„Vergleiche nun unsere Natur in bezug auf Bildung und Unbildung mit folgendem Erlebnis. Stelle Dir Menschen vor in einer unterirdischen, höhlenartigen Behausung; diese hat einen Zugang, der zum Tageslicht hinaufführt, so groß, wie die ganze Höhle. In dieser Höhle sind sie von Kind auf, gefesselt an Schenkeln und Nacken, so dass sie an Ort und Stelle bleiben und immer nur geradeaus schauen; ihrer Fesseln wegen können sie den Kopf nicht herumdrehen...“
Um den Lesern seiner Studie „Die angsterregende Welt des Vielsehers“ den Kern seiner sogenannten Kultivierungshypothese zu veranschaulichen, greift George Gerbner, Dozent an der Annenberg School of Communications in Philadelphia, das Höhlengleichnis von Platon auf.
"Man stelle sich einen Einsiedler vor, der in einer Höhle lebt und mit der Außenwelt lediglich über einen Fernsehapparat verbunden ist, welcher nur zur Hauptsendezeit funktioniert. Seine Kenntnisse von der Welt würden sich ausschließlich aus den Bildern und Fakten zusammensetzen, die er den im Fernsehen vorkommenden fiktiven Ereignissen, Personen, Objekten und Orten entnimmt."
Vielseher, das sind Menschen, mit einem täglichen Fernsehkonsum von mehr als vier Stunden, neigen demnach eher zur Annahme der im Fernsehen widergespiegelten Realität, als Wenigseher, also diejenigen, die täglich weniger als zwei Stunden vor dem Bildschirm verbringen. Vielseher „kultivieren“ auf diese Weise ein sich erheblich unterscheidendes Weltbild, zu dem der Wenigseher. Nach Gerbner unterscheiden sich die Sichtweisen und Vorstellungen der Fernsehrealität in erheblichem Maße von denen der Wirklichkeit. Vielseher nehmen ihre Umwelt anders wahr als Wenigseher und werden vom Fernsehen kultiviert.
Anhand von empirischen Untersuchungen konnten Gerbners Aussagen bezüglich der oben beschriebenen Fernsehkultivierung bestätigt werden. Beispielsweise wurden Probanden mit spezifischen Fragen zu deren Weltsicht und allgemeinen Einstellungen konfrontiert. Es zeigten sich erhebliche Unterschiede zwischen den Antworten der Probanden aus der TV Welt und denen aus der realen Welt. 1974 hatten 10 % aller Verbrechen in den USA einen violenten Charakter, in der Fernsehwelt waren es ca. 77%. Vielseher entschieden sich, im Gegensatz zu den Wenigsehern, eher für die Fernsehantwort, damit betrachtete die Forschungsgruppe um Gerbner den Einfluss des TV, also die oben genannte Kultivierungshypothese, als nachgewiesen.
Inhaltsverzeichnis
1 VORWORT
2 EINLEITUNG
3 DIE VERÄNDERUNG DES ÖFFENTLICHEN BEWUSSTSEINS DURCH SPEZIFISCHE SYSTEME VON MEDIENBOTSCHAFTEN
3.1 Ein neuartiges und zweistufiges Verfahren – der „Cultural Indicators Approach“
3.2 Entwicklungsgeschichte der Forschungsreihen
3.3 Einfluss auf das Publikum durch gewalthaltige Fernsehprogramme
3.4 Kultivierungseffekte und das Kultivierungsdifferential
4 DIE KRITIK AN GERBNERS FORSCHUNGSREIHEN
4.1 Methodische Mängel an Gerbners Ansätzen – das Ende des Violence Profile
4.2 Parallelen zwischen Mainstreaming und den Visionen der Bestseller- autoren George Orwell und Aldous Huxley
4.3 Resonance – eine weitere Reaktion Gerbners auf die Kritik seiner Methoden und Ergebnisse der ersten Forschungsreihen
5 KULTIVIERUNG ZWEITER ORDNUNG – KRITIK AN GERBNERS TRADITIONELLEM FORSCHUNGSANSATZ
5.1 Spezifische TV-Genres kultivieren das Publikum intensiver als unspezifischer TV Konsum
6 SCHLUSS
Zielsetzung und Themen der Arbeit
Die vorliegende Arbeit untersucht George Gerbners Kultivierungshypothese im Kontext der Massenkommunikation. Ziel ist es, die Wirkungsweise des Fernsehens als integrierender Symbolproduzent zu analysieren, den Einfluss auf die Weltsicht von Vielsehern zu beleuchten und eine kritische Auseinandersetzung mit der Entwicklung sowie den methodischen Grenzen dieses Forschungsansatzes zu führen.
- Grundlagen und Entstehung des „Cultural Indicators Approach“
- Mechanismen von Mainstreaming und Resonance
- Kritische Analyse methodischer Mängel in der Kultivierungsforschung
- Bedeutung spezifischer TV-Genres für Kultivierungseffekte
- Gesellschaftliche Folgen der Fernsehnutzung und Informationsüberflutung
Auszug aus dem Buch
3.1 Ein neuartiges und zweistufiges Verfahren – der „Cultural Indicators Approach“
Anstatt wie bisher empirische Untersuchungen auszurichten nach Fragen, die sich z.B. auf Kommunikationsvariablen und auf die dadurch entstehenden Veränderungen im individuellen Verhalten bezogen, entwickelten Gerbner et al. ein neues Forschungsverfahren, bestehend aus zwei Stufen – den „Cultural Indicators Approach“. Das Projekt bestand zum einen aus der „Institutional Process Analysis“, die sich mit der Auswahl, Produktion und Verbreitung der Medieninhalten befasste, außerdem aus den beiden zentralen Teilen der „Message System Analysis“ (Inhaltsanalyse), die sich mit dem Inhalt selber auseinandersetzte und aus der seit 1969 existierenden „Cultivation Analysis“ (Kultivierungsanalyse).
Im Rahmen der Message Analysis wurde die Fernsehrealität auf die dort vermittelten Botschaften untersucht. Diese Untersuchungen bezogen sich auf geographische, thematische, demographische und Aktionsstrukturen, außerdem auf räumliche und zeitliche Dimensionen wie z.B. in Bezug auf Persönlichkeit, Beruf und Schicksal der Probanden. Ab 1967 machte das Forschungsteam um Gerbner jährlich eine Stichprobe aller Programme, für die sie sich insgesamt eine Woche Zeit nahmen. Die Ergebnisse beschränkten sich auf die Erfassung des Gewaltinhalts der jeweiligen Kanäle und wurden u.a. in einem zunächst jährlichen „Violence Profil“ veröffentlicht.
Zusammenfassung der Kapitel
1 VORWORT: Die Autorin erläutert ihre Motivation für die Auseinandersetzung mit dem Thema und ihren Wunsch nach weiterführenden Informationen durch den Wissenschaftler George Gerbner.
2 EINLEITUNG: Einführung in die Kultivierungshypothese anhand des Höhlengleichnisses von Platon und Abgrenzung zwischen Vielsehern und Wenigsehern.
3 DIE VERÄNDERUNG DES ÖFFENTLICHEN BEWUSSTSEINS DURCH SPEZIFISCHE SYSTEME VON MEDIENBOTSCHAFTEN: Erläuterung des „Cultural Indicators Approach“ und der historischen Entwicklung der Forschungsreihen zur Fernsehkultivierung.
4 DIE KRITIK AN GERBNERS FORSCHUNGSREIHEN: Auseinandersetzung mit methodischen Vorwürfen sowie den Konzepten des Mainstreamings und der Resonance.
5 KULTIVIERUNG ZWEITER ORDNUNG – KRITIK AN GERBNERS TRADITIONELLEM FORSCHUNGSANSATZ: Analyse der Wirkung spezifischer TV-Genres im Vergleich zum unspezifischen Fernsehkonsum.
6 SCHLUSS: Zusammenfassende Bewertung der negativen Auswirkungen des Fernsehens auf die öffentliche Diskursfähigkeit und das gesellschaftliche Weltbild.
Schlüsselwörter
Kultivierungshypothese, George Gerbner, Cultural Indicators Approach, Vielseher, Fernsehrealität, Mainstreaming, Resonance, Gewalt, Medienwirkung, Talkshows, Massenkommunikation, Fernsehgeneration, Informationsüberflutung, Kultivierungsdifferential, Sozialisation.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Hausarbeit untersucht die von George Gerbner entwickelte Kultivierungshypothese, die besagt, dass ein intensiver Fernsehkonsum das Weltbild der Rezipienten nachhaltig prägt und verzerrt.
Welche zentralen Themenfelder werden behandelt?
Zentrale Themen sind die Entstehung des „Cultural Indicators Approach“, die Konzepte des Mainstreamings und der Resonance sowie die kritische Reflexion methodischer Mängel in Gerbners Forschung.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist es, die Rolle des Fernsehens als „integrierender Symbolproduzent“ zu analysieren und aufzuzeigen, wie Fernsehen die Wahrnehmung der sozialen Realität bei Vielsehern im Vergleich zu Wenigsehern beeinflusst.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine theoretische Arbeit, die auf der Auswertung empirischer Studien zur Kultivierungsforschung und der Analyse fachwissenschaftlicher Literatur basiert.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Darstellung des Forschungsansatzes, die Auseinandersetzung mit Kritikpunkten, den Vergleich mit literarischen Zukunftsvisionen und die Untersuchung der Wirkung spezifischer Genres wie Talkshows.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit lässt sich durch Begriffe wie Kultivierung, Fernsehrealität, Medienwirkung, Vielseherforschung und symbolische Umwelt charakterisieren.
Was genau versteht Gerbner unter dem „Kultivierungsdifferential“?
Es ist das Maß für die Differenz der Ansichten zwischen Viel- und Wenigsehern, das als Indikator dafür dient, wie stark das Fernsehen die soziale Wahrnehmung kultiviert hat.
Warum kritisiert die Autorin den Fokus auf Talkshows im Kontext der Kultivierung?
Die Autorin hebt hervor, dass Talkshows („Affektfernsehen“) durch eine hohe personen- und gefühlsorientierte Darstellung ein besonders verzerrtes Bild der Wirklichkeit vermitteln, das vor allem für Jugendliche problematisch ist.
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- Nadja Wagner (Author), 2003, Die Kultivierungshypothese von George Gerbner et al., Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/16014