1. Einleitung
Die Gleichberechtigung beider Geschlechter 1 wurde bei der Formulierung des Grundgesetzes festgeschrieben und sollte als selbstverständliches Leitbild unserer Gesellschaft gelten. Rund 35 Jahre später stellt 1983 ein eineinhalbjähriges Mädchen fest: „Frau nackig […] Mann redet.“ 2
Nun gut, seit dem sind immerhin bereits 26 Jahre vergangen. Wie sieht es also mit der Realisierung der Gleichberechtigung rund 60 Jahre nach Gründung der Bundesrepublik aus? Bisher nahm ich an, dass die Gleichberechtigung in der heutigen Zeit wesentlich mehr Bedeutung hat. Auch wenn eine völlige Gleichberechtigung noch lange nicht erreicht ist, so besteht sie doch immerhin als Leitbild insbesondere junger Männer und Frauen. Ein Gespräch mit einer jungen Frau kurz vor ihren Abiturprüfungen im Jahr 2008 ließ mich diese Annahme doch erheblich bezweifeln. Auf die Frage, wie sie sich auf ihre Abschlussprüfungen vorbereiten würde, erhielt ich in Bezug auf das Fach Mathematik die Antwort: „Ich brauche nicht gut in Mathe zu sein, denn ich bin ja ein Mädchen.“ Während bis in die 1970er Jahre das traditionelle Familienleitbild mit dem Mann als Alleinernährer und seiner Frau als treu sorgende Hausfrau und Mutter bestimmend war, sieht die heutige Realität um einiges anders aus. Doch wie sieht eine Realität aus, in der angehende Abiturientinnen sich aufgrund ihrer Geschlechtszugehörigkeit bestimmte Fähigkeiten absprechen bzw. sich hinter diesen als Ausrede verstecken? Wie sehen die heutigen Frauen(leit)bilder aus? Wie wichtig Bilder für die Wahrnehmung und Beeinflussung der Realität sind betont u.a. die visuelle Kommunikationsforscherin und Politologin Marion Müller: „Bilder verändern unsere Realität. Bilder beeinflussen unsere Selbstwahrnehmung, aber auch die Wahrnehmung unserer Umwelt.“ 3
Dadurch dass sich im Alltag durch Bilder verständigt wird, folgt, dass unsere Gesellschaft nicht durch Bilder repräsentiert, sondern konstituiert wird. Bilder sind nach Bohnsack handlungsleitend. Sie sind in die vorreflexiven, impliziten und
1 Es ist wird damit nicht bestritten, dass es mehr als zwei Geschlechter geben kann. Hier wird sich allerdings auf die im Grundgesetz benannten Geschlechter bezogen.
2 Grabrucker 1992: 38.
3 Müller 2003: 13.
1
„atheoretischen“ Wissensbestände eingelassen - wodurch insbesondere das habitualisierte Handeln beeinflusst wird. 4
Ziel dieser Arbeit ist es aus einer sozialwissenschaftlichen Perspektive heraus, die Darstellung von Frauen in der heutigen Gesellschaft zu analysieren. Die Bildinterpretation ist als Methode in den Sozialwissenschaften noch relativ „jung“. Eine der erfolgreichsten Bildinterpretationsmethoden ist die des Kunsthistorikers Erwin Panofsky. 5 Der sog. ikonographisch-ikonologische Dreischritt Panofskys findet unter anderem auch deshalb in den Sozialwissenschaften Anwendung, weil er wesentlich auf den Arbeiten des Soziologen und Kunsthistorikers Karl Mannheim fußt. 6
Die Arbeit ist so gegliedert, dass zunächst die Bildinterpretationsmethode Panofskys beschrieben und anhand eines kurzen Beispiels dargestellt wird. Im Anschluss wird, um das Frauenbild in der heutigen Gesellschaft anhand der Bildinterpretationsmethode zu analysieren, auf ein Titelblatt einer der meistgekauften Zeitschriften Deutschlands, „DER SPIEGEL“ zurückgegriffen.
4 Bohnsack 2006: 18f.
5 Panofsky entwickelte seine Methode im Jahr 1955.
6 Müller 2003: 201ff; Bohnsack 2003: 87.
2
2. Bildinterpretationsmethode nach Panofsky
Panofsky plädiert für drei Schritte der Bildinterpretation. Der erste Schritt umfasst die vorikonographische Beschreibung. Auf diese folgen im zweiten Schritt die ikonographische Analyse und darauf dann die ikonologische Interpretation des Bildes.
Nach Michel ist es problemlos möglich, Panofskys Modell auch für Bilder auf Plakatwänden, in Zeitungen oder Familienalben anzuwenden; die Methode ist nicht auf die Kunstwerkinterpretation beschränkt. 7
Im Folgenden werden die drei Schritte (siehe Tab. 1) einzeln erläutert und anschließend am Beispiel von Da Vincis letzter Abendmahldarstellung exemplarisch angewendet.
Tabelle 1: Panofskys Dreischrittmodell
7 Michel 2006: 148f.
3
2.1 Vorikonographische Beschreibung
Bei der vorikonographischen Beschreibung geht es im Wesentlichen um die Frage: Was ist dargestellt? Es sollen alle sich auf dem Bild befindlichen Gegenstände, Personen etc. beschrieben werden.
Die vorikonographische Analyse gliedert sich in die tatsachen- und ausdruckshafte Bedeutung. Zur Verdeutlichung dieser Aufgliederung führt Panofsky folgendes Alltagsbeispiel an: ein Mann hebt seinen Hut und sieht dabei jemanden an. Unter einem rein formalen Gesichtspunkt ist lediglich eine Veränderung der Farben-, Linien- und Körperumrisse feststellbar. Die tatsachenhafte Bedeutung liegt darin, dass die Gebärde des Mannes als Hutziehen verstanden wird. Die Tatsachenbedeutung wird demnach erfasst, wenn bestimmte (sichtbare) Formen mit Gegenständen identifiziert werden, die wiederum durch die praktische Erfahrung bekannt sind.
Durch die Erfassung der Tatsachenbedeutung werden bestimmte Reaktionen her-vorgerufen. Aus der Art und Weise wie der Mann das Hutziehen durchführt, ist z.B. erkennbar, ob er guter oder schlechter Laune ist und wie die Gefühle gegenüber dem anderen sind (z.B. gleichgültig oder feindselig). Diese psychologischen „Nuancen“ benennt Panofsky als ausdruckshafte Bedeutung. Im Gegensatz zur Tatsachenbedeutung, die identifiziert wird, wird die ausdruckshafte Bedeutung durch Einfühlung erfasst.
Die tatsachen- und ausdruckshafte Bedeutung gehören zur Klasse der primären und natürlichen Bedeutung. Es werden reine Formen identifiziert, z.B. Farben und Linien sowie Darstellungen von Menschen, Tieren, Pflanzen oder Häusern etc., „indem man ihre gegenseitigen Beziehungen als Ereignisse identifiziert […].“ 8 Wichtig ist, dass insbesondere auf Details eingegangen wird (z.B. die Position einer Person vor einem Gegenstand, ein leeres Glas etc.), denn diese können bei der Stufe der ikonographischen Analyse von Bedeutung sein. Van Straten betont in diesem Zusammenhang:
„Bei der Aufzählung alles dessen, was auf einem Bild dargestellt wird, ist sehr genaues Hinsehen besonders wichtig: es ist die Voraussetzung für jeden weiteren Schritt auf dem Weg zu einer richtigen Interpretation.“ 9
8 Panofsky 2006: 37.
9 Van Straten 1997: 18.
4
Arbeit zitieren:
Bachelor of Arts Nina Eger, 2009, Eine sozialwissenschaftliche Bildinterpretation nach Panofsky, München, GRIN Verlag GmbH
Dieser Text kann über folgende URL aufgerufen und zitiert werden:
Einbetten
DOI
Ausgewählte Geschlechtsunterschiede und ihre Ursachen
Psychologie - Persönlichkeitspsychologie
Seminararbeit, 27 Seiten
Die Familie und die Gleichberechtigung der Geschlechter
Soziologie - Familie, Frauen, Männer, Sexualität, Geschlechter
Forschungsarbeit, 26 Seiten
Geschlechtshierarchische Arbeitsteilung und geschlechtsspezifische Soz...
Soziologie - Familie, Frauen, Männer, Sexualität, Geschlechter
Diplomarbeit, 122 Seiten
Matriarchatsforschung in Vergangenheit und Gegenwart - zwei verblieben...
Hausarbeit (Hauptseminar), 32 Seiten
Die Aufteilung der Hausarbeit, verletzte Erwartungen und Beziehungsqua...
Soziologie - Familie, Frauen, Männer, Sexualität, Geschlechter
Referat (Ausarbeitung), 13 Seiten
Sozialgeschichte der Familie: Entstehung und Entwicklung der modernen ...
Soziologie - Familie, Frauen, Männer, Sexualität, Geschlechter
Examensarbeit, 69 Seiten
Berufstätige Frauen in den "goldenen" Zwanzigern
Soziologie - Familie, Frauen, Männer, Sexualität, Geschlechter
Ausarbeitung, 9 Seiten
Die traditionelle Kleinfamilie – Aufgaben und Lebensweisen
Soziologie - Familie, Frauen, Männer, Sexualität, Geschlechter
Seminararbeit, 14 Seiten
Der Zusammenhang zwischen den normativen Vorstellungen der häuslichen ...
Soziologie - Familie, Frauen, Männer, Sexualität, Geschlechter
Praktikumsbericht / -arbeit, 37 Seiten
Weiblichkeitskonzepte von Frauen aus unterschiedlichen sozialen Milieu...
Eine qualitative Studie
Pädagogik - Pädagogische Soziologie
Diplomarbeit, 103 Seiten
Soziologie - Familie, Frauen, Männer, Sexualität, Geschlechter
Ausarbeitung, 2 Seiten
Die Theorie von der Konstruktion von Geschlecht
Eine kritische Refexion
Soziologie - Familie, Frauen, Männer, Sexualität, Geschlechter
Seminararbeit, 27 Seiten
Jenseits von sex und gender - Eine poststrukturalistische Analyse der ...
Soziologie - Familie, Frauen, Männer, Sexualität, Geschlechter
Bachelorarbeit, 45 Seiten
Der sozioökonomische Wandel als Ursache für die Verbreitung von "...
Soziologie - Familie, Frauen, Männer, Sexualität, Geschlechter
Seminararbeit, 14 Seiten
Von Natur aus anders? Eine biologische und sozialpsychologische Betrac...
Psychologie - Sozialpsychologie
Magisterarbeit, 135 Seiten
Geschlechterrollen - Zur Lage von Mann und Frau
Soziologie - Familie, Frauen, Männer, Sexualität, Geschlechter
Hausarbeit, 17 Seiten
Sozialwissenschaften allgemein: Eine sozialwissenschaftliche Bildinterpretation nach Panofsky ist nun auf dem Buchmarkt erhältlich
Sozialwissenschaften allgemein: neuer Titel erschienen: Eine sozialwissenschaftliche Bildinterpretation nach Panofsky
Nina Eger hat einen neuen Text hochgeladen
Panofsky on Physics, Politics and Peace
Pief Remembers
Wolfgang K. H. Panofsky, Jean Marie Deken
Bildgeschichten und verfilmte ...
Kristin Land, Hans-Jürgen Pandel
Africana Resources and Collections: Three Decades of Development and A...
Julian W. Witherell
Bildgeschichten und verfilmte ...
Kristin Land, Hans-Jürgen Pandel
0 Kommentare