1. Einleitung
Die folgende Arbeit untersucht die Entwicklung und Veränderung des Klempnerberufes in der Zeit der Industrialisierung. Es stellte sich im Verlauf der Recherche zur dieser Seminararbeit heraus, dass der Beruf der Klempners nur sehr sporadisch im wissenschaftlichen Diskurs zu finden war. Die Schwerpunktsetzung der Forschung auf diesem Gebiet widmet sich vorrangig Berufen, welche durch die gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Veränderungen in der industriellen Revolution entstanden oder verschwunden sind. Der Klempnerberuf jedoch hat sich bis zum heutigen Zeitpunkt in großen Teilen gehalten. Dies war nicht ohne weiteres Möglich, wie im Verlauf dieser Arbeit deutlich werden soll. Beim methodischen Vorgehen stellte sich zunächst die Frage, welche Prozesse und Entwicklungen der Industrialisierung entscheidend für die Veränderungsprozesse im Handwerk waren. Im ersten Teil der Arbeit wird daher ein Zugang zur späteren Problematik eröffnet, in dem zunächst zwei prägnante Entwicklungen, nämlich die Einführung der Gewerbefreiheit und der Veränderung der Marktverhältnisse insbesondere für die Metallhandwerke, erarbeitet werden. Diese beiden Punkte sollen zwei mögliche Erklärungsansätze für die Ausdifferenzierung und Entwicklung des Klempnerberufes bilden. Als sehr gewinnbringend für die Einordung der Veränderung des Klempnerhandwerks stellte sich ein Aufsatz von Karl Heinrich Kaufhold dar, der vier Typen von Entwicklungsmöglichkeiten für das Handwerk während der Industrialisierung aufzeigte. Darauf aufbauend wird im zweiten Teil konkret die Entwicklung des Handwerks des Klempners untersucht. Dieser Punkt ist methodisch zum einen an die Begriffsgeschichte dieses Handwerks angelehnt, um die Arbeitsfelder des Klempners vor der Industrialisierung darzustellen. Weiterhin wird dadurch verdeutlicht, warum sich der Begriff des Klempners im 21. Jahrhundert durchgesetzt hat. Eine Analyse der Marktverhältnisse und die dadurch entstehenden Veränderungen im Berufsbild zeigen die Anpassung des Klempnerhandwerks an die neue Situation während der industriellen Revolution. Ziel der Arbeit ist es zu zeigen, dass der Beruf des Klempners eine Sonderstellung im Bezug auf seine Entwicklung gegenüber anderen Handwerken einnimmt.
Die Arbeit endet mit einem Fazit, in der die wichtigsten Erkenntnisse abschließend diskutiert werden sollen.
2. Die Wirkung der Industrialisierung auf das Handwerk in Deutschland
Die Gesamtheit der Auswirkungen der Industrialisierung darzulegen und darzustellen ist in dieser Arbeit kaum erschöpfend zu behandeln. Es scheint daher sinnvoll, sich auf Aspekte zu beschränken, welche unmittelbare Wirkung auf die Entwicklung und Veränderung des Handwerks genommen haben. Dies ist auch für den weiteren Verlauf der Arbeit zielführend, da das Handwerk des Klempners sich in seiner Entwicklung und Anpassung im Laufe der Industrialisierung von anderen Handwerkberufen abgrenzt.
Im Folgenden sollen zwei Teilaspekte der Industrialisierung, welche vom späten 18. Jahrhundert an und dann verstärkt im 19. Jahrhundert, zunächst in England und danach in ganz Europa ihren Verlauf nahm, näher betrachtet werden. Dies sei zu einem die Einführung der Gewerbefreiheit, zum anderen die Verstädterung und die damit einhergehenden wirtschaftlichen Veränderungen, insbesondere die der Marktverhältnisse, welche das Handwerk direkt betrafen. Beide Faktoren stehen in gewissem Maße in einem Zusammenhang. Daher wird zunächst auf die Entstehung und Entwicklung der Gewerbefreiheit eingegangen um weiterhin einen Bezug zu den Prozessen der Industrialisierung herzustellen.
Den Schwerpunkt bildet dabei die Fokussierung auf die Marktverhältnisse, da diese für die spätere Untersuchung des Handwerks des Klempners 1 als Erklärungsmodell für die
Veränderung seiner Tätigkeiten dienen soll.
2.1. Die Einführung der Gewerbefreiheit und ihre Wirkung auf das Handwerk
Bis zum Ende des 18. Jahrhunderts organisierte sich das städtische Handwerk in Deutschland größtenteils in Zünften, welche von den Landesherren weitestgehend akzeptiert wurden und deren Rechtskodex, solange er nicht die landesherrlichen Privilegien berührte, auch von diesen anerkannt war. Erst die französische Besetzung Europas im Zuge der Napoleonischen Eroberungsfeldzüge stellte einen bis dahin nicht gekannten Eingriff in die Verfassungen der lokalen Zünfte dar. 2
1 Im weiteren Verlauf soll hier der gängige Begriff des Klempners als Begriff für dieses Metallhandwerk benutzt
werden. Die begriffsgeschichtlichen Umstände werden im Punkt 2. näher betrachtet.
2 Vgl. Lenger, F. [Sozialgeschichte, 1988], S. 13 f.
In Frankreich war schon seit 1775 das System der Gewerbefreiheit nach den Motiven der physiokratischen Theorien weitestgehend etabliert worden. Durch Gesetz wurden alle Zünfte und gewerblichen Vereinigungen aufgehoben bzw. verboten und die allgemeine Gewerbefreiheit proklamiert. 3
Dieses in Frankreich eingeführte System wurde mit dem Beginn der Eroberung Europas durch Napoleon vor allen Dingen auf die besetzten Gebiete übertragen, so zunächst insbesondere auf die linksrheinischen Gebiete und die westlichen Provinzen Preußens. Im späteren Verlauf der Besatzung Napoleons aber auch zunehmend auf die südlichen Staaten und den protestantischen Norden des Reiches.
die französische Oberhoheit geraten. Im Königreich Westfahlen wurde sie durch Dekrete vom 5. August 1808 und 12. Februar 1810, im Großherzogtum Berg durch Dekret am vom 31. März 4
Man könnte annehmen, dass diese von außen aufgezwungene Gewerbefreiheit zu großen Protesten seitens der weltlichen Herrscher in Deutschland geführt habe. Jedoch wird am Beispiel der durch die Feldzüge Napoleons neu entstandenen Rheinbundstaaten und in Preußen deutlich, dass das französische Modell durchaus auf Zustimmung stieß und (mit lokalen Unterschieden) in großen Teilen auf die eigene Wirtschaft übertragen wurde. 5 Der liberale Typus des französischen Vorbildes etablierte somit die Gewerbefreiheit als ordnungspolitisches Prinzip, was Thomas Nipperdey treffend so (Die) Territorialtrümmer des alten Reiches kamen erst jetzt in Bezug zum modernen [] 6
Auf der anderen Seite gab es jedoch auch durchaus Strömungen, die sich gegen die neue Ordnung richteten und dessen Träger besonders die Handwerker waren. Vor allen Dingen in Preußen und den linksrheinischen Gebieten, in denen die Gewerbefreiheit die Zeit der französischen Besatzung weitestgehend überdauerte, war der Widerstand groß. Der Zweck des
Sicherung der Existenz eines jeden einzelnen Mitgliedes der Mitglieder der Zunft. 7 Diese sozialen Sicherungskomponenten entfielen nun und führten zu massiven Protesten gegen die Gewerbefreiheit. Der Gedanke der Freiheit des Gewerbes wurde von vielen als das Ende der
3 Vgl. Bernert, H. [Gewerbefreiheit, 1998], S. XVII.
4 Wilhelm Stieda zitiert nach Bernert, H. [Gewerbefreiheit, 1998], S. XVII.
5 Vgl. Boch, R. [Staat und Wirtschaft, 2004], S. 9.
6 Thomas Nipperdey zitiert nach Boch, R. [Staat und Wirtschaft, 2004], S. 5.
7 Vgl. Bernert, H. [Gewerbefreiheit, 1998], S. XVIII.
Arbeit zitieren:
Andreas Kremer, 2010, Die Auswirkungen der Industrialisierung auf das Handwerk in Deutschland am Beispiel des Klempnerberufes, München, GRIN Verlag GmbH
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