INHALTSVERZEICHNIS
0 Einleitung. 1
1 Die lebende gute Mutter - Die zwölf Brüder 3
1.1 Perfektionierung der guten Mutter 3
1.2 Kleiner Exkurs zur Schwiegermutter. 5
1.3 Zusammenfassung. 6
2 Die tote gute Mutter - Aschenputtel 7
2.1 Mutterliebe über den Tod hinaus. 7
2.2 Kleiner Exkurs zur Stiefmutter 9
2.3 Zusammenfassung. 10
3 Die lebende böse Mutter - Hänsel und Gretel. 10
3.1 Transformation von Mutter zu Stiefmutter 10
3.2 Zusammenfassung. 14
4 Die ausgewählten Mutterfiguren im Kontext des
Rousseauschen Mutterideals 15
5 Fazit 17
Literaturverzeichnis 18
0 Einleitung
Die Kinder- und Hausmärchen 1 der Brüder Grimm gehören zu den „am häufigsten gelesenen und übersetzten Büchern der Weltliteratur“ 2 . Die Erstausgabe erschien 1812 in der Absicht, Volksmärchen vor dem Vergessen zu bewahren, indem man sie auf Papier bannte. „Ausnahmslos [...] überdurchschnittlich gebildete Frauen aus gutsituierten Familien“ 3 wurden von Jacob und Wilhelm Grimm aufgesucht, um sich von ihnen die Märchen erzählen zu lassen, die sie später in den KHM veröffentlichten. Dabei sah Jacob Grimm ihr Werk eher als Dienst für die Wissenschaft und gegen das Vergessen an, Wilhelm hingegen nahm sich die Meinungen zu Herzen, die den „unbeholfenen Märchenstil“ 4 kritisierten und begann „zunächst vorsichtig, dann deutlich (aber fast stillschweigend)“ 5 an den Märchen zu feilen, sie inhaltlich und sprachlich zu verbessern und dem Lesepublikum anzupassen 6 . In der Zeit von 1812 bis 1857 veröffentlichten die Brüder 7 Auflagen ihrer KHM. Dass sie dabei „die Sprache ihrer Zeit und Umwelt [sprachen]“ 7 , ist für diese Arbeit von größerer Bedeutung.
Die Veröffentlichungen der verschiedenen Auflagen der KHM in Deutschland fielen in eine Zeit großer gesellschaftlicher Umbrüche, die sich ausgehend von der Aufklärung vollzogen 8 . Besonders im Zuge der Industrialisierung in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts entsteht in der bürgerlichen Gesellschaft die Vorstellung von binären Geschlechterrollen und somit von stabilen männlichen und weiblichen „Geschlechtscharakteren“ 9 . Diese Theorien basieren unter Anderem auf der einsetzenden Trennung von privatem und öffentlichem Raum durch die mit der Industrialisierung einsetzende Erwerbsarbeit. Die zu diesem Zeitpunkt in der Wissenschaft weit verbreitete Vorgehensweise der Kategorisierung von Wissen machte auch vor den Geschlechtern nicht halt. Mit dem Entwurf von so genannten Geschlechtscharakteren versuchte man die strikte Teilung der Sphären mit Argumenten zu untermauern. Zwischen 1750 und 1850 entstand in der Humanwissenschaft eine Theorie der Frau und damit verbunden auch eine Theorie der Geschlechterordnung, die auf einer Zurechnung der Frau zur Natur und des Mannes zur Kultur beruhte. Die Gebärfähigkeit der Frau wurde zum Hauptargument für das Naturwesen Frau. 10
1 Im Folgenden: KHM
2 Nissen, Walter: Die Brüder Grimm und ihre Märchen. Göttingen 1984, S. 7.
3 Rölleke, Heinz: Die Märchen der Brüder Grimm. München, Zürich 1986, S. 70.
4 Ebd. S. 79.
5 Ebd. S. 76.
6 Vgl. Ebd. S. 75-79.
7 Karlinger, Felix: Geschichte des Märchens im deutschen Sprachraum. Darmstadt 1988, S. 47.
8 Für diese Arbeit konzentriere ich mich auf das Bürgertum, welches auch die Zielgruppe der Brüder Grimm darstellte.
9 Hausen, Karin: Die Polarisierung der „Geschlechtscharaktere“. Eine Spiegelung der Dissoziation von Erwerbs-und Familienleben. In: Hark, Sabine (Hrsg.): Diskontinuitäten: Feministische Theorie. Opladen, 2001, S. 162.
10 Vgl. http://www2.gender.hu-berlin.de/geschlecht-ethnizitaet-klasse/www.geschlecht-ethnizitaet-klasse.de/indexb5e9.html?set_language=de&cccpage=referat&set_z_referentinnen=1 (Stand Juli 2007)
1
Am Ende des 18. Jahrhunderts ändert sich das Bild der Mutter in Deutschland. Grund dafür sind unzählige Publikationen, „in denen den Müttern empfohlen [wurde, d. V.], sich persönlich um ihre Kinder zu kümmern, [...] sie zu stillen“ 11 , wobei als Vorläufer dieser Denkweise Jean-Jaques Rousseau mit seinem 1762 erschienen Werk Emile ou de léducation 12 zu nennen ist. Rousseau wiederum stützte sich in seiner Argumentation auf „die Geschlechtscharaktere und die Geschlechterordnung, wobei die Natur als Vorbild erscheinen sollte, als Ursprung, zu dem die Frau zurückzukehren hatte“ 13 . Durch Ausdrücke wie „Im allgemeinen lieben sie [die Frauen, d. V.] die Kinder mehr.“ 14 , „Eine Mutter will das Glück ihres Kindes, und zwar sofort.“ 15 , „[...] die mütterliche Fürsorge aber ist unersetzlich.“ 16 , „Sie [Mutter, d. V.] nahm sie [Sophie, d. V.] beiseite und redete mit jener einschmeichelnden Sprache und mit jener unwiderstehlicher Zärtlichkeit, die nur mütterliche Liebe aufbringen kann.“ 17 oder „[...] die blinde Zärtlichkeit der Mütter“ 18 wird die Mutterliebe in Rousseaus Werk naturalisiert und ideologisiert. Rousseau und seine Nachfolger schafften somit den „Mythos vom Mutterinstinkt oder von der spontanen Liebe einer jeden Mutter zu ihrem Kind“ 19 .
Da die Brüder Grimm in diesem gesellschaftlichen Rahmen agierten und die KHM vor allem von Wilhelm auch als ein „Erziehungsbuch“ 20 für das Bürgertum betrachtet wurde 21 , interessierte mich, ob man die Mythologisierung der Mutterliebe 22 auch über die verschiedenen Auflagen hinweg beobachten kann. Ich suchte mir die KHM Die zwölf Brüder, Aschenputtel und Hänsel und Gretel für meine Untersuchung aus, da in diesen Märchen jeweils ein anderer Muttertyp vertreten ist und sah mir deren Darstellung über drei verschiedene Auflagen hinweg an, wobei für mich vor allen Dingen die Darstellung der Mutter-Kind-Beziehung von Interesse war. Ich entschloss mich, für meine Untersuchungen die Auflagen von 1812, 1837 und 1857 zu verwenden. Dabei fiel auf, dass sich immer jeweils zwei der drei Versionen eines Märchens sehr ähnelten, so dass ich
11 Badinter, Elisabeth: Die Mutterliebe. Geschichte eines Gefühls vom 17. Jahrhundert bis heute. München 1991,
S. 113.
12 Ich beziehe mich in meiner Arbeit auf die deutsche Ausgabe Emil oder über die Erziehung
13 Blaha-Peillex, Nathalie: Mütter und Anti-Mütter in den Märchen der Brüder Grimm. Tübingen 2008, S. 18.
14 Rousseau, Jean-Jaques: Emil oder Über die Erziehung. Paderborn 1998, S. 9.
15 Ebd. S. 10.
16 Ebd. S. 18.
17 Ebd. S. 440.
18 Ebd. S. 10.
19 Badinter, Elisabeth: Die Mutterliebe. Geschichte eines Gefühls vom 17. Jahrhundert bis heute. München 1991, S. 113.
20 Grimm Brüder: Kinder- und Hausmärchen. Gesammelt durch die Brüder Grimm. Vergrößerter Nachdr. der zweibd. Erstausg. von 1812 und 1815 nach dem Handex. des Brüder-Grimm-Museums Kassel mit sämtlichen handschriftlichen Korrekturen und Nachtr. der Brüder Grimm sowie einem Erg.-H.: Transkriptionen und Kommentare / in Verbindung mit Ulrike Marquardt von Heinz Rölleke. KHM 1815, Göttingen 1996, S. VIII.
21 Vgl. Steinlein, Rüdiger: Märchen als poetische Erziehungsform. Zum kinderliterarischen Status der Grimmschen
„Kinder- und Hausmärchen“. Berlin 1994, S. 11.
22 Den Begriff Mutterliebe verwende ich im Folgenden im Rousseauschen Sinne. Damit ist die spontane Liebe zum Kind gemeint, die laut ihm jede gute Mutter innehat. Diese verpflichtet die Mutter zur völligen Hingabe zu ihrem Kind.
2
schlussendlich pro Mutterfigur nur zwei Auflagen miteinander verglich, was der Erkenntnisgewinnung jedoch keinen Abbruch tat.
In den Märchen Die zwölf Brüder und Aschenputtel tauchen auch die Mutterfiguren der Schwieger-und der Stiefmutter auf. Da ich vermutete, dass die Darstellung bzw. die veränderte Darstellung dieser Figuren über verschiedene Auflagen hinweg als Kontrastbild zur leiblichen Mutter gleichzeitig das Mutterideal stärken, entschloss ich mich, auch diesen Mutterfiguren in zwei kleinen Exkursen Aufmerksamkeit zu schenken.
In der Schlussfolgerung resümiere ich noch einmal, ob, und wenn ja wie, die Brüder Grimm an der Etablierung eines Idealbildes der liebenden Mutter im Rousseauschen Sinne mitarbeiteten.
Die lebende gute Mutter - Die zwölf Brüder 1
1.1 Perfektionierung der guten Mutter
Im Rahmen eines vorangestellten Überblicks lässt sich sagen, dass die Mutter in dem Märchen Zwölf Brüder aktiv in das Geschehen eingreift, um ihren Kindern zu helfen. Bereits 1812 wird sie als eine liebende Mutter gezeichnet, die das Leben ihrer Söhne rettet, indem sie sie wegschickt. 23 Vergleicht man die Auflagen von 1812, 1837 und 1857 miteinander, fällt auf, dass diese bereits gute Mutter im Lauf der Zeit immer mehr durch Textänderung Wilhelm Grimms perfektioniert wurde.
Im Verlauf von der Auflage von 1812 bis zur Auflage von 1837 kommt es zu starken Veränderungen im Text, die dazu führen, dass die Mutter anders wahrgenommen bzw. ihre Mütterlichkeit eindringlicher beschrieben wird. Die Versionen von 1837 und 1857 ähneln sich stark, deshalb wird das Märchen im Folgenden nur in den Auflagen von 1812 und 1837 miteinander verglichen.
In der Ausgabe von 1812 wird die Frau dreimal als „Königin“ 24 bezeichnet, jedoch nie als „Mutter“. 1837 zeigt sich diesbezüglich eine deutliche Änderung. Die Frau wird dreimal als „Königin“ 25 , einmal als „Frau“ 26 und sechsmal als „Mutter“ 27 bezeichnet, darunter zweimal als „liebe Mutter“ 28 (so wird sie von ihren Kindern angesprochen).
Eine wesentliche Ausschmückung erfährt der Dialog zwischen der Mutter und ihrem jüngsten Sohn nach 1812:
23 Vgl. KHM 9: Die zwölf Brüder, KHM 1812, Bd. 1, S. 25.
24 Ebd. S. 24, 25.
25 KHM 9: Die zwölf Brüder, KHM 1837, S. 61, 62.
26 Ebd. S. 61.
27 Ebd. S. 61, 62, 63.
28 Ebd. S. 61, 63.
3
1812:
Da war die Königin traurig, denn sie hatte ihre Söhne von Herzen lieb und wußte nicht, wie sie zu retten waren. Endlich ging sie zu dem jüngsten, den sie vor allen lieb hatte, offenbarte ihm, was der König beschlossen, und sagte: „allerliebstes Kind, geh du mit deinen eilf Brüdern hinaus in den Wald, da bleibt und kommt nicht nach Haus, einer von euch aber halte immer wacht auf einem Baum und sehe nach dem Thurm hier, wenn ich ein Söhnchen zur Welt bringe, will ich obenauf eine weiße Fahne, ists aber ein Töchterchen eine rothe, und wenn ihr das seht, dann rettet euch, flieht in die weite Welt, und der liebe Gott behüt euch. Alle Nacht will ich aufstehen und für euch beten; wenns kalt ist im Winter, daß ihr nicht friert und ein warmes Feuer vor euch brennt, und wenns heiß ist im Sommer, daß ihr in einem kühlen Walde ruht und schlaft.“ 29 1837:
Die Mutter aber saß nun den ganzen Tag, und trauerte so daß der kleinste Sohn, der immer bei ihr war und den sie nach der Bibel Benjamin nannte, zu ihr sprach „liebe Mutter, warum bist du so traurig?“ „Liebstes Kind“, antwortete sie, „ich darf dirs nicht sagen.“ Er ließ ihr aber keine Ruhe, bis sie ging und die Stube aufschloß, und ihm die zwölf mit Hobelspänen schon gefüllten Totenladen zeigte, und sprach „mein liebster Benjamin, diese Särge hat dein Vater für dich und deine elf Brüder machen lassen, denn wenn ich ein Mädchen zur Welt bringe, so sollt ihr allesamt getötet und darin begraben werden“. Und als sie weinte, wie sie das sprach, so tröstete sie der Sohn und sagte „weine nicht, liebe Mutter, wir wollen uns helfen, und wollen fortgehen“. Sie aber sprach „geh mit deinen elf Brüdern hinaus in den Wald, und einer setze sich immer auf den höchsten Baum, der zu finden ist, und halte Wacht, und schaue nach dem Turm hier im Schloß. Gebär ich ein Söhnlein so will ich eine weiße Fahne aufstecken, und dann dürft ihr wiederkommen: gebär ich ein Töchterlein, so will ich eine rote Fahne aufstecken, und dann flieht fort, so schnell ihr könnt, und der liebe Gott behüte euch. Alle Nach will ich aufstehn und für euch beten, im Winter, daß ihr an einem Feuer euch wärmen könnt, im Sommer, daß ihr nicht in der Hitze schmachtet“. 30
Die erste Veränderung, die hier auffällt, ist, dass die Mutter in der Fassung von 1837 nicht nur traurig ist, sondern „den ganzen Tag“ 31 trauert. Dies intensiviert den Eindruck von der Liebe der Mutter zu ihren Söhnen. 1812 ist die Rede von dem jüngsten Sohn, den die Mutter von all ihren Söhnen am liebsten hat. Dieser Fakt ist 1837 abgeändert. Hier zieht die Mutter ihren jüngsten Sohn nicht ihren anderen Kindern vor. Die Formulierung „[...]der kleinste Sohn, der immer bei ihr war [...]“ 32 verweisen auf die Mutterpflicht, sich um das eigene Kind zu kümmern. Formulierungen wie „liebstes Kind“ 33 und „mein liebster Benjamin“ 34 unterstreichen das Bild der liebenden Mutter. Dass das Kind in der späteren Auflage einen Namen bekommt und in einen aktiven Dialog mit der Mutter tritt und dabei die Rolle des Trösters übernimmt, hinterlässt bei dem Leser den Eindruck einer intensiveren Mutter-Kind-Beziehung als bei der Auflage von 1812. In jener Fassung gibt die Mutter ihrem jüngsten Sohn die Anweisung, mit seinen Brüdern in den Wald zu gehen und nach den Fahnen Ausschau zu halten, die Auskunft über das Geschlecht des Geschwisterchens geben. Dabei gibt sie nur die Anweisung, dass, im Falle der Geburt einer Tochter, sie das Weite suchen sollen. 1837 macht der Sohn den Vorschlag, mit seinen Geschwistern zu fliehen. Die Mutter relativiert diesen Vorschlag mit der Anweisung, erst einmal in den Wald zu gehen und die Fahnen zu beobachten. Bezeichnend ist hier ihr Hinweis, dass sie im Falle der Geburt eines Sohnes wieder zurückkommen können. Diese Version des Märchens
29 KHM 9: Die zwölf Brüder, KHM 1812, Bd. 1, S. 25.
30 KHM 9: Die zwölf Brüder, KHM 1837, S. 61-62.
31 Ebd. S. 61.
32 Ebd.
33 Ebd.
34 Ebd.
4
Arbeit zitieren:
Melanie Bossen, 2009, Zur Reproduktion des Rousseauschen Mutterideals in ausgewählten Märchen der Gebrüder Grimm, München, GRIN Verlag GmbH
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