Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung 1
2. Der Text: Lk 7,36-50 - Jesu Salbung durch die Sünderin 2
3. Die Analyse 4
3.1 (Synchrone) Textanalyse. 4
3.2 Literarkritik 7
3.3 Traditionsgeschichte. 11
3.4 Redaktionsgeschichte 16
4. Interpretatives Fazit. 22
5. Literaturverzeichnis 26
1. Einleitung
„Ein Gläubiger hatte zwei Schuldner. Einer war fünfhundert Silbergroschen schuldig,
der andere fünfzig. Da sie aber nicht bezahlen konnten, schenkte er´s beiden. Wer von
ihnen wird ihn am meisten lieben?“ 1
Dieses Gleichnis Jesu von den zwei Schuldnern spiegelt in eindrücklicher Weise die Thematik wider, wie sie der Erzählung `Jesu Salbung durch die Sünderin´ in Lk 7,36-50 zum Grunde liegt: die dankbare Liebe als Folge eines Schuldenerlasses oder projiziert auf Jesu die dankbare Liebe als Folge der Vergebung. Führt man sich aber die Erzählung von der Sünderin im Ganzen vor Augen, so werden zugleich auch Widersprüchlichkeiten deutlich, die sich vor allem durch den nachfolgenden Vers 47 ergeben:
„Ihre vielen Sünden sind vergeben, denn sie hat viel Liebe gezeigt; wem aber wenig
vergeben wird, der liebt wenig.“ 2
Denn hier erscheint die Liebe der Sünderin nicht mehr als Folge, sondern vielmehr als Ursache für die Vergebung ihrer Sünden. Doch wie ist das zu erklären? Die Beantwortung dieser Frage wird eines der Anliegen dieser Arbeit sein. Eines der Anliegen deshalb, da das übergeordnete Ziel dieser exegetischen Arbeit vor allem darauf beruht, die lukanische Erzählung `Jesu Salbung durch die Sünderin´ (7,36-50) anhand der einer methodisch-kritischen Exegese zugrunde liegenden Methodenschritte im Ganzen zu analysieren wie auch zu interpretieren. Infolge der Komplexität und Breite eines solchen Verfahrens wie der methodisch-kritischen Exegese können hierbei jedoch nicht alle Methodenschritte im Einzelnen berücksichtigt werden; dies würde dem Rahmen dieser Arbeit bei Weitem nicht gerecht werden. Insofern werden im Folgenden ausschließlich die (synchrone) Textanalyse, die Literarkritik, die Traditionsgeschichte und die Redaktionsgeschichte ihre Anwendung finden, wobei die hier angegebene Reihenfolge zugleich auch der dieser Arbeit zugrunde liegenden Abfolge der einzelnen Methodenschritte entspricht. Den Grundstein dieser Arbeit bildet dabei also die Erzählung `Jesu Salbung durch die Sünderin´ in Lk 7,36-50. Diese wird in Form eines Textauszugs den Beginn dieser Arbeit markieren, bevor dann im weiteren Verlauf die Analyse dieses Textes anhand der vier genannten Methodenschritte erfolgt. Den Abschluss dieser Arbeit bildet sodann ein interpretatives Fazit, in dem die Erzählung noch einmal versweise erörtert und zugleich die grundlegendsten, im Laufe dieser Arbeit gewonnenen Erkenntnisse zusammengeführt werden sollen.
1 SEB (2005): Lk 7,41-42.
2 SEB (2005): Lk 7,47.
1
2. Der Text: Lk 7,36-50 - Jesu Salbung durch die Sünderin
Der dieser exegetischen Arbeit zugrunde liegende Text Lk 7,36-50 - `Jesu Salbung durch die Sünderin´ entstammt der `Stuttgarter Erklärungsbibel´ (SEB). Obwohl die Übersetzung in diesem Werk an einer Stelle historisch nicht ganz korrekt ist - denn entgegen der hier anzufindenden Übersetzung, dass Jesus sich zu Tisch setzte, war es zu jener Zeit eher üblich, sich gerade bei festlichen Anlässen auf Polstern zu Tisch zu legen, was zugleich auch für die Analyse dieser Erzählung bedeutsam ist, um zu verstehen, wie die Sünderin von hinten an die Füße Jesu herantreten konnte -, erachte ich diese Übersetzung dennoch als äußerst sinnvoll für eine historisch-kritische Exegese. Denn im Gegensatz z.B. zur `Guten Nachricht´, in welcher zwar der erwähnte Aspekt des Sich-Hinlegens korrekt dargestellt worden ist, die Übersetzung an sich jedoch nicht nah genug am Urtext entlang verläuft, bietet die Stuttgarter Erklärungsbibel neben der gerade im Studium der Theologie oft verwendeten Übersetzung Martin Luthers grundlegende, zum Verständnis eines Textes beitragende Erläuterungen, die sich gerade auch für die Arbeit mit einem soviel umstrittenen Text wie der Lukasperikope 7,36-50 als äußerst hilfreich erweisen könnten. 3 Was den nun folgenden Textauszug Lk 7,36-50 anbelangt, so sei vorab noch darauf hingewiesen, dass dieser aus Gründen der Übersichtlichkeit sowohl durch Hervorhebungen und Einrückungen als auch durch farbliche Markierungen meinerseits dargestellt werden wird. Sollen dabei die kursiven Hervorhebungen und Einrückungen vor allem die Rede-und Erzählanteile des Textes verdeutlichen, so zeigen demgegenüber die roten Markierungen die an dem erzählten Geschehen beteiligten Personen, die hell- und dunkelblauen Markierungen besondere Schlüsselbegriffe und Leitsätze sowie die grün markierte Stelle das in den Erzählstrang eingebaute Gleichnis Jesu auf.
Lk 7,36-50 4
36 Es bat ihn aber einer der Pharisäer, bei ihm zu essen. Und er ging hinein in das Haus des Pharisäers und setzte sich zu Tisch.
37 Und siehe, eine Frau war in der Stadt, die war eine Sünderin. Als die vernahm, dass er zu Tisch saß im Haus des Pharisäers, brachte sie ein Glas mit Salböl
3 Vgl. Bovon (1989): S.390.; SEB (2005): Lk 7,36-50. Kommentar.; Schneider (1984): Vorwort. Sowie Vanheiden
(k.A.): Balsamierung zu Tisch. Kommentar.
4 SEB (2005): LK 7,36-50.
2
38 und trat von hinten zu seinen Füßen, weinte und fing an, seine Füße mit Tränen zu benetzen und mit den Haaren ihres Hauptes zu trocknen, und küsste seine Füße und salbte sie mit Salböl.
39 Als aber das der Pharisäer sah, der ihn eingeladen hatte, sprach er bei sich selbst und sagte: Wenn dieser ein Prophet wäre, so wüsste er, wer und was für eine Frau das ist, die ihn anrührt; denn sie ist eine Sünderin. 40 Jesus antwortete und sprach zu ihm: Simon, ich habe dir etwas zu sagen. Er aber sprach: Meister, sag es!
41 Ein Gläubiger hatte zwei Schuldner. Einer war fünfhundert Silbergroschen schuldig, der andere fünfzig.
42 Da sie aber nicht bezahlen konnten, schenkte er´s beiden. Wer von ihnen wird ihn am meisten lieben? 43 Simon antwortete und sprach: Ich denke, der, dem er am meisten geschenkt hat. Er aber sprach zu ihm: Du hast recht geurteilt.
44 Und er wandte sich zu der Frau und sprach zu Simon:
Siehst du diese Frau? Ich bin in dein Haus gekommen; du hast mir kein Wasser für meine Füße gegeben; diese aber hat meine Füße mit Tränen benetzt und mit ihren Haaren getrocknet.
45 Du hast mir keinen Kuss gegeben; diese aber hat, seit ich hereingekommen bin, nicht abgelassen, meine Füße zu küssen.
46 Du hast mein Haupt nicht mit Öl gesalbt; sie aber hat meine Füße mit Salböl gesalbt.
47 Deshalb sage ich dir: Ihre vielen Sünden sind vergeben, denn sie hat viel Liebe gezeigt; wem aber wenig vergeben wird, der liebt wenig. 48 Und er sprach zu ihr: Dir sind deine Sünden vergeben.
49 Da fingen die an, die mit zu Tisch saßen, und sprachen bei sich selbst: Wer ist dieser, der auch die Sünden vergibt? 50 Er aber sprach zu der Frau: Dein Glaube hat dir geholfen; geh hin in Frieden!
3
3. Die Analyse
Im Folgenden soll nun anhand der vier obig genannten Methodenschritte der methodischkritischen Exegese die oben dargebrachte Erzählung `Jesu Salbung durch die Sünderin´ (Lk 7,36-50) erörtert werden. Hierbei muss vorab allerdings noch darauf verwiesen werden, dass es infolge der Rahmenbedingungen nicht dem Anliegen dieser Arbeit entspricht, eine vollständige und gleichsam alles umfassende Analyse anzubringen; vielmehr sollen einzig einige der m. E. wesentlichsten Elemente dieser Erzählung im Vordergrund stehen.
3.1 (Synchrone) Textanalyse
Mit der vorliegenden Perikope `Jesu Salbung durch die Sünderin´ (Lk 7,36-50) wird dem/der LeserIn eine in sich geschlossen wirkende Erzählung dargeboten, die dem von Lukas verwendeten Sondergut angehörig zur `Kleinen Einschaltung´ des dritten Evangeliums zählt, welche sich inmitten des Wirkungszeitraumes Jesu in Galiläa (Lk 4,13-16,12) befindet, sodass angenommen werden kann, dass auch der Hauptort dieser Erzählung in Galiläa sein wird. Dennoch, trotz Lokalisierung der Geschichte Lk 7,36-50 in Galiläa, wodurch zunächst einmal unweigerlich ein Zusammenhang derselben mit den vorherigen bzw. nachfolgenden ebenfalls in Galiläa lokalisierbaren Erzählungen zu vermuten ist, beeindruckt die Perikope von der Sünderin durch ihre einfach gehaltene und doch komplex erscheinende `ästhetische Geschlossenheit´, was sowohl auf die sprachlich und stilistisch einwandfreie Gestaltung der Perikope (u.A. wechselnder Stil, Verwendung des Aorist sowie korrekter Tempora und Modi) als auch auf ihren direkten Handlungsort und ihr unmittelbares Handlungsgeschehen zurückgeführt werden kann. So lässt sich die lukanische Erzählung 7,36-50 von der vorherigen Geschichte `Jesu Zeugnis über den Täufer´ (7,24-35) ebenso abgrenzen wie von der nachfolgenden Erzählung `Jüngerinnen Jesu´ (8,1-3), da diese sich - anders als die sie umrahmenden Geschichten - im Hause des Pharisäers Simon abspielt, welcher Jesus eingeladen hatte, bei ihm zu essen (7,36), wodurch zugleich - infolge eines außergewöhnlichen Zwischenfalls (den Eintritt einer sündigen Frau) - auch das Handlungsgeschehen als solches im Hinblick auf die vorherige Geschichte eine Veränderung erfährt. 5
Findet in diesem Sinne also neben einem Ortswechsel vom Aufenthalt Jesu in der Wüste (7,24) ins Haus des Simon (7,36) auch eine Veränderung des Handlungsgeschehens als solches statt, so schließt die Erzählung von der Sünderin jedoch inhaltlich an die vorherige
5 Vgl. SEB (2005): Lk 7-8.; Bovon (1989): S.16-18.20.385. Sowie Schneider (1984): S.176.
4
Perikope insofern an, als dass zum einen die Teilnahme Jesu an einem Gastmahl im Hause des Pharisäers Simon mit dem vorhergegangenen Vorwurf, dass Jesus ein `Fresser und Weinsäufer´ (7,34) sei in Verbindung gesetzt werden kann (dieser wurde dabei ebenfalls von einem Pharisäer, wenn nicht sogar von Simon selbst oder einem seiner Gefährten geäußert (dies geht m. E. aus der Erzählung nicht genau hervor)), woraus sich jedoch zwangsläufig die Frage ergibt, was Lukas mit diesem paradox erscheinenden Anschluss eines Gastmahls an einen solchen Vorwurf wohl intendiert haben mag. Nach Wolter kommt hierbei schlichtweg die `feinsinnige Ironie´ des Lk zum Ausdruck, wobei dies auch nur eine mögliche Erklärung dieses Sachverhalts darstellt und insofern nur am Rande erwähnt bleiben soll. 6
Denn zum anderen - und dies stellt m. E. die für diese Arbeit wichtigere inhaltliche Parallele dar - wird auch die in der vorherigen Erzählung in eine Anschuldigung gekleidete Thematik der liebenden Freundschaft Jesu für die `Zöllner und Sünder´ (7,34) während des Gastmahls Jesu beim Pharisäer Simon insofern wieder aufgegriffen, als dass diese infolge des von Simon und den anderen Mahlteilnehmern als störend empfundenen, plötzlichen Eintritts einer stadtbekannten Sünderin in das Haus zum tragenden Leitthema der lukanischen Erzählung wird. Dabei ist es jedoch nicht einzig ihr Eintritt, mit dem sie auf eine ablehnende Reaktion der Pharisäer stößt; vielmehr wird ihr dortiges Verhalten gegenüber Jesus - dass sie weinend von hinten an ihn herantritt, mit ihren Tränen Jesu Füße benetzt und mit ihren Haaren trocknet, sie küsst und anschließend noch mit Salböl salbt (7,38)als Empörung empfunden und von Simon dabei zugleich auch Jesu Identität als Prophet in Frage gestellt, da dieser das Handeln der Sünderin an ihm zunächst nur schweigend hinnimmt und sich damit von einer als unrein deklarierten Frau berühren lässt (7,39). Während Jesu anschließend auf diese Empörung mit einer gleichnishaften Rede reagiert, wodurch er die Sünderin nicht nur in Schutz nimmt, sondern ihr Verhalten zugleich auch rechtfertigt, äußert sich diese offenbar in keinster Weise bezüglich der ihr entgegengebrachten Ablehnung durch die Pharisäer (eine Reaktion der Sünderin geht aus der Erzählung m. E. nicht hervor) (7,40-50). 7
Was in diesem Zusammenhang aber festgestellt werden kann, ist, dass die Erzählung 7,36-50 infolge des plötzlichen Zwischenfalls durch den Eintritt der Sünderin und der daraus resultierenden Reaktionen sowohl von Simon und den anderen Mahlteilnehmern als auch anschließend von Jesus einen stilistischen Bruch bzw. Wandel erfährt, einen Wandel inso-
6 Vgl.Wolter (2008): S.290.
7 Vgl. Bovon (1989). S.386.391-393.; Schneider (1984): S.177. Sowie Schweizer (1982): S.90-91.
5
Arbeit zitieren:
BA (of Arts) Christina Busch, 2009, Jesu Salbung durch die Sünderin (Lk 7,36-50), München, GRIN Verlag GmbH
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