Nils Katz: Die zeitgenössische deutsche Wahrnehmung der haitianischen Revolution (1791-1806)
Inhalt
1. Einleitung 2
2. Bedingungen des deutschen Blicks auf Haiti 4
a. Die abolitionistische Bewegung 4
b. Menschenbilder Schwarzenbilder 5
c. Der deutsche Sklavereidiskurs 6
d. am Vorabend der Haitianischen Revolution 7
e. Von Haiti nach Preußen die napoleonischen Feldzüge 9
3. Die Rezeption der Haitianischen Revolution in Deutschland 10
a. Die Berichterstattung über Haiti in deutschen Publikationen 10
b. Die Verarbeitung der Haitianischen Revolution in der deutschen Erzählliteratur 14
4. Fazit 17
Literaturverzeichnis 19
1
Nils Katz: Die zeitgenössische deutsche Wahrnehmung der haitianischen Revolution (1791-1806)
1. Einleitung
Am 22. August 1791 erheben sich die Sklaven der nördlichen Ebene von St. Domingue und setzen damit einen Aufstand mit welthistorischen Folgen in Gang. Es folgen 13 Jahre blutiger Kämpfe, die nicht nur zwischen Schwarzen und Weißen stattfinden, sondern auch zwischen den verschiedenen sozialen Klassen (grand blancs, petit blancs, Mulatten, affranchis und Sklaven 1 ) und aus denen sich durch die Einmischung von Frankreich, England und Spanien zwischenzeitlich ein internationaler Kolonialkrieg entwickelt 2 . Napoleons Versuch, die Insel 1802 mit einer großen militärischen Invasion zurückzuerobern und die 1793 abgeschaffte Sklaverei wieder einzuführen, scheitert an dem massiven bewaffneten Widerstand der ehemaligen Sklaven und am Gelbfieber.
Die Kämpfe enden zwischenzeitlich 1804 mit der Unabhängigkeitserklärung Haitis von Frankreich. General Dessalines krönt sich zum haitianischen Kaiser und beendet damit die von Touissant Louverture 1801 ausgerufene erste unabhängige Republik mit einer schwarzen Mehrheitsbevölkerung. Die ungelösten Klassenkonflikte zwischen Sklaven und affranchis führen in der Folge zu weiteren Kämpfen in dem jungen Staat 3 .
Haiti wird zum Vorbild für den Freiheitskampf von Sklaven in den Kolonien und in den jungen USA. Aber auch die deutsche bürgerliche Öffentlichkeit zeigt von Anfang an Interesse an den Ereignissen auf der Insel 4 . Dafür lassen sich verschiedene Gründe aufzeigen. Einerseits gibt es auch in den deutschsprachigen Staaten einen moralischen Diskurs über das Für und Wider der Sklaverei 5 . Vor allem aber finden die Kämpfe in St. Domingue kurz nach der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung und fast zeitgleich mit der Französischen Revolution statt 6 . Während die jungen Vereinigten Staaten für liberale Deutsche zu einem Identifikationspunkt werden, kippt die Begeisterung für die
1 Grand blancs = die weiße Oberschicht, petits blancs = weiße Handwerker und kleine Händler, Mulatten = Nachkommen aus Verbindungen von Sklaven und weißen Kolonisatoren, affranchis = freie Schwarze /
dürfte.
2 Vgl. Zantop, Susanne, Kolonialphantasien im vorkolonialen Deutschland (1770-1870), Berlin 1999, S. 165.
3 Vgl. ebd., S. 166.
4 Vgl. ebd.
5 Zantop beschreibt in den Kolonialphantasien ausführlich, wie sich die deutsche Kritik an der Politik der Kolonialmächte mit dem Wunsch nach eigenen Kolonien vermischt.
6 Zum ereignisgeschichtlichen Rahmen vgl. Schüller, Karin, Die deutsche Rezeption haitianischer Geschichte in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Ein Beitrag zum deutschen Bild vom Schwarzen, Diss., Köln 1991, S. 45-50.
2
Nils Katz: Die zeitgenössische deutsche Wahrnehmung der haitianischen Revolution (1791-1806)
Französische Revolution bei ebendiesen spätestens in der Zeit des terreur schnell in Angst vor den entfesselten Volksmassen um. So wird das ferne Geschehen von der Sichtweise auf Frankreich stark beeinflusst 7 , aber auch zu einer Projektionsfläche für allgemeine Positionierungen sei es zu den revolutionären Ereignissen oder zu möglichen Gesellschafts- und Herrschaftsalternativen, die auch in Bezug auf das zusammenbrechende Deutsche Reich und die entstehende deutsche Nationalbewegung eine Rolle spielen.
Ein weiterer, nicht zu vernachlässigender Grund für das deutsche und europäische Interesse an der Insel liegt in dem Exotischen, das der Karibik anhaftet. Die Entdeckung der Insel Hispaniola, auf der Haiti liegt, durch Kolumbus war der erste europäische
Domingue zu der ertragreichsten und reichsten Kolonie und bot somit Raum für allerlei exotistische und koloniale Fantasien 8 .
Die vorliegende Arbeit hat den Zeitraum vom ersten Sklavenaufstand 1791 bis zur Haitianischen Unabhängigkeit 1804 im Blick. Überblicksartig sollen die Rezeptionsbedingungen, also der historische und diskursive Hintergrund, vor dem über St. Domingue bzw. Haiti berichtet wird, aufgezeigt werden. Die Darstellung der Berichterstattung in deutschsprachigen Medien wird aufgeteilt in die eher journalistische Rezeption 9 und die Verarbeitung der Ereignisse in der deutschen Erzählliteratur 10 . Erkenntnisleitend ist dabei stets die Fragestellung, inwieweit in der Berichterstattung nicht nur die karibische, sondern auch die europäische und die deutsche Realität mit verhandelt werden.
Denn (re)produziert nicht jede Rede immer nur einen Diskurs, der eine iert, während das vorgebliche Referenzobjekt ganz unangreifbar bleibt? Ist nicht jede europäische Rede über die außereuropäische
7 Vgl. ebd.
8 Vgl. Uerlings, Peter, Poetiken der Interkulturalität Haiti bei Kleist, Seghers, Müller, Buch und Fichte, Tübingen 1997.
9 Eine vorzügliche ausführliche Auswertung von wissenschaftlichen und politisch-historischen Texten zu Haiti bietet das Werk von Schüller.
10 Hier bieten die Texte von Zantop, S. 164-187, und Lahaye, Birgit, Pirating History Die Darstellung des haitianischen Unabhängigkeitskampfes in der Erzählliteratur, Münster 2003, einen ausführlichen Überblick.
3
Nils Katz: Die zeitgenössische deutsche Wahrnehmung der haitianischen Revolution (1791-1806)
immanenten Analyse des europäischen Diskurses über Haiti zu begnügen, statt auch noch darüber reden zu wollen, inwieweit einzelne Entwürfe Haiti gerecht 11
2. Bedingungen des deutschen Blicks auf Haiti
Vor, während und nach der Haitianischen Revolution gibt es in Europa eine Auseinandersetzung mit der karibischen Realität, vor allem der Sklaverei, die sozio-
weitgehend auf gebildete, bürgerliche Schichten beschränkt ist. Sie wird einerseits von den Abolitionisten und den Verteidigern der Sklaverei auf der anderen Seite geführt, bietet aber durch ihre zeitgeschichtliche Nähe zur Französischen Revolution, zur amerikanischen Unabhängigkeit und der beginnenden lateinamerikanischen Unabhängigkeitsbewegung auch Raum für Projektionen und Positionierungen zu diesen Ereignissen.
a. Die abolitionistische Bewegung
Der wichtigste Akteur in dieser Auseinandersetzung ist die abolitionistische Bewegung, die das Schicksal der Sklaven in den überseeischen Kolonien auf die politische Agenda der Kolonialstaaten setzt. Besonders in England entwickeln sich die Abolitionisten durch ihre Breitenwirkung, die innovativen Organisationsformen und ihre Werbemethoden der ersten politischen Bürgerbewegung 12 . Aber auch in Frankreich gibt es organisierten Widerstand gegen den Handel mit und die Ausbeutung von Menschen aus Afrika in den Kolonien 13 . Gerade die literarische Verarbeitung der Sklaverei spielt eine wichtige Rolle für die öffentliche Wahrnehmung in Europa. Werke wie Oroonoko (1688) oder die Autobiographie des ehemaligen Sklaven Olaudah Equiano, The Interesting Narrative of the Life of Olaudah Equiano, werden über England hinaus weit verbreitet und tragen mit ihren Schicksalsgeschichten von
11 Uerlings, S. 6.
12 Barbara Riesche, Schöne Mohrinnen, edle Sklaven, schwarze Rächer, Diss., München 2007, S.22. Riesche erwähnt hier die Gründung überregionaler Netzwerke, die Erstellung quantitativer Erhebungen -bürgerlich engagierten
Kreisen und war das Ergebnis des ersten öffentlich inszenierten Konsumboykotts der Geschichte.
13 Die französische Société de Amis des Noirs hatte bekannte Politiker wie Robespierre oder Lafayette in
ihren Reihen. Eines der wichtigsten abolitionistischen Werke, Die Geschichte beider Indien (1770), stammte vom französischen Abbé Raynal; vgl. Raynal, Guillaume: Die Geschichte beider Indien, Nördlingen 1988.
4
Nils Katz: Die zeitgenössische deutsche Wahrnehmung der haitianischen Revolution (1791-1806)
tragischen schwarzen Helden dazu bei, dass die Abolitionsthematik auch in Ländern, die nicht am Sklavenhandel beteiligt sind, rezipiert und diskutiert werden 14 . Es gibt auch eine Fülle von Bühnenstücken, die sich der Situation der Sklaven widmen 15 .
b. Menschenbilder Schwarzenbilder
Die gesellschaftliche Auseinandersetzung um den Sklavenhandel berührt an vielen Stellen den gesellschaftlichen Diskurs um Gleichheit und Menschenrechte, der im ausgehenden 18. Jahrhundert nahezu in ganz Europa geführt wird. Die Idee der Gleichheit aller Menschen, die in Frankreich mit der Erklärung der Rechte des Menschen und des Bürgers ersten staatlichen Ausdruck fand 16 , wird von den Abolitionisten auf die Sklaven in den Kolonien ausgeweitet 17 . Das ist nicht selbstverständlich, werden diese besonders von den Fürsprechern des Sklavenhandels oft nicht einmal als Menschen wahrgenommen. So schreibt der britische Plantagenbesitzer und Historiker Edward Long 1774:
progress in civility of science. They have no plan or system of morality among them. [...] I do not think that an oran-outang husband would be any dishonour to an Hottentot female for what are these Hottentots? In many respects they ve been given of
Negroes born an trained up in other climates, detract not from that general idea of narrow, humble intellect, which we affix to the inhabitants of Guiney. We have seen learned horses and even talking dogs, in Englan 18 .
Dieser entmenschlichende Rassismus findet sich etwa 100 Jahre zuvor auch bei Vordenkern der Aufklärung, wie Immanuel Kant, der schwarzen Menschen die
generell abspricht:
14 Vgl. Riesche 2007, S.22f.
15 Zur zeitgenössischen Darstellung von schwarzen Menschen und Sklaverei auf deutschen Bühnen vgl. Riesche 2007.
16 Vgl. Axel Kuhn, Die Französische Revolution, Stuttgart 1999, S. 217-221.
17 Die britische Association for the Abolition of the Slave Trade warb mit dem Bild eines angeketteten Am I not a Man an your BrotherVgl. Riesche 2007, S. 27.
18 Long, Edward: History of Jamaica. Bd. 3. London 1774. Craton, Slavery, Abolition and Emanzipation, S. 260-265, hier nach Riesche, S. 27.
5
Arbeit zitieren:
Nils Katz, 2010, Die zeitgenössische deutsche Wahrnehmung der Haitianischen Revolution (1791-1806), München, GRIN Verlag GmbH
Dieser Text kann über folgende URL aufgerufen und zitiert werden:
Einbetten
DOI
Heinrich Mann: Der Untertan - Diederich Heßling als Phänotyp des Wilhe...
Germanistik - Neuere Deutsche Literatur
Hausarbeit (Hauptseminar), 14 Seiten
Figurencharakterisierung und figurenbezogene Informationsvermittlung i...
Germanistik - Neuere Deutsche Literatur
Hausarbeit, 20 Seiten
Die veränderte Rezeption der Haitianischen Revolution im Zuge des post...
Eine Bestandsaufnahme
Hausarbeit, 29 Seiten
Die Französische Revolution und Ihre Auswirkungen auf Mitteleuropa
Der Wegbereiter zur Entstehung...
Geschichte Europa - and. Länder - Neuzeit, Absolutismus, Industrialisierung
Hausarbeit (Hauptseminar), 25 Seiten
Die tragische Rolle des Leo Trotzki in seinem späten Exil
Politik - Politische Theorie und Ideengeschichte
Seminararbeit, 37 Seiten
Inwiefern ist Kleists Novelle "Die Verlobung in St. Domingo"...
Germanistik - Neuere Deutsche Literatur
Hausarbeit, 17 Seiten
Der Umgang mit Alterität und Differenz in der interkulturellen Begegnu...
Germanistik - Neuere Deutsche Literatur
Seminararbeit, 23 Seiten
: Die zeitgenössische deutsche Wahrnehmung der Haitianischen Revolution (1791-1806) ist nun auf dem Buchmarkt erhältlich
: neuer Titel erschienen: Die zeitgenössische deutsche Wahrnehmung der Haitianischen Revolution (1791-1806)
Nils Katz hat einen neuen Text hochgeladen
Thema Geschichte kompakt. Französische Revolution und Napoleon
Die Umgestaltung Europas. Die ...
Saint-Domingue und die Französische Revolution
Das Ende der weißen Herrschaft...
Oliver Gliech
The Plays of Heinrich Von Kleist: Ideals and Illusions
Sean Allan, H. B. Nisbet, Se N. Allan
0 Kommentare