U InhaltsverzeichnisU
U 1U U EinleitungU 2
U 2U U Die BeginenU 3
U 2.1U U EtymologieU 4
U 2.2U U Entstehungsgeschichte / TheorienU 6
U 2.3U U AusbreitungU 9
U 2.4U U Innere und äußere OrganisationsformenU 10
U 2.5U U Die wichtigsten Gestalten innerhalb der BeginenbewegungU 13
U 3U U Frauen im MittelalterU 16
U 3.1U U Konstruierte Lebensmodelle von Frauen im MittelalterU 17
U 3.2U U Frauen und die SexualitätU 19
U 4U U Die Beginen am NiederrheinU 21
U 4.1U U Beginenkonvente in niederrheinischen StädtenU 22
U 4.2U U Die Beginenverfolgung unter der Ketzer- und HäresieverfolgungU 25
U 5U U Erkenntniszusammenfassung, abschließendes FazitU 30
U 6U U Ausblick, die Beginen heuteU 31
U QuellenverzeichnisU 34
U LiteraturverzeichnisU 34
U U
U U
Einleitung 2
1 Einleitung
Die vorliegende Arbeit will die Ursprünge, historische Entwicklung und die historische Kontextsituation der Beginen in den Gebieten des Niederrheins im Mittelalter untersuchen und diskutieren.
Dazu gliedert sich diese Arbeit nach einer Einleitung in drei Hauptteile. Neben einem Kapitel über die Beginengemeinschaft in ihrer Struktur, Historie und Ausbreitung soll die allgemeiner gefasste Situation der Frau im Mittelalter beleuchtet werden, um die zuvor vorgestellten Beginen anschließend besser in ihren spezifisch weiblichen historischen Kontext einordnen zu können. Diese beiden Kapitel sollen für das Verständnis der Situation beginischer Niederlassungen am Niederrhein den Grundstein legen, bevor der dritte und letzte Hauptteil dann den Fokus auf die Beginen speziell am Niederrhein legt.
Dazu wird einleitend zunächst einmal das Beginentum vorgestellt. Hierzu sollen neben der Entstehungsgeschichte der Beginengemeinschaften auch die Etymologie des Beginenbegriffs beleuchtet und diesbezüglich der aktuelle Forschungsstand dargestellt werden. Im Anschluss daran wird die regionale Ausbreitung beginischer Niederlassungen untersucht, um einen Überblick über den Wirkungskreis beginischer Lebensweise und Religion zu erhalten. Eine Darstellung und Untersuchung innerer und äußerer Orga-nisationsformen soll zudem einen Einblick in den Aufbau und die Struktur beginischer Gemeinschaften bieten, sodass ihre Handlungs- und Reaktionsmuster nachvollziehbar gemacht werden können. Um der Gemeinschaft der Beginen ein Gesicht, sprich vielmehr einen Charakter zu verleihen, werden einige wenige der bedeutendsten Beginen einmal kurz vorgestellt. Das zweite Kapitel des Hauptteils untersucht die Situation von Frauen im Mittelalter und soll darlegen, welche Lebensläufe für Frauen vorstellbar und überhaupt möglich waren, welche die häufigsten Lebensläufe waren und an welcher Stelle dort die Beginen einzuordnen sind. Zusätzlich wird das mittelalterliche Verständnis von weiblicher Sexualität diskutiert, um Motivation und Zusammenhang für die Wahl der einzelnen Frau zum beginischen Lebenswandel nachvollziehbarer zu machen. Hier soll geklärt
Die Beginen 3
werden, aus welchen Motiven heraus sich Frauen bewusst für das Leben einer Begine entschieden.
Das daran anschließende Kapitel behandelt die Beginen am Niederrhein und stellt als einen ersten Schritt die Niederlassungsorte und Ausbreitung dar. An dieser Stelle sollen die für die Bewegung übliche Größe und Struktur der einzelnen Gemeinschaften noch einmal auf die Beginen am Niederrhein hin verglichen werden. Das, was die einführenden Kapitel darlegten, soll an dieser Stelle noch einmal für die Region des Niederrheins überprüft werden. Im Anschluss daran sollen die Auswirkungen der Häresie- und Ketzerverfolgung seitens der Kirche auf die Beginen, insbesondere am Niederrhein, untersucht und dargestellt werden. Ein abschließendes Fazit wird dann die Ergebnisse zusammenfassen, bevor der Fokus vom Mittelalter weg und zur Gegenwart hin gelegt werden soll. In einem Ausblick soll die gegenwärtige Situation der Beginen vorgestellt werden, um zu erfahren, ob und inwiefern die beginische Gemeinschaft den Sprung in die Moderne vollziehen konnte.
2 Die Beginen
Das folgende Kapitel behandelt die Geschichte der Gemeinschaft der Beginen, einer Gemeinschaft weiblicher, christlicher Laien. Hier werden nach einem Blick auf die Entstehungsgeschichte der Gemeinschaft und der Darstellung der unterschiedlichen etymologischen Zugriffe auf den Beginenbegriff auch innere und äußere Organisationsformen beleuchtet. Hierbei soll geklärt werden aus welchen Ursprungsbewegungen, nach welchen zeitlichen Abläufen und von welchen Umständen beeinflusst sich die ersten Beginengruppen bildeten, als Gemeinschaft formierten und auf welchen Strukturen diese Glaubensgemeinschaft aufgebaut basiert. Hier werden auch die in der Forschung geläufigsten Ursprungstheorien vorgestellt und diskutiert. Da Glaubensgemeinschaften im Laufe ihrer Geschichte oftmals im besonderen Maße durch charismatische Personen geprägt und getragen werden, ist es vonnöten, auch bei den Beginen einmal nach den Leitfiguren zu fragen. Der anschließende Teil soll genau dies tun und solche Personen vorzustel- len, die die Bewegung nachhaltig geprägt und ausgezeichnet haben. Hierbei
Die Beginen 4
werden neben weiteren weiblichen Anhängern vorrangig zwei Frauen näher betrachtet; zum einen Mechthild von Mageburg und zum anderen Marguerite Porète; aber auch Christina von Stommeln und Maria von Oignies sollen nicht unerwähnt bleiben.
Das männliche Pendant zu den Beginen waren die Begarden, die in dieser Arbeit nur am Rande angesprochen werden sollen. Die Begarden waren zahlenmäßig unbedeutender als deren beginische Schwestern und es gab unterschiedliche Ausprägungen zwischen beiden Teilen der Bewegung, gerade bezüglich der Elemente der Sesshaftigkeit und des Bettels. Auch mussten sich die Begarden weit häufiger als die Beginen gegen den Einfluss häretischer Ideen beziehungsweise gegen Häresievorwürfe verteidigenF 1 F.
2.1 8 B Etymologie
Auch wenn eine genaue etymologische Bestimmung, wie sich zeigen wird, schwierig ist und auch die genaue Entstehungsgeschichte noch immer Teil der neuesten Forschung ist, so lässt sich dennoch folgende Definition der Beginen feststellen: Beginen ist die Bezeichnung für solche fromme Frauen, die, in den Quellen meist mulieres devotae oder religiosae genannt, in klosterartigen Gemeinschaften zusammenlebten, sich jedoch keiner approbierten Regel und keinem dauernden Gelübde unterwarfenF 2 F.
Zur Etymologie des Begriffs der Begine kann festgehalten werden, dass diese in der Forschung höchst umstritten und bis heute noch nicht eindeutig geklärt werden kann. Kaspar Elm sagt dazu, man wisse bis heute nicht, was die Bezeichnung Begine eigentlich bedeutetF 3 Dennoch gibt es
F.
unterschiedliche Theorien und Erklärungsversuche, die bis zur eigentlichen Entstehungszeit der Beginen zurückreichen. So schrieb bereits 1243 der englische Benediktinermönch Matthäus Paris, dass der Ursprung des Namens nicht zu erklären und unbekannt seiF 4
nachdem er schon zuvor als
F,
erster Beginen erwähnt und von ihrer Verbreitung in deutschen Städten, vor
1 Elm: Art. Beg(h)arden, in: LexMa 1 (1980), Sp. 1798.
2 Elm: Art. Beg(h)inen, in: LexMa 1 (1980), Sp. 1799.
3 Elm: Ketzer oder fromme Frauen?, S.44.
4 Weinmann, Ute: Mittelalterliche Frauenbewegungen. Ihre Beziehungen zur Orthodoxie und Häresie, in: Kuhn, Anette u.a. (Hrsg.): Frauen in Geschichte und Gesellschaft, Bd. 9, 2.Aufl., Pfaffenweiler 1991, S. 146 (im Folgenden zitiert als: Weinmann: Mittelalterliche Frauenbewegungen).
Die Beginen 5
allem in Köln, berichtet hatte. Bereits in dieser bis in die neueste Forschung reichenden unklaren Begriffsbestimmung spiegelt sich die Grundlage für die schwierige Einordnung der Beginen seitens Kirche und Forschung in rechtgläubige und häretische Beginen wider. So verurteilte das Konzil von Vienne im Jahre 1311 zwar Beginen und Begarden, doch war noch unklar, wen die Verurteilung konkret treffen sollteF 5 Insbesondere auf solche
F.
gerichtlichen Entscheidungen und den offiziellen kirchlichen Umgang mit der Bewegung wird in späteren Kapiteln noch einmal eingegangen. Oft wurde versucht, die Beginenbewegung auf Personen zurückzuführen, so z.B. auf die Heilige BeggaF 6
(† 692) aus Brabant oder den Lütticher Priester
F
Lambert Le Bègue; beide Möglichkeiten wurden jedoch im Forschungsverlauf mehrmalig widerlegt. Da die Beginen auch in ihren späteren Ausprägungen mitunter höchst heterogen waren und es keine einheitliche Lebensweise mit gemeinsamen Zielen gab, durch die man eine organisierte Religionsgemeinschaft hätte definieren können, erscheint auch ein einheitlicher Ursprung unwahrscheinlichF 7 Etymologisch wurde u.a. von
F.
Johann Lorenz von Mosheim versucht darzulegen, dass sich der Begriff der Begine von „beggen“ oder „betteln“ ableiten ließeF 8
da das Betteln aber
F;
nicht die Existenzgrundlage der Beginen darstellte und zudem das Wort Begine „romanischen Ursprungs“F 9
sei, ist auch dieser Erklärungsversuch als
F
unzutreffend abzulehnen. Hier sei kurz angemerkt, dass die wirtschaftliche Tätigkeit der Beginenbewegung im Gegenteil zur vorigen Aussage „im Vergleich zu den Frauenklöstern der katholischen Kirche weitaus stärker und schneller“F 10 expandiert und von einer „überraschenden (…)
F Dynamik“F 11 gekennzeichnet gewesen sei. Zudem wurde auch die typische
F
5 Herrmann, Horst (Hrsg): Ketzer in Deutschland, Köln 1978, S. 146 (im Folgenden zitiert als: Herrmann: Ketzer in Deutschland).
6 Bautz, Friedrich Wilhelm: BBKL, Band I (1990), Sp. 459.
7 Grübel, Isabel: Bettelorden und Frauenfrömmigkeit im 13. Jahrhundert. Das Verhältnis der Mendikanten zu Nonnenklöstern und Beginen am Beispiel Straßburg und Basel, in: Moser, Dietz-Rüdiger (Hrsg.): Kulturgeschichtliche Forschungen, Bd. 9, München 1987, S. 10 (im Folgenden zitiert als: Grübel: Bettelorden und Frauenfrömmigkeit).
8 Verweis auf Mosheim, J.L.v.: De beghardis et beguinabus commentarius, Leipzig 1790, in: Weinmann: Mittelalterliche Frauenbewegungen, S. 147.
9 Verweis auf Pirenne, Henri: Geschichte Belgiens, Gotha 1899, in: Weinmann, Ute: Mittelalterliche Frauenbewegungen, S. 147.
10 Weinmann: Mittelalterliche Frauenbewegungen, S. 190.
11 Sprandel: Art. Beg(h)inen, in: LexMa 1 (1980), Sp. 1800.
Die Beginen 6
Kleidung der Beginen als möglicher etymologischer Ursprung der Beginen angeführtF 12
Kaspar Elm hält zu den Beginen fest, dass es keine
F.
Gründerfigur gegeben habeF 13
und Ute Weinmann sieht sie vielmehr als
F
„Produkt einer gesellschaftlichen Krisensituation“F 14
Der wahrscheinlichste
F.
und heute anerkannteste ErklärungsversuchF 15 stammt von Joseph van
F
Mierlo, der den Begriff als Ableitung des französischen Ketzernamens albigenses sieht und eine Gründerfigur ausschließtF 16
Seiner Argumentation
F.
folgend, seien die südfranzösischen Albigenser in der Kölner Königschronik zwischen 1209 und 1215 unter dem Namen beggini aufgeführt worden, bevor die gesamte Frauenbewegung diesen Namen erhielt und/oder ihn sich selbst gab. Von Anfang an habe der Name hierbei in seiner Funktion als Fremdbezeichnung, als Synonym für Häresie gewirkt, hatte also eindeutig zum Ziel, die entstehende Frauenbewegung mit den ketzerischen Albigensern in Verbindung zu bringen und somit bereits in der Benennung der Bewegung ihre Diffamierung zu erreichen. Die Beginen haben letztlich diese Bezeichnung schon früh angenommen und auch selbst für ihre Gemeinschaften verwendet.
2.2 9 B Entstehungsgeschichte / Theorien
Sowohl Beginen als auch Begarden haben ihren geografischen Ausgangspunkt „wahrscheinlich im flämisch-belgischen Raum“F 17 Herbert Grund-
F.
mann sieht die geistigen Wurzeln der Beginen in der „vita-apostolica-Bewegung“F 18 des 11. Jahrhunderts.
F
12 Weinmann: Mittelalterliche Frauenbewegungen, S. 147.
13 Elm, Kaspar: Ketzer oder fromme Frauen? Das Beginentum im europäischen Mittelalter, in: Journal für Geschichte 2, Heft 6 (1980), S. 42 (im Folgenden zitiert als: Elm: Ketzer oder fromme Frauen).
14 Weinmann: Mittelalterliche Frauenbewegungen, S. 149.
15 Zu finden auch in Grundmann, Herbert: Neue Beiträge zur Geschichte der religiösen Bewegungen im Mittelalter, in: Archiv für Kulturgeschichte 37 (1955), S. 181 (im Folgenden zitiert als: Grundmann: Neue Beiträge); Ennen, Edith: Frauen im Mittelalter, 3.Aufl., München 1987, S. 118 (im Folgenden zitiert als: Ennen: Frauen im Mittelalter).
16 Weinmann: Mittelalterliche Frauenbewegungen, S. 149. mit Verweis auf: Mierlo, J. van: Les Béguines et Lambert li Beges, in: Revue d'histoire écclésiastique (23), Leuven 1927, S. 786f.
17 Struck, Wolf Heino: Von Beginen und Begarden im Mittelrheingebiet, Nassauische Annalen 72 (1961), S. 194 (im Folgenden zitiert als: Struck: Von Beginen und Begarden im Mittelrheingebiet).
18 Grundmann: Neue Beiträge, S.150.
Die Beginen 7
Auch wenn Eva Neumann die ersten Belege von Beginenvorkommen für 1223 in Köln ansetztF 19 könne man die bereits 1220 erwähnten bettelgrauen
F,
Seelfrauen oder Sammlungsschwestern ohne Ordenszugehörigkeit in Ulm auch schon zur Beginenbewegung zählenF 20 Fest steht nach Durchsicht der
F.
Lösungsansätze seitens der Beginenforschung: Die Entstehungsgeschichte der Beginen ist von der Forschung ebenso wenig mit endgültiger Sicherheit geklärt wie ihre etymologische Historie. Eine kontextuelle Einordnung lässt sich insofern vornehmen, als dass die Entstehungsgeschichte der Beginen eng mit den neu aufkommenden Frömmigkeits- und Laienbewegungen des 11. Jahrhunderts verknüpft erscheint, insbesondere jedoch mit der mittelalterlichen 'Frauenbewegung' einhergeht, wie diese von Grundmann benannt wurde. Dieser Begriff wurde von Grundmann auf jene spezifisch weibliche Laienbewegung bezogen und anschließend von der gegenwärtigen Forschung aufgenommen und diskutiert, ohne jedoch Verknüpfungen zu modernen Frauenbewegungen zu transportierenF 21 Die unterschiedlichen
F.
Erklärungsansätze der Forschung lassen sich zu drei Grundannahmen zusammenfassen, die mitunter auch ineinander übergehen. Diese drei am meisten diskutierten Thesen sollen hier kurz dargestellt werden. Zum einen gibt es neben der soziologischen Versorgungs- und Überschusstheorie auch die der bürgerlichen, ahistorischen und asoziologischen Religions-Hypothese. Zum anderen spricht die Forschung von der marxistischen Klassenantagonismus-Hypothese. Erstere sieht die Ursprünge der
Beginenbewegung in einem Frauenüberschuss vor allem aufgrund der Kreuzzüge, der die neuen religiösen Bewegungen als Auffangbecken und Versorgungsinstitution für alleinstehende Frauen entstehen ließ. Frauen seien zwar heiratswillig gewesen, hätten aber keinen verfügbaren Ehepartner gefunden, sodass sie nach anderen Formen der Lebensverwirklichung suchen mussten und diese schließlich in den neuen religiösen
19 Neumann, Eva Gertrud: Rheinisches Beginen- und Begardenwesen. Ein Mainzer Beitrag zur religiösen Bewegung am Rhein, in: Ewig, Eugen (Hrsg.): Mainzer Abhandlungen zur mittleren und neueren Geschichte, Bd. 4, Meisenheim am Glan 1960, S. 19 (im Folgenden zitiert als: Neumann: Rheinisches Beginen- und Begardenwesen).
20 Struck: Von Beginen und Begarden im Mittelrheingebiet, S.187.
21 Grundmann, Herbert: Religiöse Bewegungen im Mittelalter, Darmstadt 1970., S. 170ff. (im Folgenden zitiert als: Grundmann: Religiöse Bewegungen).
Arbeit zitieren:
Mareike Jacob, 2009, Die Beginen am Niederrhein, München, GRIN Verlag GmbH
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