sprache. Hartman übertrug und bearbeitete Erec et Enide von Chrétiens de Troyes und schuf den prominentesten Typus des höfischen Romans im deutschsprachigen Raum. 1
Inhaltlich geht es um den adligen Jüngling Erec, der durch âventiure und durch die Liebe zu Enite zu Herrschaft und Ehre kommt. Er verliert den erreichten Status jedoch und muss ihn auf einer zweiten, etwas längeren âventiure-Fahrt wieder zurückgewinnen.
Auf den ersten Blick geht es thematisch hauptsächlich um die Rückeroberung der verlorenen Ritterehre sowie den Tugenden eines Ritters. Bei näherer Untersuchung wird jedoch klar, dass die Problematik der richtigen und falschen Liebe einen ebenso großen Platz einnimmt und einen unerlässlichen Interpretationspunkt bildet. Mein besonderes Augenmerk liegt hierbei auf dem Schweigegebot, welches Erec Enite auferlegt hat. Die Ursache dieses Gebots ist, meiner Ansicht nach, im verligen des Paares in Karnant zu suchen. Aufgrund dieser inhaltlichen Korrespondenz scheint es erforderlich, auch dieses Thema zu bearbeiten und darauf einzugehen. Bevor jedoch zu dem eben genannten Kern der Arbeit übergegangen werden kann, muss kurz auf den Aspekt der höfischen Liebe Bezug genommen werden. Dies ist wichtig für den Gesamtzusammenhang, da über die allgemeine Bedeutungserklärung und die Definition des Minnebegriffs geklärt werden kann, welche Ausgangs- und Endsituationen Erec und Enite im Roman haben und erreichen.
2. Höfische Liebe
2.1 Höfische Liebe im Allgemeinen
Höfische Liebe tritt in zahlreichen Facetten in der Literatur auf. Aus diesem Grund erscheint es schwierig, den Begriff näher zu bestimmen. Auch in der Literatur wird der Begriff der höfischen Liebe verschiedentlich gebraucht und interpretiert. Eine erste Definition gab Gaston Paris, der dieser Form der Liebe vier Merkmale zuordnete: sie tritt heimlich und somit ungesetzlich auf, fordert die Unterordnung und völlige Hingabe, sowie das Bemühen des Mannes, besser und vollkommener zu werden
1 Vgl. Gert Hübner: Ältere deutsche Literatur: Eine Einführung. Seite 112
2
und stellt eine „Kunst, eine Wissenschaft, eine Tugend“ dar, deren Regeln von Seiten des Paares beachtet werden müssen. 2
Neben diesen Merkmalen gibt es für die Forschung ein weiteres Kennzeichen der höfischen Liebe: den, für den Minnesang wichtigen Dienstgedanken. In der Lyrik äußerte sich dieser durch Lieder, in der Epik besonders durch âventiure. Weitere Kennzeichen dieser mittelalterlichen Liebesform waren außerdem die Unehelichkeit, sowie der höhere Stand einer umworbenen Dame. Diese Merkmale erscheinen jedoch relativ willkürlich gesetzt, da es immer wieder Ausnahmen gab. 3 Verallgemeinernd kann über das Phänomen höfische Liebe gesagt werden, dass es sich stets im Rahmen eines höfischen Gesellschaftsentwurfs wieder finden lässt und in diesen eingebettet ist. 4 Auch verstand man eine Art poetisches Gesellschaftsmodell unter der Begrifflichkeit, eine Art Tugendlehre. Der Liebende strebt nach Tugendhaftigkeit und höfischer Vollkommenheit, da der Liebe zwölf Tugenden zugeschrieben wurden, unter anderem Tapferkeit, Aufrichtigkeit, Mäßigung, Fürsorge, Beständigkeit, Demut und Liebe.
Von besonderer Bedeutung erscheint hierbei die Unterscheidung der guten und der schlechten Liebe in der höfischen Kultur. Diese Thematik soll im nächsten Punkt genauer dargestellt werden.
2.2 Hohe und niedere Minne
Grundlegend war die Unterscheidung zwischen caritas (religiöse Liebe) und cupiditas (Sinneslust). Daraus ergaben sich folgende Bedeutungen: die Liebe zu Gott (caritas) und die Liebe zur Welt (cupiditas). 5 Die Dichter haben diese Definition von den Theologen übernommen, jedoch nicht in weltliche und geistliche Liebe unterschieden, sondern in zwei Arten weltlicher Liebe: gute und schlechte, wahre und falsche, vernünftige und blinde Liebe. 6 Aus dieser Begriffsbildung ergab sich die literarische Definition von hoher und niederer Minne. Die höfische Liebe verschrieb sich den Merkmalen der guten, wahren, vernünftigen Liebe und somit der hohen Minne. Diese waren die Rationalisierung der Liebe, Kontrolle der Affekte, Sublimierung der Triebhaftigkeit. Die niedere Minne hingegen war verderblich und geprägt durch
2 Vgl. Joachim Bumke: Höfische Kultur. Seite 504
3 Vgl. Joachim Bumke: Höfische Kultur. Seite 511
4 Vgl. Joachim Bumke: Höfische Kultur. Seite 505
5 Vgl. Joachim Bumke: Höfische Kultur. Seite 517
6 Vgl. Joachim Bumke: Höfische Kultur. Seite 518 ff.
3
Unvernunft, Auslebung der Triebhaftigkeit und Affektionalität.
In diesem Sinne erscheint die höfische Liebe fast als eine Art Wissenschaft, mit entsprechenden Gesetzmäßigkeiten, die man zu beachten hatte.
2.3 Höfische Liebe und die Minneproblematik im Erec
2.3.1 Höfische Liebe im Erec
Im Erec wird eine, für das 12.Jahrhundert typische Eheauffassung verkörpert. Die Umstände, die zur Heirat zwischen Erec und Enite führen, sind jedoch spezielle und müssen aufgrund dessen näher untersucht werden.
Als der Jüngling Erec im Haus des verarmten Grafen Koralus Unterschlupf findet, sieht er die schöne Enite zum ersten Mal. Sie lebt in ärmlichen Verhältnissen, die von Hartmann stark akzentuiert worden sind. Warum? - Wolfgang Wetzlmair sieht hier eine Hervorhebung der Schönheit und der absoluten Vollkommenheit Enites. 7 Außerdem bestimmte die Schönheit über Stellung und Ansehen der Frau. Die Stellung des Mannes wurde durch seine ritterlichen Abenteuer gekennzeichnet. Die Schönheit Enites und die Rittertüchtigkeit Erecs sind zu Beginn neutral und ebenbürtig. Somit ergibt sich eine Gleichrangigkeit der Hauptfiguren.
Von Liebe kann bei der ersten Begegnung der beiden jedoch nicht die Rede sein. Erec will seine verlorene êre wiederherstellen und am Sperberkampf teilnehmen - nur deshalb ist er überhaupt in der Stadt. Hierfür nützt ihm Enite: Sie kommt ihm gerade recht, denn nur mit ihr kann er am Turnier gegen Iders teilnehmen, und folglich nur durch sie und mit ihr seinen Ehrverlust rächen. Erec will sie also nur aus Gründen der Dienlichkeit heiraten. Es besteht keine persönlichen Neigung zwischen beiden. Es wurde lediglich auf Stand und Nützlichkeit Rücksicht genommen. Erecs Heiratsmotive haben mit den üblichen Heiratsgründen des Mittelalters nichts zu tun, sondern erklären sich allein durch die Situation, denn er wirbt nicht aus den regulären wirtschaftlichen Gründen um Enite. 8 Enite wird Mittel zum Zweck und nicht zur Dame der Begierde, die Erec nach den Normen höfischer Liebe umwirbt. Zwar könnte die Sperber-âventiure als Dienstgedanke gesehen werden, da in der Epik des Mittelalters ritterliche Waffentaten als solche gegolten haben. 9 Jedoch bestreitet Erec die âventiure nicht für Enite, sondern
7 Vgl. Wolfgang Wetzlmair: Zum Problem der Schuld im Erec Hartmanns von Aue Seite 52
8 Vgl. Joachim Bumke: Der Erec Hartmanns von Aue. Seite 105
9 Vgl. Joachim Bumke: Höfische Kultur. Seite 508
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durch sie. 10 Erst in zweiter Linie setzt Erec seine Kampfkraft für das Ansehen und die Schönheit seiner Begleiterin ein.
Er will sie auch nur dann ehelichen, wenn er die Sperber-âventiure erfolgreich bestreitet. Anderenfalls würde er sein Heiratsangebot zurücknehmen. Diesem willigt der Vater Enites, Koralus, ein. Enite, beispielhaft in Gehorsam und Unterordnung, gehorcht dem Gebot ihres Vaters. Die Bevormundung in der Ehefrage spiegelt die feudalen Gegebenheiten des Mittelalters wieder. 11 Die Heirat dient der Wiederherstellung der êre Erecs und sekundär der Restauration von Enites Familie in die angemessene soziale Stellung. 12
Eine persönliche Neigung beider kann erstmals während der Sperber-âventiure und später deutlich auf dem Ritt zum Artushof beobachtet werden. 13 Die Begriffe triuwe und stæte beschreiben die Beziehung, die völlig dem höfisch-ritterlichen Ideal entspricht. Nach dem anfänglichen Fehlen der Liebe steht die Gemeinschaft beider nun ganz im Zeichen der minne. 14
Immer deutlicher akzentuiert Hartmann jedoch den sinnlichen Aspekt der Liebesbeziehung, der die Ehe beider letztlich beherrscht. 15 Dies ist das erste Zeichen dafür, dass das höfische Gleichgewicht zwischen Individuum und Gesellschaft durch zu große Liebe beider Handelnder gefährdet ist. Jedoch ist es wichtig zu betonen, dass nicht das sinnliche Verlangen schuldhaft ist, es aber eine Übertonung der Individualität in sich birgt und das Abwenden von der höfischen Gesellschaft einschließt. Dies führt zu einer völlig unhöfischen Liebesvorstellung und -auslebung. 16 Beide sind zu Beginn zu unerfahren im Umgang mit der Liebe und wählen somit den Weg der falschen Minne. Auf diese Minneproblematik werde ich im nächsten Punkt genauer eingehen. Sie verligen 17 und die Ausübung herrschaftlicher und ritterlicher Pflichten wird verweigert. Da sich die Liebe nun außerhalb der höfischen Gesellschaft bewegt und Erec und Enite sich bewusst isolieren, kann ab dem Zeitpunkt des verligens nicht mehr von höfischer Liebe gesprochen werden. Erst nach der zweiten âventiure- Fahrtfinden beide wieder zu den Normen dieser zurück. Enite wird zur vorbildlichen
10 Vgl. Wolfgang Wetzlmair: Zum Problem der Schuld im Erec Hartmanns von Aue. Seite 55
11 Vgl. Inge Sallaba: Frau & Ehre im Mittelalter und in Hartmanns Erec. Seite 21
12 Vgl. Wolfgang Wetzlmair: Zum Problem der Schuld im Erec Hartmanns von Aue. Seite 56
13 Vgl. Hartmann von Aue: Erec.Vers 1486-1497, Seite 94; alle Inhaltsangaben und Fußnoten, die das
Werk Erec betreffen, beziehen sich auf die mittelhochdeutsche Fassung der Ausgabe
14 Vgl. Wolfgang Wetzlmair: Zum Problem der Schuld im Erec Hartmanns von Aue. Seite 57/58
15 Vgl. Hartmann von Aue: Erec.Vers 1857-1875, Seite 114/116
16 Vgl. Wolfgang Wetzlmair: Zum Problem der Schuld im Erec Hartmanns von Aue. Seite 58
17 Vgl. Punkt 3 dieser Arbeit
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Arbeit zitieren:
Julia Haase, 2008, Das "verligen" und das daraus resultierende Schweigegebot im "Erec" Hartmanns von Aue, München, GRIN Verlag GmbH
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