Cicero lässt Crassus in Form rhetorischer Fragen Aussagen über die Eigenschaften einer Rede machen. Dieser spricht davon, dass der Redner die Menschen durch eine Rede in seinen Bann schlagen und sie gewinnen und verleiten könne, wozu er wolle (I, 30). Er weist der Rede somit die Eigenschaft zu, Menschen in besonderer Art und Weise beeinflussen zu können. Bedeutung habe dies vor allem in friedlichen und ruhigen Ländern. Dass diese Beeinflussung sowohl positiv als auch negativ motiviert sein kann, führt er im Weiteren aus (I, 32). Volk, Richter und Senat ließen sich in gleichem Maße von einem Redner lenken (I, 31). Somit bezieht er die Beeinflussungsmöglichkeiten einer Rede über den privaten Bereich hinaus und stellt fest, dass eine solche Beeinflussung auch im öffentlich-politischen Bereich Anwendung finden kann. Eine Rede sei edel und großzügig, da sie Hilfe bringe, Geschlagene aufrichte, rette, aus Gefahr befreie und Menschen durch sie das Bürgerrecht erhielten (I, 32). Eine Rede könne auch eine Waffe sein, durch die man schützen, herausfordern und zurückschlagen könne (I, 32). Ein guter Redner könne nicht nur seinen eigenen Rang, sondern auch das Wohl des gesamten Staates entscheidend beeinflussen (I, 34). Diese ersten Aussagen in Ciceros Werk zeigen den hohen Stellenwert einer politischen Rede zu Zeiten der Römischen Republik auf. Die Rede ist mehr als ein Informationsmittel, sondern für den Redner, das Volk und die Zukunftsperspektiven der Republik das wesentliche Mittel. Durch den Vergleich der Rede mit einer Waffe politisiert Crassus hier die selbige, denn er sieht diese als Mittel gegen politische Gegner. Im Weiteren lässt Cicero Crassus und Antonius Aussagen über den vollkommenen Redner und die vollkommene Rede machen. Die Wichtigkeit eines gut ausgebildeten Rhetorikers wird hier besonders betont. Der Ruf des selbigen hänge von seiner vollkommenen Redegewandtheit ab. Hier wird deutlich, dass die Rede in der späten Republik nicht nur ein Mittel zum Zweck, sondern Grundlage für persönlichen und politischen Erfolg ist.
Wie wirkungsvoll gerade die politische Rede für die einflussreichsten Politiker der Republik war, zeigen die überlieferten Quellen. Auf Grundlage derer werden die Geschicke Roms gelenkt. Caesar versteht es, sein Klientel auch in schwierigen Zeiten durch Reden an sich zu binden, Meutereien seiner Truppen abzuwenden und das Volk und den Senat zu beherrschen. Auch Cicero erhält seinen guten Ruf und sein Ansehen in Senat und Volk durch seine Gerichtsreden oder Auftritte vor dem Senat. Der Stellenwert politischer Reden im alten Rom scheint sehr hoch zu sein. Ohne rhetorisches Geschick ist die Politik im 1. Jahrhundert v. Chr. nicht denkbar. Welchen Stellenwert die politische Rede und die Kunst dieser heute hat, soll im Folgenden diskutiert
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werden. Das mediale Zeitalter beschleunigt politische Debatten und das politische Leben selbst. Politiker stehen mehr denn je in der Öffentlichkeit, doch die politische Rede scheint dennoch vor allem im deutschen Raum an Bedeutung verloren zu haben. Vor allem die freie Rede wird kaum noch gehalten, da die Mehrheit von Vorträgen von dafür angestellten Ghostwritern geschrieben und demnach abgelesen wird. Auch findet sich in Deutschland keine forensische oder rhetorische Tradition. Eine Rede zu halten, die große Massen des deutschen Volkes bewegen würde, erinnert all zu sehr an die Propaganda-Maschinerie des Nationalsozialismus. Auch fehlen uns Traditionen und eine gemeinsame Geschichte, wie dies in den USA der Fall ist, um durch die politische Rede große Massen in "seinen Bann ziehen" zu können, wie dies nach Cicero geschehe. Hier könnten Ursachen gefunden worden sein, die erklären, warum es seit langem keine Rede mehr gibt, die in Erinnerung geblieben ist. Einzig allein Ansprachen von Bundespräsidenten wie Theodor Heuss, Roman Herzog oder Richard von Weizsäcker können hier genannt werden. Roman Herzog versucht genau dieses Fehlen rhetorischer Tradition in Deutschland in seiner Rede zum 500jährigem Bestehen des Tübinger Lehrstuhls für Rhetorik zu ergründen. 2 Herzog sieht die Rede als wesentlichsten Bestandteil einer Demokratie. "Wo keine selbstverständlichen Gewißheiten vorliegen, wo also Entscheidungen zu treffen sind, die der Zustimmung bedürfen, wo nicht Macht allein entscheidet oder formale Logik Schlüsse erzwingt, da ist der Ort der Rhetorik. Wenn das stimmt, dann ist der vornehmste Ort der Rhetorik tatsächlich die Demokratie" 3 , so Herzog. Redepotenzial sei demnach wohl gegeben, doch welche Ursachen verhindern, dass die politische Rede auch heute in Deutschland als Mittel menschlicher Beeinflussung und Manipulation Bestand hat? Hier muss das Augenmerk noch weiter auf die Mediengesellschaft gerichtet werden. Abgelöst werden manipulative Reden vor allem durch Bildmedien. Auch besteht heute die Möglichkeit, eine weitaus größere Menge von Menschen durch andere mediale Formen wie das Fernsehn, Twitter oder andere Internetplattformen zu erreichen. Die Rede als einziges Mittel politischer Beeinflussung ist demnach überholt. Dennoch halten alle Politiker auch heute täglich meist mehr als eine Rede. Mehr denn je hetzen diese von TV-Auftritt zu Wohltätigkeitsveranstaltung und von Jubiläum zu festlichen Akten. Stets im Blickpunkt der Öffentlichkeit, stehen sie unter kritischer Beobachtung des Volkes. Herzog weißt darauf hin, dass die Politik auf die Rede angewiesen sei, ja ohne die Rede eine Opposition sinnlos wäre. 4 Er verweist ebenso auf den primären Zweck von politischen
2 Vgl. Roman Herzog: Rhetorik in der Demokratie. In: Gert Ueding/Thomas Vogel (Hrsg.): Von der Kunst der Rede und Beredsamkeit. Tübingen 1998. S. 205-215.
3 Vgl. Ebd. S. 205.
4 Vgl. Roman Herzog. S. 204.
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Arbeit zitieren:
Natascha Weimar, 2010, Die Beeinflussung der Menschen durch die politische Rede – Ciceros Annahmen im Vergleich zum heutigen Stellenwert der politischen Rede, München, GRIN Verlag GmbH
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