Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung 3
2 Was bedeutet Grounded Theory? 4
3 Der Methodenstreit 5
3.1 Generelle Diskurse über den Sinn der Grounded Theory 5
3.2 Positionen zur GT aus volkskundlicher Sicht 6
3.2.1 Albrecht Lehmann über das Trügerische des Bewusstseins 6
3.2.2 Brigitta Schmidt-Lauber über Offenheit beim Interview 7
3.2.3 Gisela Welz über den Einfluss von Mobilität 8
4 Vergleichsebene GT - Kulturanthropologie 9
4.1 Grounded Theory als iterativer Forschungskreislauf 9
4.2 Zur Frage des theoretischen Vorverständnisses 9
4.3 Zur Frage des Feldzugangs 10
4.4 Im Feld 11
4.4.1 Zur Rolle des Forschers im Feld 11
4.4.2 Zur Frage des Verstehens der Daten 12
4.4.3 Zur Auswertung von Interviews 12
4.4.4 Zur Bedeutung von Texten 13
5 Zusammenfassung 14
6 Literaturverzeichnis 16
2
1 Einleitung
Die Kulturwissenschaften haben ihr methodisches Repertoire in der Königsdisziplin Feldforschung beginnend mit Bronislaw Malinowski bis hin zu qualitativen Interviews stets erweitert und stehen dabei immer wieder vor der entscheidenden Frage, wie die Daten gewonnen werden sollten. Mehrere theoretische Konzepte sind dazu in das Fach eingegangen und werden bis heute diskutiert. Dazu zählen unter anderem die
teilnehmende Beobachtung, das Leitfadeninterview sowie andere Interviewverfahren, quantitative Erhebungen und historisch-archivalische Quellenanalysen. Allen Methoden gemeinsam ist, dass sie ihre praktische Forschungsarbeit im Wesentlichen aufgrund einer vorformulierten Fragestellung durchführen. 1 Die Grounded Theory - im Folgenden abgekürzt GT - mit sozialwissenschaftlichem Hintergrund bildet dabei eine Ausnahme. Sie richtet ihre Fragestellung und auch alle nachfolgenden Arbeitsschritte an der Forschungspraxis aus, wie die Kulturwissenschaftlerin Dorothee Hemme 2009 in einer empirischen Arbeit im Kontext der Tourismusforschung festhielt. 2 Dieses von Anselm Strauss und Barney Glaser 1967 entwickelte praxisgeleitete Verfahren empirischer Sozialforschung stellt somit auch die Europäische Ethnologie vor neue Herausforderungen.
Inwieweit bietet diese Theorie Potentiale für unser Fach und wo liegen möglicherweise die Grenzen ihrer Anwendbarkeit? Diese Frage werde ich in meiner Hausarbeit unter Einbezug der GT sowie der etablierten Forschungsmethoden diskutieren.
1 Vgl. Legewie 1995, S. 189-193.
2 Vgl. Hemme 2009, S. 41.
3
2 Was bedeutet Grounded Theory?
Die begriffliche Klärung wird durch die Doppeldeutigkeit erschwert, wie der Soziologe Strübing 2004 in seinem Aufsatz über die GT feststellte. Denn einerseits stehe er für die aus den empirischen Daten zu generierende Theorie und andererseits beziehe er sich auf das Verfahren selbst. 3 Star versuchte den dadurch in den Sozialwissenschaften ausgelösten Wortdisput zu klären, indem er auf die Relation von der Arbeit mit dem Verfahren selbst und den daraus resultierenden Theorien hinwies. Die Methode selbst und die Theorie müssten also in ihrer Wechselbeziehung analysiert werden. Dies habe für Strauss zwei Konsequenzen. Auf der einen Seite sei der Fokus auf die „Organisation des Arbeitsprozesses“ zu richten 4 und auf der anderen Seite die Dialektik des Arbeitsbegriffes zu betrachten. Auch beim zweiten Punkt käme es auf die Interaktion zwischen der Arbeit an sich und demjenigen, der sie tut, an. 5
Hemme betonte, dass die Frage letztlich auf den Aspekt der Theorienbildung hinauslaufe. In ihrer groß angelegten Studie über die kulturelle Konstruktion der Märchenthematik an vier verschiedenen Orten im Sinne einer multi-sited ethnography, geht sie der Organisation der 1975 gegründeten Deutschen Märchenstraße nach und fragt nach den Auswirkungen für regionale Räume im Zusammenspiel mit den global players. Sie verfolgte damit einen induktiv angelegten Forschungsprozess, der gemäß des Angebots der GT eine Theorienbildung als Folge der Praxis hervorbrachte. 6 Nicht alle Vertreter innerhalb des Fächerkanons der Sozialforschung sind bekanntlich dieser Meinung wie sich im folgenden herausstellt.
3 Vgl. Strübing 2004, S. 13.
4 Vgl. Strübing 2004, S. 14.
5 Vgl. Strübing 2004, S. 15.
6 Vgl. Hemme 2009, S. 41-43.
4
3 Der Methodenstreit
3.1 Generelle Diskurse über den Sinn der Grounded Theory
Die Positionen, die Verfechter nomologisch deduktiver und interpretativer Verfahren bestreiten, sind schnell herauspräpariert. Nomologisch deduktiv arbeitende Wissenschaftler, zu denen Anhänger des Kritischen Rationalismus nach Karl R. Popper zählen, leiten ihr Vorgehen im Einzelfall, wie der Begriff es bereits eruiert, aus einem Gesetz ab. Die Vertreter interpretativer Ansätze dagegen begehen den umgekehrten Weg. Ihr Ziel ist es, aus praxeologischen Zusammenhängen, eine Theorie abzuleiten. Dieses Vorgehen entspräche dem Kulturbegriff von Clifford Geertz, der Kultur als ein Bedeutungsgewebe begreift. So sagt Geertz:
„Der Kulturbegriff, den ich vertrete […] ist wesentlich ein semiotischer. Ich meine
mit Max Weber, daß der Mensch ein Wesen ist, das in selbstgesponnene
Bedeutungsgewebe verstrickt ist, wobei ich Kultur als dieses Gewebe ansehe. Ihre
Untersuchung ist daher keine experimentelle Wissenschaft, die nach Gesetzen
sucht, sondern eine interpretierende, die nach Bedeutungen sucht.“ 7
Von der gegnerischen Seite der GT wird als Hauptargument hervorgebracht, dass die Subjektivität der Forschungsergebnisse den unwissenschaftlichen Charakter dieses Verfahrens hervorhebe. Objektivität, also die Übertragbarkeit der Theorie auf andere Personenkreise außerhalb der Erforschten, sei damit nicht gewährleistet und das Ziel wissenschaftlichen Arbeitens könne nur Objektivität sein. Dieses Gegenargument werde sogar durch die Regellosigkeit der GT gestützt, so dass diese beliebig anwendbar gemacht werde und somit hinfällig sei. Dass GT keineswegs ohne Regeln auskomme, machte Strauss anhand seines mehrstufigen Forschungsplans deutlich. So lösten sich alle Forschungsschritte untereinander ab und würden stets miteinander in ihrer Stimmigkeit verglichen, was unter der Methode des Kodierens allgemein zusammengefasst wird. Zudem stünden alle Forscher in einem ständigen Austausch, der dafür Rechnung trage, dass nicht jeder sein eigenes Süppchen koche und man zu brauchbaren Forschungsergebnissen käme. 8
Dem zweiten Vorwurf, seine Theorie sei unwissenschaftlich, begegnete er mit Bezug auf sein Verständnis vom Arbeitsbegriff: Wenn man Arbeit, wie bereits beschrieben, als dialektischen Prozess begreife, so müssten die handelnden Subjekte in den Erkenntnisprozess einbezogen werden. Denn sie selbst zeichneten sich durch problemlösendes
7 Zit. nach Kaschuba 1999, S. 123.
8 Vgl. Strübing 2004, S. 17.
5
Arbeit zitieren:
Karen Breiholz, 2010, Potentiale und Grenzen der Grounded Theory für die Kulturwissenschaften, München, GRIN Verlag GmbH
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