Inhalt
Zwei Erlebnisse vorab 4
Ekel 5
1. Die Nase ist angeboren, der Ekel auch 6
2. 3 Gruppen von Ekelobjekten 7
Gruppe 1: Universelle Ekelobjekte 7
Gruppe 2: individuell oder kulturell sozialisierte Ekelobjekte 8
Gruppe 3: Ekel oder Abneigung aufgrund körperlicher Disposition 8
3. Was bedeutet das für die Pflege? 8
Die gute Nachricht 8
Die schlechte Nachricht 8
4. Menschen stinken Ekelobjekt „Körper“ 9
5. Arbeit am Körper als Grenzüberschreitung und Belastung 9
6. Ekel-Facts: Was ist am Ekeligen eigentlich eklig? 10
Konsistenz und Farbe 10
Der Anschein von Gesundheit oder Gefährlichkeit 10
Der Ort, an dem sich die Substanz befindet 11
Ger äusche 11
Wahrnehmbarkeit 11
7. Was steigert den Ekel? 11
Ekel und Tagesverfassung 12
Ekel , Unerwartetes und Kontrollverlust 12
8. Gefühlsarbeit 12
9. Gefühle als Informationen über Bedürfnisse 13
10. 5 Ebenen des Ekelmanagements 16
Ebene 1: Offenheit für „negative“ Gefühle im Team 16
Ebene 2: Gute Planung, sorgfältiges und kontrolliertes Arbeiten 17
Ebene 3: Größtmöglicher Schutz im Umgang mit Ekelerregendem 18
Ebene 4: Abwehr von Ekelgefühlen durch Perspektivwechsel 18
Ebene 5: Auszeit und Distanzierung nach Ekel erregenden Tätigkeiten 19
11. Arbeiten mit den 5 Ebenen des Ekel-Managements 20
Scham 23
1. Ist Scham angeboren oder erlernt? 23
2. Scham in medizinisch-pflegerischen Situationen 24
3. Körperscham als Information über das Bedürfnis nach Schutz 24
4. Schamgefühle regulieren. 26
Scham reduzierende Techniken erwachsener Personen 26
Umgang mit Angehörigen anderer Kulturen und Religionen 27
PatientInnen mit besonders schamintensiven Erkrankungen 27
5. Schützender Umgang mit Schamgefühlen in der Pflege 29
Scham und Scham-Abwehr erkennen 29
2
Exhibitionismus : Ein Beispiel 30
6. Grundsätze für den Umgang mit Scham und Intimität 31
Unterscheidung „Behandlungspflege und Grundpflege“ 31
Sichtschutz und Personenschutz 32
Gef ühle behutsam und umschreibend ansprechen 32
Distanzierungsma ßnahmen bewusst einsetzen 33
Literatur 33
3
Gefühlsmanagement: Arbeiten mit Ekel und Scham
Zwei Erlebnisse vorab
Während meines Studiums arbeitete ich als Hilfskraft in einem Altersheim. Ich brachte Frau K. das Abendessen - Hackbraten und Kartoffelpüree. Frau K. war dement, hatte aber auch immer wieder längere Phasen, in denen sie völlig klar bei Sinnen war. Sie konnte ziemlich bösartig sein und wenn sie wieder in den dementiellen Zustand kippte, dann hatte sie paranoide Anwandlungen und beschuldigte uns alle, dass wir sie bestahlen. Ihr Zimmer war vollgestopft mit persönlichen Gegenständen und hatte etwas Schmuddeliges. Frau K. verströmte einen käsigen Geruch. Beim Team war sie nicht besonders beliebt. An besagtem Abend wollte ich das Tablett nach dem Essen abservieren und bemerkte, dass Frau K. noch nicht ganz fertig gegessen hatte. Deshalb fragte ich sie, ob ich später noch mal kommen sollte oder ob ich ihr Gesellschaft leisten sollte. Sie deutete mir auf den Stuhl gegenüber und ich setzte mich hin. Frau K. hatte alles auf ihrem Teller zu einem bräunlichen Brei vermischt und leckte schlürfend, das Gesicht dicht über dem Teller, die Reste auf. Alleine dieser Anblick machte mich aggressiv, weil es einfach eklig war und ich den Verdacht hatte, dass sie dies absichtlich tat. Als sie damit fertig war, wollte ich das Tablett endlich abservieren. In dem Moment nahm Frau K. ihr Gebiss aus dem Mund und leckte die Püree-Reste darauf ab. Auf das war ich nicht vorbereitet. Ich weiß nicht, ob es nachvollziehbar ist, aber in diesem Moment war ich einfach nur von Ekel überwältigt.
Dieses Erlebnis teile ich mit einer Pflegerin, die ein ganz ähnliches hatte, das in Christine Sowinskis Aufsatz „Grenzsituationen in der Pflege“ beschrieben wird. Als ich ihre Geschichte las, kamen Jahre danach noch einmal dieselben Gefühle hoch: Mir wurde übel und schwindlig und ich musste das Lesen des Beitrages unterbrechen.
Das zweite Erlebnis, an das ich mich erinnere, ist inzwischen eine Schlüsselszene für den gesunden Umgang mit dem Ekel für mich geworden:
Frau M. war an einem Tumor erkrankt und bekam starke Schmerzmittel, die zu Obstipation und im Wechsel dazu zu massiven Stuhlentleerungen führten. Dabei passierte es Frau M., dass sie ihren Rollstuhl „zuschiss“: Der Rollstuhl war im wahrsten Sinne des Wortes voller dünnflüssigem und teils breiigem Stuhl und stank fürchterlich. Meine Aufgabe war es, diesen Rollstuhl zu reinigen. Und ich war damit ziemlich überfordert. Wenn man überfordert ist, ist man in einer Stress-Situation. Stress-Situationen zeichnen sich unter anderem dadurch aus, dass man nicht klar denken kann und mitunter sinnlos handelt: Ich schob den Rollstuhl ins zentrale Badezimmer des Stockwerks und begann dort mit Schwämmen und anderen Reinigungsutensilien diesen Rollstuhl zu reinigen. Er stank und es war einfach nur grauenhaft. So ein alter Rollstuhl hat zahlreiche Ritzen und Möglichkeiten, in denen sich Stuhl ansammelt, die man mit Schwämmchen und Tüchern nicht erreicht. Ich habe schließlich versucht diese Fugen und Ritzen mit Wattestäbchen zu säubern. Ich war so wild darauf, mir selbst und den anderen zu beweisen, dass mir das alles nichts ausmacht, dass ich gar nicht erst daran dachte, wie ich mir diese Arbeit erleichtern könnte. Um meine Gefühle unter Kontrolle zu bringen, atmete ich durch den Mund ein, gab mir selbst Befehle wie: „Das schaffst du doch locker!“ und ich redete mir Sätze vor wie: „Das ist doch alles ganz natürlich und sie kann ja nichts dafür!“, nur um die Bedrohlichkeit der Situation zu entschärfen. Es war eine Arbeit, die kein Ende nahm, und als ich schon ganz verzagt und verzweifelt war, kam die Stationsleitung und fragte verärgert, was ich so lange mit dem Rollstuhl mache und meinte: „Warum stellst du das Ding nicht einfach in die Badewanne und duschst es ab!“ Und dann schämte ich mich für meine Dummheit und Kompliziertheit. Am Abend ging ich heim und hatte den Eindruck „nach Scheiße“ zu riechen.
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Diese beiden Erlebnisse machen deutlich, dass es wichtig ist, SchülerInnen und StudentInnen der Pflegeausbildung auf Ekelgefühle vorzubereiten bzw. mit ausgebildetem Gesundheitspersonal darüber zu sprechen und ihnen Strategien mitzugeben, wie sie auf gesunde Weise mit diesem Gefühl umgehen können.
Generell kann man sagen, dass alle Berufsgruppen, die irgendwie mit dem Körper des Menschen arbeiten, die beiden Gefühle „Ekel und Scham“ kennen - aber kaum darüber sprechen.
In den vergangenen Jahren habe ich im Rahmen von Vorträgen und Seminaren mit vielen Berufsgruppen zu diesem Thema gearbeitet: Mit PflegerInnen, ÄrztInnen, PolizistInnen, SanitäterInnen, MitarbeiterInnen des Kriseninterventionsteams, mit Kontinenz-Stoma-BeraterInnen, mit Feuerwehrmännern und -frauen, MasseurInnen, PhysiotherapeutInnen …. Die folgenden Seiten sind eine Zusammenfassung aus meiner Lehrtätigkeit, den wertvollen Beiträgen meiner SeminarteilnehmerInnen der unterschiedlichsten Berufsgruppen und meinen eigenen Erfahrungen mit diesen beiden Gefühlen.
Ekel
Am Beginn meines Seminars zum „Ekel-Management“ fordere ich meine TeilnehmerInnen zu einem Brainstorming auf: Die TeilnehmerInnen sammeln auf einem Flipchart alle Dinge, die für sie Ekel erregend sind. Wir nennen diese Dinge „Ekel-Objekte“. Unabhängig von der Berufsgruppe, der die Teilnehmer angehören, sieht die Sammlung immer recht ähnlich aus:
Erbrochenes, Kot, Gerüche, Sputum, Sekrete, Parasiten, Spinnen, Schlangen, Smegma, Blut, gestocktes Blut, Durchfall, gebrauchte Vorlagen, künstliche Ausgänge, Dekubitus, Sperma, Cerumen, Schweiß, Fäulnis, große Wunden, Leichenteile, Brandleichen, Wasserleichen, Amputate, Eiter … um die wichtigsten Ekelobjekte zu nennen. Anschließend an das Brainstorming stelle ich die Frage, ob man sich den Ekel vor diesen Dingen abgewöhnen kann, ob man ihn mit der Zeit und mit einer gewissen Professionalität verlernen kann. Diese Frage wird von den meisten SchülerInnen mit „ja“ beantwortet: „Ekel kann man sich abgewöhnen, man kann ihn verlernen. Es wird mit der Zeit besser.“ In Seminaren mit TeilnehmerInnen, die aus Berufserfahrung sprechen, ist die Meinung geteilt: Etwa die Hälfte der TeilnehmerInnen meint: Ja, man kann Ekel abgewöhnen. Die andere Hälfte ist der Meinung: Nein, Ekel ist nicht abgewöhnbar oder verlernbar. Man kann lernen mit ihm zu leben, aber er verschwindet nicht. Was ich von den VertreterInnen verschiedenster Berufsgruppen immer wieder höre, sind Aussagen wie:
- Am Anfang hab ich mich geekelt, mit der Zeit gewöhnt man sich, irgendwann ekelt einen (fast) nichts mehr.
- Wer sich ekelt, ist für diesen Job ungeeignet.
- Als Profi musst du in einen Zustand kommen, in dem du dich vor nichts mehr ekelst. Solchen Aussagen liegen Überzeugungen zugrunde, die für unsere Kultur typisch sind: Die Überzeugung, dass Gefühle lästig sind: Gefühle sind lästig und hindern den Menschen am professionellen Handeln. Das stimmt natürlich und jeder kennt das: Wenn ein Gefühl zu stark wird, dann macht es uns entweder handlungsunfähig oder aber wir handeln aus dem Affekt und unbedacht. Beides wirkt nicht professionell. Die Überzeugung, dass Gefühle „Schwächen“ sind: Gefühle zu zeigen oder sie zu haben, wird mit „Schwäche“ gleichgesetzt. Wer Angst, Ekel, Scham, Eifersucht, Neid etc.
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zeigt, der zeigt Schwäche. Das ist auch mit ein Grund, warum Frauen grundsätzlich als „das schwächere Geschlecht“ gelten, weil ihnen „mehr und stärkere Emotionalität“ zugesprochen wird (was natürlich so nicht stimmt!). Wie auch immer: Wenn wir stark und professionell auftreten wollen, dann zeigen wir Gefühle besser nicht. Und das ist es ja, was wir in diesen Berufen gerne nach außen kehren wollen: Stärke und Sicherheit. Wenn man Ekel tatsächlich verlernen oder abgewöhnen könnte, dann kann man sich unter Umständen unangenehme und „lästige“ Gefühle ersparen und immer sicher und stark sein. Das klingt praktisch, denn - wie gesagt - ein starkes Gefühl, das mit voller Wucht auftritt, kann handlungsunfähig machen.
Stellen Sie sich folgende Situation vor: Sie kommen als Pflegerin in eine furchtbar Ekel erregende Situation, sie beginnen zu würgen, Sie verlieren die Kontrolle und müssen neben dem Patienten erbrechen. Wirkt das professionell? - Nein.
Also wäre es doch angenehm, wenn es ein Desensibilisierungsprogramm für unseren Ekel gäbe, mit dessen Hilfe wir den im Laufe unserer Sozialisation erlernten Ekel wieder verlernen könnten. Was ist aber, wenn Ekel gar nicht erlernt ist? Wenn Ekel angeboren ist, dann ist das Abgewöhnen- oder Verlernen-Wollen vergebliche Liebesmüh, es ist Zeitverschwendung, ein unnötiger Kraftakt, der zu nichts führt und vielleicht sogar ungesund ist.
1. Die Nase ist angeboren, der Ekel auch
Ekel ist wie Angst, Zorn, Lust und Freude eine primäre Emotion. Als primäre Emotionen werden Gefühle bezeichnet, die angeboren (das heißt, von Geburt an vorhanden) und universell sind. Universell heißt, es gibt keine Kultur, in der gesunde Menschen diese primären Gefühle nicht haben. Ekel ist ein Instinkt, er schützt uns vor toxischen und infektiösen Substanzen und ist uns mit dem Geruchs- und Geschmackssinn angeboren. Ekel ist in erster Linie ein sehr körperliches Gefühl: Er sagt uns über sehr deutliche physiologische Reaktionen, wie Würgen, Speichelfluss bis hin zum Brechreiz, ganz klar, was für uns gut ist und was nicht. Auch neurologisch betrachtet zeigt sich der Ekel vor allem als „primitiver“ Instinktrest und nicht so sehr als „intellektuelles“ Gefühl: In der Riechschleimhaut werden Gerüche an die Riechzellen gebunden und Gerüche werden von dort als elektrische Signale über Axone an den Bulbus Olfaktorius, den Riechkolben, im Gehirn weitergeleitet. Der Riechkolben steht über die Geruchsnerven in Verbindung mit dem Limbischen System und dem Hypothalamus. Das Limbische System ist ein sehr alter Teil unseres Gehirns und ist der Sitz der primären Emotionen. Der Hypothalamus ist Bindeglied zwischen dem Nervensystem und dem Hormonsystem und er ist das Steuerzentrum der vegetativen Funktionen sowie des affektiven Reaktionsverhaltens. Affektive Reaktionen - z.B.Stress, Aggressivität, Angstreaktionen und eben auch Ekel - werden vom Hypothalamus aus gesteuert.
Für die typischen physiologischen Ekelreaktionen (Speichelfluss, Würge-Reiz, Erbrechen) ist das Brechzentrum mit Sitz im verlängerten Rückenmark zuständig. Gesteuert über Limbisches System und Hypothalamus und als Teil des vegetativen Nervensystems sind die Aktivitäten des Brechzentrums nur sehr schwer zu beeinflussen, was die Körperlichkeit des Gefühls erklärt und die Schwierigkeit starken Ekel durch intellektuelle Leistung zu unterdrücken. Es gibt zwar Möglichkeiten Ekel zu regulieren, aber grundsätzlich ist das sehr schwierig - vor allem, wenn es zu starken Ekelreaktionen kommt. Wenn wir bedenken, dass Ekel uns vor der Einverleibung oder dem Kontakt mit toxischen und infektiösen Substanzen schützen soll, so wird der Sinn, „instinktiv“ mit Ekel zu reagieren, klar: Wenn etwas gefährlich für mich wird, so soll ich keine Zeit zum Nachdenken haben, ob ich diese Substanz angreifen oder essen soll oder ob ich besser auf Distanz gehen soll. Der Ekel signalisiert ein klares: „Nein“! Es lohnt sich durchaus auf die Nase „zu hören“ und einem Gefühl zu vertrauen, die Nase und unser Gefühl sagen uns genau, was Sache ist.
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Darüber hinaus gibt es natürlich auch erlernte Anteile am Ekel, denn am Menschen ist nichts reiner Instinkt: Alles was angelegt ist, wird durch Erfahrung, Denken und Sozialisation überlagert.
2. 3 Gruppen von Ekelobjekten
Gruppe 1: Universelle Ekelobjekte
Dazu zählen alle Objekte, die beim Menschen in allen Kulturen und von Geburt an Ekel als Schutzmechanismus auslösen. Es handelt sich bei diesen Objekten um Substanzen, die man als Abfälle bezeichnen kann: Das sind Substanzen, die keine Funktion mehr für uns haben und die zudem durch Fäulnis- oder Verwesungsprozesse toxisch und/oder infektiös sind oder es werden. Dazu zählen klassischer Abfall, aber auch Ausscheidungen, Sekrete, Auswürfe, Verfaulendes und Verwesendes.
In Bezug auf den Körper und seine Ausscheidungen kann man sagen: Alles, was aus unserem Körper ausgeschieden wird, gilt als ekelerregend und wird tabu: Kot, Urin, Sekrete, Sputum, Haare (im Abguss der Dusche z.B.), abgeschnittene Finger- oder Zehennägel. Zwei Gedankenexperimente:
Experiment 1: Stell dir vor, du sammelst ein Glas voll mit deiner eigenen Spucke. Würdest du das Glas wieder austrinken? Würdest du das Glas Spucke austrinken, wenn es ... sagen wir ... einen Tag alt ist?
Warum ist unsere eigene Spucke, die wir gerade eben ausgespuckt haben, so ekelerregend, dass wir sie uns nicht mehr einverleiben wollen?
Experiment 2: Stell dir vor, ein Mann isst 5 rohe Eier. Dann steckt er sich den Finger in den Rachen und erbricht die Eier wieder. Er würzt sie, verrührt die Mischung, brät sich eine Eierspeise daraus und isst diese.
Warum ist es ekelerregend, Erbrochenes - auch im gesunden Zustand - noch einmal zu essen?
Sind Kleinkinder polymorph pervers?
Sigmund Freud hat ein Gerücht in die Welt gesetzt, das sich bis heute hartnäckig hält: Säuglinge und Kleinkinder seien „polymorph pervers“: Sie ekeln sich angeblich nicht, sie fühlen sich zu Kot und anderen ekligen Dingen sogar hingezogen und spielen lustvoll damit. Der Ekel wird dem Kind laut Freud erst anerzogen. Wir wissen heute, dass das nicht stimmt. Ekel ist als primäres Gefühl angeboren und gerade beim Säugling bzw. Kleinkind bis zu 3 Jahren ist dieses Gefühl bzw. dieser Instinkt überlebensnotwendig, da sich Kinder bis zum 3. Lebensjahr alles in den Mund stecken, was ihnen interessant erscheint. Denn der Mund ist in dieser Entwicklungsspanne das Forschungsinstrument des Kindes. Hätte das Kind keinen Ekel, wäre das äußerst ungünstig. Das heißt natürlich nicht, dass der Säugling mit dem aktiven Wissen auf die Welt kommt, dass Ausscheidungen und ähnliches „eklig“ sind. Diese Erfahrungen muss ein Kind erst machen: Sobald das Kind sich etwas Ungenießbares, z.B. Hundekot, in den Mund steckt, erkennt es über Geschmack und Geruch instinktiv, dass Kot ungenießbar ist und spuckt ihn aus bzw. schiebt ihn mit der Zunge aus dem Mund (wenige Monate alte Säuglinge sind motorisch noch nicht in der Lage zu spucken). Säuglinge sind also nicht frei von Ekel wie fälschlicherweise oft behauptet wird. Sie wissen noch nichts über den Geschmack und den Geruch von Abfällen, weswegen sie erst über den Geschmacks-und Geruchssinn Erfahrungen sammeln müssen. Dabei kann es sein, dass sie sich Kot oder andere eklige Substanzen in den Mund stecken, einfach weil Kleinkinder sich zu Erkundungszwecken alles Mögliche in den Mund stecken. Der Kot wird daraufhin aber sehr schnell wieder ausgespuckt und das Kind merkt sich gut, dass es sich hierbei um etwas
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Dr. Mag. Christine Pernlochner-Kügler, 2010, Ekel und Scham bei der Arbeit mit Körpern, München, GRIN Verlag GmbH
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