Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung 2
2. Geschichtlicher Hintergrund. 2
2.1. Der schlesische Weberaufstand 1844 4
2.2. Weberlyrik in der Literaturgeschichte 5
3. Interpretation „Lied einer schlesischen Weberin“ (Louise Aston) 6
3.1. Interpretation „Das Blutgericht“ (Anonym) 9
3.2. Interpretation „Die schlesischen Weber“ (Heinrich Heine) 12
4. Fazit: Ursache und Wirkung der drei interpretierten Gedichte im Vergleich 15
Anhang 19
Literaturverzeichnis 24
1
1. Einleitung
Der Weberaufstand in Peterswaldau und Langenbielau im Juni 1844 regte im 19. Jahrhundert nicht nur die Publizistik und die bildende Kunst an, auch in der Literatur trat er eine regelrechte Lawine der Weberlyrik los. Aus dieser Menge literarischer Erzeugnisse, die sich mit der Weberproblematik befassen und durch den Weberaufstand angeregt wurden, habe ich das „Lied einer schlesischen Weberin“ von Louise Aston, das anonym erschienene „Das Blutgericht“ und Heinrich Heines „Die schlesischen Weber“ ausgewählt. Die Begründung meiner Auswahl findet sich in den einleitenden Worten, die der Interpretation der einzelnen Gedichte vorangehen. Zunächst wird der historische Hintergrund geklärt, da die Weberlyrik des 19. Jahrhunderts überwiegend eine Reaktion auf die damalige Situation und den Aufstand darstellte. Es ist also für das Verständnis der Webergedichte im allgemeinen und auch in bezug auf meine Auswahl unabdingbar sich mit dem historischen Kontext intensiver auseinanderzusetzen, weshalb ich die Interpretationen einem historischen Teil folgen lasse. Dieser historische Abschnitt beschäftigt sich nicht nur mit den allgemein geschichtlichen Hintergründen, sondern arbeitet auch einen kleinen Teil Literaturgeschichte in bezug auf Weberlyrik auf.
Durch den bereits erwähnten engen Zusammenhang von Geschichte und Weberlyrik, wird in den Interpretationen versucht, immer wieder historische Bedingtheiten und Zusammenhänge in den Texten zu analysieren. Die Interpretationen beschäftigen sich insbesondere mit inhaltlichen, aber auch formalen Aspekten, und versuchen in Zusammenhang mit der Analyse einige Begriffe und bestimmte Bereiche zu erläutern und anhand der Gedichte zu verdeutlichen. Eine exakte Analyse der Metrik und des Reimschemas kann diese Arbeit nicht leisten, doch wird bei dem künstlerisch besonders anspruchsvollen Gedicht „Die schlesischen Weber“ eine ausführlichere Analyse verschiedener Teilaspekte der Form versucht.
Das Fazit hat im wesentlichen den Vergleich der drei interpretierten Werke zum Gegenstand, wobei hier der Schwerpunkt auf der zeitgenössischen Wirkung liegt. Dieser Vergleich wird von folgenden Fragen geleitet: Wie hat dieses Gedicht gewirkt? Was könnte diese Wirkung bedingt haben?
2. Geschichtlicher Hintergrund
Um den Rahmen dieser Arbeit nicht zu sprengen, halte ich es für sinnvoll, weniger über die allgemeine Situation in Deutschland zu berichten und mich intensiver mit der Lage der Weber in Schlesien im 19. Jahrhundert mit dem Schwerpunkt der schlesischen Weberaufstände in
2
Peterswaldau und Langenbielau im Juni 1844 auseinanderzusetzen. Ich bin der Überzeugung, dass diese Akzentuierung für die spätere Interpretation der ausgewählten Gedichte, die sich allesamt mit schlesischen Webern beschäftigen, die Ergiebigste ist.
Gegen Ende des 18. Jahrhunderts begann in England die Industrialisierung, der sich Frankreich recht bald anschloss. Die maschinelle Produktion setzte sich unter anderem im Textilgewerbe immer stärker gegen die traditionellen Arbeitstechniken durch, da die maschinelle Fertigung von Produkten wie Garnen oder Tuch billiger, die Verarbeitung oft qualitativ hochwertiger war und sich die gestalterischen Möglichkeiten erhöhten. Deutschland hinkte in der industriellen Entwicklung erheblich hinterher, da es noch sehr stark vom Feudaladel dominiert wurde und sich somit bislang kein breites, finanzstarkes Bürgertum herausbilden konnte, das seine ökonomischen Interessen auch auf politischer Ebene durchzusetzen verstand. Zudem wären liberalere Gesetze notwendig gewesen um eine Textil- und Maschinenindustrie zu errichten. Die rückständigen deutschen Unternehmen des Textilgewerbes versuchten, um mit England konkurrieren zu können, ihre technischen Defizite, durch niedrigere Löhne und längere Arbeitszeiten auszugleichen. 1 Um die Mitte des 19. Jahrhunderts betrug die Arbeitszeit der Weber an jedem Wochentag mindestens 14-16 Stunden, Zeitzeugen berichteten sogar von 18-20stündigen Arbeitstagen. 2 Die schlesischen Weber arbeiteten überwiegend zu Hause, sie waren sogenannte Heimarbeiter, die eigene Produktionsmittel (Webstühle) besaßen, den Rohstoff vom Kaufmann bezogen und ihre Arbeitskraft nicht an eine Fabrik verkauften. Stattdessen boten sie bestimmten Textilkaufleuten ihre hergestellten Waren zum Kauf an. An der Arbeit beteiligte sich in der Regel die gesamte Familie einschließlich Kindern und Kranken. 3
Die Textilarbeiter Schlesiens trugen hierbei ein „doppeltes Joch“ 4 , sie litten noch unter der feudalistischen Ausbeutung durch die schlesischen Gutsbesitzer, als sie durch die Unternehmer zusätzlich ausgenutzt wurden.
Ein weiteres zentrales Problem war die ungünstige deutsche Handelskonjunktur. Durch die sich zu Beginn des 19. Jahrhunderts in Schlesien durchsetzende Maschinenspinnerei, wurden die Spinner und Leinenweber arbeitslos und drängten nun in das Baumwollgewerbe, das (insbesondere in Peterswaldau und Langenbielau) noch nicht besonders stark mechanisiert war. Ein Überangebot an Arbeitskräften und daraus resultierende Überproduktion waren die Folgen, so dass die Unternehmer es leicht hatten, die Waren zum absoluten Niedrigpreis zu bekommen. Die Situation der Weber in Schlesien war dramatisch, wobei zwischen Leinen-, Baumwoll- und Jacquardwebern, Beschäftigten verschiedener Fabrikanten und qualitativ besser arbeitenden Textilarbeitern differenziert werden muss, da diese teilweise deutlich unterschiedlich entlohnt
1 Walter Wehner: Weberaufstände und Weberelend in der deutschen Lyrik des 19. Jahrhunderts, München 1981, S. 40-65
2 Karin Gafert: Die Soziale Frage in Literatur und Kunst des 19. Jahrhunderts, Kronberg 1973, S. 157
3 Walter Wehner: Weberaufstände und Weberelend in der deutschen Lyrik des 19. Jahrhunderts, München 1981, S. 40-65
4 Lutz Kroneberg/Rolf Schloesser: Weber-Revolte 1844, Köln 1979, S. 13
3
wurden. In der Leinenindustrie beispielsweise, wurden die niedrigsten Löhne gezahlt. Die auf Baumwollfertigung spezialisierte Gegend am Eulengebirge, in dem Peterswaldau und Langenbielau liegen, war die verhältnismäßig „am wenigsten Nothleidende und Bedürftige“ 5 Schlesiens. Die Weber im Eulengebirge litten überwiegend keinen Hunger, während in anderen Regionen mit hohem Leinenweber-Anteil von „Schrecken erregende[m] Elend“ 6 berichtet wurde. Dort litten die Weber Hunger, und musste beispielsweise 1844 die fünfköpfige, schlesische Leinenweberfamilie mit 15% des Existenzminimums auskommen. 7
Die gesundheitsschädlichen Arbeitsbedingungen sowohl in Fabriken als auch bei der Heimarbeit förderten nicht nur Krankheiten, sondern auch eine geringe Lebenserwartung. Zerstörte Familienstrukturen wurden durch den frühen Tod von Elternteilen bedingt. Es gab eine hohe Säuglingssterblichkeit und die Kinderarbeit hielt Kinder vom regelmäßigen Besuch der Schule, trotz Schulpflicht, ab. Alkoholismus, Prostitution, Kriminalität und ein Abstieg der Familie in asoziale Verhältnisse waren häufige Folgen kapitalistischer Ausbeutung, und den Webern blieb nicht die Zeit für einen sittlichen Ausgleich: den Kirchenbesuch. 8
2.1. Der schlesische Weberaufstand 1844
Der schlesische Weberaufstand in Peterswaldau und Langenbielau zwischen dem 3.6. - 6.6.1844 war zwar nicht der erste Aufstand schlesischer Textilarbeiter, aber er wurde der populärste. Ausgelöst wurde der Aufstand am Abend des 3. Juni, als einige Weber vor dem Haus des Fabrikanten Zwanziger in Peterswaldau das Lied „Das Blutgericht“ sangen, und einer von ihnen gefangen genommen wurde. Man beschloss, den gefangenen Weber am nächsten Morgen zu befreien und bei dieser Gelegenheit eine Erhöhung des Lohnes anzusprechen, wobei ursprünglich keine Gewaltanwendung beabsichtigt war.
Am 4. Juni marschierten die Weber zum Anwesen der Zwanzigers, wo die Tür nicht geöffnet und aus einem der Fenster mit Ziegelsteinen nach ihnen geworfen wurde. Die Situation eskalierte, die Weber stürmten das Anwesen, zerstörten unter anderem die Geschäftsräume und zerstörten und plünderten die Garne und Waren. Danach stellten sie sich im benachbarten Hof auf, um dem dort ansässigen Textilfabrikanten ein Lob für seine gerechte Bezahlung auszusprechen. Am Abend kehrten sie zurück zum Anwesen der Zwanziger und zerstörten die Wohnräume und das Fabrikgebäude, über Nacht pausierten sie und trafen sich am nächsten Morgen erneut zur Zerstörung und Plünderung des Zwanziger Anwesens. Danach zogen sie zum Haus des Fabrikanten Fellmann, der durch Verhandlungen die Zerstörung abwenden konnte. Anschließend zog ein
5 Christina v. Hodenberg: Aufstand der Weber, Bonn 1997, S. 56
6 v. Hodenberg [wie Anm. 5], S. 56
7 Karin Gafert: Die Soziale Frage in Literatur und Kunst des 19. Jahrhunderts, Kronberg 1973, S. 157
8 Wehner [wie Anm. 3], S. 40-51
4
kleinerer Teil der Aufständischen nach Langenbielau und suchte dort verschiedene Fabrikanten heim. Bei dem Fabrikanten Friedrich Dierig, stießen die Weber auf einen Trupp gegnerischer Arbeiter, den F. Dierig für die Abwehr angeheuert hatte und der sie in die Flucht schlug. Daraufhin marschierten die Weber zum Anwesen Wilhelm Dierigs, wo mittlerweile 150 Soldaten stationiert waren. Nach einem Verhandlungsversuch zwischen Dierig und den Webern eskalierte die Situation und die Soldaten schossen in die Menge. Elf Tote und 26 Verwundete hatten die Weber zu beklagen. Dennoch drangen sie in das Anwesen ein, zerstörten, plünderten und tranken Alkohol. Am nächsten Morgen besetzten sechs Kompanien Infanterie mit vier Kanonen Langenbielau. In Peterswaldau hatte schon am Vortag eine kleine Militärabteilung Aufstellung genommen. So blieb es am 6. Juni in Peterswaldau und Langenbielau ruhig, nur in den benachbarten Dörfern kam es zu kleineren Unruhen. Der Weberaufstand war niedergeschlagen. 9
2.2. Weberlyrik in der Literaturgeschichte
Zunächst sollte der Begriff Weberlyrik näher definiert werden. Weberlyrik ist weder ein Genre noch eine Gattung, sondern bezeichnet nur einen bestimmten thematischen Bereich, mit dem sie sich beschäftigt. Dieser thematische Bereich beinhaltet meistens im wesentlichen die Probleme der Textilarbeiter und die Willkür der Fabrikanten. Die Literatur vollzieht dabei häufig eine Umdeutung, indem sie nicht die asozialen Verhältnisse vieler Weberfamilien, sondern den unsittlichen, schlemmenden Fabrikanten zeigt. Demnach reicht es nicht aus, wenn in einem Werk von Webern die Rede ist, sondern sie müssen unter besonderen thematischen Gesichtspunkten erscheinen. Die Weberlyrik diente insbesondere 1844 als Agitationsmittel, politischer Aufruf und Kampfgesang. 10 Wehner zeigt für die Lyrik um den Weberaufstand drei grundsätzliche Positionen der Lösungsvorschläge auf, die die Dichter präsentierten: die resignierende Haltung (Verzweiflung des Webers), die revolutionäre Haltung, bei der der Umsturz der bestehenden Verhältnisse verkündet wurde und die versöhnliche Haltung, bei der durch Literatur die Attitüde der Oberschichten geändert werden sollte und an eine Verbrüderung von Arm und Reich geglaubt wurde. Viele Texte gelangten allerdings nicht über eine Mitleidsgeste hinaus, wovon manche sich beispielsweise mit Spendenaufrufen begnügten. 11
Wie bereits erwähnt, löste der schlesische Weberaufstand 1844 zwar eine regelrechte Flut an Weberdichtung aus, aber es existierte schon vor der Revolte Lyrik, die die jeweils aktuellen Probleme der Weber thematisierte. Laut Wehner weisen bereits manche Handwerkslieder des Mittelalters Spuren des Kampfes zwischen Gesellen und Meistern auf. Das von Oskar Schade
9 Christina v. Hodenberg: Aufstand der Weber, Bonn 1997, S. 19-33
10 Lutz Kroneberg/Rolf Schloesser: Weber-Revolte 1844, Köln 1979, S. 270f
11 Walter Wehner: Weberaufstände und Weberelend in der deutschen Lyrik des 19.Jahrhunderts, München 1981, S. 271
5
Arbeit zitieren:
Constanze Mey, 2002, Die Weberlyrik des 19. Jahrhunderts anhand ausgewählter Dichtung, München, GRIN Verlag GmbH
Dieser Text kann über folgende URL aufgerufen und zitiert werden:
Einbetten
DOI
Zur Bewertung des Alfred Loth in Hauptmanns "Vor Sonnenaufgang&q...
Germanistik - Neuere Deutsche Literatur
Seminararbeit, 17 Seiten
Bewertung mündlicher Leistungen im Deutschunterricht
Deutsch - Pädagogik, Didaktik, Sprachwissenschaft
Hausarbeit, 24 Seiten
Die Bedeutung interner und externer Evaluation für die Schulentwicklun...
Hausarbeit, 23 Seiten
Die fachdidaktische Kritik an Diktat und Aufsatz im Fach Deutsch
Deutsch - Pädagogik, Didaktik, Sprachwissenschaft
Hausarbeit (Hauptseminar), 11 Seiten
Goethe, Johann Wolfgang von - Faust - Ausarbeitungen über jede einzeln...
Referat / Aufsatz (Schule), 16 Seiten
Frühe Radiotheorien der Weimarer Zeit: Bertolt Brechts Radiotheorie un...
Medien / Kommunikation - Mediengeschichte
Hausarbeit (Hauptseminar), 33 Seiten
Rilke zur Zeit des Symbolismus – am Beispiel von „Der Schwan“
Germanistik - Neuere Deutsche Literatur
Hausarbeit, 15 Seiten
Leistungsbewertung im Deutsch- und Geschichtsunterricht
Deutsch - Pädagogik, Didaktik, Sprachwissenschaft
Hausarbeit, 27 Seiten
Die Ära Stresemann: Deutsche Außenpolitik 1923 - 1929
Gesch. Europa - Deutschland - I. Weltkrieg, Weimarer Republik
Hausarbeit, 11 Seiten
Franz Fühmanns Arbeit zu Georg Trakls Dichtung: Das Verhängnis des poe...
Germanistik - Neuere Deutsche Literatur
Hausarbeit, 18 Seiten
Gesprächswörter im gesprochenen Französisch
Romanistik - Französisch - Linguistik
Seminararbeit, 21 Seiten
Les années noires - Frankreich unter dem Vichy-Regime
Romanistik - Französisch - Landeskunde / Kultur
Seminararbeit, 26 Seiten
Goethes Naturbild im Wandel - Eine Untersuchung anhand der Gedichte &q...
Germanistik - Neuere Deutsche Literatur
Seminararbeit, 22 Seiten
Friedrich Schiller: Maria Stuart - Eine Dramenanalyse
Germanistik - Neuere Deutsche Literatur
Seminararbeit, 10 Seiten
Constanze Mey's Text Die Weberlyrik des 19. Jahrhunderts anhand ausgewählter Dichtung ist nun auf dem Buchmarkt erhältlich
Constanze Mey hat den Text Die Weberlyrik des 19. Jahrhunderts anhand ausgewählter Dichtung veröffentlicht
Constanze Mey hat einen neuen Text hochgeladen
Die Philosophie des ausgehenden 19. und des 20. Jahrhunderts 3
Lebensphilosophie und Existenz...
Rainer Thurnher, Wolfgang Röd, Heinrich Schmidinger
Preußen - Deutschland und Rußland vom 18. bis zum 20. Jahrhundert
Winfried Baumgart, Uwe Liszkowski, Werner Markert
0 Kommentare