Inhalt:
1. Einleitung 3
2. Die Wortbildungsstruktur der Substantive auf -(at)ion 4
3. Analyse der Ableitungen auf -(at)ion 6
3.1. Die Textkorpora und die Vorgehensweise 6
3.2. Die Ergebnisse der Analyse 6
3.3. Nominale und verbale Derivationsstammbildung 8
4. Die Produktivität des Suffixes -(at)ion 11
5. Zusammenfassung 14
Literaturverzeichnis 15
Anhang.........................................................................................................................................I-X
a) Wörterliste alphabetisch mit Derivationsstammbildungen I
b) Belege zu Kapitel 4 V
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1. Einleitung
Die Fremd- oder auch Lehnwortbildung im Deutschen wird in der Forschung sehr verschie- den interpretiert. Die Grenzen zwischen einheimischem Wort, Fremdwort und Lehnwort sind nicht immer eindeutig zu ziehen. Eine Vielzahl von Fachbegriffen und Definitionen erschwe- ren eine einheitliche Terminologie. Simmler beispielsweise sublimiert Suffixe unter den Beg- riff Formationsmorphem, Fleischer unter Wortbildungsmorphem. Für diese Arbeit sollen die Begriffe fremd und sekundärsprachlich, Fremdwort und Lehnwort sowie Endung und Suffix gleichbedeutend sein. Weitere Begrifflichkeiten werden im jeweiligen Kapitel präzisiert. Hintergrund und Ausgangspunkt bildet der Aufsatz „Form und Distribution der Fremdwort- suffixe im Neuhochdeutschen“ von Ernst Dittmer. 1 Unter anderem am Beispiel der Endung -
(at)ion stellt Dittmer die These auf, daß Fremdwörter und fremde Endungen im Deutschen andere Ableitungsmuster als einheimische aufweisen. Im Unterschied zu Wellmanns Regel- werk „Deutsche Wortbildung – Das Substantiv“ 2 nimmt er statt vier Suffixvarianten nur eine
für alle gültige Endung -tion an. Diese unterschiedlichen Sichtweisen werde ich im zweiten Kapitel erläutern.
Den Hauptteil meiner Untersuchung macht eine eigene Analyse der online zugänglichen Kor- pora des Instituts für Deutsche Sprache (IdS) aus. 3 In diesem dritten Kapitel werde ich anhand
der aus den „Korpora der gesprochenen Sprache“ erstellten Wörterliste erstens die Richtigkeit und Durchsichtigkeit der von Dittmer und Wellmann vorgeschlagenen Regeln überprüfen, zweitens zeige ich einen alternativen Lösungsansatz auf mit dem Ziel, ein einheitliche En- dung -ion formal und systematisch erklärbar zu machen. Dabei stütze ich mich auf Teilaspek- te aus Murjasovs Artikel „Zur Wortbildungsstruktur der Ableitungen mit Fremdsuffixen“ 4 und Fuhrops Stammparadigma 5 für fremde Endungen.
Das vierte Kapitel behandelt die Frage, ob die Ableitung mit dem Suffix -(at)ion als produktiv gelten kann. Hierzu habe ich in verschiedenen IdS-Korpora und im Internet recherchiert. Al- len Ausführungen ist die synchrone, rein formale Beschreibung gemeinsam; nur vereinzelt wird die diachrone und semantische Ebene mit einbezogen. Im Anhang finden sich zu Kapitel drei eine Tabelle mit der Wörterliste und zum vierten Kapitel Wortbelege; jeweils extrahiert aus den Korpora des IdS.
1 Dittmer (1983). Die bibliographischen Angaben werden mit dem Nachnamen des Autors und Erscheinungsjahr der verwendeten Auflage angegeben. Die vollständigen Angaben sind dem Literaturverzeichnis zu entnehmen. 2 Wellmann (1975).
3 www.ids-mannheim.de 4 Murjasov (1976).
5 Fuhrop (1998).
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2. Die Wortbildungsstruktur der Substantive auf -(at)ion
Dittmers Ausgangsfrage lautet: „Kann man die Fremdwörter im Deutschen nach deutschen Regeln beschreiben?“ 6 Eine synchrone Untersuchung über Form und Segmentierung der Sub-
stantive auf -(at)ion sollen als Beweis dienen, daß Fremdwörtern und fremden Endungen spe- zifische Ableitungsmuster und Wortbildungsregeln im Deutschen eigen sind. Ähnlich argu- mentiert Murjasov: „Im inneren Bau der deutschen und fremdsprachigen Ableitungen lassen sich bedeutende Unterschiede nachweisen. Die Kriterien, die bei der Behandlung der deut- schen Substantive von Bedeutung sind, können bei der Analyse der Fremdwörter nicht be- nutzt werden.“ 7 Denn im Unterschied zu den heimischen Substantiven, deren Morphemstruk-
tur deutlicher trennbar ist, existiert die Basis der Fremdsubstantive meistens in Form von Stämmen, die voneinander abhängig sind. 8 Dieser Aspekt wird in Abschnitt 3.3. noch eine
wichtige Rolle spielen.
Im Falle der Substantive auf -(at)ion formuliert Wellmann das Ableitungsmuster folgender- maßen: „Aus Nomina werden Substantive durch -ion (devot > Devotion), aus Verben meis- tens durch -ation abgeleitet; die Verbalendung -ier-(en) wird (...) getilgt.“ 9 Trotz dieser gene-
rellen Regel muß Wellmann vier Suffixvarianten: -ion, -ation, -ition und -tion auflisten, die wiederum jeweils mit bis zu neun morphologischen Zusatzregeln unterteilt werden. Außer der anteilsmäßig geringen deadjektivischen Ableitung wird als Basis ein Verb auf -ieren ange- nommen (Anteil: 97,1%), wobei die betreffende Basis über die Wahl des Suffixes entscheidet. Hier setzt die Kritik von Dittmer ein. Anstatt einseitig nach Vorbild einheimischer deverbaler Ableitungen vorzugehen (umgeben > Umgebung), schlägt er vor, das Substantiv als Basis zu nehmen. Ziel ist einerseits, die Variationen und Zusatzregeln zu mindern, andererseits den Prozeß der Wortbildung transparenter zu gestalten. In der Tat kann der Sprachbenutzer die richtige Suffixvariante nicht voraussagen, wenn er allein vom Verb ausgeht: „Warum führt invest- zu Investition, demonstr- dagegen zu Demonstration?“ 10
Zur Veranschaulichung habe ich den Unterschied beider Sichtweisen gegenübergestellt:
6 Dittmer (1983) S. 385.
7 Murjasov (1976) S. 121.
8 Die Segmentierung fällt zudem schwerer, weil Zahl und Bestand der Fremdsuffixe von Autor zu Autor schwanken; vgl. Murjasov (1976) S. 121f.
9 Wellmann (1975) S. 29.
10 Dittmer (1983) S. 386.
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Dittmer erhält dadurch ein einheitliches Suffix -tion.
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Zwei Einschränkungen muß aber auch
er machen. Zum einen entfallen bei den abgeleiteten Verben die auslautenden Vokale vor -
ieren (vgl. in Tabelle 1 die Basen investi- und demonstra-). Zum anderen setzt er eine t-
Erweiterung bei einigen Verben auf -ieren gegenüber den substantivischen Basen an, wie im
letzten Beispiel in Tabelle 1.
Neben diesen beiden Ausnahmen von der Regel gibt es zusätzlich ein Reihe weiterer Proble-
me der Segmentierung und Ableitung, auf die er nicht eingeht. Seine Beispiele sind so ausge-
wählt, daß sie in das vorgestellte Schema passen. Wellmann führt aber nicht umsonst einige
phonologische und morphologische Zusatzregeln auf, die mit Dittmers Prozedur nicht zu er- fassen sind. 12 Hochgerechnet werden etwa 75% der Wörter bei Wellmann durch das Vorge-
hen von Dittmer abgedeckt und nachvollziehbar. Hier einige Beispiele der Ausnahmen, ange- lehnt an Wellmanns Tabelle: 13
Fleischer nimmt als Suffix -ion an, das zum Teil mit dem Infix -at- ergänzt wird. 14 Zusätzlich
zu Wellmann führt er desubstantivische Derivate (Exkurs > Exkursion) und Wortbildungskon-
struktionen an, bei denen eine doppelte Motiviertheit (produzieren - Produktion - Produkt)
oder eine Sondergruppe nach dem Muster Fusion - fusionieren vorliegt. Diese weiteren Be-
sonderheiten, die weder Wellmann noch Dittmer erwähnen, schaffen zusätzliche Unklarheit.
11 Doch geht er nicht auf die adjektivischen Basen ein, deren abgeleitete Substantive auf -ion enden.
12 Viele dieser „Sonderfälle“ können mit Hilfe des Entlehnungsvorgangs oder diachron erklärt werden. Häufig
sind die Verben nach dem lateinischen Infinitiv, die Substantive jedoch nach dem Partizip Perfekt gebildet. Auch vollzog sich die Entlehnung und Integration von Verb und Substantiv zeitlich versetzt und eines der bei- den gelangte erst über eine andere Herkunftssprache – besonders über das Französische – ins Deutsche. Diese Ausführungen ließen sich weiterführen, doch die diachrone oder entlehnungsgeschichtliche Beschreibung ist nicht Zweck dieser Untersuchung. Es darf keine Voraussetzung an heutige Sprachbenutzer sein, die lateinische Grammatik zu kennen und daraus den Wortbildungsvorgang und die Wortverwandtschaft ableiten zu können. Das Ziel muß sein, nachvollziehbare und anwendbare Muster zu finden, um die bestehenden Ableitungen zu verstehen und gegebenenfalls Neubildungen anhand des Vorbilds zu ermöglichen. Vgl. zur Sprachgeschichte von Suffixen am Beispiel des Lateinischen Leumanns Aufsatz „Gruppierung und Funktionen der Wortbil- dungssuffixe“ S. 134ff.
13 vgl. Wellmann (1975) S. 30.
14 vgl. Fleischer (1992) S. 187.
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Mithilfe einer eigenen Wörterliste, erstellt aus den IdS-Korpora der gesprochenen Sprache, überprüfe ich im nächsten Kapitel erstens Wellmanns Regularitäten und Dittmers These, zweitens unternehme ich den Versuch, die Morphemstrukturen auf eine andere Art zu seg- mentieren und einen neuen Ansatz zu präsentieren.
3. Analyse der Ableitungen auf -(at)ion
3.1. Die Textkorpora und die Vorgehensweise
Aus den Korpora der gesprochenen Sprache habe ich eine Basismenge von -(at)ion- Substantiven gesammelt. Diese Textkorpora sind online zugänglich über den COSMAS I des Instituts für deutsche Sprache (IdS). 15 Sie haben einen Umfang von 300 Dokumenten, 694
Texten und gesamt 1,6 Millionen Wortformen. Diskussionen, Interviews, Vorträge, Erzählun- gen, Reportagen, Beratungsgespräche und Tonaufnahmen überregionaler Umgangssprache aus der BRD, DDR, der Schweiz und Österreich aus den 1960er und 1970er Jahren bilden die Textmenge. 16 Aus dieser Textmenge läßt sich eine repräsentative Anzahl von -(at)ion-
Substantiven ermitteln.
Insgesamt erhielt ich 1.124 Wortformen. Darin waren alle Derivate, Komposita und sonstige Wortbildungen mit -(at)ion enthalten. Die Komposita und sonstigen Bildungen sind aufgelöst und zu den Derivaten gezählt worden. 17 Summiert ergaben sich 219 Wörter auf -(at)ion, von denen 212 analysierbar sind. 18
Diese Basismenge bildet die Grundlage, einerseits die Sichtweisen von Dittmer und Well- mann zu prüfen und andererseits eine eigene Analyse vorzunehmen. Der erste Schritt war, ei- ne alphabetische Wörterliste mit Häufigkeitsangaben aufzustellen. Diese Wörterliste befindet sich als Tabelle im Anhang. Im zweiten Schritt habe ich zu den Substantiven dazugehörige Verben bzw. Adjektive recherchiert (siehe Tabelle im Anhang, Spalte 2). Dort, wo es möglich war, ist in der dritten Spalte die Einteilung der Suffixvarianten und Zusatzregeln, wie sie 15 COSMAS I ist der öffentlich und online zugängliche Korpora-Katalog des Instituts und unter http://corpora.ids-mannheim.de/~cosmas einsehbar.
16 Die genauen Angaben zu den einzelnen Korpora sind unter www.ids-mannheim.de/kt/corpora-ges.shtm abruf- bar.
17 Die Komposita oder sonstigen Wortbildungsarten sind für die Analyse der Wortbildungsstruktur der Substan- tive mit dem Suffix unerheblich.
18 siehe Anmerkungen im Anhang S. IV unten.
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Wellmann vorgenommen hat, verzeichnet. 19 Die vierte und fünfte Spalte werden erst für den
neuen Lösungsansatz in Abschnitt 3.3. relevant.
3.2. Die Ergebnisse der Analyse
Die folgende Tabelle 3 zeigt die Regularitäten nach Wellmann. 20 Hinzugefügt ist die letzte
Spalte mit den Angaben zu welchen Teilen die Substantive auf -(at)ion in der neuen Wörter-
liste belegt sind. Zur besseren Übersicht und zum schnelleren Auffinden im Anhang sind die
Varianten und Zusatzregeln durchnumeriert.
Bei 57 Substantiven (26,5%) in der Wörterliste war keine Einordnung in die von Wellmann
angeführten Gruppen möglich. Entweder wurde keine Basis gefunden oder es liegen das Ab-
leitungsmuster wie in Portion : portionieren oder weitere, bei Wellmann nicht aufgeführte
Sonderfälle vor. Folgend sind die Verhältnisse aufgeschlüsselt:
Substantiv : Verb bzw. Adjektiv 155(73,5%)
19 siehe Abschnitt 3.2. S. 7.
20 vgl. Wellmann (1975) S. 30.
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Quote paper:
Wolfram Baier, 2001, Form und Produktivität der sekundärsprachlichen Endung "-(at)ion" im Deutschen, Munich, GRIN Publishing GmbH
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