Inhaltsverzeichnis
1 Einführung 1
2 Die Entwicklung des Kompetenzbegriffs 2
3 Begriffswechsel - von Qualifikationen zu Kompetenzen 5
4 Kompetenz in der Berufsbildung: "Wovon reden wir eigentlich?" 7
5 Schlussbetrachtung 10
Literaturverzeichnis III
II
1 Einführung
Im Diskurs um Inhalte und Ziele beruflicher Bildung taucht seit einiger Zeit mit großer Selbstverständlichkeit der Begriff der Kompetenz auf. Dieser verspricht - anders als der vordem vorherrschende Terminus „Qualifikation“ - die subjektive Seite des Arbeitens aufzunehmen, die in betrieblichen Modernisierungsprozessen stärker als bisher gefordert wird. Die Verschiebung von der Qualifikations- zur Kompetenzorientierung stellt jedoch weder eine Modeerscheinung dar noch will sie die erworbenen und zu erwerbenden Qualifikationen in Frage stellen. Vielmehr ist sie als Reaktion auf die technologische Entwicklung, die Komplexität und Unvorhersehbarkeit derzeitiger wirtschaftlicher und politischer Prozesse unabdingbar geworden. 1
Die folgende Arbeit thematisiert den Begriffswandel von der Qualifikations- zur Kompetenzorientierung. Vorausgestellt wird dazu eine skizzenartige Rekonstruktion der Entwicklung des Kompetenzbegriffs in der einschlägigen deutschsprachigen Literatur. Anschließend wird der Begriffswechsel dargelegt und kritisch hinterfragt. 2 Im Anschluss an die Schaffung dieses Grundlagenverständnisses zum Thema, soll geklärt werden, ob es im Zusammenhang mit dem Kompetenzbegriff in der Berufsbildungsentwicklung überhaupt eine kohärente Bedeutung gibt. Die Arbeit schließt mit einer abschließenden Betrachtung des Kompetenzbegriffs ab.
1 Vgl. ERPENBECK, John; SAUER, Johannes: Das Forschungs- und Entwicklungsprogramm
„Lernkultur Kompetenzentwicklung“. IN: Arbeitsgemeinschaft Qualifikations-Entwicklungs-Management, Geschäftsstelle der Arbeitsgemeinschaft Betriebliche Weiterbildungsforschung
(Hrsg.): Kompetenzentwicklung 2000: Lernen im Wandel - Wandel durch Lernen. Münster:
Waxmann Verlag 2000, Band 5, S. 303.
2 Dabei wird nicht der Anspruch erhoben, eine vollständige Rezeptionsgeschichte der beiden
dieser Arbeit zugrunde liegenden Begriffe zu liefern.
1
2 Die Entwicklung des Kompetenzbegriffs
Seit etwa der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts, insbesondere seit der Ablösung der Vormachtstellung des Behaviorismus in den Sozialwissenschaften und des fordistisch-tayloristischen Regimes, steht die Frage der Kompetenz im Mittelpunkt fachlicher sowie politischer Auseinandersetzungen. 3
In der deutschsprachigen sozialwissenschaftlichen Literatur lassen sich im Bezug auf die Durchsetzung des Kompetenzbegriffs einige markante Stationen ausmachen, die ihren Ausgangspunkt mit Habermas (1971) kommunikativer Kompetenz Anfang der siebziger Jahre haben. Sein Konzept zielte darauf ab, die Grundlegung einer kommunikativen Ethik auszuarbeiten. Auf dieser Basis unterschied Roth (1971) in seiner pädagogischen Anthropologie zwischen sachlichen, sozialen und personalen Kompetenzen, und ordnete somit den Weg der heute vielfach in der erziehungswissenschaftlichen Literatur benutzten Einteilung in Sach- oder Fachkompetenz, Sozialkompetenz und Selbst- oder Humankompetenz. Jedoch war das Konzept von Roth nicht mit dem damaligen mainstream der westdeutschen Erziehungswissenschaften kompatibel, da die Vertreter dieser Richtung im Gefolge des Robinsohnschen (1967) Modells der Curriculumrevision die Ablösung des normativen Bildungsbegriffs durch den deskriptiven Qualifikationsbegriff anzustreben versuchten. Erst der Volkswirt und damalige Leiter des IAB (Institut für Arbeitsmarkt-und Berufsforschung) Dieter Mertens (1974) gab einen Anstoß zu einem Perspektivenwechsel -allerdings zunächst noch im Rahmen des
Qualifikationsbegriffs. 4 Mertens bildungsökonomische Intention war es, einen übergreifenden Qualifikationsbegriff zu prägen, welcher sich nicht an den unmittelbaren Anforderungen eines unscharfen Arbeitsmarktes orientiert, sondern an die Anpassungsfähigkeit an nicht Prognostizierbares stützte. 5 Solche übergreifenden
3 Vgl. OELKERS, Jürgen: Eröffnungsvortrag der 10. Jahrestagung der Gesellschaft für
Politikdidaktik und politischer Jugend- und Erwachsenenbildung am 18. Juni 2009. Universität
Wien [http://paed-services.uzh.ch/user_downloads/1012/WienPolitischeBildung.pdf;
20.08.2010].
4 Vgl. REINISCH, Holger: Kompetenz, Qualifikation und Bildung: Zum Diskurs über die
begriffliche Fassung von Zielvorgaben für Lernprozesse. IN: Minnameier, Gerhard und Wuttke
Eveline (Hrsg.): Berufs- und Wirtschaftspädagogische Grundlagenforschung: Lehr-Lern-
Prozesse und Kompetenzdiagnostik - Festschrift für Klaus Beck. Frankfurt: Peter Lang GmbH,
2006, S. 262.
5 In diesem Zusammenhang kritisiert er vor allem das geringe Interesse der Bildungsvertreter an
nachweislich effizienter, arbeitsrealitätsnaher Qualifizierung.
2
Qualifikationen nennt Mertens vorläufig Schlüsselqualifikationen und erklärt sie wie folgt: 6
„Schlüsselqualifikationen sind demnach solche Kenntnisse, Fähigkeiten und Fertigkeiten, welche nicht unmittelbaren und begrenzten Bezug zu bestimmten, disparaten praktischen Tätigkeiten erbringen, sondern vielmehr
a) die Eignung für eine große Zahl von Positionen und Funktionen als alternative Optionen zum gleichen Zeitpunkt, und
b) die Eignung für die Bewältigung einer Sequenz von (meist unvorhersehbaren) Änderungen von Anforderungen im Laufe des Lebens.“ 7
Seinen Siegeszug hat der Begriff der Schlüsselqualifikationen dennoch, namentlich auch in der Berufs- und Wirtschaftspädagogik, angetreten. 8 Gleichwohl hat es auch umfassende Kritik am Konzept der Schlüsselqualifikation gegeben. 9 Beck (1993) wies in seiner Publikation - in der er ca. 300 verschiedene Begriffsumschreibungen aufzählte - auf die Schwierigkeit der inhaltlichen Operationalisierung des Terminus hin. Dies begründet er damit, dass dieser nicht selten den Eindruck erwecke „[...], als wäre eindeutig geklärt, was darunter zu verstehen sei. Dabei versteht fast jeder etwas anderes unter Schlüsselqualifikationen [...].“ 10 Zabeck (1989) kritisierte insbesondere die unkritische Verwendung des Terminus bei praktischen Berufspädagogen und unterstellt, „hier werde ein weiteres Mal der Versuch unternommen, unter Berufung auf eine didaktische ’Zauberformel’ der Öffentlichkeit vorzugaukeln, man habe die Zukunft der Erziehung im Griff.“ 11
Auf deutlich mehr Akzeptanz im bildungspolitischen sowie in einschlägigen wissenschaftlichen Diskurs stießen die Versuche, den Begriff der
6 Vgl. BECK, Simon: Schlüsselqualifikationen im Spannungsverhältnis von Bildung und
Qualifikation - Leerformel oder Integrationskonzept? Analyse einer Berufspädagogischen
Debatte. IN: Jungkunz, Diethelm (Hrsg.): Hohenheimer Schriftenreihe zur Berufs- und
Wirtschaftspädagogik. Stuttgart: ibw Hohenheim, 2. unveränderte Aufl., 2004, S. 33.
7 MERTENS, Dieter: Schlüsselqualifikationen. Thesen zur Schulung für eine moderne
Gesellschaft. IN: Mitteilungen aus der Arbeitsmarkt- und Berufsforschung 7. Stuttgart: W.
Kohlhammer GmbH, 1974, S. 40.
8 Dies ist allseits bekannt und soll hier nicht näher erörtert werden.
9 Vgl. REINISCH, a.a.O., S. 263.
10 BECK, Herbert: Schlüsselqualifikationen. Bildung im Wandel. Darmstadt: Winklers. S. 13.
11 ZABECK, Jürgen: „Schlüsselqualifikationen“ - Zur Kritik einer didaktischen Zielformel. IN:
Wirtschaft und Erziehung, 41 (1989) 3, S. 77-86.
3
Arbeit zitieren:
Theresa Wiegand, 2010, Von der Qualifikation- zur Kompentenzorientierung, München, GRIN Verlag GmbH
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