Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung 1
2. Jane Elliotts Anti-Rassismus-Training „blue-eyed“
2.1 Der Ursprung des Workshops 1
2.2 Das Konzept des Workshops 3
2.3 Die Ziele des Workshops 4
3. Kritik am Workshop
3.1 Machtmissbrauch 6
3.2 Jane Elliotts autoritäre Vorgehensweise 7
3.3 Keine Möglichkeit des Verlassens des Workshops 8
3.4 Umgang mit Widerstand 8
3.5 Täter- Opfer-Dichotomie S.10
3.6 Interpersonalisierung von Rassismus 11
3.7 Mangelnde Handlungsoptionen 12
3.8 Verlassen der „Meta-Ebene“ 13
3.9 Verschiedene Wahrnehmungsperspektiven 15
3.10 Teilnehmerstruktur 17
Schlussfolgerung 4 S 18
1
1. Einleitung
Rassismus und Diskriminierung sind ein Teil unseres Gesellschaftssystems; ein Problem, das jeder von uns kennt. Im alltäglichen Leben wird man häufig mit Situationen konfrontiert in denen Menschen aufgrund ihrer Hautfarbe, ihrer Herkunft oder ihres Äußeren anders behandelt werden als ihre Mitmenschen. Häufig fühlt man sich anscheinend machtlos und gelähmt. Um eine Möglichkeit zu geben diese Erfahrungen zu verarbeiten und Möglichkeiten aufzuweisen auf diese zu reagieren, bieten immer mehr Organisationen sogenannte „Anti-Rassismus-Workshops“ an. In diesen Workshops wird den Teilnehmern bewusst gemacht, dass es auf jeden Einzelnen ankommt und dass nur durch das couragierte Auftreten jedes Einzelnen dieses Problem gelöst werden kann. Jane Elliotts Workshop „blue-eyed“ ist einer dieser Workshops . Auf eine sehr direkte und persönliche Art und Weise macht sie auf die Tatsache aufmerksam, dass Diskriminierung und Rassismus in unserer Gesellschaft existieren und konfrontiert die Teilnehmer mit deren Auswirkungen. Ob ihre Vorgehensweise dabei der richtige Weg ist, wird häufig in Frage gestellt. Aus diesem Grund möchte ich mich im Laufe meiner Hausarbeit mit dem „blue-eyed/ brown-eyed“ -Konzept kritisch auseinandersetzen und der Frage nachgehen, ob es mehr als nur ein „eye-opener“ sein kann.
2. Jane Elliotts Anti-Rassismus-Training „blue-eyed“
2.1 Der Ursprung des Workshops
Die Übung „blue-eyed”, die die Diskriminierung von Minderheiten anhand der Augenfarbe verdeutlicht, wurde 1968 das erste Mal durchgeführt. Jane Elliott stand nach der Ermordung Martin Luther Kings vor der Frage, wie sie als Grundschullehrerin in einer ’weißen’ Kleinstadt im Südosten der USA ihren Schülern die Auswirkungen von Rassismus und Diskriminierung verdeutlichen sollte. Inspiriert von einer alten Indianer-Weisheit 1 hatte sie die Idee ihren Schülern die Möglichkeit zu geben „eine Meile in den Mokkasinns von jemandem
1 "Oh Großer Geist, bewahre mich davor je einen anderen zu verurteilen, bevor ich nicht eine Meile in seinen Mokkasinns gelaufen bin." (aus Dokumentarfilm: “blue-eyed”)
2
zu laufen, der in dieser Gesellschaft nicht weiß oder nicht christlich ist“ 2 . Also wie sich „Schwarze, Frauen, Schwule, Lesben, Behinderte und andere diskriminierte Gruppen in der US-amerikanischen Gesellschaft aufgrund der ihnen permanent entgegengebrachten Diskriminierung fühlen“ 3 . Aus diesem Grund führte sie in ihrer Grundschule ein Experiment durch, das für sie, ihre Familie und ihr weiteres Leben ernsthafte Konsequenzen haben sollte. Im Rahmen der sogenannten „Blauäugig-Braunäugig-Übung“ teilte sie ihre Schüler in zwei Gruppen ein, wobei den „Blauäugigen“ ein blauer Kragen umgelegt wurde, den sie den ganzen Tag über tragen mussten. Zusätzlich wurden ihnen Stereotypen wie dumm, faul oder dreckig zugeschrieben. Den „Braunäugigen“ hingegen wurden im Schulalltag Privilegien zuteil, von denen die „Blauäugigen“ ausgeschlossen wurden. Ergebnis waren verschüchterte, ängstliche, erschöpfte und mutlose blauäugige Kinder und übermutige braunäugige Kinder mit gesteigerten Selbstbewusstsein 4 . Es ist in diesem Zusammenhang interessant zu sehen, dass nach Austausch der Rollen, die vorher unterlegene Gruppe, sobald sie „an die Macht kam“, dieselben Verhaltensmuster an den Tag legte wie die zuvor überlegene Gruppe 5 . Obwohl sie und ihre Familie von diesem Tag an in ihrer Stadt gemieden wurden und als „Niggerliebchen“ beschimpft wurden, hat Elliott nicht den Kampf gegen den Rassismus aufgegeben. In den folgenden 20 Jahren fuhr sie fort, die Übung in der Grundschule und an weiterführenden Schulen anzubieten. Trotz aller Kritik, fand ihr Workshop immer noch breite Akzeptanz, so dass die Übung seit 1984 sogar mit Erwachsenen durchgeführt wird und auch in Europa Nachahmer gefunden hat, die eigens von Elliott ausgebildet worden sind.
2 Zitat aus Dokumentarfilm: “blue-eyed”
3 Misbach, Elène (u.A.): Die Arbeitsweise des ASB am Beispiel einer Debatte um Selbsterfahrung in einem Anti-Diskriminierungs-Workshop „Blauäugig-Braunäugig“. In: Markard, M und Ausbildungsprojekt sozialwissenschaftliche Berufspraxis: Kritische Psychologie und studentische Praxisforschung, Das Argument 2000, S. 192.
4 vgl. ebd., S. 191.
5 Die Ergebnisse dieses Rollenspiels sind in dem Dokumentarfilm „Eye of the Storm“ (1972) zu sehen.
3
2.2 Das Konzept des Workshops:
Die Übung, die Elliott heutzutage vornehmlich mit Jugendlichen und
Erwachsenen durchführt 6 , basiert auf der Aufteilung einer Gruppe von Menschen aufgrund ihrer Augenfarbe in „Blauäugige“ und „Braunäugige“. Dabei nehmen die „Blauäugigen“ die Rolle der Unterdrückten und die „Braunäugigen“ die Rolle der Privilegierten („besseren Sorte Mensch“) ein. Nach der Anmeldung zu dem Workshop werden beide Gruppen in getrennte Räume geschickt, wobei die „Blauäugigen“ in einem engen, stickigen Raum mit wenigen Sitzmöglichkeiten warten müssen, während die „Braunäugigen“ bereits in den Seminarraum geführt werden, wo sie mit den Spielregeln des Workshops vertraut gemacht werden. In diesem Zusammenhang erklärt Elliott den
„Braunäugigen“ auch warum die „Blauäugigen“ zur unterlegenen Gruppe gehören; mit der einfachen Begründung, „weil der Melaningehalt ihrer Augen so niedrig sei, die Sonne ihnen direkt ins Gehirn scheine und dadurch wichtige Funktionen zerstört würden“ 7 . Diese absurd klingende Theorie ist allerdings in der Tat nicht weit von gängigen wissenschaftlichen Theorien entfernt, die in gebildeten Kreisen lange Zeit als gesichert galten 8 . Mit der Theorie des kleineren Gehirns wurde beispielsweise bis vor gar nicht allzu langer Zeit auch die Herrschaft der Männer über die Frauen gerechtfertigt. Bei der Bekanntmachung der Regeln instruiert Elliott den „Braunäugigen“, dass sie auf ihre Mithilfe angewiesen sei, um zu demonstrieren, wie Rassismus funktioniere. Dies schließe jegliche Solidarität mit den „Blauäugigen“ vollständig aus. Die „Blauäugigen“, die daraufhin in den Raum geführt werden, werden so angesehen und behandelt, wie zum Beispiel Nicht-Weiße, Homosexuelle, Migranten oder Nicht-Christen traditionellerweise in einer westlich geprägten Gesellschaft. Anders ausgedrückt, werden alle negativen Stereotypen, die wir in unseren Gesellschaften kennen, auf die Gruppe der „Blauäugigen“ angewendet. Zusätzlich müssen sich die „Blauäugigen“ einen grünen Kreppkragen anheften und zum Teil während des gesamten Workshops auf dem Boden sitzen. Dies zeigt
6 eye-to-eye führt die Workshops zu 2/3 in Schulen durch, wobei das Mindestalter der Schüler 14 Jahre beträgt (Telefongespräch mit eye-to-eye am 15.01.02)
7 Misbach, S. 193
8 In diesem Zusammenhang ist auf die Theorie von Gobineau hinzuweisen, der, angelehnt an den Darwinismus, durch die vergleichende Anatomie der Gehirne von Schwarzen und Europäern zur Schlussfolgerung kam, dass „das Gehirn eines Schwarzen nicht im Keim soviel Verstand enthalten konnte wie das eines Europäers. (Informationsdienst für Ausländerarbeit, Nr.1/94. Frankfurt am Main 1994, S. 24)
4
den „Blauäugigen“ von Anfang an wie viel Ansehen ihnen innerhalb der Gruppe zugesprochen wird.
Im Verlauf der Übung stellt Elliott anhand von verschiedenen Beispielen, Tests und Gesprächen heraus, dass die „Blauäugigen“ minderwertig und weniger intelligent sind. Elliott, die fortan die Rolle der Peinigerin einnimmt, verhält sich dabei bewusst autoritär gegenüber der Gruppe der „Blauäugigen“. Ihr Verhalten zielt auf Beherrschung, Verunsicherung und Demütigung. Ergebnis dieses Verhaltens ist, das sich die „Blauäugigen“, nach anfänglichem Widerstand, anpassen und teilweise sogar ihrem Druck nicht standhalten können und in Tränen ausbrechen.
2.3 Die Ziele des Workshops
Ziel eines jeden Anti-Rassismus-Workshops ist die Bewusstmachung von diskriminierenden Äußerungen und Verhaltensweisen im alltäglichen Leben. Hierbei ist es wichtig auf Elliotts Definition von Diskriminierung und Rassismus hinzuweisen:
Diskriminierung und Rassismus sind erlernte Fähigkeiten. Menschen werden nicht mit einem genetischen Code für Diskriminierung geboren. Sie werden zu Rassisten gemacht und da man alles, was erlernt werden kann, auch wieder verlernen kann ist der wichtigste Schritt dieses Workshops die Erkenntnis, dass Rassismus in unserer Gesellschaft existiert und wie unsinnig und destruktiv Diskriminierung ist 9
An diesem Zitat wird deutlich, dass Elliott, im Vergleich mit gängigen Rassismusdefinitionen wie die von Albert Memmi 10 oder Robert Miles 11 , eine sehr starke Akzentuierung auf die Erkenntnis als Lernprozess legt. Sie geht von einem „erlernten Rassismus“ aus, den man durch die Erkenntnis wieder verlernen kann. Ähnlich wie bei Rosenthals und Jacobsens Pygmalion-Effekt geht auch Elliott davon aus, dass „Menschen sich so verhalten, wie man sie behandelt.
9 Vgl. Misbach, S. 200
10 Rassismus entsteht durch die verallgemeinerte und verabsolutierte Wertung tatsächlicher oder fiktiver Unterscheide zum Nutzen des Anklägers und zum Schaden seines Opfers mit der seine Privilegien oder Aggressionen gerechtfertigt werden sollen (Memmi, Albert: „Rassismus“. Frankfurt am Main 1992, S. 164)
11 Miles spricht von „einer Rassenkonstruktion auf der Basis von biologischen Kategorisierungsprozessen, die eine naturgebundene Einheit festlegen. Durch diese wertende Komponente kommt es zur „Ausgrenzungspraxis“, dessen Ergebnis das „ideologische Phänomen“ Rassismus ist. Dieser kann dann als struktureller und institutioneller Rassismus auftreten (Miles, Robert: „Rassismus - Einführung in die Geschichte und Theorie eines Begriffes“. London und New York 1989. S.103ff)
Arbeit zitieren:
Dirk Lepping, 2002, Kritische Auseinandersetzung mit Jane Elliotts Anti-Rassismus-Training 'blue-eyed/ brown-eyed', München, GRIN Verlag GmbH
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