„Diese Beziehungen [von Herrschaft und Unterwerfung], die der Position der Akteure im sozialen Raum entsprechend der Form nach, manchmal außerordentlich und deutlich sichtbar, manchmal minimal und so gut wie nicht erkennbar, verschieden, aber homolog und daher durch Familienähnlichkeit verbunden sind, trennen und vereinen die Männer und Frauen in einem jeden der sozialen Universen und lassen damit die ‚mystische Demarkationslinie‘, von der Virginia Woolf sprach, zwischen ihnen fortbestehen“ 1 , lese ich fast am Ende von Pierre Bourdieus Die männliche Herrschaft und bekomme ein unbehagliches Gefühl bei dem Gedanken, dass Bourdieu mich mit diesem Satz zurücklässt.
Auf den vorangegangen Seiten setzt er sich mit der männlichen Herrschaft auseinander, die für ihn die Herrschaft par excellence ist und sich durch ihre scheinbar natürliche Gegebenheit auszeichnet, die das Produkt einer ständigen Reproduktionsarbeit ist. Um die Prozesse zu enthüllen, die für die Verwandlung von Geschichte in Natur verantwortlich sind, untersucht er den Volksstamm der Berber der Kabylei, der die männliche Herrschaft als natürliche Ordnung lebt und dessen Strukturen sich auch in den Gesellschaften der Industrieländer wiederfinden, manchmal offensichtlich, manchmal eher subtil. Vor allem der Begriff der symbolischen Gewalt hat ein unbehagliches Moment inne, denn sie ist eine „sanfte und somit unsichtbare Gewalt“ 2 , die „unmittelbar und wie durch Magie auf die Körper ausgeübt wird“ 3 und sich im Bereich des Unbewussten abspielt. Die symbolische Gewalt führt bei den Frauen zu der paradoxen Unterwerfung unter die männliche Herrschaft.
Bei der Lektüre der männlichen Herrschaft suche ich nach Rettungsankern bzw. Lösungsvorschlägen durch Bourdieu, immer die Worte ‚aber es muss doch Wege der Überwindung dieses Herrschaftsverhältnisses geben‘ im Kopf. Zwar schreibt Bourdieu, dass die Strukturen geändert werden müssten, da sie die Dispositionen produzieren, die wiederum das Herrschaftsverhältnis bestimmen und gibt damit vor, dass es ja Wege gibt, Herrschaftsverhältnisse zu verändern. Gleichzeitig schreibt er aber auch, dass eine der wichtigsten Strukturen eines Herrschaftsverhältnisses die „Struktur des Marktes der symbolischen Güter [ist], dessen fundamentales Gesetz es ist, dass die Frauen auf ihm als Objekte behandelt werden, die von unten nach oben zirkulieren“ 4 . Bourdieu selbst verleiht seinen eigenen Perspektiven damit eine gewisse Hoffnungslosigkeit und gibt der männlichen Herrschaft somit das Attribut der Unüberwindbarkeit.
1 Bourdieu, Pierre: Die männliche Herrschaft. Frankfurt am Main 2005, S. 186.
2 Ebd., S. 66.
3 Ebd., S. 71.
4 Ebd., S. 78.
1
Mit diesem unbehaglichen Gefühl in mir schaue ich auf die Überschrift des sich anschließenden Teils. Postskriptum über die Herrschaft und die Liebe steht dort geschrieben und ich erwarte nun eine Ernüchterung, eine Entzauberung durch Bourdieu auch auf diesem Gebiet. Ich fange und zu lesen und bin überrascht, dass Bourdieu mit der Liebe einen Raum aufmacht, in dem sich ein „Bruch mit der gewöhnlichen Ordnung vollzieht“ 5 . Seine Formulierungen wie z. B. „verzauberte Welt der Liebesbeziehungen“ 6 , „‚die verzauberte Insel‘ der Liebe“ 7 oder „geschlossene und vollkommen autarke Welt, in der sich Wunder an Wunder reiht“ 8 wirken nach dem Ernüchterungsprozess der vorangegangen Seiten seltsam naiv und ich komme nicht umher, Bourdieu in dem, was er über die Liebe schreibt, zu misstrauen. Und so gehe ich das Postskriptum wieder und wieder durch, auf der Suche nach etwas, dass diesem plötzlichen Hoffnungsfunken einen Hauch von Ironie verleiht und bleibe zunächst erfolglos.
Für Bourdieu bedeutet die reine Liebe vollkommene Reziprozität, gegenseitige Anerkennung und Uneigennützigkeit. All diese Wunder machen die Liebe zu einem Ort der Geschlechterbeziehungen, der frei von herrschaftlichen Strukturen ist und somit einen Gegenentwurf zu den übrigen Systemen der menschlichen Gesellschaft darstellt. Doch da ist sie. Die Formulierung die mich irritiert, mich nicht loslässt:
„Die ‚reine Liebe‘ [...] ist [...] eine historisch relativ junge Erfindung“ 9 .
Ich lese mir den Satz immer und immer wieder durch und die Gedanken beginnen sich zu drehen, Fragen tauchen auf. Ist dieser Satz nicht paradox? Der Begriff rein ist mit Natur verbunden, der Begriff Erfindung hingegen mit Kultur. Wenn diese reine Liebe erfunden ist, wer hat sie dann konstruiert? Hat dieser Begriff dann nicht auch eine Deutungsmacht inne? Und wenn sie erfunden wurde, dann zu welchem Zweck? Und soll die reine Liebe an sich nicht eigentlich zweckfrei sein? Ist die reine Liebe wirklich ein Raum ohne Herrschaftsverhältnisse? Wie denken andere Wissenschaftler und Philosophen über die Liebe? Meine Neugier ist geweckt und so entscheide ich mich zu einem kleinen Streifzug durch Werke weiterer DenkerInnen, die sich eben dieser Problematik der Liebe gewidmet haben.
Als erstes nehme ich mir Roland Barthes Buch Fragmente einer Sprache der Liebe 10 zur Hand. Mit diesem Werk wollte Barthes dem Diskurs der Liebe eine Sprache verleihen, denn er ist der Meinung, dass trotz dessen, dass viele Menschen diesen Diskurs führen, sprich lieben, sie einsam sind. Ist man in jemanden verliebt, so fällt es schwer Empfindungen kund zu tun, geschweige
5 Bourdieu, Pierre: Die männliche Herrschaft. Frankfurt am Main 2005, S. 189.
6 Ebd., S. 186.
7 Ebd., S. 189.
8 Ebd.
9 Ebd., S. 190
10 Barthes, Roland: Fragmente einer Sprache der Liebe. Frankfurt am Main 1984.
2
denn auf wirklich Empathie in seinem Umfeld zu stoßen. Barthes gibt dem Liebenden in diesem Werk eine Stimme und der Liebende findet sich mit großer Sicherheit in dem Geschriebenen wieder. Und dies wiederum zeigt, dass wir in der Liebe Gefühlsregungen erleben, die nicht individuell, sondern universell sind. Aber haben wir dieses Reagieren (Sehnsucht, Eifersucht, Verzweiflung, Überschwang etc.) kulturell erlernt oder ist es natürlich, wie wir im liebenden Zustand auf verschiedene Situationen reagieren? Ich blättere in den Fragmenten, mein Blick greift Textstellen auf:
„In jedem Augenblick der Begegnung entdecke ich am Anderen ein weiteres ich-selbst: Lieben sie das? Ach, ich auch! Sie mögen das nicht? Ich auch nicht!“ 11
„Die Ereignisse des Liebeslebens sind derart belanglos, dass sie sich nur mit enormer Anstrengung auf die Ebene des Schreibens heben lassen: man verliert den Mut, wenn man, sich selbst beschreibend, festhält, was nur die eigene Plattheit zu erkennen gibt: ‚Ich habe heute X... in Gesellschaft von Y... getroffen‘,‚Heute hat X... mich nicht angerufen‘,‚X... war heute schlechter Laune‘ usw.: wer vermöchte darin eine Geschichte zu erkennen? [...]: wer verstünde etwas davon? Nur der Andere könnte meinen Roman schreiben.“ 12
„Jede allgemeine Unterhaltung (an der ich teilzunehmen, wenn nicht gar mich zu beteiligen verpflichtet bin) verletzt mich, lässt mich erstarren. Mir scheint, dass die Sprache der anderen, von der ich ausgeschlossen bin, von diesen anderen geradezu lächerlich überbesetzt wird: sie bejahen, bestreiten, deuteln, machen Staat: was habe denn ich mit Portugal, mit der Liebe der Hunde oder der letzten Folge des Petit Rapporteur [...] zu schaffen? Ich erlebe die Welt - die andere Welt - als verallgemeinerte Hysterie.“ 13
„Ich bin verrückt, weil ich verliebt bin, ich bin es nicht, weil ich es aussprechen kann, mein Bild verdoppelt sich: in meinen eigenen Augen wahnwitzig (ich kenne meinen Wahn), lediglich unvernünftig in denen der Anderen, dem ich meine Verrücktheit sehr einsichtig gestehe: mir dieser Verrücktheit bewusst, sie in Sprache bannend.“ 14 Das, wovon Barthes spricht, findet sich auch in Bourdieus Postscriptum wieder. Laut Barthes lebt das liebende Subjekt in seiner scheinbar eigenen Welt. Es bekommt den Eindruck, dass keineraußer der Andere, der von ihm geliebt wird und der ihn liebt - ihn versteht. Wie bei Bourdieu ist auch bei Barthes die völlige Reziprozität als einer der Hauptpfeiler der reinen Liebe markiert. Das Liebespaar ist ein geschlossenes System, eben diese verzauberte Insel, von der Bourdieu spricht. Auch die „exzessiven Ansprüche [und] ‚Verrücktheiten‘“ werden bei beiden erwähnt und verstärken die Empfindung der Liebe als einen Ort, an dem die Ordnung der Dinge außer Kraft gesetzt wird.
Mich lässt die Frage nicht los, warum gerade der Bereich der Liebe so autark sein soll. Deshalb nehme ich mir als Nächstes ein Buch aus dem Bereich der Sozialwissenschaft mit dem Titel Der Konsum der Romantik 15 von Eva Illouz und erwarte einige Gegenpositionen. Und tatsächlich: in ihrem Buch stellt Illouz die Gefühle, die mit dem Begriff der Liebe verbunden werden in einen kritischen Kontext und untersucht, wie die Liebesbeziehungen, die Kultur und die Ökonomie miteinander verbunden sind und holt somit den Begriff der Liebe aus seinem unabhängigen
11 Barthes, Roland: Fragmente einer Sprache der Liebe. Frankfurt am Main 1984, S. 53.
12 Ebd., S. 70.
13 Ebd., S. 88.
14 Ebd., S. 240.
15 Illouz, Eva: Der Konsum der Romantik. Liebe und die kulturellen Widersprüche des Kapitalismus. Frankfurt am Main 2003.
3
Arbeit zitieren:
Melanie Bossen, 2008, Über die Liebe - Fragen an Bourdieu, München, GRIN Verlag GmbH
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