2
Inhaltsverzeichnis
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung 4
1.1 Forschungsfeld 4
1.2 Forschungsinteresse und Fragestellung 6
1.3 Forschungsmethoden 7
1.4 Vorgehensweise 11
2 Relevante Erkenntnisse der Lebensstilforschung 13
2.1 Begriffsabgrenzungen 13
2.2 Theoretische Lebensstilforschung 14
2.3 Angewandte Lebensstilforschung 17
2.4 Gesundheitsstile 19
3 Moderne Medizin 24
3.1 Begriffsabgrenzungen 24
3.2 Medizinkonzepte 26
3.2.1 Biomedizin 26
3.2.2 Heterodoxe Medizin 28
4 Portraits der Interviewpartner 30
5 Gesundheitsstilmerkmale 36
5.1 Sozialdemographische Merkmale der Interviewpartner 36
5.2 Subjektive Wahrnehmungen und Bewertungen 39
5.2.1 Der Zugang zu heterodoxen Heilmethoden 39
5.2.2 Die Wahl der Heilmethode 44
5.2.3 Erlebnisse mit weiteren heterodoxen Heilmethoden 50
5.2.4 Die Wahl des Heilers 54
5.2.5 Raumwahrnehmungen 60
5.2.6 Bewertung der Heilmethode 63
5.2.7 Deutungsmuster von Gesundheit und Krankheit 67
5.2.8 Das Für und Wieder der Biomedizin(er) 71
3
Inhaltsverzeichnis
5.2.9 Vorstellungen über das Verhältnis Arzt/Heiler - Patient/Klient 78
5.3 Handlungsmuster der Gesundheitspraktiken 84
5.3.1 Ernährungspraktiken 84
5.3.2 Bewegungspraktiken 90
5.3.3 Therapieform im Krankheits- oder Gesundheitsfall 91
5.3.4 Gesundheit als Kostenfaktor 95
6 Nutzerkategorien aus den Gesundheitsstilen 100
6.1 Anwendung heterodoxer Medizin als Ergänzung der Biomedizin 100
6.2 Anwendung heterodoxer Medizin als Ersatz für die Biomedizin 101
7 Schlussbemerkungen 102
8 Anhang 106
8.1 Glossar 106
8.2 Transkriptionsnotation 117
8.3 Interviewleitfaden 118
9 Literaturverzeichnis 120
9.1 Monographien, Sammelbände und Zeitschriften 120
9.2 Internetquellen 130
4 1.1 Forschungsfeld
1 Einleitung
„Also, ich habe einen Freund, dem habe ich von Feldenkrais erzählt. Da sagte er ganz stolz: ‚Nein, ich mache jetzt Grinberg.‘“ (O-Ton Andrea am 11. 05. 2006)
1.1 Forschungsfeld
Feldenkrais, Grinberg, Shiatsu, Bachblüten und Globuli - unser Gesundheitssystem befindet sich in einer Umbruchsphase.
Neben der bisherigen ärztlichen Behandlung von Krankheiten wird die Vorsorge für die Gesundheit und damit die Eigenverantwortung des Einzelnen für seine Heilung und Gesundheit immer wichtiger.
Mit der Umstrukturierung der Krankenkassen begann für diese die Suche nach einem neuen Profil. Ein Hauptanliegen aller Kassen ist die Zunahme von sogenannten ‚guten Risiken‘. 1 Die aktuellen Angebote 2 zahlreicher Krankenkassen weisen einen hohen Anteil an Maßnahmen zur Prävention und Gesundheitsförderung auf. Prävention zielt auf Verhaltensänderung und ist ein Eingriff in den Bereich individueller Entscheidungen. Die Förderung der Mitarbeit der Kassenmitglieder wird durch dafür entwickelte Bonusprogramme unterstützt. Darunter fällt zum Beispiel der Besuch einer Rückenschule, der Erwerb eines Sportabzeichens oder ein Nikotinentwöhnungskurs. Des Weiteren werben die Krankenkassen u. a. auf ihren Websites mit Kostenübernahmen für einige heterodoxe 3 Heilmethoden 4 , empfehlen die Anwendung ‚traditioneller Hausmittel‘ und bieten Zusatzversicherungen für die Konsultation von Heilpraktikern 5 an.
1 Gute Risiken sind junge gesunde Mitglieder, bei denen eine kostensparende Mitgliedschaft ab-
zusehen ist.
2 Vgl. http//www.aok.de, www.barmer.de/barmer/web/Portale/Versichertenportal/Startseite/Start
seite.html, www.innungskrankenkasse.de, www.tk-online.de/centaurus/generator/tk-online.de/tk-
online.de.html vom 18. 02. 2007.
3 Andere Bezeichnungen sind alternative, komplementäre oder auch unorthodoxe Medizin, siehe
Begriffsbestimmungen 3.1 in dieser Arbeit.
4 Seit 01. 01. 2006 gehören anthroposophische Behandlungen und Therapien und seit dem
01. 06. 2006 die Klassische Homöopathie zum Leistungskatalog der Innungskrankenkasse (IKK)
Hamburg.
5 Da eine Kennzeichnung der weiblichen Form an manchen Stellen erheblich den Lesefluss beein-
trächtigen würde, bezeichnet in der vorliegenden Arbeit die männliche Form beide Geschlechter.
5 1.1 Forschungsfeld
Während es in Deutschland vor Jahren nur wenige Nutzer von Medizinformen außerhalb der Biomedizin 6 gab, gewinnen diese seit rund zwanzig Jahren bei Patienten und Ärzten an Akzeptanz. 7 Die Auswahl der Heilmethodenangebote ist heutzutage ein weites Feld. Neben altbekannten Mitteln wie Wasseranwendungen und Pflanzenheilkunde begleiten zunehmend Heilformen aus der ganzen Welt den interessierten Patienten. Besonders Teile der asiatischen Medizinsysteme haben Hochkonjunktur, so ist beispielsweise in Modellversuchen 8 die Akupunkturbe-handlung über die Krankenkassen abzurechnen. Auch abseits der Gesundheits-versorgung hält ein neuer Geist Einzug in viele Lebensbereiche. So gibt es beispielsweise in Berlin kaum ein Fitnesscenter ohne Yoga im Repertoire, selten einen Lebensmitteldiscounter ohne ,Bio- oder Vitalecke‘ im Angebot. Eine Erklärung geben Cant und Sharma (1999) dafür, indem sie breite soziale und kulturelle Wandlungsprozesse - wie veränderte Körperkonzeptionen, Wertewandel, gestiegene Reflexivität und verstärkte Selbstverantwortung - verantwortlich machen. Douglas (1996) verweist auf eine wachsende gesellschaftliche Neigung zur Sanftheit (gentleness). Auch für Astin (1998) stehen postmoderne Werte, zu denen er Technikfeindlichkeit, Ganzheitlichkeit und Sanftheit zählt, im Vordergrund. Die gestiegene Nachfrage nach Angeboten heterodoxer Medizinformen ist nach Beck (1986) auch Ausdruck von Individualisierungsprozessen der Moderne. Individualisierung meint, dass der oder die einzelne in unserer Gesellschaft zunehmend gefordert ist, sich in einer Lebensgestaltung nicht mehr auf höhere Instanzen zu berufen, sondern die eigene Biographie selbst zu gestalten und zu ver-antworten. 9
6 Biomedizin wird von Robert Hahn und Arthur Kleinman wie folgt erklärt: “By the name Bio-
medicine we refer to the predominant medical theory and practice of Euro- American societies, a
medicine widely disseminated throughout the world. We use ‘Biomedicine’ as a name for the medi-
cine, refering to it’s primary focus on human biology, or more accurately, on physiology, even pa-
thophysiology.” Hahn, R.; Kleinman, A. (1983), S. 305 -333.
7 Vgl. Stollberg, G.; Frank, R. (2006), S. 2.
8 In diesen Studien werden medizinische und gesundheitsökonomische Effekte heterodoxer Ver-
fahren erforscht. Allein im Falle der Akupunktur schließt die Erhebung rund 300 000 Patienten
ein. (Vgl. Marstedt, G.; Moebus, S., 2002).
9 Beck-Gernsheim, Elisabeth (Hg.) (1995), S. 63.
6 1.2 Forschungsinteresse und Fragestellung
Das medizinische System, schrieb Landy 1977 in einem der frühen Einführungswerke in die Medical Anthropology, ist Teil der jeweiligen Kultur und verändert sich entsprechend deren Bedürfnissen.
In dieser Arbeit werden die individuellen Gesundheitsstile von Nutzern 10 heterodoxer Heilmethoden in Berlin untersucht. Ich beschränke mich dabei auf den Raum Berlin, da eine bundesweite Auswertung den Rahmen dieser Arbeit sprengen würde. Die Beobachtung von Lebensstilen ist Gegenstand verschiedenster Disziplinen, z. B. der Wirtschaftswissenschaften (Y. Wind), der Psychologie (G. A. Kelly), der Soziologie (H.-P. Müller) und der Ethnologie (G. Schulze). Ziel ist es nicht, auf die verschiedenen Wissenschaftsdisziplinen der Lebensstile einzugehen, vielmehr geht es darum zu untersuchen, welche Merkmale, die für einen Lebensstil stehen, zu einer Nutzung der heterodoxen Medizin führen und wie diese genutzt wird. Hier werden die Gesundheitsstile der Menschen untersucht, die in unabdingbarer Verbindung mit der heterodoxen Medizin stehen. Das heißt, alle gesundheitsstilbildenden Prozesse der Untersuchten beziehen sich auf die heterodoxe Medizin und ihre Nutzung.
1.2 Forschungsinteresse und Fragestellung
Der Auslöser für das Interesse an der Thematik der vorliegenden Arbeit war die akute Blinddarmentzündung einer Freundin. Die behandelnden Ärzte wiesen sie unmissverständlich darauf hin, das sie sich in einer lebensgefährlichen Situation befände und rieten ihr zu einer sofortigen Operation. Entgegen des ärztlichen Therapievorschlages verließ sie jedoch die Klinik und begab sich in die Betreuung eines ihr schon länger bekannten thailändischen Heilers. Dieser verordnete ihr eine Diät, die sie wochenlang einhalten sollte. Ich bewunderte ihren Mut, sich in dieser Situation darauf einzulassen und überlegte lange, ob auch ich dazu bereit gewesen wäre. Da mein Interesse für Medizin im Allgemeinen und heterodoxe Heilmethoden im Speziellen sich auf Grund diverser Aktivitäten in diesen Berei-
10Ich verwende hier und im Folgenden nicht den Begriff Patient, da die Mehrheit meiner
InterviewpartnerInnen nicht als Kranke oder Leidende eine heterodoxe Heilmethode anwendeten.
Der Begriff ,Patient‘ leitet sich ursprünglich aus dem Lateinischen ab: pati: erleiden, erdulden;
passio: das Leiden und bedeutet demnach der Leidende/Erduldende. Ich ersetze den Begriff ,Pati-
ent‘ für diese Arbeit mit Begriffen wie: Klient, Akteur oder Nutzer. Des Weiteren möchte ich da-
mit den Wandel in der ,Patientenkarriere‘ verdeutlichen.
7 1.3 Forschungsmethoden
chen schon länger abzeichnete, fasste ich den Entschluss, die Gelegenheit der Magisterarbeit zu nutzen, um mich für eine Weile mit diesem Thema zu beschäftigen.
In meiner Arbeit möchte ich herausfinden: Wie werden Angebote aus dem Ge-sundheitsbereich wahrgenommen und genutzt? Wer sind die Nutzer heterodoxer Heilmethoden und warum entscheiden sie sich für welche Methoden? Gibt es Besonderheiten in ihrer Lebensführung oder ihren Alltagsrealitäten? Welche Faktoren beeinflussen die Nutzer, heterodoxe Heilmethoden auszuwählen? Welche Kriterien sind ausschlaggebend für die Wahl bei der Entscheidung des Heilers? Sind die Akteure von Bildern, Vorstellungen und Annahmen der Biomedizin beeinflusst? Haben sie möglicherweise ganz andere Konzepte von Krankheit und Heilung? Entstehen durch den Einfluss heterodoxer Heilmethoden neue Sichtweisen von Krankheit und Heilung in unserer Gesellschaft? Welche sind das und wenn ja, welche sind das?
Theoretische Grundüberlegungen für diese Arbeit sind folgende Fragen: Gibt es in der heutigen Zeit Gesundheitsstile und wenn ja, was sind die charakteristischen Merkmale von Gesundheitsstilen der Nutzer heterodoxer Medizin? Fortführend wird versucht, mit einer empirischen Inhaltsanalyse anhand inhaltlicher Stilmerkmale meiner Feldforschung folgende Fragestellungen zu erörtern:
1. Welche Entscheidungspraktiken beeinflussen die Wahl der jeweiligen Heilmethode?
2. Welche Bedeutung wird der Qualifizierung der Mediziner beigemessen? 3. Wie werden die Angebote heterodoxer Heilmethoden genutzt?
1.3 Forschungsmethoden
Gegenstand der empirischen Untersuchung in dieser Arbeit ist die durchgeführte Feldforschung. Der Untersuchungszeitraum wird eingegrenzt und umfasst alle Beobachtungen und Interviews, die in dem Zeitraum vom 01. April bis 31. Juli 2005 erfasst wurden.
Die empirische Grundlage sind sechs offene qualitative Leitfaden orientierte Interviews mit Nutzern der heterodoxen Medizin, im Alter von 26 bis 42 Jahren, die erwerbstätig sind oder sich in einer Hochschulausbildung befinden. Den Inter-
8 1.3 Forschungsmethoden
views gingen weitreichende Literaturrecherchen voraus. Des Weiteren habe ich mir anhand von Probestunden in den jeweiligen Heilmethoden Kenntnisse verschafft. Die Gespräche dauerten zwischen 40 Minuten und 3 Stunden und beinhalteten vier Themenblöcke. Sie fanden in Cafes oder den Geschäftsräumen der Befragten statt. Die Interviews wurden mit einem Diktiergerät auf Kassette aufgenommen und anschließend transkribiert. Ich habe die Gespräche nicht ins schriftdeutsch übersetzt, um die Qualität der Aussagen (Aussagekraft) weitest gehend identisch zu halten und auch, um die volle Lebendigkeit der Sprache wiederzugeben. Ich habe mich dafür entschieden, längere Passagen von Originaltönen wiederzugeben, um ein möglichst unverfälschtes Bild von Sichtweisen der interviewten Personen aufzuzeigen. Dabei habe ich gefragt, welche Umstände zur Nutzung heterodoxer Heilmethoden geführt haben, welche Faktoren bei der Heilerwahl ausschlaggebend waren, wie sich das jeweilige Verhältnis zur Medizin gestaltet, wie sich die Vorstellung zur eigenen Krankheit darstellt. Meine Interviewpartner erzählten bis auf eine Ausnahme ausgiebig und gern von ihren Erfahrungen um die eigene Nutzung heterodoxer Heilmethoden. Bei Zitaten aus den Interviews gebe ich den Anfangsbuchstaben des Interviewpartners und die jeweilige Seite aus dem Interviewtranskript in Klammern an. Interviewpassagen ohne Kennzeichnung beziehen sich auf die folgende Zitatkennzeichnung. 11 Eine Erklärung der jeweilig verwendeten Transkriptionsweise und der Interviewleitfaden finden sich im Anhang. Des Weiteren habe ich ein Glossar zur Erklärung der vorkommenden Heilmethoden verfasst, welches sich ebenfalls im Anhang befindet. Zur Gewinnung der Interviewpartner wurden Aushänge an Laternenmasten in den Bezirken Prenzlauer Berg und Mitte angebracht, da diese Bezirke laut Telefonbranchenbuch einen hohen Heilpraxenanteil aufweisen. Dementsprechend sind also in diesen Bezirken Nutzer dieser Einrichtungen zu erwarten gewesen. Des Weiteren habe ich Aufrufe per E-Mail in mir bekannte Verteilernetzte gesendet.
11 Die Zitate aus dem Transkript habe ich mitunter geringfügig geändert, um das Lesen zu erleich-
tern. Vor allem habe ich Füllwörter (wie „irgendwie“, „oder so“) herausgenommen, wenn sie ge-
häuft auftraten. Ich habe sie dort gelassen, wo sie m. E. sprachlich einen Sinn machen oder einfach
den Redestil der jeweiligen Person wiedergeben. Da ich versucht habe die Interpunktion an den
Sprachfluss anzupassen, haben sich manchmal sehr lange Sätze ergeben, die nicht der Schriftspra-
che entsprechen.
9 1.3 Forschungsmethoden
Ich habe dann die Leute, die sich gemeldet haben, getroffen und befragt. Wobei sich jedoch zwei von insgesamt neun Probanden aus Zeitgründen nur telefonisch interviewen ließen. Die Ergebnisse der Telefoninterviews habe ich nicht für diese Arbeit verwendet, da sie mir auf Grund der Kommunikationsverluste durch das Telefon nicht relevant genug erschienen. Meine Interviewpartner habe ich selbstverständlich anonymisiert. Das bedeutet, dass ich sämtliche Eigennamen verändert habe. Die Notwendigkeit der Wahrung von Anonymität wird von Schein treffend beschrieben:
“We must stop kidding ourselves that traditional research based on resear-chers going organisations to gather data by counting, surveying, or interviewing is
either valid or harmless. There is a real possibility that such resarch not only harms
members of the organisation but also produces superficial and incorrect insights
into what happens in organisations … In any case, the clinical view would argue
that the real name of the organisational client must never be used because there is
no way of telling ahead of time where a given organisation will be vulnerable and
in what way publishes material, I have seen examples where identified cases have
led years later to organizational ‘harm’”. (Schein, E. 1987: 65, 67)
Der Versuch der Darstellung von Gesundheitsstilen anhand eines Interviews muss sich auch stets mit der Frage beschäftigen, wie weit diese Annäherung gelingen kann. Die Frage, ob ich die von mir interviewten Personen ,richtig‘ verstanden habe und ob ich sie in einer ihnen entsprechenden Art und Weise portraitiert habe, hat mich dabei immer wieder beschäftigt. Bei aller Sorgsamkeit der Methodik beinhaltet die Deutung eines Interviews jedoch immer ein subjektives Element, oder wie es Gerhard Schulze fasst: „Der Versuch, fremde Subjektivität zu verstehen, muss mit dem Medium der eigenen Subjektivität operieren“ (1993: 281). Aus diesem Grund kann jedes vermeintliche Verstehen immer nur ein wissenschaftliches Fremdverstehen sein.
Obwohl ich in der Auswahl der zu beschreibenden Themenbereiche innerhalb meiner Feldforschung selektiv sein musste und somit zu untersuchende Probleme unweigerlich aus dem Gesamtzusammenhang herauskristallisiert wurden, war ich mir dessen bewusst und folgte der Sichtweise Bohms, der folgende Ansicht bezüglich der Realität von Subjekt und Objekt vertritt:
“What is required here, then, is not an explanation that would give us some
knowledge of the relationship of thought and thing, or of thought and ‘reality as
a whole’. Rather, what is needed is an act of understanding; in which we see the
10 1.3 Forschungsmethoden
totality as an actual process that, when carried aut properly, tends to bring about
a harmonious and orderly overall action, incorporated both thought and what is
thought about in a single movement, in which analysis into separate parts (e. g.,
thought and thing) has no meaning.” (Bohm 1980: 56)
Da es sich um einen Versuch handelt, am Beispiel von einigen Interviewpro-banden darzustellen, wie in der heutigen Gesellschaft Gesundheitsstile von Nutzern heterodoxer Medizin entstehen und geführt werden, kann nicht auf die umfassende Komplexität der heterodoxen Medizin im Allgemeinen eingegangen werden. Das würde den Rahmen dieser Arbeit sprengen und zu einer schwerpunktmäßigen Arbeit über die heterodoxe Medizin machen. Vielmehr soll die Möglichkeit gegeben werden, anhand der herausgearbeiteten Gesundheitsstilmerkmale Diskussion und Anregung auch für die Analyse anderer Gesundheitsstile zu geben. Wobei eingrenzend gilt, dass die herausgearbeiteten Merkmale und Strategien nicht den Anspruch auf Vollständigkeit erheben. In der Europäischen Ethnologie, den Empirischen Kulturwissenschaften und der Volkskunde ist nicht nur dieses Thema, sondern die Beschäftigung mit Nutzern von Medizinsystemen generell ein noch wenig bearbeitetes Randgebiet. Seit mindestens zwanzig Jahren wird eine wissenschaftliche Auseinandersetzung im deutschsprachigen Raum darum geführt, wie denn nun die Disziplin bzw. Subdisziplin am besten heiße: ob Medizinethnologie, Ethnomedizin oder Medizinanthropologie. 12 Während sich das Interesse an der Ethnomedizin in den 1970er und 1980er Jahren hauptsächlich auf die außereuropäischen Medizinsysteme konzentrierte, hatte die Volkskunde dem Gebiet der europäischen Volksmedizin seit jeher ihre Aufmerksamkeit gewidmet (u. a. Grabner1967; Dornheim 1983; Hauschild 1976/77). 13
In den neunziger Jahren verschob sich das Interesse auf den Körper und die Körperlichkeit. Unter dem Einfluss konstruktivistischer Forschungsansätze wird Krankheit als ein kulturabhängiges Phänomen betrachtet, das Teil des soziokulturellen Kontextes ist und durch diesen Kontext hergestellt wird (Kleinman 1980, Herzlich/Pierret 1984, Duden 1987, et. al). Seitdem hat sich die Forschung über
12 Vgl. Greifeld, K. (2003), S. 12.
13 ebd., S. 17.
11 1.4 Vorgehensweise
Krankheit, Medizin und Heilung so vervielfältigt, dass es kaum möglich ist, hierüber noch einen überschaubaren Abriss zu geben.
In meiner Arbeit möchte ich beschreiben, welche Lösungen meine Interviewpartner für den Umgang mit heterodoxen Heilmethoden gefunden haben. Dabei stelle ich keine These auf, sondern versuche gestellte Fragen zu beantworten: Die eigentliche Aufgabe der deutenden Ethnologie ist es nicht, unsere tiefsten Fragen zu beantworten, sondern uns mit anderen Antworten vertraut zu machen, die andere Menschen (…) gefunden haben, und diese Antworten in das jedermann zugängliche Archiv menschlicher Äußerungen aufzunehmen (C. Geertz: 1983: 43).
1.4 Vorgehensweise
Im ersten Teil der Arbeit handelt es sich um den Versuch, sich dem Lebensstilbegriff theoretisch und wissenschaftlich zu nähern. Grundfrage ist hier: Kann man heute von aktuellen bzw. modernen Lebensstilen sprechen? Es wird ein Überblick über die unterschiedliche Verwendung und Interpretation des Lebensstilbegriffs gegeben und eine für diese Arbeit relevante Begriffsabgrenzung vorgenommen.
Anschließend werden die einflussreichsten Theorien vorgestellt. Des Weiteren werden Beispiele für die empirische Lebensstilforschung dargestellt. Die hier exemplarisch ausgewählten Stile erheben keinen Anspruch auf vollständige Darstellung des Forschungsstandes. Es geht vielmehr darum, Richtungen aufzuzeigen, um sich der Frage nach den modernen Gesundheitsstilen zu nähern und somit eine Grundlage für die Analyse der Gesundheitsstile der Nutzer heterodoxer Medizin zu schaffen.
Da es keine eindeutige Definition des Gesundheitsstils gibt, wird versucht, an-hand der Funktionen und Stilmerkmale des Lebensstils einen Corpus festzulegen, mit dem analysiert werden soll, dass es sich bei den Vorstellungen der Nutzer heterodoxer Medizin um Gesundheitsstile handelt. Es wird herausgearbeitet, welche Strategien der Gesundheitsstilbildung es gibt und welche grundlegende Funktion die heterodoxe Medizin in diesem Prozess hat.
Anschließend werden die begrifflichen und wissenschaftlichen Grundlagen zur Medizin, Biomedizin und Heterodoxen Medizin erarbeitet.
12 1.4 Vorgehensweise
Nachdem die für diese Arbeit relevanten Forschungszweige vorgestellt worden sind erfolgt die Analyse, die Inhalt des zweiten Teils der Arbeit ist, basierend auf dem im ersten Teil festgelegten Corpus. Sie besteht aus Stilmerkmalen des Ge-sundheitsstils und bezieht sich hauptsächlich auf die empirischen Daten der Feld-forschung.
Anschließend werden die sich aus den Daten der Feldforschung ergebenen Nutzerkategorien vorgestellt. Es folgen die Schlussbemerkungen.
13 2.1 Begriffsabgrenzungen
2 Relevante Erkenntnisse der Lebensstilforschung
2.1 Begriffsabgrenzungen
Im Folgenden wird eine exemplarische Übersicht über die verschiedenen Lebensstilbegrifflichkeiten gegeben und diese in den Kontext der jeweiligen Forschungsrichtung eingebettet. Der Schwerpunkt liegt aufgrund der Aufgabenstellung dieser Arbeit auf dem kulturtheoretisch- und ethnologisch orientierten Lebensstilbegriff. 14
In der psychologischen Forschung entspringt das Lebensstilkonstrukt der Persönlichkeits- und Motivationsforschung 15 und verfolgt den Zweck, Persönlichkeiten voneinander abzugrenzen. 16 Der Begriff bezieht sich also auf das einzelne Individuum und dessen einzigartige Organisation der eigenen Persönlichkeit. Die marketingorientierten Begriffsdefinitionen interpretieren den Lebensstil im Hinblick auf seine Anwendungsgebiete im Marketing. Kotler und Bliemel fassen den Begriff des Lebensstils wie folgt zusammen: „Unter Lebensstil versteht man das sich in Aktivitäten, Interessen und Einstellungen manifestierende Muster der Lebensführung einer Person. Der Lebensstil zeigt den ganzen Menschen in Interaktion mit seiner Umwelt. Der Lebensstil eines Menschen umfasst mehr als seine soziale Schicht und seine Persönlichkeit. (…) Mit dem Lebensstil versucht man (…) menschliche Existenz- und Handlungsprofile darzustellen.“ 17 Abgesehen von seiner semantischen Bedeutung und Herkunft 18 wurde der Begriff des ,Lebensstils‘ zuerst in der Soziologie eingeführt: Im Jahre 1900 in Simmels „Philosophie des Geldes“ sowie etwa 20 Jahre später von Max Weber in seinem Werk „Wirtschaft und Gesellschaft.“ Simmel beschrieb schon damals
14 In der vorliegenden Arbeit werden keine weiteren Differenzierungen zwischen den Begriffen
Lebensstil, Lifestyle, Lebensführung, Lebensweise, etc. gemacht. Dies bleibt den einzelnen Wissen-schaftsdisziplinen überlassen. Die Begriffe werden synonym unter dem Begriff ,Lebensstil‘ zusam-mengefasst.
15 Vgl. Reeb, M. (1998), S. 5.
16 Vgl. Trommsdorff, V. (2004), S. 217.
17 Kotler, P.; Bliemel, F. (2001), S. 336 f.
18 Stil: „Einheit der Ausdrucksformen (eines Kunstwerkes, eines Menschen, einer Zeit); Darstel-
lungsweise, Art (Bau-, Schreibart usw.)“ Duden (1996), S. 711. Der Begriff ,Stil‘ leitet sich ur-
sprünglich aus dem Lateinischen ab: stilus stand etwa ab der Spätantike (3. Jh. n. Ch.) für eine
spezielle Schreib- und Redeweise. Erst ab dem 17. Jh. Beschreibt der ,Stil‘ andere Phänomene als
rhetorische, wie z. B. künstlerische. Vgl. hierzu Drieseberg (1995), S. 6.
14 2.2 Theoretische Lebensstilforschung
Aspekte, die wesentliche Determinanten des heutigen Lebensstilverständnisses ausmachen 19 . Er macht die Anonymität des Tauschmediums Geld für „eine gewisse Charakterlosigkeit“ 20 der Individuen im Umgang mit Menschen und Dingen verantwortlich, daraus folgend müsse nun von einer „Unpräjudizierbarkeit der Charaktere“ 21 ausgegangen werden. Ein Mittel, auf die in dieser Entwicklung angelegte Unsicherheit zu reagieren, stellt Simmel anhand von zahlreichen Einzelbeobachtungen fest, ist die Ausprägung unterschiedlicher „Stile des Lebens“, durch die Individuen situations- und milieuübergreifend eine Lebensweise und Lebenshaltung anzeigen, die sie mit - oft sogar anonym bleibenden - anderen verbinden. Simmel versteht Lebensstil als eine Ausdrucksform des Innersten eines Menschen, die dazu dient, die eigene Individualität auszudrücken und sich gegenüber anderen abzugrenzen. 22 Für Weber umfasst der Lebensstil Gemeinsamkeiten des Denkens und Handelns und dient als Definitionskriterium für soziale Gruppen. 23
2.2 Theoretische Lebensstilforschung
Heutzutage ist das Konzept des Lebensstils für die Sozial- und Kulturwissenschaften insofern von großer Bedeutung, als dass die traditionellen sozialen Unterscheidungsmerkmale wie Schicht, Klasse und Mobilität keine zufriedenstellende Trennschärfe mehr aufweisen: „Das Verhalten der Menschen in fortgeschrittenen Industriegesellschaften wird zu wachsenden Teilen durch die relative Autonomie subjektiver Interpretation und Zielsetzung bestimmt.“ 24 In den siebziger und achtziger Jahren hat in Westdeutschland eine Reihe von Entwicklungen die Pluralisierung der Lebensstile gefördert: die Erhöhung des Le-bensstandards, der Ausbau des Wohlfahrtsstaates, eine mit der Bildungsexpansion einhergehende freiere Jugendphase, der Wertewandel und kulturelle Ausdifferenzierungen. Nach Gerhard Schulze (1992) hat die historische Situation der Wohlstandsgesellschaft der achtziger Jahre dazu geführt, dass die Lebensplanung nicht mehr vorrangig durch den Kampf ums Überleben bzw. durch das „Wohl-
19Vgl. Simmel, G. (1900), S. 509.
20 ebd. S. 594.
21 ebd. S. 597.
22 Vgl. Simmel, G. (1900), S. 509.
23 Vgl. Weber, M. (1964), S. 4.
24 Hradil, S. (1987), S. 93.
15 2.2 Theoretische Lebensstilforschung
standsparadigma“, sondern durch die Suche nach einem „sinnvollen Leben“ bestimmt ist, mit einer begrenzten Anzahl von zwar sozialstrukturell (hauptsächlich durch Bildung und Alter) geprägten, doch sehr unterschiedlichen und in jedem Fall subjektvermittelten Lösungsmöglichkeiten.
In den neunziger Jahren führte u. a. die ökonomische Krise zu einer Stagnation der Lebensstilpluralisierung. 25
Da bisherige Unterscheidungsmerkmale der Ungleichheitsforschung nicht mehr greifen, wird als neues Unterscheidungskriterium der Lebensstil verwendet, auch wenn sich die Forschung noch um eine einheitliche Definition und ein einheitliches Verständnis bemüht. 26
Exemplarisch herausgegriffen ist für Spellerberg (1995) 27 Lebensstil ein regelmäßig wiederkehrender Gesamtzusammenhang von Verhaltensweisen, Interaktionen, Meinungen, Wissensbeständen und bewertenden Einstellungen eines Menschen. Die Unterscheidung zu Milieus von Hradil (1999) 28 beschreibt ein komplexes und flexibles Lebensstilbild: „Anders als die Zugehörigkeit zu einem bestimmten sozialen Milieu ändert sich der Lebensstil eines Menschen, das heißt seine Verhaltens- und Denkroutinen, unter Umständen sehr schnell. Denn sie sind weit mehr als die typischen Werthaltungen eines sozialen Milieus, abhängig von den jeweils verfügbaren Ressourcen, von aktuellen Lebenszielen, von der momentanen Le-bensform und von persönlichen Entscheidungen.“ Lebensstile haben die doppelte Funktion, Zugehörigkeit und Abgrenzung innerhalb und zwischen „sozialen Kreisen“ wie auch in Beziehung zur Gesellschaft im Ganzen zu demonstrieren und auf diese Weise Identität herzustellen. 29 Nach Soeffner (2001: 82) ist die scheinbare Ambivalenz des (Lebens-)Stils - nämlich einerseits Kollektive in eine gemeinsame Darstellungsform einbinden zu können, andererseits aber auch von Individuen als Abgrenzungsinstrument gegenüber Kollektiven eingesetzt zu werden - abhängig davon, wie sich ein Stil herausbildet und von wem er geprägt wird. Er unterscheidet zwei Extremformen, zwischen denen sich einige Mischformen
25 Vgl. Spellerberg, A. (1995), S. 231.
26 Vgl. Hartmann, P. (1999), S. 15.
27 Vgl. Spellerberg, A. (1995), S. 231.
28 Vgl. Hradil, S. (1999), S. 432.
29 Vgl. Müller, H.-P.; Weihrich, M. (1991), S. 97.
16 2.2 Theoretische Lebensstilforschung
der Stilentwicklung und -prägung finden lassen: die allmähliche, in eher anonymisiert kollektiver Anstrengung entstehende Herausbildung eines Stils, dem kein Urheber zugeschrieben werden kann, und die Prägung eines Stils durch ein starkes Vorbild. Des Weiteren ist ein Stil Teil eines umfassenden Systems von Zeichen, Symbolen und Verweisungen für soziale Orientierung: Er ist Ausdruck, Instrument und Ergebnis sozialer Orientierung. Dementsprechend zeigt der Stil eines Individuums nicht nur an, wer wer oder was ist, sondern auch, wer wer für wen in welcher Situation ist. 30
Das Lebensstilkonzept wird hauptsächlich von drei Theorien genutzt:
- Die erste Forschungsrichtung sieht die Pluralisierung von Lebensstilen als Beleg für die Individualisierungsthese an. Es wird angenommen, dass im Zuge der Auflösung traditioneller Bindungen in der modernen Gesellschaft und einer allgemeinen Steigerung des Lebensstandards die Wahlmöglichkeiten zur individuellen Lebensgestaltung zunehmen. „Jenseits von Klasse und Stand“ bilden sich neuartige Lebensstilgruppen, die mit traditionellen Schichtmodellen nicht erfasst werden können (Beck 1983, Kreckel 1985, Zapf et al. 1987). Diese Theorien folgen Simmels Konzeption der individualistischen Lebensweise. Während Hradil (1999: 142) eine Reihe von Einwänden verschiedener Autoren zu Becks Theorem auf dessen unklare und überzogene Formulierungen zurückführt, kritisieren Müller/ Weihrich (1991: 112) hauptsächlich einen unvollständigen theoretischen Rahmen.
- Ohne den Optionszuwachs und die Verfügbarkeit über Ressourcen abzustreiten, behauptet eine zweite Forschungsrichtung, dass die Wahl des Lebensstils nach wie vor von der Klassenzugehörigkeit abhängt - und zwar nicht nur die groben, sondern auch die „feinen Unterschiede“ (Bourdieu et al. 1982). Im Gegensatz zur ersten Position wird mit dem Lebensstilkonzept gerade der Nachweis für die ungebrochene Gültigkeit von Klassen- und Schichtkonzepten zu erbringen versucht. Bourdieu geht aus von der ungleichen Verteilung dreier Ressourcenarten unter der Bevölkerung: dem ökonomischen Kapital, dem Bildungskapital und dem sozialen Kapital. Je nach Ausmaß ihres Kapitalbesitzes gliedern sich Gesell-
30 Vgl. Soeffner, H.-G. (2001), S. 84 f.
17 2.3 Angewandte Lebenstilforschung
schaftsmitglieder in eine Klassenordnung und gehören der ,Arbeiterklasse‘, dem ,Kleinbürgertum‘ oder der ,Bourgeoisie‘ an. Das Aufwachsen innerhalb der jeweiligen Lebensbedingungen bestimmter Klassen lässt Bourdieu zufolge „automatisch und weitgehend unbewusst klassenspezifische Habitusformen entstehen. Dies sind latente Denk-, Wahrnehmungs- und Bewertungsmuster der Menschen, die einerseits ihre Möglichkeiten alltäglichen Verhaltens begrenzen, andererseits in diesem Rahmen eine Fülle von Handlungsformen hervorbringen. 31 Bourdieus Habitus-Theorie konnte in vielen Studien, u. a. in der Bildungs- und Frauenforschung angewendet werden, jedoch werden seine Annahmen im Hinblick auf soziale Ungleichheiten von einigen Autoren als übertrieben gewertet (vgl. Krais 1983; Blasius/Winkler 1989; Hradil 1989). Des Weiteren stammen Bourdieus theoretische und empirische Studien im wesentlichen aus dem Frankreich der sechziger Jahre. Wohlstandsmehrung, Bildungsexpansion, Wertewandel, Individualisierung etc. hielten sich damals noch in engeren Grenzen. 32 - Eine dritte Richtung begreift die Pluralisierung von Lebensstilen als Innovationschance, die die Organisation bestimmter gesellschaftlicher Bereiche verbessern (oder zumindest verändern) kann. Die neue Moralökonomie „alternativer“ oder „utopischer“ Lebensstile (Heubrock 1988, Kanter 1972, Zablocki/Kanter 1976) wird in neuen Formen der Organisation des Zusammenlebens (Lüscher et al. 1988), der Arbeit (Gorz 1980, Opielka/Ostner 1987), der politischen Betätigung (Hondrich et al. 1988), der Gestaltung des eigenen Wohnumfeldes (Hauff 1988), der Emanzipationsversuche bestimmter Gruppen (insbesondere die Frauenbewegung, Gerhardt/Schütze 1988, Müller/Schmidt-Waldherr 1989) gesehen. 33 2.3 Angewandte Lebenstilforschung
Im Folgenden werde ich einige Beispiele für Möglichkeiten qualitativer Untersuchungen der empirisch-ethnologischen Lebensstilforschung vorstellen. Der Stil zeigt die Zugehörigkeit eines Individuums zu einer Gemeinschaft und steht hier repräsentativ für die Haltung und soziale Lebensform des Einzelnen.
31 Vgl. Hradil, S. (1999), S. 138 f.
32 ebd. S. 140.
33 Vgl. Müller, H.-P.; Weihrich, M (1991), S. 92 f.
18 2.3 Angewandte Lebenstilforschung
Wohnstile, Musikstile, Bekleidungsstile ermöglichen die Untersuchung bestimmter Sektoren des Konsumverhaltens, wie beispielsweise Geschmack, ästhetische Vorlieben usw.
Damit lassen sich beispielsweise an Wohnstilen Zugehörigkeiten verschiedener sozialer Schichten erkennen:
„Der Mehrheitsgeschmack und die ihm entsprechende Wohnungseinrichtung ist also in wesentlichen Grundzügen als recht konstante Größe Ernst zu nehmen und nicht als bloß vorübergehende Erscheinung zu betrachten, die sich via Ikea demnächst von selbst erledigen werde.“ 34
Auch Bekleidungsstile stehen nicht für sich allein, sondern symbolisieren die ästhetischen Werte und Wahrnehmungsweisen verschiedener Typen. Kleidung übernimmt die Funktion der Visualisierung eines Lebensstils. So bezieht die heutige Haute Couture ihre Inspiration aus dem Milieu der Subkulturen. „Seit den siebziger Jahren wird Mode nicht mehr von der Aristokratie und der Bourgeoisie lanciert; sie steigt vielmehr von der Straße in die Salons der Haute Couture auf, wird von ihr adaptiert und ihrerseits nachgeahmt. Die Schichten, die Mode kaufen, haben sich ihrerseits verbreitert; auf der anderen Seite sind es nicht mehr sie, die die Trends setzen, sondern sie reagieren auf das, was an Trends kommt und zu erwarten ist aus den Gegenkulturen.“ 35
Im Prozess der Stilisierung findet eine intensive, existenzbezogene Demonstration des Lebensgefühls von Subjekten statt. Durch bestimmte Bewegungen, Verhaltensweisen, Handlungen und Modetypisierungen entstehen im jugendkulturellen Kontext vielfältige Möglichkeiten der Überhöhung des Alltäglichen. „Im Gegensatz zu alltäglicher Typenbildung enthält jeder Stil zusätzlich eine ästhetische Komponente - eine ästhetische Überhöhung - des Alltäglichen.“ 36 Jugendkulturen, wie die Punks oder die Teds, haben ihre spezielle Stilisierung stets ganz bewusst nach Außen transportiert, um für den Beobachter als Repräsentant ihrer Gruppe identifizierbar zu sein und um sich von anderen Jugendgruppen unterscheidbar zu machen. Stil wird also produziert, um beobachtet zu werden.
34 Vgl. Pfennig, H.-J. et al. (1988), S. 155.
35 Vgl. Vincken, B. (1994), S. 63.
36 Baacke, D. (1988), S. 319.
19 2.4 Gesundheitsstile
Aus einem Kaleidoskop von Angeboten werden von verschiedenen Personen immer wieder ähnliche Dinge ausgesucht, daraus entsteht ein Stil. Ebenso könnte es sich mit medizinischen Heilmethoden verhalten. Durch eine ganz bestimmte Auswahl von Heilmethoden entstehen individuelle Gesundheitsstile. Diese geben einen Einblick in einige gesundheitliche Aspekte des jeweiligen Lebensstils.
2.4 Gesundheitsstile
Die Beobachtungen und Gespräche, die ich zum Thema Handlungs- und Denkpraxen bei der Nutzung von heterodoxer Medizin führte, zeigen einen Moment im Gesundheitsverhalten von sieben Menschen, die zur Zeit des Interviews zwischen 26 bis 42 Jahre alt waren. Obgleich alle Akteure die Möglichkeiten heterodoxer Heilmethoden für sich oder ihre Kinder in Anspruch nehmen, sind doch erhebliche Unterschiede in den einzelnen Lebensweisen existent. Einige Aspekte davon habe ich herausgegriffen und zu einem ,Gesundheitsstil‘ geformt. Das Stilisierungselement ist dabei die heterodoxe Medizin. Folgende Schwerpunkte haben sich bei der Ausarbeitung ergeben: Bei den Betrachtungen des jeweiligen Gesundheitsverhaltens wird deutlich, dass dieses von gesammelten Erlebnissen und den daraus gebildeten Erkenntnissen abgeleitet wird. Die Erkenntnisse werden zusammen mit Wissen so geformt, das die Akteure in der Lage sind, das eigene Selbst im Gesundheitsstil zu verwirklichen. Dabei wird auch das Wissen aus Quellen gezogen, die mit dem individuellen Gesundheitsstil konform gehen. So sind die Akteure durch die Eindrücke, die sie empfangen und durch das Wissen, über das sie verfügen, konditioniert; in der gegenwärtig dominierenden Philosophie der ,Wahrheit‘ wird Wahrheit mehr oder weniger gleichgesetzt mit dem, was innerhalb eines Kreises von akzeptablen Mitmenschen intersubjektiv akzeptabel ist. 37
Beispielsweise wird als Grund für die Wahl der Homöopathie als Heilmethode von einigen Interviewpartnern deren weite gesellschaftliche Akzeptanz angegeben. Die Wahl der jeweiligen heterodoxen Heilmethode ermöglicht den Nutzer eine freie Aus- bzw. Abwahl der Therapieform und ermöglicht damit den Klienten die Wahl zwischen passiver oder aktiver Anteilnahme am eigenen Gesundheitser-
37 Vgl. Galtung, J. (1985), S. 152.
20 2.4 Gesundheitsstile
leben. Jedoch bleiben dabei einige Grundsätze der Biomedizin bei allen Akteuren verinnerlicht - so wird sich immer wieder darauf bezogen. Das gewählte Gesundheitsangebot wird ersetzt, wenn es den Erwartungen nicht mehr entsprechen kann. Es werden partielle Elemente der Biomedizin völlig abgelehnt und durch Alternativen der heterodoxen Medizin ersetzt. Andere Bereiche der Biomedizin werden wie bisher weitergenutzt. Je nach Bedarf werden also die passenden Teile verschiedener Medizinsysteme kombiniert. Die Formen der Kombination lassen dabei verschiedene Möglichkeiten erkennen. Es werden Teile heterodoxer Medizin als Ergänzung bzw. Erweiterung genutzt, in anderen Fällen als Ersatz. Einige Nutzer sehen darin auch eine Möglichkeit, für sie interessante Methoden kennen zu lernen und zu testen. Für andere Klienten bieten die Angebote der heterodoxen Medizin eine neue Darstellungsform für die eigene Identität. Sie wollen ,in‘ sein und demonstrieren das mit der Wahl der jeweils ,angesagten‘ Therapieform. Unter den tiefgreifenden Veränderungen, die die Verwandlung der klassischen Medizin- und Gesundheitssysteme der Jetzt-Zeit entscheidend vorantrieben, gehört die Neudefinition des ,Patienten‘. Der Patient steht in der Medizin des späten 20. Jahrhunderts nicht mehr als ein diskretes Objekt, ein von diagnostizierbaren Krankheiten befallener und entsprechend therapierbarer ,Körper‘, sondern als ein ,System‘, das ihn zum Verwaltungsobjekt eines vielarmigen Dienstleistungssystems macht. 38
Die Vorstellungen und Einstellungen der Nutzer heterodoxer Medizin zum Arzt-Patienten-Verhältnis sind bei der Wahl des Heilers von entscheidender Wichtigkeit. Für die Mehrheit der Nutzer ist die Dauer der aufgebrachten Zeit des Heilers ein Qualitätsmerkmal. Ebenfalls positiv eingeschätzt wird eine neutrale Umgebung (ohne weißen Kittel und Desinfektionsmittel). Mit der Einführung der Sozialversicherung - Arbeitslosengeld, Unfallversicherung, Krankenversicherung und dergleichen - und der Durchsetzung einer Vielzahl von Methoden zur politischen Steuerung der Ökonomie (Besteuerungssystem, Zinssätze und andere Techniken) übernahm der Staat im Namen der Gesellschaft die Verantwortung für die Regulation einer ganzen Reihe von Risiken, die sowohl den Einzelnen als auch den Staat betrafen.
38 Vgl. Duden, B.; Zimmermann, B. (1999), S. 33.
21 2.4 Gesundheitsstile
Heutzutage wird das Schicksal des Menschen eines bestimmten Staatsgebietes von dem seiner Mitmenschen abgekoppelt. Es erscheint fortan als Funktion des Maßes an Unternehmungsbereitschaft, an Fertigkeiten, an Erfindungsreichtum und Flexibilität, über das der Einzelne verfügt. 39
Implizierte unter dem alten Sicherheits-Vertrag die Tatsache der Krankheit ein Recht auf Behandlung, so ist die heutige ,Krise der Medizin‘ eine Liquidierung dieses Rechts durch den doppelten Mechanismus von Prävention und Selbstführung. Der Patient wird dazu gebracht, die Verantwortung für seine Gesundheit selbst zu übernehmen.
Der britische Kultursoziologe Nikolas Rose geht noch einen Schritt weiter, indem er, angelehnt an die Überlegungen Michel Foucaults, von einem „regime of the self“ spricht, das er für die Gegenwart wie folgt charakterisiert: “If there is one value that seems beyond reproach, in our current confused ethical climate, it is that of the self and the terms that cluster around is - autonomy, identity, individuality, liberty, choice, fullfillment.” (Rose 1998: 1) Im Mittelpunkt der ethischen Botschaft dieses „regime of“ the self steht das selbstbestimmte Individuum, das - so Rose - in allen Bereichen gesellschaftlichen Lebens propagiert, gefördert und gefordert werde. Das Konzept des autonomen Selbst bestimme die Grundannahmen politischen Handelns, bestimme die Erwartungen von Beziehungspartnern und das häusliche Leben, es reguliere das Konsumverhalten, leite die Praxen von Marketing und Werbeindustrie, werde verbreitet über das Fernseh- und Kinoprogramm, durchtränke die gesetzlichen Rahmenbedingungen und sei Grundlage für den bioethischen Streit um neue Reproduktionstechnologien oder Abtreibung. 40
Mit dieser Umbruchphase von der verwalteten zur selbstverwalteten Verant-wortung für das eigene Leben befinden sich auch die Nutzer heterodoxer Medizin in einer Lernphase, die es zu bewältigen gilt. Krankheit wird verschieden beschrieben, bei der Eliminierung von Krankheiten liegen die Meinungen dicht beieinander - sie wird gern in die Hände von Ärzten oder Heilern gelegt. Stellt sich der erwartete Erfolg nicht umgehend ein,
39 Vgl. Bröckling, U.; Krasmann, S., Lemke, T. (Hg.) (2000), S. 91 f.
40 Vgl. Rose, N. (1998), S. 1.
22 2.4 Gesundheitsstile
wird der Heiler oder die Heilmethode gewechselt. Wenn auch die Eigenverantwortung für die Gesundheit nicht ausschließlich am eigenen Lebensstil praktiziert wird, so wird doch ein Teil der Verantwortung dahin gehend übernommen, dass sich Wissen angeeignet wird, um dann über die Therapieform zu entscheiden. Für viele Nutzer stellen die vielfältigen Angebote der heterodoxen Heilmethoden eine Erweiterung des Medizinangebotes dar, da sie über die Therapieform selbst frei entscheiden können.
Damit stellt die Wahl der Heilmethode innerhalb des individuellen Gesundheitsverhaltens einen zeitlich begrenzten Aspekt dar, sie ist also im stetigen Wechsel begriffen und hängt von den jeweils zur Verfügung stehenden Ressourcen ab und den subjektiven Wahrnehmungen und Bewertungen.
Borck (2003: 124) skizziert eine Medizin, die nach Jahrzehnten spektakulärer Erfolge in der operativen Therapie und Behandlung in eine Krise geraten ist. Er behauptet, dass diese Krise nicht auf Misserfolge zurück zu führen sei, sondern auf die Akzeptanz der Gesellschaft.
Gleichzeitig erleben alternative, ganzheitliche und esoterische Therapieangebote einen bisher nicht da gewesenen Aufschwung. Patienten ziehen aus ihren Erfahrungen mit der Biomedizin ihre eigenen Konsequenzen und suchen nach neuen Therapieangeboten. Damit einher geht ein Körperkonzept - wie beispielsweise das unter dem Begriff der Traditionellen Chinesischen Medizin (TCM) - bei dem Körper, Geist und Seele als Einheit betrachtet werden. Demgegenüber zeichnete sich in der Biomedizin schon früh ein partikulares Körperverständnis ab, das in den vielfältigen graduellen Spezialisierungen medizinischer Unterfächer auf bestimmte Körperteile Ausdruck findet. Beide Systeme greifen also auf eigene Diskurse zurück und können als Wissenssysteme gelten. Ein relativ „abgeschlossenes Wissenssystem“ ist ein Denkstil. 41 Da jedoch ein Denkstil, der in Deutschland mit der Geburt „biomedizinisch“ geprägt wird nicht austauschbar ist 42 , entwickeln die Akteure „Kombinierdenkstile“, die ihnen so eine Nutzung heterodoxer Heilmethoden ermöglichen.
41 Fleck, L. (1993/1935), S. 54.
42 ebd. S. 62.
23 2.4 Gesundheitsstile
Die Mehrheit der Nutzer, die ich für diese Arbeit interviewt habe, sind Frauen bzw. Frauen mit Kindern. Diese Mütter nehmen hauptsächlich für ihre Kinder die Angebote alternativer Heilmethoden wahr und begreifen diese als eine Alternative für invasive Pharmazeutik. Des Weiteren haben die Nutzer überwiegend einen höheren Bildungsabschluss oder zumindest ein abgebrochenes Hochschulstudium. Dimensionen der objektiven Vorraussetzungen, d. h. Alter, soziale Herkunft, Geschlecht, Bildungs- und Berufsstatus und die aktuelle Lebensform sind ein weiteres Kriterium der Gesundheitsstile.
Die von mir beschriebenen Gesundheitsstile setzen sich also aus Gesundheitspraktiken, wie: Therapieformen im Krankheits- oder Gesundheitsfall, Ernährungspraktiken, Gesundheitsaktivitäten (Bewegung, Sport) und Finanzierung von Ge-sundheitskosten, subjektiven Wahrnehmungen und Bewertungen, wie: Selbstbilder, Fremdbilder, Wertorientierungen, Lebensziele, Meinungen, Einstellungen, Wissensquellen, Denkweisen und objektiven Voraussetzungen, wie: Alter, soziale Herkunft, Geschlecht, Lebensform, Bildungs- und Berufsstatus zusammen. Dabei stehen die Gesundheitspraktiken in Abhängigkeit von subjektiven Wahrnehmungen als auch von den objektiven Voraussetzungen. Der von mir aufgezeigte individuelle Gesundheitsstil kann als ein Muster der Äußerung einer aktuell praktizierten Gesundheitsführung gelten. Der Gesundheitsstil ist also veränderlich, denn Verhaltens- und Denkroutinen sind abhängig von den jeweils zur Verfügung stehenden Ressourcen, von aktuellen Lebenszielen, von der momentanen Lebensform und von persönlichen Entscheidungen der einzelnen.
Während demgegenüber Kleidungs- oder Wohnstile oft persistenter in Erscheinung treten, sollte hierbei die oben beschriebene Veränderung des Gesundheitsmanagements beachtet werden. Denn erst seit Kurzem stellt der Patient eine von der Medizin ,anerkannte, autonome Persönlichkeit‘ dar. Die neuen ,Mitbestimmungsrechte‘ erfordern ein bis dahin nicht gefragtes medizinisches Wissen. In diesem Zusammenhang sehe ich die Pluralisierung der Gesundheitsstile als eine Chance, die die Organisation der medizinischen Versorgung verbessert.
24 3.1 Begriffsabgrenzungen
3 Medizin
Das moderne Medizinsystem der westlichen Welt besteht aus einer Vielfalt von medizinischen oder medizinnahen Formen, die in unterschiedlicher Wertigkeit zum Teil nebeneinander existieren, miteinander konkurrieren, einander ausschließen oder ergänzen.
Je nach Wissenssystem, auf das sie sich beziehen, verfolgen die einzelnen Me-dizinformen unterschiedliche Konzepte zu Krankheit, Gesundheit und Körper und verfügen über unterschiedliche Verfahren bei Diagnose, Therapie und Heilung. Damit haben sie auch jeweils unterschiedliche soziale und kulturelle Implikationen in Bezug auf die Selbstverantwortung des Menschen gegenüber seinem Körper, der Seele-Geist-Körper-Entität und der Umwelt oder in Bezug auf die Rollengestaltung und Aufgaben der Ärzte bzw. Heiler und der Kranken. Medizinische Systeme fungieren als soziokulturell bedingte Gedankengebäude von Wissen und Verstehen, die Kriterien liefern, um die Krankheitserfahrung in einer Kultur zu interpretieren und Normen für Körperwahrnehmung und Ge-sundheitsverhalten festzusetzen. Gemeinsam prägen diese Medizinformen das bestehende Gesundheitssystem.
Im Kulturkreis der heutigen westlichen Welt gibt es also nicht DIE Medizin, sondern unterschiedliche medizinische oder medizinnahe Formen, die zu einem „pluralen Geflecht medizinischen Wissens und medizinischer Praktiken“ beitragen (Stollberg 2002).
3.1 Begriffsabgrenzungen
Im Zusammenhang mit den neuen medizintechnologischen Entwicklungen und den so genannten Lebenswissenschaften wird vermehrt von Bioethik, Biowissenschaften und auch Biomedizin gesprochen. 43
Die Biomedizin gilt als dominante Medizinform, sie wird auch Schulmedizin, wissenschaftliche Medizin oder orthodoxe Medizin genannt, da sie die Naturwissenschaften zur Referenz nutzt und primär an biologischen Prozessen und organischen Pathologien orientiert ist. Als eine Erweiterung der Biomedizin um den
43 bios - griechisch ,Leben‘
25 3.1 Begriffsabgrenzungen
psychischen, sozialen und systemischen Bereich verstehen sich die psychosomatische und die anthropologische Medizin. Daneben gibt es eine breite Palette weiterer heterodoxer Medizinformen mit ganzheitlichen Ansatz. Diese werden u. a. auch als alternative, komplementäre, unkonventionelle oder auch Volks- und Außenseitermedizin bezeichnet. Wie Stollberg (2002) ausführt, ist diese Begrifflichkeit immer kontrastiv zum vorherrschenden Konzept der Biomedizin gebildet. So werden die Konzepte alternativ genannt, weil sie Aspekte der Biomedizin kritisieren, auf Änderungen des medizinischen Systems zielen und medizinische Handlungsalternativen eröffnen (Jütte 1996).
Dabei handelt es sich bei vielen der so genannten alternativen Heilformen um in ihren Kulturkreis genuine Methoden. In der angelsächsischen Literatur wird der Begriff komplementäre Medizin bevorzugt, da die Biomedizin um Aspekte und Techniken ergänzt und nicht ersetzt werden soll (Fulder 1996). Des Weiteren gibt es die Bezeichnung unorthodoxe Medizin (Stollberg 2002), die einen Gegensatz zur Biomedizin als etablierter ,orthodoxer‘ Medizin eröffnen soll. Das Problem dieser Begriffsbildung ist, dass eine mangelnde Bindung an Ideologien impliziert wird, die so nicht stimmt, da es sich auch bei den unorthodoxen Formen um Medizinkonzepte handelt, denen ein bestimmtes Welt- und Menschenbild zu-grunde liegt und einer daraus abgeleiteten Krankheits- und Therapielehre. Um diesen Aspekt der vorhanden Lehrgebäude sichtbar zu machen, schlägt Stollberg (2002) in Anlehnung an Bourdieu die Bezeichnung heterodoxe Medizin vor. Obwohl ich in dieser Arbeit nicht die Lehrgebäude unterschiedlicher Medizinformen herausarbeiten möchte, habe ich mich für diesen Begriff entschieden, da er die Medizinformen außerhalb der Biomedizin mit heterodox treffend beschreibt.
Biomedizin Biomedizin
26 3.2 Medizinkonzepte
3.2 Medizinkonzepte
Medizinische Konzepte, gleich welcher Herkunft, sind nach Stollberg (2002) als Gedankengebäude zu verstehen, die einen durchgängigen Begründungszusammenhang zwischen einer bestimmten Krankheitslehre und dem daraus herzuleitenden Therapieprogramm beinhalten. Das heißt, die Definitionen und Zuschreibungen von körperlichen Zuständen als gesund und normal oder abweichend und pathologisch sind in Abhängigkeit von dem jeweiligen medizinischen Konzept zu betrachten. Das Gleiche gilt für die Vorstellungen des ,richtigen‘ therapeutischen oder sozialen Umgangs mit Erkrankungen oder körperlichen Zuständen. Die unterschiedlichen Zuschreibungen agieren auf unterschiedliche Bedeutungssysteme und Bezugsgrößen. Damit prägen sie das jeweilige spezifische medizinische Handlungssystem: Diagnose, Therapie, Umgang mit den Kranken, aber auch Ausbildung und Rollenbild der Ärzte bzw. Heiler und Gestaltung der medizinischen Institutionen einer Gesellschaft. Das Ausmaß seiner sozial normativen Bedeutung und Wirkung ist in Abhängigkeit von der gesellschaftlichen Relevanz oder sogar Dominanz einer Medizinform. Die Medizin, d. h. alle Medizinformen einer Gesellschaft oder Kultur, ist als eines der gesellschaftlichen Handlungs- und Funktionssysteme zu verstehen (Stollberg 2002), das in seiner Entwicklung von den bestehenden soziokulturellen Bedingungen beeinflusst wird und diese selbst wieder beeinflusst.
Im folgenden möchte ich beispielhaft einige Unterscheidungsmerkmale der Biomedizin und der Homöopathie aufzeigen.
3.2.1 Biomedizin
Die Biomedizin stellt keine homogene Einheit dar, sondern umfasst vielmehr die unterschiedlichsten Disziplinen: von der Allgemeinmedizin über die Chirurgie bis hin zur Psychiatrie und psychoanalytischen Praxis. Trotz allem liegt diesen verschiedenen biomedizinischen Disziplinen eine gemeinsame Basis zugrunde, die sie deutlich von anderen Medizinsystemen - beispielsweise dem Ayurveda, der Traditionellen Chinesischen Medizin oder der Homöopathie - unterscheidet. Der Biomedizin liegt ein naturwissenschaftliches, kausal-analytisches Denkmodell zu-grunde. Sie ist an einer biomedizinischen Beschreibung und Erfassung von Krank- heitssymptomen ausgerichtet. Die Biomedizin muss als Produkt der westlichen
Arbeit zitieren:
Magister Jeannina Lilienthal, 2007, Umgang mit heterodoxer Medizin, München, GRIN Verlag GmbH
Dieser Text kann über folgende URL aufgerufen und zitiert werden:
Einbetten
DOI
Formatvorlage (Microsoft Word) für eine Diplomarbeit, Masterarbeit, Ha...
Für MS Word 2003 - Update 2010
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 25 Seiten
Formatvorlage (OpenOffice) für eine Diplomarbeit, Masterarbeit, Hausar...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 35 Seiten
Formatvorlage / Vorlage zur Erstellung einer Diplomarbeit, Bachelorarb...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 15 Seiten
Formatvorlage / Vorlage für eine Diplomarbeit / Hausarbeit
Für MS Word 2007 - dotx
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 25 Seiten
Anleitung zum Erstellen schriftlicher Arbeiten: Der Aufbau einer wisse...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 20 Seiten
Erstellen einer schriftlichen Hausarbeit
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Hausarbeit, 14 Seiten
Grundtechniken wissenschaftlichen Arbeitens
Bibliografieren - Reden - Schr...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Skript, 46 Seiten
Ratgeber zur Erstellung wissenschaftlicher Arbeiten. Diplomarbeiten - ...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 39 Seiten
Ethnologie / Volkskunde: Umgang mit heterodoxer Medizin ist nun auf dem Buchmarkt erhältlich
Ethnologie / Volkskunde: neuer Titel erschienen: Umgang mit heterodoxer Medizin
Jeannina Lilienthal hat einen neuen Text hochgeladen
Popular Religious Movements and Heterodox Sects in Chinese Hpopular Re...
Hubert Michael Seiwert, H. Seiwert
A Ambuhl
The Margins of Orthodoxy: Heterodox Writing and Cultural Response, 166...
Roger D. Lund, Lund Roger D.
Future Directions for Heterodox Economics
Anne Mayhew, John T. Harvey, Robert F. , Jr. Garnett
Wisconsin "Government and Business" and the History of Heterodox Econo...
Samuels, W. J. Samuels, Warren J. Samuels
A History of Heterodox Economics: Challenging the Mainstream in the Tw...
Lee Frederic, Frederic S. Lee
0 Kommentare