Inhalt:
I. Einleitung
II. Ursprung und Motivation der Verfolgungen
III. Verlauf und Anklage
IV. Das Vorgehen der Behörden
V. Institutum Neronianum? - Fazit
VI. Bibliographie
2
I.
Unter Nero begegnet uns der erste größere Konflikt 1 zwischen Christentum und römischem Staat. Wenn Chadwick hierzu meint, dass dies weniger einer „Prinzipienfrage von grundlegender Bedeutung“ als einem „unglücklichen Zufall“ geschuldet sei, 2 so trifft dies vielleicht in Bezug auf den Auslöser der Geschehnisse zu, wird aber sicher nicht den Ursachen gerecht. Schließlich muss man doch ganz klar sagen, dass in Rom schon eine Stimmung vorgeherrscht haben muss, die Nero den Nährboden lieferte, dem Volk die Christen als Verantwortliche für den Brand Roms oder zumindest als Sündenböcke unterzuschieben. 3 Auf die verschiedenen ursächlichen Momente, die die noch junge Religion in eine solch exponierte Position bringen und schließlich zum Ziel von Verfolgung werden lassen, wird im Weiteren noch einzugehen sein. 4
Für die christliche Tradition wird Nero mit seinen Taten zum Inaugurator der staatlichen Verfolgung von Christen, 5 eine Sichtweise, die auch in der modernen Literatur vertreten wird. So ist man versucht gewesen, die systematische Verfolgung von Anhängern des christlichen Glaubens auf eine lex des letzten julischen Kaisers zurückzuführen, eine Hypothese die mit Vehemenz verteidigt, beziehungsweise angefochten wird. 6 Auf welchen rechtlichen Grundlagen die neronische Verfolgung fußte, ob und welche Auswirkungen sie für die zukünftige Behandlung der Christen hatte, wird uns ebenso interessieren wie die Frage nach der Existenz eines institutum neronianum. Man wird jedoch auf Grund sowohl christlich-apologetischer als auch vor allem paganer Quellen ganz klar erkennen müssen, dass die Berichte über die Maßnahmen des princeps und deren Folgen maßgeblich für die Tradition seiner Rolle als erster Verfolger sind. Berufen sich doch auch die christlichen Autoren auf die heidnischen als aussagekräftige Quellen für staatlich exekutive Repressionen. 7 Auf die Anfeindungen im Volke sowie die intellektuelle Auseinandersetzung mit der neuen Religion, die uns im Folgenden noch beschäftigen werden, muss hier nicht explizit hingewiesen werden. Dennoch bedarf diese traditionelle Sichtweise einer genaueren Analyse, folgt sie doch immer einer Intention, 8
1 Sieht man hier vom Konflikt zwischen Juden und Judenchristen unter Claudius ab, Suet. Claud. 25, 4.
2 Chadwick 21.
3 Vgl. Tac. Ann. XV, 44, 2.
4 Dazu unten Art. II.
5 Dedicator damnationis nostrae, Tert. apol. 5,3; ad nat. I 7, 8; christianum puniunt leges, Tert. ad nat. I 6, 4;
hoc initio in Christianos saeviri coeptum. Post etiam datis legibus reliogio vetabatur. Palamque edictis
propositis Chritianum esse non licebat, Sulp. Sev., Chron II 29,3.
6 So z. B. die Kontroverse zwischen Borleffs und Zeiller.
7 Vgl. Tert. apol. 5, 3.
8 So und vor allem auch bei Lactantius, De mortibus persecutorum.
3
wie zum Beispiel bei Tertullian, dessen Werkestitel „Apologeticum“ schon äußerst aussagekräftig ist. Sie wirkt dennoch bis in die heutige Zeit nach, so dass der Name Neros selbst in der Moderne untrennbar mit dem Christenverfolger und Brandstifter Roms ver-bunden wird. Über die Motivation, Ernsthaftigkeit und die Auswirkungen der neronischen Verfolgung mag gestritten werden, dennoch findet sie in jeder Biographie des Kaisers und jedem kirchengeschichtlichen Handbuch ihren Platz.
Die Interpretation der Motivlage, die Analyse der rechtlichen Grundlage und auch der exekutiven Maßnahmen sind somit entscheidend, um einen Ausblick auf die weitere Behandlung der nach Tacitus 9 , Sueton 10 und Plinius 11 so ungeliebten superstitio externa zu geben.
9 Tac. Ann XV, 44, 3.
10 Suet. Nero 16, 2.
11 Plin. epist. X 96, 4b-6.
4
II.
Vom taciteischen Bericht abgesehen ist Sulpicius Severus der einzige, der einen kausalen Zusammenhang zwischen dem Brand Roms und der Verfolgung der Christen herstellt. Allerdings kann man hier davon ausgehen, dass der spätantike Autor Tacitus nutzt bzw. diesen fast ausschreibt. 12 So bleibt Tacitus als einzige der wenigen paganen Quellen, die ein etwaiges Motiv liefert. Die Mehrheit der Berichte über die Christenverfolgungen findet sich bei den Anhängern der neuen Religion, für die ein solcher topos natürlich von besonderer Bedeutung war. Aber auch sie machen meist nur eine ungenaue Angabe über die Gründe von Repressionen, die vor allem Furcht und Neid gegenüber dem erstarkenden Christentum beinhalten. Dass wir so wenig aus heidnischen Quellen über das Thema der Verfolgungen erfahren, mag am anfänglichen Desinteresse oder möglicherweise an dem späteren großen Einfluss der Christen liegen, so dass solcherlei Schriften der damnatio memoriae anheim fielen.
Sueton als weiterer paganer Autor berichtet zwar über die Hinrichtungen von Christen unter Nero, gibt keine konkreten Gründe für diese Maßnahmen an, lässt jedoch keinen Zweifel daran, dass er die Todesurteile für gerechtfertigt und sinnvoll hält: afflicti suppliciis Christiani, genus hominum superstitionis novae ac maleficae. 13 Interessant ist hier die Wortwahl Suetons. So wird dem an sich schon problematischen Faktum eines neuen Glaubens oder eines neuen Kultes, wobei die superstitio eindeutig negativ konotiert ist, durch die Konstruktion mit ac das nachdrücklich wichtigere Merkmal maleficus angeknüpft. Ebenso ordnet Sueton diese Maßregel Neros nach seiner eigenen Bucheinteilung unter die positiven Unternehmungen des princeps, so dass hier eine Interpretation der Beurteilung des Kaiserbiographen nicht schwer fällt.
Tacitus hingegen gibt einen klaren Grund für die Verfolgung der Christen. Nach ihm zeitigen die gemäß seinem Urteil hervorragenden Maßnahmen des princeps zum Wiederaufbau der Stadt zwar halbwegs Erfolg, 14 dennoch wollen die Gerüchte, Nero hätte die Stadt angezündet, nicht verstummen. 15 So schiebt er dem Volk die Christen als am Brand Schuldige unter: … ergo abolendo rumori Nero subdidit reos. 16 Tacitus, der selber offen läßt, ob er Nero für
12 Hierzu auch die Untersuchung bei Sonnabend 115.
13 Suet. Nero 16, 2.
14 Vgl. Tac. Ann. XV, 43; 44,1.
15 Sed non ope humana, non largitionibus principis aut deum placamentis decedebat infamia, quin iussum
incendium crederetur,Tac. Ann. XV 44, 2.
16 Tac. Ann. XV, 44, 2.
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Arbeit zitieren:
Matthias Zein, 2010, Die Christenverfolgung unter Nero, München, GRIN Verlag GmbH
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