1. Einleitung
In Auguste Comte (1798 - 1857) sieht man den Begründer des Positivismus als philosophische Richtung und der Soziologie als eigenständiger Wissenschaft. Er veröffentlichte 1822 in seinem Werk „Opuscule fondamental“ erstmals das Dreistadiengesetz, in dem er die Entwicklung der menschlichen Naturerkenntnis und den damit verbundenen Fortschritt beschreibt. 1 Die menschliche Erkenntnis durchläuft nach diesem Gesetz mehrere Stufen, bevor sie im letzten, positiven Stadium den eigentlichen Fortschritt erzielt. Schon Condorcet und Turgot hatten das Gesetz formuliert, nach Comtes Ansicht aber nicht die grundlegende Bedeutung für die Menschheitsgeschichte erkannt. 2
Das Thema dieser Arbeit lautet nun: „Das Dreistadiengesetz Auguste Comtes“. Ich werde nach einer kurzen Einführung zur Entstehung das Dreistadiengesetz darstellen. Daran schließt sich eine Analyse des Gesetzes und der Argumente an, die nach Comte für seine Anordnung der drei Stadien sprechen. Textliche Grundlage dieser Arbeit ist die „Rede über den Geist des Positivismus“ 3 von Auguste Comte.
2. Der Weg zum Dreistadiengesetz
Comte schreibt in einer Zeit großer historischer Umwälzungen. Sein Leben und Denken ist von der geschichtlich-gesellschaftlichen Krise geprägt, die die Französische Revolution mit sich brachte. 4 In dieser Zeit verlor die Kirche erheblich an Ordnungskraft und ihr Einfluss auf die Gesellschaft brach faktisch zusammen. Die Menschen wurden autonomer, freiheitlicher, selbstbestimmter und die ‚Angst‘ vor der Kirche nahm ab. Außerdem wurde sein Denken von der aufkommenden Industrialisierung und den sozialreformerischen Gedanken des Grafen Saint-Simon,
1 Vgl. Comte, 1994, XXIV.
2 Vgl. ebd., XXV.
3 Comte, 1994.
4 Vgl. Massing, 1976, 22.
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bei dem er als Sekretär arbeitete, beeinflusst 5 . Der Positivismus sollte sowohl eine gesellschaftliche als auch eine wissenschaftliche Ordnung herbeiführen 6 , in der die Götter und Könige durch die Wissenschaft ersetzt werden. Im Kontext dieser Überlegungen ist Dreistadiengesetz zu sehen.
3. Das Dreistadiengesetz
Das Dreistadiengesetz, dass von Comte auch mit dem Titel „Gesetz der Geistesentwicklung der Menschheit“ 7 bezeichnet wurde, teilt sowohl die Entwicklung individueller Vorstellungen von der Welt, als auch die gesamte Entwicklung der Menschheit mit den verschiedenen Bereichen der Erkenntnis in drei Stadien.
3.1 Das theologische Stadium
Theorien und Denkweisen nehmen ihren Anfang im theologischen bzw. fiktiven Stadium, das der Kindheit des Menschen bzw. der Menschheit entspricht.
Die Suche nach der „Erkenntnis der eigentlichen Natur der Dinge und der Wesen, […] den ersten Ursachen“ 8 aller Erscheinungen, Antworten, die nicht durch Beobachtung zu finden sind, ist das Hauptmerkmal dieser Phase, obwohl die menschlichen Vorstellungen noch nicht auf einer wissenschaftlichen Basis aufbauen. Comte formuliert es als das Streben nach „absoluten Erkenntnissen“ 9 . Die Klärung erfolgt durch den Vergleich der Struktur eines Phänomens mit einer alltäglichen Handlung. 10
Comte bezeichnet diese Phase zwar „stets als bloß provisorisch und vorbereitend“ 11 , aber gleichzeitig auch als „unentbehrlich“ 12 , da der geistige Gegenwarts-zustand ohne die vorausgehenden Stadien nicht zu denken ist. Ohne einen wissen-
5 Vgl. Comte, 1994, XVII.
6 Vgl. Massing, 1976, 26.
7 Comte, 1994, 5.
8 Fuchs-Heinritz, 1998, 100.
9 Comte, 1994, 6.
10 Vgl. ebd., 6.
11 Ebd., 5.
12 Ebd., 5.
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schaftlichen Fortschritt zu erzielen, wurden durch einfachste Vorstellungen von Prozessen „logische Denkweise[n]“ 13 erlernt, die für „den beständigen Aufschwung der menschlichen Forschungen“ 14 sorgten.
Die theologische Phase beginnt mit der Entstehung der Menschheit und beginnt sich nach Comte ab dem 14. Jahrhundert aufzulösen. 15 Die gesellschaftliche Organisation ist militärisch 16 und die dominierenden Schichten sind auf der weltlichen Seite die Krieger und auf der geistlichen Seite die Priester. 17 Der Verfall des theologischen Stadiums ist wesentlich beeinflusst durch die wachsenden naturwissenschaftlichen Kenntnisse ab dem 11. Jahrhundert 18 , die zusammen mit der steigenden industriellen Leistungsfähigkeit des Mittelalters die „Fassungskraft“ 19 des theologischen Regimes überschritten und sich gegen die militärische Sozialform durchsetzten.
Comte unterteilt die theologische Phase in drei „Hauptformen“ 20 : Fetischismus, Polytheismus und Monotheismus. Zweck dieser Unterteilung ist es „den rein theologischen Geist, der aus der immer systematischeren Entwicklung dieses An-fangszustandes hervorging, recht zu verstehen“ 21 .
3.1.1 Der Fetischismus
„Instinkt und Phantasie“ 22 prägen den Anfangszustand menschlichen Denkens. Comte vergleicht diese primitive Stufe mit der, „bei de[r] die höheren Tiere stehen bleiben“ 23 . Der Mensch erklärt sich seine Umwelt, indem er ein Phänomen einem Körper oder Gegenstand zuordnet. Diesem schreibt er eine dem Menschen ähnliche Lebensweise und übernatürliche Kräfte zu.
13 Comte, 1994, 9.
14 Ebd., 9.
15 Vgl. ebd., 120.
16 Vgl. Mikl-Horke, 1989, 16.
17 Vgl. Fuchs-Heinritz, 1998, 104.
18 Vgl. Comte, 1994, XXV.
19 Fuchs-Heinritz, 1998, 109.
20 Comte, 1994, 6.
21 Ebd., 6.
22 Ebd., 7.
23 Ebd., 6.
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Die sich aus dieser Denkweise ergebende Problematik besteht darin, dass durch die Pluralität und Individualität der verschiedenen Gottheiten der Einfluss auf die sozialen Organisationsformen begrenzt ist. 24 Nach Comtes Ansicht hat allerdings der größte Teil unserer Gesellschaft diese Phase überstanden. 25
3.1.2 Der Polytheismus
In der nächsten Form, dem Polytheismus, erfolgt eine Umstrukturierung des Philosophierens, mit der Folge, dass die „Einbildungskraft“ 26 in den Vordergrund rückt. Die Phänomene werden klassifiziert, auf das Handeln von „fiktiven […] Wesen“ 27 und nicht mehr auf den eigenen Willen der materiellen Dinge zurückgeführt. Der Fortschritt gegenüber dem Fetischismus liegt in der Erkenntnis, dass die Gegenstände Gesetzmäßigkeiten unterliegen, die zwar nicht wissenschaftlich belegt werden, aber eine bessere wissenschaftliche Grundlage darstellen. In dieser Stufe des theologischen Stadiums verweilt laut Comte der größte Teil der Menschheit. 28
3.1.3 Der Monotheismus
Die letzte Phase, der Monotheismus, ist mit einem starken Rückgang der Einbildungskraft verbunden.
Die Götter werden durch einen Gott ersetzt und es beginnt die Erforschung von Zusammenhängen zwischen Dingen und Wesen. 29 Diese neue Denkweise und das aufkeimende Gefühl „der notwendigen Gebundenheit aller natürlichen Phänomene an unveränderliche Gesetze“ 30 ist der Grund dafür, dass der Monotheismus den Höhepunkt des theologischen Stadiums bildet.
24 Vgl. Fuchs-Heinritz, 1998, 102.
25 Vgl. Comte, 1994, 7.
26 Ebd., 7.
27 Ebd., 7.
28 Vgl. ebd., 7.
29 Vgl. Fuchs-Heinritz, 1998, 106.
30 Comte, 1994, 7.
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Arbeit zitieren:
Ruben Loest, 2009, Das Dreistadiengesetz von Auguste Comte, München, GRIN Verlag GmbH
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