- 1 -
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. José Lezama Limas Paradiso
2.1 Biographischer Blick auf den Autor
2.2 Paradiso im Überblick
3. Homotextualität - Die homosexuelle Inszenierung in Paradiso
3.1 Die rhetorische Inszenierung von Homosexualität
3.2 Die körperliche Inszenierung von Homosexualität
3.2.1 Die homosexuell aktiven Hauptprotagonisten Farraluque und Leregas
3.2.2 Die homosexuell aktiven Nebenprotagonisten
3.3 Die thematische Inszenierung von Homosexualität
4. Schlussbemerkung
Literaturverzeichnis
- 2 - 1.Einleitung
Der Roman Paradiso des kubanischen Schriftstellers José Lezama Lima feierte nicht nur auf Kuba, sondern auch in Lateinamerika und Europa große Erfolge. Paradiso verdankt seine weltweite Bekanntheit nicht zuletzt der Tatsache, dass homosexuelle Handlungen freimütig und unverhüllt präsentiert werden. Eine derartige Darstellung des doch eher heiklen Themas war in der hispanoamerikanischen Literatur bis zu diesem Zeitpunkt praktisch nicht vorgekommen. 1 Aus diesem Grund erscheint es mir äußerst interessant, die homosexuellen Inszenierungen in Lezama Limas Werk näher zu beleuchten und zu untersuchen. Dabei werde ich mich auf Szenen aus dem achten und neunten Kapitel von Paradiso beschränken, da eine Analyse des kompletten Romans wohl den Rahmen dieser Arbeit sprengen würde.
Zuerst aber soll ein kurzer Überblick über den Lebensweg des ebenfalls homosexuellen Autors und dessen Werk gegeben werden. Dabei wird weniger auf den Inhalt, der ohnehin eher im Hintergrund des Romans steht, als vielmehr auf die Komplexität der Erzählweise verwiesen.
Bei der Analyse der homosexuellen Inszenierungen in Paradiso soll zunächst der besondere Sprachgebrauch unter die Lupe genommen werden. Es wird vor allem versucht, den homosexuellen Akt in Bezug auf seine höchst rhetorische Vermittlung zu untersuchen.
Im Anschluss daran soll die körperliche Inszenierung von homosexuell aktiven Protagonisten geklärt werden. Hierbei stellt sich die Frage, ob die Figuren überhaupt spezifischen homosexuellen Darstellungen unterliegen und inwieweit bestimmte Attribute eingesetzt werden, die diese Inszenierungen untermauern sollen. Die Betrachtung der homosexuellen Inszenierungen endet schließlich mit der Untersuchung der schwulen Thematik, während besonderes Augenmerk auf die Verbindung von Homosexualität mit theologischen Werten, sowie schöpferischen Prozessen gelegt wird.
1 Vgl. Souza, Rymond D., 1979, „Die Sinneswelt Lezama Limas“, in: Strausfeld, Mechthild (Hg.), Aspekte von José Lezama Lima „Paradiso“, Frankfurt a. M., S. 59-85, hier S. 59.
- 3 - 2.José Lezama Limas Paradiso
2.1 Biographischer Blick auf den Autor
José Lezama Lima wird am 19.12.1910 in einem Militärlager in der Nähe von Havanna geboren. Sein Vater zählt zur Militärelite Cubas, seine Mutter ist die Tochter revolutionärer Emigranten. 2
Da Lezama Lima schon in der Kindheit an starkem Asthma leidet, bleibt er viel zu Hause, widmet sich der Lektüre und wird somit schon von klein auf zum Einzelgänger. Als Lezama Lima acht Jahre alt ist, stirbt der Vater an Lungenentzündung und er zieht mit Mutter und Schwester ins Haus der Großmutter. Er studiert Jura und Philosophie und beteiligt sich 1930 am Aufstand der Studenten gegen die Diktatur Machados. Ab 1938 arbeitet Lezama Lima in einer Anwaltskanzlei und wird später Beamter in verschiedenen kubanischen Institutionen, wie der Dirección de Cultura. Neben diesen Berufen, die für ihn lediglich dem Broterwerb dienen, gibt er einige Zeitschriften heraus, darunter auch die, ab 1945 herausgebrachte, berühmte Zeitschrift orígines, in der die ersten Seiten von Paradiso veröffentlicht werden. 3
1966 schließlich erscheint erstmals der vollständige Roman Paradiso, den Lezama allerdings schon 1944 begonnen hatte. Darauf folgt 1977 der fragmentarisch gebliebene Roman Oppiano Licario, der als Erweiterung von Paradiso verstanden werden kann, da der Protagonist sowie die meisten Figuren übernommen werden. 4 Nach dem Triumph der kubanischen Revolution leitet Lezama die Abteilung für Literatur und Publikationen der Dirección General de Cultura,, ist Vizepräsident der UNEAC (Unión de Escritores y Artistas de Cuba) und Berater des Insituto de Literatura y Lingüística. 5
Lezama Lima stirbt schließlich am 9.8.1976 im Alter von 66 Jahren in Havanna.
Lezamas Stellung innerhalb des revolutionären Kuba ist umstritten. Einige lehnen seinen Katholizismus, seine Homosexualität und sein hermetisches Kunstverständnis ab, andere wiederum verehren ihn regelrecht. Auf jeden Fall steht Lezama im starken
2 Vgl. Autorenlexikon Lateinamerika, 1992, Lezama Lima, José, Frankfurt a. M., 1. Auflage, S. 445-447, hier S.445.
3 Vgl. Strausfeld, Mechthild (Hg.), 1979, Aspekte von José Lezama Lima „Paradiso“, Frankfurt a. M., S. 200ff.
4 Vgl. Autorenlexikon Lateinamerika 1992, S. 446.
5 Vgl. Gonzáles Cruz, Iván, 1999, Lezama Lima (1910-1976), Madrid, 1. Auflage, S. 9.
- 4 -Gegensatz zur gängigen Auffassung über die Stellung eines Schriftstellers in einer revolutionären Gesellschaft. 6
2.2 Paradiso im Überblick
Da man Lezama Lima des Obskurantismus im literarischen und politischen Bereich beschuldigt, beträgt die Erstauflage von Paradiso nur etwa 4000 Exemplare. Ihm wird ein zu hermetischer und barocker Sprachgebrauch vorgeworfen, der ein Verstehen des Romans nur sehr schwer möglich macht. Außerdem werden die homo-und heterosexuellen Akte im achten und neunten Kapitel zur damaligen Zeit als höchst skandalös und pornographisch betrachtet. Aufgrund der kubanischen Blockade verbreitet sich der Roman daher anfangs nur sehr langsam in der lateinamerikanischen und europäischen Welt. 7
Paradiso kann somit als sehr schwieriges Buch, welches „ein höchst subjektives, hermetisch-elitäres Kunstverständnis dokumentiert“ 8 , beschrieben werden.
Die Haupthandlung der 14. Kapitel, die etwa im Kuba der Jahre 1898-1930 anzusiedeln ist, befasst sich mit der Kindheit, Jugend und Schulzeit des Protagonisten José Cemí und verzweigt sich in den einzelnen Lebensgeschichten seiner Familie sowie in den Erfahrungen seiner Freunde Fronesis und dem homosexuellen Foción. Der Roman beginnt in der frühen Kindheit Cemís und endet mit dem Tod von Oppiano Licario, der als geistiger Lehrmeister und Beschützer des Protagonisten fungierte.
Allerdings hat man es hier nicht mit einer Chronik im herkömmlichen Sinn zu tun, da es immer wieder zu Brüchen in der Logik der Handlung und der Personen kommt. Es handelt sich hier nicht um ein zuverlässig historisches, sondern um ein schöpferisch metaphorisches Erzählsubjekt. Die schöpferische Tätigkeit des Protagonisten, wird durch den Verlust des „Paradieses“ der Kindheit, der mit dem Tod des Vaters beginnt, ausgelöst und zieht sich als ständige Suche nach Erkenntnis wie ein roter Faden durch das Buch. 9 Die Personen im Roman werden nicht als konkrete Gestalten, sondern eher als Archetypen angesehen, die sich fern jeder Historizität
6 Vgl. Strausfeld (Hg.) 1976, S. 203f.
7 Vgl. ebd., S. 7f.
8 Kindlers Neues Literatur Lexikon, 1990, Paradiso, hg. von Walter Jens, Band 10, München, S. 387-388, hier S. 387.
9 Vgl. Autorenlexikon Lateinamerika 1992, S. 446.
- 5 -bewegen. Ereignisse und menschliche Handlungen werden als eher nebensächlich oder überflüssig behandelt, im Vordergrund stehen vielmehr die Empfindungen, die das Erzählte auslösen. 10
Bestimmend für den Roman ist allerdings nicht nur diese komplexe Szenerie, die dem Leser Verständnisschwierigkeiten bereiten kann, sondern auch seine Sprache, die durch Poetik, Barock, Surrealismus und Fachsprache gekennzeichnet ist. 11 Im Folgenden soll zunächst dieser besondere Sprachgebrauch im Hinblick auf den homosexuellen Aspekt des Werkes und die damit einhergehende homoerotische Sprachverwendung untersucht werden.
3. Homotextualität- Die homosexuelle Inszenierung in Paradiso Der Begriff Homotextualität hat sich aufgrund der zunehmend auftretenden homosexuellen Themen in der Literatur des späten 19. und frühen 20. Jahrhundert entwickelt. Dieter Ingenschay versteht unter Homotextualität „ein Konzept der wissenschaftlichen Untersuchung von literarischen Texten, die implizit oder explizit, rhetorisch oder thematisch Erfahrungen homosexueller Lebenspraxis oder spezifisch schwuler Vorstellungswelten transportieren“ 12 . Dieses Konzept der Homotextualität wird später als Hilfestellung dienen, die Inszenierung des männlichen Körpers im homosexuellen Zusammenhang von Paradiso zu analysieren.
3.1 Die rhetorische Inszenierung von Homosexualität
Paradiso gehört der Tradition an, die Poesie für eine privilegierte Gattung hält und in der sich die Sprache der bloßen Mitteilungsfunktion entzieht. 13 Das gesellschaftliche und wirtschaftliche Leben sind für Lezama Lima dem Wechsel unterworfen, während die Poesie bestehen bleibt, „der Zeit trotzt und sie überwindet“ 14 . Das
10 Vgl. Vargas Llosa, Mario, 1979, „Paradiso - eine poetische Summe, ein unmögliches Unterfangen”, in: Strausfeld, Mechthild (Hg.), Aspekte von José Lezama Lima „Paradiso“, Frankfurt a. M., S. 41-47,hier S. 44.
11 Vgl. Kindlers Neues Literaturlexikon 1990, S. 387f.
12 Ingenschay, Dieter, 2002, „Homotextualität. Schwule Körperbilder im zeitgenössischen spanischen Roman“, in:Teuber, B./Weich, H. (Hg.), Iberische Körperbilder, Frankfurt a. M., S.221-247, hier S. 227.
13 Vgl. Franco, Jean, 1979, „Lezama Lima im Paradies der Poesie“, in: Strausfeld, Mechthild (Hg.), Aspekte von José Lezama Lima „Paradiso“, Frankfurt a. M., S. 86-109, hier S. 87.
14 Ebd. S. 88.
Arbeit zitieren:
Jessica Mohr, 2009, Der homosexuelle Aspekt in José Lezama Limas "Paradiso", München, GRIN Verlag GmbH
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