Inhaltsverzeichnis
Einleitung 1
Kann man das von Paul Nolte und Walter Wüllenweber gezeichnete Bild der „Neuen
Unterschicht “ als allgemein gültig akzeptieren? 3
Kritische Auseinandersetzung mit den Texten von Paul Nolte und Walter Wüllenweber auf
Basis der Texte von Fabian Kessl, Christian Reutlinger und Holger Ziegler 9
Abschlie ßende Gedanken 15
Literaturverzeichnis 18
Internetverzeichnis 18
Einleitung Daniel Rahn
Einleitung
Wenn man sich mit dem Thema der „Unterschicht“ respektive der „Neuen Unterschicht“ beschäftigen will, sollte man sich vor Augen führen, wer zur „Neuen Unterschicht“ gehört oder gehören soll und wer bzw. welche Personen, Gruppierungen oder Milieus durch Presse, Politik, oder Vorurteile in die Gruppe der „Neuen Unterschicht“ gewissermaßen hineingedrängt werden.
Da es keine wissenschaftlich exakte und einheitliche Definition von Armut gibt 1 , soll zunächst der Versuch unternommen werden, die Armut respektive die „Neue Unterschicht“ anhand von politischen Richtlinien und verschiedener Autoren und Artikel allgemein zu beschreiben und/oder Wege bzw. Hintergründe aufzuzeigen, die in „Armut“ und zur „Neuen Unterschicht“ führen können.
Als armutsgefährdet gilt laut EU-Definition wer als Alleinlebender weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens verdient, also weniger als 781 Euro netto 2 . Dies würde rund 13 Prozent der Bevölkerung oder ca. elf Millionen Menschen betreffen, die „arm“ oder „armutsgefährdet“ sind und von denen rund sieben Millionen auf Sozialhilfeniveau leben 3 . Auch ca. 800.000 junge Menschen in Ausbildung oder Studium würden per Definition als arm gelten 4 , obwohl sie sich selbst nicht unbedingt als arm charakterisieren würden. Die meisten Betroffenen, so deklariert Schirrmacher, sind Menschen mit niedrigem Bildungsniveau und fehlender beruflicher Qualifikation, Langzeitarbeitslose, Alleinerziehende und ihre Kinder sowie Zuwanderer 5 . Um beim Beispiel der Alleinerziehenden zu bleiben, vertritt Walter Wüllenweber die These, dass Trennung und Scheidung die größten Armutsrisiken sind sowie die, dass Unterschichtsbeziehungen „eine besonders kurze Haltbarkeit“ haben 6 . Die kurze „Haltbarkeit“ der Beziehungen könnte damit zusammenhängen, dass bei Problemen sofort die Flucht ergriffen wird, da man ja für sich und seine Lebensführung - wenn überhaupt - nur wenig Verantwortung übernehmen kann. Der Soziologe Strohmeier kommt zu dem Schluss,
1 Thomas Schirrmacher, „Die neue Unterschicht - Armut in Deutschland?“, S. 35
2 http://www.manager-magazin.de/unternehmen/artikel/0,2828,553928,00.html
3 Thomas Schirrmacher, „Die neue Unterschicht - Armut in Deutschland?“, S. 11
4 Ebenda. S. 17
5 Ebenda. S. 11
6 Ebenda. S. 16
Einleitung Daniel Rahn
dass das Leben mit Kindern mehr und mehr zur Lebensform der Unterschicht wird 7 . Doch genau das scheint für Nolte keiner der Gründe für Armut zu sein, denn wenn man ihm glauben möchte, machen Kinder nicht arm aber Armut macht Kinder 8 . Somit reproduziert sich die „Neue Unterschicht“ immer wieder selbst. Er kommt vermutlich zu diesem Schluss, weil heutzutage ca. 44 Prozent der Akademikerinnen kinderlos bleiben und die Mittel- und Oberschicht immer weniger Kinder bekommt 9 . Dies kann vielerlei Gründe haben, von der Karriereplanung bis zur Lebenseinstellung, von der Wahl des richtigen Partners bis hin zu beruflichem Stress und Angst vor sozialem Abstieg.
Eine der Ursachen für die Benachteiligung der „Neuen Unterschicht“ sei nach Nolte und Wüllenweber nicht der Mangel an finanziellen, sondern der Mangel an kulturellen Ressourcen 10 . Außerdem seien sie Konsumenten privater Fernsehsender und Opfer von Fehlernährung 11 . Hier lässt sich bereits erahnen, welches Bild der „Neuen Unterschicht“ gezeichnet werden soll bzw. welchen Stempel oder welche Stigmatisierung Nolte sowie Wüllenweber ihr auferlegen wollen.
Doch wer prägte eigentlich den Begriff der „Neuen Unterschicht“? Diese Frage ist nicht unumstritten. Oft wird Paul Nolte als derjenige der diesen Begriff geprägt hat, angeführt, jedoch hat er nicht den Begriff der „Neuen Unterschicht“ verwendet 12 . Der Begriff „Neue Unterschicht“ wurde vor allem durch Artikel in Zeitschriften und Nachrichtenmagazinen wie „Die Zeit“, „Der Stern“ oder „Spiegel-Online“ geprägt, und in allen Artikeln wurde verdeutlicht, dass nicht der Mangel an Geld sondern fehlende Bildung und Passivität die Ursachen seien 13 .
Im weiteren Verlauf der Arbeit werden wir auf verschiedene Literatur und Autoren eingehen, diese bzw. ihre Beiträge, Thesen und Texte kritisch hinterfragen und diskutieren.
7 Walter Wüllenweber, „Das wahre Elend“
8 Paul Nolte, „Riskante Moderne“, S.99
9 Walter Wüllenweber, „Das wahre Elend“
10 vgl. Thomas Schirrmacher, :„Die neue Unterschicht - Armut in Deutschland?“, S. 15ff
11 Thomas Schirrmacher, nach Günther Müchler Rezension von Paul Nolte „Generation Reform“, in:„Die neue Unterschicht - Armut in Deutschland?“, S. 15
12 Thomas Schirrmacher, :„Die neue Unterschicht - Armut in Deutschland?“, S. 14f
13 Ebenda. S. 16
Kann man das von Paul Nolte und Walter Wüllenweber gezeichnete Bild der „Neuen Unterschicht“ als allgemein gültig akzeptieren?
In seinem im Dezember 2003 in „Die Zeit“ erschienenem Essay „Das große Fressen“ beschreibt der Historiker und Publizist Paul Nolte die Mentalität der „Unterschichtsbürger“, ihre „typischen“ Verhaltensweisen und Lebensformen. Außerdem vertritt er die nicht unumstrittene Auffassung, dass es in Deutschland eine Klassengesellschaft gibt und diese sich im Wachstum befindet 14 .
Nach Nolte fülle die Unterschicht „zerklüftete Täler der Erwerbsgesellschaft“ und bewege sich zwischen „Arbeit und Arbeitslosigkeit, zwischen Teilzeitarbeit und Sozialhilfe, zwischen Schwarzarbeit und frustriertem Totalrückzug, auch: zwischen völliger Entpolitisierung und Anfälligkeit für den Populismus“ 15 . Die Unterschicht würde also immer irgendwie zwischen Legalität und Illegalität, zwischen politischer Gleichgültigkeit und Sympathie gegenüber politischen Extremen oder zwischen Selbstversorgen - mit eventuellen Zuschüssen - und als Konsument wohlfahrtsstaatlicher Leistungen existieren. Die Mitglieder dieser „Unterschicht“ sind also im ständigem Hin und Her zwischen der Zugehörigkeit eines „drinnen“ und „draußen“ der Gesellschaft. Die geringen Wochenarbeitsstunden, der Bedeutungsverlust der Arbeit sowie die Minderschätzung des Jobs allgemein, so postituliert es Nolte, führt zu dem Problem, dass persönliche Identität und soziale Zugehörigkeit mehr und mehr kulturell statt sozialökonomisch stattfinden 16 . Nun könnte also eine Mentalität von z.B. „denen da oben“ und „uns hier unten“ entstehen, was eine Abgrenzung und ein Rückzug gegenüber den oberen Schichten zu Folge haben könnte. Man bliebe unter sich.
Das Leben der „Massenkultur“ Unterschicht spiele sich hauptsächlich vor dem TV-Gerät ab, während Nahrungsmittel hauptsächlich aus Fast Food bestünden, obwohl jede zuhause zubereitete Nahrung aus Käse, Vollkornbrot, Gemüse, Kartoffeln 17 usw. wesentlich billiger, als die dauerhafte Ernährung von Tiefkühlpizza, Hamburgern, Pommes Frites, Currywurst und Cola ist. Auch wenn es sicherlich einen gewissen Anteil von diesem Ernährungstyp in der „Unterschicht“ gibt, sind diese Aussagen stigmatisch bzw. zu pauschal, als dass sie auf
14 Paul Nolte, „Das große Fressen“
15 Ebenda.
16 Ebenda.
17 Ebenda.
Arbeit zitieren:
Daniel Rahn, Svenja Christ, 2010, Die Neue Unterschicht, München, GRIN Verlag GmbH
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Einbetten
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