Inhaltsverzeichnis
1. Einführung. 2
2. Die frühe Reisefotografie 4
3. Die anthropologische Fotografie. 4
4. Die ethnographische Fotografie 6
5. Die Bildlektüre 8
5.1 „Youth (Eastern Gaajok) fastening giraffe-hair necklace on friend“ von E. E. Evans-
Pritchard 8
5.1.1. „Youth (Eastern Gaajok) fastening giraffe-hair necklace on friend“ im Kontext des
Textes 9
5.1.2. Produktionsumstände 12
5.2. Fa. Kerry Photo: „Kampfesweise der australischen Ureinwohner“ 14
5.3. Die Unterschiede und Gemeinsamkeiten der beiden Fotografien. 16
6. Zusammenfassung. 17
Literaturverzeichnis
1
1. Einführung
Seit den frühesten Zeiten bestand ein besonderes Interesse an fremden Völkern, deren Erscheinungsbild und allgemeiner Lebensweise. Noch bevor man überhaupt der außereuropäischen Völker ansichtig wurde, gab es im Volksglauben bereits den Topos des wilden Menschen. Im Mittelalter betonte man die Andersartigkeit der Menschen, die jenseits des christlich-europäischen Raumes wohnten. Es herrschten die Darstellungen von Fabelwesen, Monstren oder menschlichen Missgestalten. In der Scholastik des 13. Jahrhunderts beschäftigte man sich sogar mit der Frage, ob man die Pygmäen zu Menschen rechnen könnte. 1
„Die dort lebenden Menschen stellte man sich zumeist als fabelhafte Monstren vor. Auf den weißen Flecken der Karten und auf ihren Umrandungen finden sich Gestalten mit einem Bein, den Kopf zwischen den Schultern, die Ohren so lang, dass man das Gesicht damit bedecken konnte, Hermaphroditen, oder sonst wie von der Schöpfung hervorgebrachte Missbildungen. Dorthin zu gelangen, galt als mühsam und gefahrvoll - die See als Tummelplatz gieriger Ungeheuer, der Mensch als Spielball entfesselter Naturgewalten“. 2 Die angsterregenden Beschreibungen oder Bilder von Monstern, Barbaren oder Wilden galten dem Zweck der Abgrenzung, der Wahrung von Identität und Territorialität und nicht zuletzt zur Legitimation eigener Superioritätsansprüche. 3
Auch mit den ersten Entdeckungsreisen im beginnenden 16. Jahrhundert fand die Mythisierung keineswegs ihr Ende. Die zur Publikation geeinigten Bilder von den außereuropäischen Völkern, wurden meistens von den heimischen Künstlern angefertigt. Diese Künstler richteten sich fast ausschließlich nach den Berichten der Reisenden, da sie selbst die fremden Länder nicht bereist haben. In dieser Zeit herrschten zwei Stereotypen: eines Wilden, der als Vertreter eines reinen Naturzustandes gesehen war, und eines grausamen und unzivilisierten Fremden. Für diese beiden Stereotype wurden die Abbildungen orgiastischer Menschenfresserei charakteristisch. 4
1 Wiener, Michael: Ikonographie des Wilden. Menschenbilder in Ethnographie und Photographie zwischen 1850
und 1918, München: Trickster-Verl.,1990. S.26
2 Theye, Thomas: Wir und die Wilden. Einblicke in eine kannibalische Beziehung, Reinbeck bei Hamburg:
Rowohlt Taschenbuch Verlag GmbH, 1985. S. 18
3 Wiener, Michael: Ikonographie des Wilden. Menschenbilder in Ethnographie und Photographie zwischen 1850
und 1918, München: Trickster-Verl.,1990. S.24
4 Wiener, Michael: Ikonographie des Wilden. Menschenbilder in Ethnographie und Photographie zwischen 1850
und 1918, München: Trickster-Verl.,1990. S.29
2
Im 18. Jahrhundert setzte sich das Bild des „Edlen Wilden“ ein. Dieses Bild knüpfte an die Paradiessehnsüchte an. Der Wilde wurde zur Verkörperung einer friedlichen und besseren Welt.
Parallel zu der positiven Darstellung der Naturvölker, gab es immer noch Tendenzen, diese Menschen als primitive, rückständige und unzivilisierten Wesen zu präsentieren. Hier macht die im 19. Jahrhundert aufkommende Fotografie keine Ausnahme. Auch hier wurden die Darstellungen der Menschen manipuliert. Der Fotograf konnte z.B. in gleicher Weise subjektiv sein, wie die Reiseberichte oder die Künstler, die die Bilder anfertigten, indem er nur das Fremde und Andersartige an den Außereuropäern erfasst hat und das Typische vernachlässigt hatte. Die Fotografien waren auch sehr selektiv bei der Auswahl ihrer Motive. “In den Fotografien mischen sich bis auf den heutigen Tag Vorstellungen mit Vorgefundenem“. 5
Unter den Zeitgenossen gab es die Vorstellung von der Fotografie als einen Eindruck von der Wirklichkeit. Die Fotografie galt als das „wahre Abbild“ und die Fotografien wurden sowohl von den Amateuren als auch von den Wissenschaftlern als „faktische Dokumente, welche jeden Zweifel an die Wahrheit der Darstellung ausschließen“ 6 , verstanden. Das Verständnis von Fotografie als eines nicht vom Menschen beeinflussbaren Vorganges ist damals sehr stark gewesen.
In meiner Arbeit möchte ich mich dem Thema widmen, wie sich der Einsatz von Fotografie im Rahmen der Ethnologie historisch entwickelt hat. Die Konstruktion des „Fremden“ in den fotografischen Praktiken wird in den Fokus meiner Arbeit rücken. In dem ersten Kapitel behandele ich den Zusammenhang von der ethnografischen Fotografie mit der frühen Reisefotografie. Im nächsten Schritt wende ich mich der anthropologischen und ethnografischen Fotografie und stelle ihre wichtigsten Merkmale dar. Der nächste Teil meiner Arbeit umfasst die Bildlektüre von zwei von mir ausgewählten ethnografischen Fotografien: „Youth (Eastern Gaajok) fastening giraffe-hair necklace on friend“ und „Kampfesweise der australischen Ureinwohner“.
Diese Bilder sind Beispiele für die verschiedene Darstellung des „Fremden“ in der ethnographischen Fotografie: des „edlen Wilden“ und des gewalttätigen, rückständigen Primitiven. Ich habe sie gewählt, weil sie für mich sehr gut die Art der fotografischen Praktiken im der Zeit um 1900 und 1930 darstellen. Lange Recherche nach der
5 Theye, Thomas: Wir und die Wilden. Einblicke in eine kannibalische Beziehung, Reinbeck bei Hamburg:
Rowohlt Taschenbuch Verlag GmbH, 1985. S. 20
6 Theye, Thomas: Der geraubte Schatten. Photographie als ethnographisches Dokument, München: Verlag C.J.
Bucher GmbH, 1989. S. 14
3
Sekundärliteratur zu den beiden von mir ausgesuchten Fotos brachten keine Erfolge. Von daher ist die Interpretation von den beiden Bildern meine eigene. Bei der Bildlektüre wende ich mich der Interpretation dieser Fotografien im Kontext des Textes. Dabei gehe ich auf die Art der Publikation in der sie erschienen sind, auf die Anordnung dieser Fotografien im Text, auf die Untertitel und die Textverweise ein. Da ich genügend Informationen über die historische und politische Situation zur Zeit der Feldforschungen von E.E.Evans-Pritchard, dem Autor von „Youth (Eastern Gaajok) fastening giraffe-hair necklace on friend“ gefunden habe, versuche ich die Produktionsumstände dieser Fotografie in meiner Arbeit zu erläutern. Darauf folgend vergleiche ich die Interpretationsergebnisse miteinander und stelle die Unterschiede und Gemeinsamkeiten der beiden Fotografien dar. Am Ende wird eine kurze Zusammenfassung inklusive einer kurzen eigenen Stellungnahme den Abschluss dieser Arbeit bilden.
2. Die frühe Reisefotografie
Unter dem Begriff Reisefotografie sind die Fotografien zu verstehen, die auf Reisen in außereuropäischen Regionen entstanden sind. Laut Jäger wird die Reisefotografie des 19. Jahrhunderts als Landschaftsfotografie bezeichnet. 7 Theye zählt dazu auch solche Aufnahmen, die von den westlichen Fotografen in ihren Fotoateliers angefertigt worden sind, die sich ab 1850 hauptsächlich in den Hafenstädten befanden. 8 Zu den Reisefotografen zählten die Berufs- und Amateurfotographen, Forscher, Missionare sowie Reisende. „Die koloniale Durchdringung der überseeischen Welt und die neuen Verkehrsmittel setzten ab Mitte des vorigen Jahrhunderts verschiedene Reisende in den Stand, ihre wissenschaftlichen, geschäftlichen oder auch nur touristischen Reisen zu verwirklichen. Dabei gehörte für viele die fotografische Ausrüstung zum unverzichtbaren Bestandteil ihres Gepäcks“. 9
7 Theye, Thomas: Ethnologie und Photographie im deutschsprachigen Raum, Studien zum biographischen und
wissenschaftsgeschichtlichen Kontext ethnographischer und anthropologischer Photographien (1939-1884).
Frankfurt am Mein: Peter Lang. Serie XIX. S. 63
8 Theye, Thomas: Ethnologie und Photographie im deutschsprachigen Raum, Studien zum biographischen und
wissenschaftsgeschichtlichen Kontext ethnographischer und anthropologischer Photographien (1939-1884).
Frankfurt am Mein: Peter Lang. Serie XIX. S. 60
9 Theye, Thomas: Der geraubte Schatten, Photographie als ethnographisches Dokument. München: C.J. Bucher
GmbH.1989. S.25.
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Die Fotografie diente für die Zeitgenossen als Dokumentation jener neu erschlossenen fremden und exotischen Welten. Kaum war die Fotografie erfunden, fing man an, diese Welten zu fotografieren (Nur kurze Zeit nach der Vorstellung der Erfindung von Daguerres beauftragte der Pariser Verleger Nöel-Marie Payma Lerebours den Maler Verne tun seinen Neffen, die schönsten Bauten des Orients zu fotografieren). 10 Die ersten Fotografien von Angehörigen außereuropäischer Ethnien wurden nicht von den Ethnologen, sondern von den Reise- und Studiofotografen angefertigt. Da zu der Gruppe der Reisefotografen Menschen aus verschiedenen Berufen gehörten, sind entsprechend unterschiedliche Vorstellungen und Interessen, aus den von ihnen aufgenommenen Bildern, zu entziehen. Es wurden zwar von den Wissenschaftlern verschiedene Handbücher mit Anleitungen zum wissenschaftlichen Beobachten auf Reisen herausgegeben, aber laut Wiener waren sie nicht imstande, die Fotografieweise der einzelnen Menschen zu verändern. „So photographierte in der Regel ein Mediziner anders als ein Studiophotograph, ein Missionar anders als ein Tourist und ein Ethnologe anders als ein Kolonialbeamter“. 11
In der Wissenschaft wurde deutlich zwischen Reisenden und Gelehrten unterschieden. Die Rolle des Reisenden bestand ausschließlich im Beobachten und Sammeln von Fakten, die Auswertung des gesammelten Materials wurde den Wissenschaftlern überlassen. Um die Aufgabe des Reisenden Beobachter zu übernehmen, brauchte man keine spezielle Bildung. Die Authentizität des Dagewesenseins genügte. 12 Ab den 50er Jahren des 19. Jahrhunderts geriet der Mensch dem Interesse der Reisefotografen. Neben den Architekturaufnahmen widmeten sich die Fotografen häufiger der Personenfotografie.
Wegen den klimatischen Bedingungen, schlechter Infrastruktur (z.B. wie in Afrika) und den Schwierigkeiten bei der Filmentwicklung entstanden viele von den Aufnahmen in den Fotoateliers, die in den Hafenstädten angesiedelt waren. Den Rahmen dieser Bilder schufen antike Säulen, aus Europa mitgebrachte Ausstattungsgegenstände oder ein gemalter Hintergrund. 13
10 Theye, Thomas: Der geraubte Schatten, Photographie als ethnographisches Dokument. München: C.J. Bucher
GmbH.1989. S.22
11 Wiener Michael: Ikonographie des Wilden. Menschenbilder in Ethnographie und Photographie zwischen 1850
und 1918. München: Trickster-Verl.,1990. S. 97
12 Wiener Michael: Ikonographie des Wilden. Menschenbilder in Ethnographie und Photographie zwischen 1850
und 1918. München: Trickster-Verl.,1990. S. 100
13 Wiener Michael: Ikonographie des Wilden. Menschenbilder in Ethnographie und Photographie zwischen 1850
und 1918. München: Trickster-Verl.,1990. S. 107
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Arbeit zitieren:
Justyna Purwin, 2005, Die fotografische Darstellung der Menschen in der Ethnologie, München, GRIN Verlag GmbH
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